Der Tag des 22. Oktober 1940 muss in Erinnerung bleiben: Deportation der südwestdeutschen Juden nach Gurs
Systematische Entrechtung
Mit zahllosen Repressalien, antisemitischen und rassistischen Gesetzen, Verordnungen und Terroraktionen waren die Nazis von Anfang an in ganz Deutschland gegen die Bürger jüdischen Glaubens vorgegangen. Systematisch wollten sie deren wirtschaftliche Existenz ruinieren und sie zu Emigration und Flucht zwingen.
* Auch die Kuppenheimer Juden waren betroffen vom Boykott »jüdischer« Geschäfte und Betriebe bereits ab April 1933.
* Die Nationalsozialisten erließen Hunderte von Verordnungen und Verbote zu nahezu allen Fragen des alltäglichen Lebens.
* 1935 kam die Aberkennung der Staatsbürgerrechte durch die »Nürnberger Gesetze«
* In der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurde Kuppenheimer Synagoge niedergebrannt. Am Tag darauf wurden 6 jüdische Bürger in Schutzhaft genommen und ins KZ Dachau gesteckt.
* Die Juden mussten Schmuck, Wertsachen abliefern.
* Jüdische Kinder wurden aus deutschen Schulen entfernt.
* Juden mussten ihre Geschäfte verkaufen, Führerscheine und Kfz-Papiere wurden eingezogen.
* Ab 1939 gilt das Berufsverbot für Selbständige in Handel und Handwerk. Am 21 Uhr (im Winter an 20 Uhr) dürfen Juden ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Sie durften kein Telefon und kein Radio mehr besitzen.
Es geschah am helllichten Tag
Am 22. Oktober 1940 begann die Wagner-Bürckel-Aktion mit dem Ziel, neben dem Saarland und Rheinland-Pfalz auch Baden „judenfrei“ zu machen. Alle Juden, die transportfähig waren, mussten mit. Selbst Alte und Gebrechliche wurden nicht verschont. Nur Juden, die in „Mischehe“ lebten, konnten bleiben. 9.504 Juden waren von dieser Aktion betroffen, davon 5.600 aus 137 jüdische Gemeinden in Baden. Die Juden feierten trotz der Schikanen durch die Nazis ihr „Laubhüttenfest“.
In Kuppenheim und überall in Baden klopften am frühen Morgen Gestapo-Männer an die Haustür jüdischer Familien. Innerhalb von zwei Stunden mussten sich diese reisefertig machen. In anderen Orten blieb oft weniger Zeit, manchmal nur 30 Minuten. Maximal 50 kg Gepäck und 100 RM durften mitgenommen werden. Die Haustür wurde versiegelt oder die Schlüssel mussten in der Tür bleiben.
16 Kuppenheimer Juden
schleppten sich in Begleitung der Nazis durch die Friedrichstraße zur Turnhalle. Dort wurden sie auf Lastwagen gesteckt und zum Bahnhof Karlsruhe transportiert. In einem der neun Eisenbahnzüge mit 3-Klasse-Waggons ging dann die Fahrt drei Tage und vier Nächte lang in Richtung Süden. Die jüdischen Mitbürger wussten nicht, wohin man sie bringen würde. Ihr weiteres Schicksal
Kuppenheimer Juden, die am 22. Oktober von der Gestapo aus ihren Wohnhäusern geholt und nach Gurs deportiert wurden...
fünf von ihnen überlebten die Deportation nach Gurs
Ilse Schlorch und ihr Bruder
Ludwig Schlorch aus der Friedrichstr. 86
Max Dreyfuß und
Fanny Dreyfuß, geb. Monatt aus der Murgtalstr. 2
Ludwig Kahn, Friedrichstr. 98
In Gurs bzw. in den Nebenlagern verstarben...
Blondina Kahn in Nexon, mit 65 Jahren und ihre Schwester
Colestina Kahn in Noé mit 61 Jahren. Beide lebten in der Rheinstr. 9
Samuel Herz in Perpignan mit 76 Jahren und in Nexon und seine Ehefrau
Sara Herz, geb. Maier, mit 74 Jahren
Mina Meier aus der Friedrichstr. 94 im Alter von 68 Jahren in Gurs.
Gurs wurde für sie die „Vorstufe zur Hölle“ so für…
Isidor Meier, mit 59 Jahren, seine Ehefrau
Karoline Meier, geb. Kahn, mit 56 Jahren, beide Friedrichstr. 98
Marie Dreyfuß, geb. Friedmann, 83 Jahre alt, aus der Schlossstr.1
aus der Friedrichstraße 86:
Semi Schlorch, mit 51 Jahren, Ehefrau
Rosa Schlorch, geb. Herz, mit 47 Jahren und der Sohn
Günter Schlorch, mit 20 Jahren
40 Kuppenheimer Juden und mehr als 40 Verwandte kamen nach Gurs oder ins KZ
Jüdinnen und Juden, geboren in Kuppenheim, zogen wegen Heirat und aus beruflichen Gründen in andere Orte. Fünf lebten zeitweise in Kuppenheim. Sie sowie weitere mehr als 40 verwandte Judinnen und Juden wurden ins Deportationslager Gurs verschleppt.
O Ida Dreyfuß zog wegen der Heirat mit Hermann Heumann von der Murgtalstraße 2 nach Hoffenheim. Mit dem Sammeltransport Nr. 17 kam sie am 10. August 1941 nach Auschwitz und wurde dort im Alter von 54 Jahren ermordet. Ihr Ehemann kam am 29. August zur Ermordung nach Auschwitz.
O Regine Dreyfuß wohnte in der Murgtalstr. 2. Sie kam mit ihren Ehemann Markus Katz aus Karlsruhe mit Transport Nr. 17 am 10. August 1942 nach Auschwitz und wurde im Alter von 47 Jahren ermordet. Markus Katz war bei seinem Tod 59 Jahre alt.
O Jeanette Kahn heiratete Hermann Hirsch aus Malsch und ging nach Ettlingen. Mit ihrem Ehemann wurde sie von dort nach Gurs deportiert und am 10. August 1942 weiter nach Auschwitz verschleppt. Jeanette starb mit 55, Hermann mit 57 Jahren.
O Irma Kahn zog von Kuppenheim nach Mannheim. Zusammen mit ihrem Ehemann Albert Platz wurde sie mit Transport Nr. 17 nach Auschwitz zur Ermordung verfrachtet. Irma war 46 Jahre, Albert 71 Jahre alt.
O 1923 heiratete Johanna Kahn Samuel Wilhelm Kuhn aus Ilvesheim. Mit Transport Nr. 31 gelangte sie mit ihrem Ehemann am 11. September 1942 von Gurs nach Auschwitz. Johanna war 54 Jahre und Samuel Wilhelm 57 Jahre alt, als sie vergast wurden.
O Emilie Kaufmann, Friedrichstraße 91, folgte ihrem Ehemann Moritz Brumlick nach Mannheim. Mit dem Deportationszug Mr. 74 gelangte sie am 20. Mai 1942 als 52-Jährige nach Auschwitz zur Ermordung. Moritz starb bereits 1936.
O Die neue Heimat von Fanny Kaufmann, war nach der Eheschließung mit Adolf Kreuzer ebenfalls Mannheim. Ihre Endstation war mit dem Transport Nr. 75 am 30. Mai 1942 Auschwitz. Sie starb mit 60 Jahren.
O Rosa Kaufmann heiratete Josef Kramer aus Walldorf. Vom Lager Gurs kam sie am 28.08.1942 mit Transport Nr. 25 von Drancy zur Ermordung nach Auschwitz. Ihr Ehemann Josef Kramer starb bereits 1928.
O Herrmann Samuel und Helene Samuel sowie der Sohn Herbert Samuel lebten zeitweise bei Berthold Herz in der Murgtalstraße 37. Sie kamen 1940 nach Gurs. Herrmann starb am 04.03.1943 in Maydanek, Herbert am 03.04.1945 in Mauthausen. Helene überlebte Gurs.
Jüdinnen und Juden starben im Deportationslager Gurs -
oder nachdem sie von Gurs aus in andere Lager und Örtlichkeiten verlegt wurden:
O Anna Herz heiratete Dr. Adolf Billig und lebte seit 1935 in Karlsruhe. Im Lager Gurs war sie bis zum 4. September 1941. Schließlich verstarb sie im Jahr 1942 im Altersheim in Nizza mit 76 Jahren.
O Elise Herz heiratete Michael Loeb und zog deswegen nach Karlsruhe. Sie starb im Jahr 1943 im Gurs-Nebenlager Idron im Alter von 82 oder 83 Jahren.
O Max Kahn lebte mit seiner Familie bis zur Deportation in Karlsruhe. Er starb am 3. August 1942 in Marseille. Max war 71 Jahre alt.
O Adolf Kahn kämpfte als Soldat im 1. Weltkrieg für das deutsche Vaterland. Als 28 bzw.29-Jähriger verließ er Kuppenheim, Friedrichstr. 59, und zog nach Hornburg in Oberhessen, dann nach Gießen und 1918 nach Illingen. Von hier aus gelangte er nach Gurs, wo er am 28. August 1941 im Außenlager Rivesaltes starb. Dort wurde er 65-jährig beerdigt.
O Salomon Kuppenheimer, geboren in Kuppenheim, lebte seit 1911 in Rastatt. Er war ebenfalls als Soldat im 1. Weltkrieg ebenfalls im Einsatz. 1939 lebte er für kurze Zeit wieder in Kuppenheim. Am 22. Oktober kam er nach Gurs. Am 26. September 1944 verstarb er 78-jährig in Montélimar, Frankreich.
O Leopold Friedmann, in Kuppenheim geborener Handelsmann, zog nach Hilzingen. Auch er wurde nach Gurs deportiert, wo er 11. Januar 1941 im Alter von 80 Jahren verstarb.
O Nathan Herz zog von Kuppenheim von der Hauptstr. 41 (später Friedrich-straße) nach Rastatt. Er starb als 83-Jähriger am 29.12.1940 in Gurs.
O Berta Meier, verh. Baum, zog mit ihrem Bruder Isidor Meier und der Schwägerin Karoline Meier, geb. Kahn, nach Kuppenheim in die Freidrichstraße 98. Mit ihren Verwandten kam sie dann nach Gurs. Am 09.11.1944 starb sie in St. Astier mit 66 Jahren.
Jüdinnen und Juden haben das Lager Gurs überlebt,
weil sie 1944 von den Allierten Truppen befreit wurden:
Das Lager Gurs wurde nicht direkt im Jahr 1945 befreit, sondern bereits im August 1944, als die Alliierten nach der Befreiung von Paris in Südfrankreich vorrückten, die Region erreichten und das Lager von der deutschen Besatzung und dem Vichy-Regime befreiten. Die meisten Häftlinge wurden danach entlassen oder konnten auf eigene Faust fliehen, obwohl einige bis zum Ende des Krieges 1945 blieben, weil sie aufgrund ihrer nationalen Herkunft oder politischen Überzeugung an der Rückkehr nach Hause gehindert wurden.
Der Zweite Weltkrieg in Europa endete am 8. Mai 1945 mit der vollständigen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, was für alle Menschen in Europa die Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutete.
O Berta Kahn verlegte ihren Wohnsitz von der Rheinstr. 9. nach Straßburg, später nach Mannheim. Sie überlebte Gurs. Ihr Ehemann Heinrich Grünhut wurde 1943 in Auschwitz ermordet.
O Wilhelmine Eichstetter bewohnte mit ihren Eltern das Rabbinerhaus hinter der Synagoge. Nach ihrer Heirat mit Adolf Heimberger zog sie nach Karlsruhe, von wo sie nach Gurs verschleppt wurde. Sie überlebte wie ihre Enkel Adolf und Paul Niedermann das Internierungslager. Ihr Ehemann starb 1941 in Noé.
O Anna Dreyfuß, geb. 1868 in der Rheinstraße 16 war mit Jonas Lion aus Etten-heim verheiratet. Nach dem Tod ihres Ehemannes lebte Sie in Baden-Baden. Von dort wurde sie nach Gurs deportiert. überlebte jedoch das Lager Gurs.
O Wilhelmine Herz, genannt „Mina“, geb. 1854 in der Murgtalstr. 2. Sie heiratete einen Juden namens Dukas und zog nach Karlsruhe. Wilhelmine kam mit fast 900 Karlsruher Juden nach Gurs ins Deportationslager. In Karlsruhe lebten zu dieser Zeit 1.375 Juden. Gurs wurde 1945 von den Alliierten Truppen befreit. Wilhelmine starb am 22. November 1945 in Gurs, wenige Tage vor ihrem 91. Geburtstag.
O Anna Dreyfuß aus der Rheinstraße 16 zog zu ihrem Ehemann Jonas Lion nach Ettenheim und nach dessen Tod nach Baden-Baden. Sie überlebte Gurs. Ihre Tochter Mina Lion, verh. Arnold, wurde jedoch am 10.08.1942 über Drancy ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet.
O Rosa Kahn, die Ehefrau von Max Kahn aus der Löwengasse 16, kam mit ihrem Ehemann nach Gurs. Während Max Kahn 1942 in Marseille starb, konnte Rosa Kahn aus dem Lager fliehen und zu ihren drei Töchtern in den USA auswandern.
Friedrichstraße 86 – Familie Schlorch nach GURS deportiert
Ilse Schlorch ist am 29.12.1921 in Kuppenheim geboren. Die hübsche, rothaarige 18-jährige Jüdin, wird am 22. Oktober 1940, gerade 20 Jahre alt, von der Friedrichstraße 86 wird aus Kuppenheim verschleppt.
Eva Mohrlok erzählt von den Erinnerungen ihrer Mutter vom Kindermädchen Ilse Schlorch, das gegenüber ihrer Metzgerei wohnte:
„Am Morgen des 22. Oktober 1940, an jenem Tag also, an dem die noch verbliebenen jüdischen Bürger in Baden und der Pfalz in das Lager Gurs in den Pyrenäen deportiert wurden, sei Ilse Schlorch mit einer schweren Grippe zu ihrer Mutter gekommen, ihren Bruder Gunther an der Hand. Die Mutter habe der jungen Frau gesagt, dass sie sich in ein freies Gästebett legen soll.
Einige Stunden später sei ein junger SA-Mann im Geschäft erschienen und habe zu ihrer Mutter gesagt: „Sie verstecken Juden bei sich!" Doch die habe sich nicht beeindrucken lassen und geantwortet, dass Ilse Schlorch das Kindermädchen sei und mit einer Angina im Bett liege. Außerdem sei er nicht berechtigt, einen kranken Menschen mitzunehmen - es sei denn, ein Arzt bescheinige, dass die junge Frau transportfähig sei.
Die unerwartete Gegenwehr zeigte Wirkung, der SA-Mann machte kehrt, berichtet: Eva Mohrlok. Allerdings sei er gegen Abend mit einem weiteren SA-Mann gekommen, der angab, ein Arzt zu sein. Daraufhin wurden Ilse Schlorch und ihr Bruder mitgenommen.“
Mariel-Luise Schumann erinnert sich an die Deportation am 22. Oktober 1940:
„Dann kam der 22. Oktober 1940, an dem die letzten 16 Kuppenheimer Juden in Lastwagen nach Gurs abtransportiert wurden. Die damals zweijährige Marie-Luise Franke hat von ihrer Mutter erzählt bekommen, was sich damals in der Friedrichstraße 86 abspielte. Rosa Schlorch habe vor ihrer Abholung der Mutter noch eine Brieftasche zum Aufbewahren gegeben. Kurz bevor Rosa Schlorch das Haus verlassen musste, sei sie ohnmächtig geworden. Ihr Vater Max Franke habe der Bewusstlosen etwas Wein eingeflößt. Ein SA-Mann habe unwirsch reagiert und ihm gedroht, dass er auch mitgenommen werde. Sie habe zu Rosa Schlorch gesagt, dass sie auch mitkommen wolle. „Bleib' lieber da, Mädel", habe diese gemeint. Ilse Schlorch schenkte ihr beim Abschied ihre Puppe.“
Die Nazis verschleppen auch ihre beiden Brüder Günther (20 Jahre alt) und Ludwig (elf Jahre alt) sowie den Eltern Rosa und Semi in das Lager Gurs. Im März 1941 kommt die Familie in das Lager Rivesaltes.
Mit Hilfe einer französischen Mitarbeiterin des YMCA" namens Pertrizier wird Ilse aus dem Lager gerettet. Sie arbeitet bei einer Familie in Le Chambon-sur-Lignon im Haushalt. Als die Nazi-Wehrmacht im November 1942 auch den bisher „freien" Teil Frankreichs besetzt, versteckt diese Familie Ilse bei einer Verwandten in Marseille, wo sie sogar ihre Ausbildung zur Schneiderin beenden kann.
Nach der Befreiung geht Ilse zu „ihrer" Familie nach Le Chambon zurück, lernt dort ihren späteren Mann Ernest Blondin (Blaustein) kennen und lässt sich in Villeurbanne bei Lyon nieder.
Erst jetzt erfährt sie von den Schicksalen ihrer Brüder und Eltern: Die Nazis hatten den Bruder Günther mithilfe der Vichy-Polizei am 26.8. und die Eltern am 11.9.1942 von Drancy in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.
Die unglaubliche Rettung des Ludwig Schlorch
Die Eltern Schlorch verstanden es, ihren jüngsten Sohn Ludwig (Louis) im Lager Rivesaltes bei einem Kindertransport unterzubringen, und so kam er im März 1942 für kurze Zeit in das O.S.E.-Kinderheim Chäteau de Montintin. Obwohl er sich auf dem Speicher des Schlosses versteckte, gelang es den Behörden, Ludwig in das Lager Rivesaltes zurückzubringen, indem sie vorgaben, ihn zu seinen Eltern zu bringen. Louis berichtete, dass er die Lüge der Behörden nicht glaubte und das Gefühl hatte, dem Tode nahe zu sein. Als er seine Eltern (Semi und Rosa Schlorch) wiedersah, glichen sie lebenden Skeletten. Seine Eltern wurden von Rivesaltes nach Drancy verschleppt und sollten nach Auschwitz deportiert werden. Louis berichtete darüber:
„Die Riesenschlange an dem Mörderzuge war schrecklich anzusehen. Die armen Menschen, die Skeletten glichen, mussten mit Todesangst in ihren Augen stundenlang unter der unerträglichen Sonne warten. Ich glaubte zu sehen, dass mir ein Sanitäter, ein junger Mann mit dunklen Haaren und braunen Augen, (wohl auf dem Bahnsteig) zuwinkte. Nach einem kleinen unbemerkbaren Adieu von meinen Eltern, wendete ich mich dem jungen Mann mit dem „Roten Kreuz-Armband" zu. Doch die Miliz von Pierre Laval wollte mich abfangen. Mit Schwung rannte ich in die für mich ausgebreiteten Arme meines Lebensretters. Der Sanitäter gab den Miliz-Soldaten zu verstehen, dass ich zu ihm gehören würde. In derselben Nacht, ich glaube, es war der 4. Sept. 1942, schmuggelte er mich mit sieben anderen Kindern aus dem Lager Rivesaltes. Wie er dies fertig brachte, ist für mich heute noch ein Rätsel. Ich hoffe nur, dass er durch seine Bemühungen nicht sein Leben verloren hat, denn ich habe ihn niemals wiedergesehen. Es war für mich alles wie ein Wunder.“
Ludwig (Louis, wie er sich in Frankreich nannte) befand sich von September 1942 bis zur Befreiung durch die alliierten Truppen in einer Pension in der Nähe der spanischen Grenze, dann in einem staatlichen Internat und der technischen Hochschule in Beaulieux sur Dordogne, die nach außen hin als faschistische Schule galt, in der Lehrer und Schüler aber für die französische Resistance tätig waren.
Erst nach 1945 erfährt Ludwig von den Schicksalen seiner Geschwister und Eltern, von der Ermordung seines Bruders Günter und seiner Eltern, die alle drei am 26. August 1942 mit dem Transport Nr. 24 von Drancy ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden. Seine Schwester Ilse überlebte jedoch den Holocaust.
Ludwig wurde im Oktober 1946 im Alter von 17 Jahren von seinem 1940 nach USA ausgewanderten Onkel Berthold Herz von Frankreich nach New York geholt.
Günter Schlorch war Lehrling bei der Firma Gack in Mühlacker. Er besuchte die Gewerbeschule in Pforzheim. Nach der Reichspogromnacht wurde er 1938 von der Schule verwiesen. Durch den Einfluss seines Ausbildungsbetriebs konnte er die Gewerbeschule in Mühlacker besuchen und seine Ausbildung bis Mai 1939 fortsetzen.
Günter war dann von Beruf Mechaniker. Er lebte von 1937 bis 1940 in Pforzheim. Im Januar 1940 ging er zurück nach Kuppenheim, von wo er acht Monate später, am 22. Oktober 1940, nach Gurs verschleppt wurde.
Günter war zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt. Schließlich kam er mit 22 Jahren, am 26. August 1942, von Gurs nach Drancy und von dort ins Vernichtungslager Auschwitz, mit Transport Nr. 24 im Viehwaggon verfrachtet und anschließend wie alle Kinder und junge Erwachsene sofort nach der Ankunft ermordet.
mit Transport Nr. 24 im Viehwaggon verfrachtet und anschließend wie alle Kinder und junge Erwachsene sofort nach der Ankunft ermordet.
Kuppenheim Okt. 2025
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Der Ablauf der Deportation nach GURS - Selbstmorde
70 % der Kuppenheimer jüdischen Bevölkerung war über 50 Jahre alt. In der Altersstruktur der Deportierten spiegelt sich wieder, dass die jüngere Generation und die Männer bereits ausgewandert waren, in der Hoffnung, ihre Familien nachholen zu können.
Aus Kuppenheim konnten vor dem Oktober 1940 Mitglieder u.a. der Familien Berthold Herz, Berthold Dreyfuß, Emil Maier, Hermann Kahn und Salomon Lehman noch auswandern, insgesamt 39 Juden, etwa die Hälfte nach der Reichs-pogromnacht im November 1938.
Nach der Deportation im Oktober 1940 waren 820 sogenannte Volljuden in Baden zurückgeblieben. Ausgenommen von der für die Opfer völlig überraschenden Maßnahme blieb nur, wer in „privilegierter Mischehe“ lebte oder eine fremde Staats-angehörigkeit besaß.
Die meisten von ihnen wurden ein Jahr später, 1941, in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.
Verzweiflung und Selbsttötungen
Die zunehmenden antisemitischen Anfeindungen waren für viele Juden in Deutschland nicht mehr zu ertragen. In dieser hoffnungslosen Situation schien ihnen als letzter Ausweg die Selbsttötung. Nach den Boykottaktionen im April 1933 und dem Ausschluss der jüdischen Beamten aus dem Staatsdienst nahmen sich schätzungsweise 300 bis 400 jüdische Menschen das Leben. Der Beginn der Deportationen und die damit verbundene Ungewissheit über das weitere Schicksal stürzte abermals viele Juden in große Verzweiflung.
Louis Kuppenheim (ernannte sich früher Lehmann Ludwig Kuppenheimer) und Bertha Lewinger zogen 1854 von Kuppenheim nach Pforzheim. Louis begründet eine weltweit exportierte Produktion von Schmuck-Untensilien. Drei der Kinder waren von der Gurs-Aktion betroffen.
Rudolf Kuppenheim
war geachteter Frauenarzt und verhalf etwa 19 000 Pforz-heimer Kindern auf die Welt. 1933 verliert er die Kassenzulassung. Ab 1938 darf er auch keine Privatpraxis mehr führen und nur noch Juden behandeln. Am 22. Oktober 1940 entziehen sich Rudolf und seine Ehefrau Lily der Deportation nach Gurs durch Selbstmord. Haus und Grundstück werden von den Nazis beschlagnahmt, Mobiliar und Geschirr öffentlich versteigert.
Greta Kuppenheim wird als Mutter von zwei Kindern früh Witwe. Der Deportation 1940 kann sie mithilfe einer befreundeten Ärztin noch entkommen. Doch am 10. Januar 1943 wird sie von Pforzheim über Karlsruhe und Stuttgart nach Theresienstadt transportiert, am 8. Mai 1944 von der roten Armee befreit. Als einziges Kind des Firmengründer Louis Kuppenheim überlebt sie (weil wohl in einer Mischehe lebend) die Verfolgung der Juden in Deutschland, im Unterschied zu ihren Brüdern Rudolf, Hugo und Ernst.
Die Deportation von 1940 löste eine Reihe weiterer Selbstmorde aus, so zehn in Mannheim, drei in Karlsruhe, zehn in Baden-Baden und zwei in Freiburg.
Eugen Neter (ehemals in Gernsbach lebender Jude) vor der Deportation jüdischer Gemeindevorstand aus Mannheim berichtet von weiteren Selbstmorden während der Zugfahrt ins Lager Gurs.
Die Kuppenheimer Juden wurden zum Teil von Gurs aus in andere Lager verlegt wie Rivesaltes, Nexon, Noe verlegt. Wegen der unerträglichen hygienischen und sonstigen Verhältnisse in Gurs und den Außenlagern war die Sterblichkeit in Anbetracht des zum überwiegenden Teil hohen Lebensalters der Deportierten sehr hoch. Mehr als tausend Juden starben in den ersten Wochen im Lager, so Mina Maier aus der Friedrichstraße 94 in Kuppenheim.
Augenzeugenbericht über das Lager Gurs:
„Längs einer guten, fast 2 km langen Straße befinden sich zu beiden Seiten, hinter vierfacher Stacheldraht-Umzäumung und auch untereinander abgegrenzt, 13 gleich große Häuserblocks. Auf einen Block kommen 1000-1200, auf eine Baracke 50 bis 60 Insassen, wobei männliche und weibliche -vom Säugling bis zum Greis- in getrennten Blocks untergebracht sind.
Lediglich einzelne Baracken haben Fenster, so dass die Bewohner sich den ganzen Tag in völliger Dunkelheit befinden. Nur abends während weniger Stunden werden die spärlich vorhandenen elektrischen Lampen unter Strom gesetzt. Die wenigen Waschgelegenheiten sind außerhalb der Baracken und sehr oft defekt, während der Kälte eingefroren. Auch die WC befinden sich draußen, als halb offene Verschlüge mit Kübeln, wie sie auf Bauplätzen zu sehen sind. Das Allerschlimmste ist der Lehmboden, der durch die vielen Regen fälle dieser Gegend und durch und durch aufgeweicht ist.
Kuppenheim_Oktober 2024
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Deportation der Unerwünschten: Erinnern und Gedenken
Der Arbeitskreis Stolpersteine nahm den 85. Jahrestag der Deportation der jüdischen Mitbürger von Kuppenheim nach Gurs am 22. Oktober 1940 zum Anlass, um mit einer Gedenkfeier und einer anschließenden Putzaktion an die letzten Juden in Kuppenheim zu erinnern. Insbesondere sollte für die jüngere Generation ein Zeichen gegen das Vergessen, gegen Rassismus und Intoleranz gesetzt werden.
Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim konnte mehr als 40 Interessierte aus Kuppenheim und Oberndorf, aus Gaggenau, Rotenfels, Bischweier und Umgebung begrüßen. Vertreten waren auch der Verein „Die Brücke für den Dialog“ aus Rastatt, der AK Stolpersteine aus Muggensturm mit Volker Schuster, der Historische Verein Kuppenheim mit mehreren Vertretern, die FWG Kuppenheim mit Jürgen Frank sowie die Stadträtinnen Sabine Kastner und Barbara Wachsmuth.
Religionsvertreter mahnen zur Achtung der Menschenwürde
Der Arbeitskreis konnte auch die Vertreter verschiedener Religionen begrüßen. Pfarrer Jürgen Biskup von der Evangelischen Kirchengemeinde Kuppenheim-Bischweier verglich in seinem Beitrag die Weltanschauung der Nationalsozialisten mit der aktuell geführten Verschwörungstheorie und erinnerte daran, wie schnell sich während der Corona-Pandemie falsche Behauptungen verbreitet hätten. Es sei eine Pflichtaufgabe, die Menschenwürde für alle Menschen zu wahren.
Pfarrer Martin Sauer von der katholischen Kirchengemeinde Vorderes Murgtal sprach in seiner Rede den christlichen Kirchen eine Mitschuld bei der Entstehung eines negativen Judenbildes zu. Zuweilen gelänge, so Sauer, das mit dem Blick in die Vergangenheit besser, die bösen Taten als mahnende Erinnerung. Überhaupt sei die Frage, wo das Böse herkomme, auch theologisch nicht zu beantworten. Seine Devise sei deshalb, auch an das Gute zu erinnern und jener Menschen zu gedenken, die während des Dritten Reiches Verfolgten geholfen hätten, häufig unter Lebensgefahr. Diese könnten besonders jungen Menschen als Vorbild dienen.
In Vertretung für den Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev trug ein Vertreter der IKG Baden-Baden das Kaddisch-Gebet, eine Lobpreisung Gottes, vor.
Juden in Kuppenheim: Vortrag der Favorite Werkrealschule
Mit Textbeiträgen trugen Schüler der zehnten Klasse der Favorite Werkrealschule Kuppenheim unter der Regie von Klassenlehrer Peter Kühn die Geschichte der Juden in Kuppenheim vor, von 1633 bis 1940. Sie erinnerten an die einstmals große Bedeutung der Kuppenheimer Juden als Vieh- und Pferdehändler, als Händler für Textil- und Tabakwaren, als Eisenwarenhändler und Metzger.
Einige Juden, die aus Kuppenheim emigrierten, schafften es zum namhaften US-Kongressabgeordneten (Julius Kahn), zum sehr erfolgreichen Unternehmer in der Textilbranche (Bernhard Kuppenheimer) und zum weltweit exportierenden Schmuck-produzenten (Louis Kuppenheim).
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten in Kuppenheim 108 Juden, 7,4 Prozent der Gesamt-bevölkerung. Auf heute hochgerechtet wäre das etwa die Hälfte der Bevölkerung von Oberndorf.
Es geschah am helllichten Tag
16 Kuppenheimer Juden schleppten sich in Begleitung der Nazis durch die Friedrichstraße zur Turnhalle. Dort wurden sie auf Lastwagen verfrachtet und zum Bahnhof Karlsruhe transportiert. In einem der neun Eisenbahnzüge mit 3-Klasse-Waggons ging dann die Fahrt drei Tage und vier Nächte lang in Richtung Süden. Die jüdischen Mitbürger wussten nicht, wohin man sie bringen würde. Ihr weiteres Schicksal:
Fünf verschleppte Kuppenheimer überlebten die Inhaftierung, weil sie aus dem Lager flohen oder versteckt wurden, so Ilse Schlorch und ihr Bruder Ludwig Schlorch von der Eisenwarenhandlung Herz und Schlorch, Friedrichstr. 86, sowie Max Dreyfuß und Ehefrau Fanny Dreyfuß, geb. Monatt aus der Murgtalstr. 2 und schließlich der Viehhändler Ludwig Kahn, Friedrichstr. 98.
In Gurs starb Mina Meier aus der Friedrichstr. 94 mit 68 Jahren. Blondina Kahn aus der Rheinstraße 9 starb mit 65 Jahren in Nexon und ihre Schwester Colestine Kahn mit 61 Jahren in Noé (Frankreich). Samuel Herz, (Friedrichstr. 86) war 76 Jahre alt, als er in Perpignan starb. Seine Ehefrau Sara Herz, geb. Maier, starb mit 74 Jahre in Nexon.
Für sechs Kuppenheimer wurde Gurs die „Vorstufe zur Hölle“. Sie wurden über Drancy ins Konzentrationslager Auschwitz verfrachtet, um dort ermordet zu werden, so Isidor Meier und Karoline Meier, geb. Kahn, Friedrichstr. 98; Semi Schlorch und Rosa Schlorch, geb. Herz, sowie der Sohn Günter Schlorch, alle aus der Friedrichstr. 86; und schließlich Marie Dreyfuß, geb. Friedmann, Murgtalstr. 2.
Weitere 19 in Kuppenheim geborene und vier in Kuppenheim zeitweise lebende Juden kamen teilweise mit ihren Ehepartnern nach Gurs, überlebten das Lager oder wurden über Drancy nach Auschwitz zur Ermordung deportiert. Das Gedenken galt auch den mehr als 40 jüdischen Gurs-Opfern, die mit den Kuppenheimer Juden verwandt waren.
Ergreifende Stille herrschte bei den Anwesenden, als Angelika und Wolfgang Decker vom Arbeitskreis 18 dieser Schicksale vortrugen.
Jiddische Klezmermusik umrahmt das Gedenken
Seit mehr als zwölf Jahren sorgt die Musikschule Gaggenau bei Veranstaltungen des Arbeitskreises für die musikalische Umrahmung. Musiklehrer Gerold Stefan und Eva Skorupa trugen bei der Gedenkfeier stimmungsvoll Klezmerstücke vor.
Stolpersteine von Gurs-Opfern von Schülern gereinigt
Beim anschließenden Rundgang „Auf den Spuren der Stolpersteine“ wurde auf die Lebensgeschichten der betroffenen Familien eingegangen mit einer gleichzeitigen Putzaktion der Stolpersteine.
Ein ganz besonderer Dank des Arbeitskreises gilt den Schülern der 10. Klasse von der Favoriteschule Werkrealschule Kuppenheim, die Texte während der Feier vortrugen und anschließend die Stolpersteine in der Friedrichstraße putzten. Dank auch dem Schulleiter Marco Wolny und dem Klassenlehrer Peter Kühn. 22. Oktober 2025
Nach der Gedenkfeier putzen Schüler der Favorite Werkrealschule Kuppenheim Solpersteine von Gurs-Opfern. Rechts in Bild Schulleiter Marco Wolny.
Zur dritten Gurs-Gedenkfeier des AK Solpersteine kamen mehr als 40 Teilnehmer. Favoriteschüler tragen die Geschichte der Kuppenheimer Juden vor.
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Das jüdische Kuppenheim
Führung erinnert an die Vergangenheit der Knöpflestadt seit dem frühen 15. Jahrhundert
Auf zwei gedanklichen Säulen ruht der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim: Zum einen ist es das Gedenken an alle jüdischen Mitbürger der Stadt, die während der Nazidiktatur aus ihrem Leben gerissen wurden, sei es durch Ermordung, durch Deportation oder weil sie flüchten mussten. Der zweite ist „Wehret den Anfängen". „Wir müssen die junge Generation sensibilisieren für die Anzeichen, wenn Minderheiten Unrecht geschieht". Deshalb hat der Arbeitskreis Stolpersteine ein ganzes Netzwerk aufgebaut, zu dem auch die Schulen gehören. 65 Führungen, Konzerte, Gedenkfeiern und Zeitzeugengespräche haben Heinz Wolf und der AK Stolpersteine Kuppenheim in den vergangenen zehn Jahren organisiert. Am Sonntag kam eine weitere Führung dazu, ein „Rundgang durch das jüdische Kuppenheim", den er bereits zum vierten Mal anbot.
„Wir müssen die junge Generation sensibilisieren.“ Heinz Wolf, AK Stolpersteine.
Es ist der Sonntag nach dem Gedenktag „80 Jahre Deportation nach Gurs", wohin am 22. Oktober 1940 auch die verbliebenen 16 Kuppenheimer Juden abtransportiert wurden. Zu den 16, damals noch in Kuppenheim wohnenden jüdischen Mitbürgern, zählt Heinz Wolf vom AK Stolper- steine auch die, die aus beruflichen oder familiären Gründen in andere Städte gezogen sind. Insgesamt rechnet er, dass 32 Kuppenheimer Juden nach Gurs gebracht wurden. Das Lager am Fuße der Pyrenäen und die Transporte in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor überlebten nur fünf. Am Synagogenplatz, wo bis zur Reichpogromnacht 1938 die Synagoge und die Judenschule standen, erinnern heute ein Gedenkstein und ein gelber Stern.
Dort nahm die Führung ihren Ausgang, die tief ins Mittelalter zurückführte, begleitet von Klezmer-Klängen aus der Klarinette Gerold Stefans, Musiklehrer an der Gaggenauer Musikschule. 1403 durfte der damalige Markgraf erstmals mit Erlaubnis des Kaisers Schutzjuden gegen Gebühr aufzunehmen. 1433 gab es dann die ersten namentlichen Erwähnungen.
Als die Stadt am Rande des Schwarzwaldes dann 1580 das Marktrecht erhielt, wuchs die jüdische Bevölkerung. Denn Juden durften Viehhandel treiben, ein wichtiger Standortfaktor in der bäuerlichen Umgebung für den aufstrebenden Marktort. 1789 wurde die erste Synagoge gebaut, dann kam die Judenschule dazu. Es gab neben diesen beiden Einrichtungen auch ein rituelles Bad und den zentralen jüdischen Friedhof.
Die ersten Grablegungen datieren auf das Jahr 1694. Die Juden in Kuppenheim waren um 1700 meist arm und lebten bescheiden, wie es der damalige Amtmann erhoben hat. 1830 waren sieben Prozent der Knöpflestadt Juden, 1924 waren es noch 2,4 Prozent. Im 18. und 19. Jahrhundert, bis die jüdischen Mitbürger 1872 die bürgerliche Gleichstellung erhielten, wanderten viele nach Amerika aus.
57 Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig bereits in Kuppenheim. Im kommenden Frühjahr sollen 15 weitere Steine dazukommen: In der Rheinstraße und der Oberen Torstraße. Auf den handgravierten Messingplatten stehen Name, Geburts- und Sterbedatum oder ob jemand verschollen ist und sein Schicksal. „Damit geben wir den Menschen ihren Namen zurück, holen sie als Menschen mit ihrem persönlichen Schicksal in die Erinnerung zurück".
Gemeinderat Tonio Reuter möchte im Gemeinderat anregen, dass das Wegerecht der Eigentümer in Bezug auf die Verlegung von Stolpersteinen per Mehrheitsbeschluss aufgehoben wird, damit alle Kuppenheimer Juden einen Stolper- stein bekommen.
Gedenkstein am Synagogenplatz: Heinz Wolf (links), Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim, und die Teilnehmer der Führung lauschen den Klezmer-Melodien von Gerold Stefans Klarinette. Foto: Martina Holbein
BNN Dienstag, 27. Oktober 2020 KULTUR REGIONAL
Von unserer Mitarbeiterin Martina Holbein
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Im Laster zum Bahnhof gekarrt
Vor 80 Jahren wurden die letzten 16 Kuppenheimer Juden nach Gurs deportiert
Kuppenheim (red) - In diesem jähr jährt sich am 22. Oktober die erste große Deportation von Juden aus dem Deutschen Reich zum 80. Mal. Nach jahrelanger Verfolgung und Demütigung durch die Nationalsozialisten wurden im Herbst 1940 mehr als 6 500 Juden aus ihrer pfälzischen, badischen und saarländischen Heimat in das Lager Gurs in Frankreich verschleppt. Für viele nahm diese Deportation später in Auschwitz und Majdanek ein grausames Ende.
Der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim nimmt diesen Jahrestag der Vertreibung zum Anlass, um mit einer Putzaktion bei den „Stolpersteinen" an das Leben der letzten Juden in Kuppenheim zu erinnern „und insbesondere für die jüngere Generation ein Zeichen zu setzen gegen das Vergessen, gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt", heißt es in einer Pressemitteilung.
Darüber hinaus wird der Arbeitskreis am Sonntag, 25. Oktober, ab 11 Uhr, eine Führung unter dem Titel „jüdisches Kuppenheim" anbieten (Dauer: etwa eine Stunde). Treffpunk ist der Synagogenplatz (Löwengasse/Hildastraße). Nach der Einführung begibt sich die Gruppe zu den einzelnen Häusern, aus denen jüdische Mitbürger am 22. Oktober 1940 nach Gurs verschleppt wurden: Rheinstraße 9, Friedrichstraße 98. 91, 94, 86 und Murgtalstraße 2. Eine Anmeldung ist erforderlich per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder telefonisch (07225) 75543.
Die Kuppenheimer Juden waren wie alle anderen Juden im Deutschen Reich bereits ab 1. April 1933 betroffen vom Boykott „jüdischer" Geschäfte und Betriebe. Hinzu kamen die Aberkennung der Staatsbürgerrechte durch die „Nürnberger Gesetze" 1935; die „Rassentrennung" in den Schulen 1936; die Zwangsarisierung aller „jüdischen" Gewerbebetriebe 1938; die Reichspogromnacht im November 1938 sowie das Berufsverbot für alle Selbstständigen in Handel und Handwerk 1939.
Ludwig Schlorch war elf Jahre alt, als er am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 von seiner Mutter Rosa geweckt wurde. Viel Zeit sei nicht, er solle sich schnell anziehen und sein Köfferchen packen. Die NS- Funktionäre gaben der Familie genau eine Stunde Zeit, um pro Person maximal 50 Kilo Gepäck, warme Kleidung, Decken, Essensvorräte und Essgeschirr einzupacken sowie 100 Reichsmark. Bald stand Ludwig Schlorch mitten unter aufgeregten und deprimierten Leuten. Auch seine Geschwister Ilse und Ludwig sowie die Eltern Semi und Rosa Schlorch waren konsterniert, mussten sie doch Hals über Kopf ihre Heimat verlassen.
Vor der Turnhalle mussten die Zusammengetriebenen auf einen Lastwagen klettern, der sie zur Bahnstation Karlsruhe brachte. Von dort ging es nach Gurs, in das berüchtigte Lager am Fuße der Pyrenäen. 6 504 Juden (davon 5 603 aus Baden) wurden an diesem Tag abtransportiert. Nach drei langen Tagen und vier Nächten landete die Familie Schlorch mit den anderen Kuppenheimer Juden in dem großen Barackenlager im Südwesten Frankreichs.
Vom Regen durchnässt, frierend. von der Bahnfahrt erschöpft, sanken sie auf den schmutzigen Bretterboden der Baracken. Die französischen Behörden waren völlig überfordert. Im Lager befanden sich bereits 900 Menschen. Innerhalb weniger Tage stieg die Zahl auf 13 000, später auf 19 000 Deportierte an.
Es herrschten unbeschreibliche hygienische Verhältnisse: Das Wasser war im kalten Winter .1941/42 eingefroren, es gab Infektionskrankheiten und Erkrankungen aller Art: miserables Essen und jeden Tag viele Tote. Von den 16 Kuppenheimer Juden, die deportiert wurden, überlebten nur fünf: Max und Fanny Dreifuß. Ilse und Ludwig Schlorch sowie Ludwig Kahn. In Gurs und in Auschwitz kamen Isidor, Karoline und Mina Meier, Samuel und Sara Herz, Semi, Rosa und Günter Schlorch, Marie Dreyfuß, Colestina und Blondina Kahn ums Leben.
Das Vermögen und der Besitz der deportierten Menschen wurden beschlagnahmt und später versteigert. Der Hausrat der deportierten Juden wurde im Frühjahr 1941 in den einzelnen Orten versteigert, in Kuppenheim in der Turnhalle, wobei sich die Bevölkerung rege beteiligte.
Die Kuppenheimer Hautevolee, unter ihnen auch jüdische Geschäftsleute, beim Sonntagsausflug.
Foto: Archiv Geck
Stolpersteine erinnern in der Knöpflestadt unter anderem an die jüdische Familie Kaufmann. Foto: AK Stolpersteine
Badisches Tagblatt 17.10.2020
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Kurt Maier erhält Verdienstkreuz
Kurt Maier arbeitet seit mehr als 46 Jahren in der Bibliothek des US-Kongresses in Washington. Der gebürtige Badener ist unermüdlich: Mit- 89 Jahren erscheint er noch immer jeden Morgen um 7 Uhr zum Dienst - nachdem er daheim im Fitnessraum Sport gemacht hat. Auch am Wochenende ist Maier oft in der Kongressbibliothek, um neue Bücher zu lesen. Sein Wissensdurst ist nicht zu stillen, sein Elan ungebrochen. Dahinter steht eine bewegende Lebensgeschichte, mit der er stuf besondere Weise umgeht: Dafür wurde Kurt Maier am Montag in Washington mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Maier wurde am 4. Mai 1930 in Kippenheim in Baden-Württemberg geboren. Er war zehn Jahre alt, als er mit seiner jüdischen Familie in ein Internierungslager der Nazis deportiert wurde, von wo aus viele andere weiter nach Auschwitz gebracht wurden. Doch die Maiers hatten Glück. Mit der Hilfe vor» Verwandten in den USA konnten sie ausreisen und in den Vereinigten Staaten ein neues Leben anfangen.
Seit 1947 hat Maier die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Eltern wollten angesichts der düsteren Vergangenheit nie zuriefe nach Deutschland, doch Kurt Maier hat nicht mit seiner Heimat gebrochen „leb bin seit fast 80 Jahren weg aus Deutschland und. trotzdem zähle ich immer noch auf Deutsch, denke ich noch auf Deutsch, rede ich mit mär selbst auf Deutsch, sagte Maier am Donnerstag in Washington. Ein leichter badischer Einschlag ist bei ihm nicht zu überhören.
Seit Anfang der 1990er Jahre reist Maier regelmäßig nach Deutschland, um in Schulen und Kirchengemeinden von der Vergangenheit zu erzählen und gegen das Vergessen anzukämpfen Er spricht nicht auf beklemmende Art von damals, sondern wach und zugewandt. Mit Anekdoten und bisweilen sogar mit dem ihm eigenen trockenen Humor.
Die deutsche Botschafterin in den USA, Emily Haber, sagte bei der Auszeichnung, Maiers Engagement sei „tief bewegend und inspirierend". Er habe sich für Versöhnung entschieden anstelle von Hass. BNN , Dez. 2019
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Stolpersteinreinigung zu Gedenken am Dienstag, 22. Oktober
Deportation der Kuppenheimer Juden nach Gurs 1940 muss in Erinnerung bleiben
Mit einer Gedenkveranstaltung treten die Initiatoren vom Arbeitskreis gegen das Vergessen der Nazi-Gräueltaten ein. Sie erheben die Stimme gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und Ausgrenzung, engagieren sich für die Rechte anderer und rufen auf zu politischer Wachsamkeit und Zivilcourage.
Juden wurden aus ihrem Heimatland hinausgeekelt. Mit zahllosen Repressalien, antisemitischen und rassistischen Gesetzen, Verordnungen und Terroraktionen waren die Nazis von Anfang an in ganz Deutschland gegen die Bürger jüdischen Glaubens vorgegangen. Systematisch wollten sie deren wirtschaftliche Existenz ruinieren und sie zu Emigration und Flucht zwingen.
Die Kuppenheimer Juden waren wie alle Juden im Reich betroffen vom Boykott »jüdischer« Geschäfte und Betriebe bereits am 1. April 1933. Die Nationalsozialisten erließen Hunderte von Verordnungen und Verbote zu nahezu allen Fragen des alltäglichen Lebens. Dazu kamen die Aberkennung der Staatsbürgerrechte durch die »Nürnberger Gesetze« 1935; die »Rassentrennung« in den Schulen 1936; die Zwangsarisierung aller »jüdischen« Gewerbebetriebe 1938; die Reichspogromnacht mit dem Niederbrennen der Kuppenheimer Synagoge (und der Schutzhaft für 6 jüdischer Bürger ins KZ Dachau) am 10. November 1938.; das Berufsverbot für alle Selbständigen in Handel und Handwerk 1939.
Es geschah am helllichten Tag
Am 22. Oktober 1940 begann die Wagner-Bürckel-Aktion. Alle Juden, die transportfähig waren, mussten mit. Selbst Alte und Gebrechliche wurden nicht verschont. Nur Juden, die in „Mischehe“ lebten, konnten bleiben. 6.500 Juden waren von dieser Aktion betroffen, davon 5.500 aus Baden. Die Juden feierten gerade das „Laubhüttenfest“ und waren trotz der Repressalien durch die Nazis in Feierstimmung.
In Kuppenheim und überall in Baden klopften am frühen Morgen Gestapo-Männer an die Haustür jüdischer Familien. Innerhalb von zwei Stunden) mussten sich diese reisefertig machen. In anderen Orten waren oft weniger Zeit, manchmal nur 20 Minuten. Maximal 50 kg Gepäck (oft waren es nur 20 kg) und 100 RM durften mitgenommen werden. Die Haustür wurde versiegelt oder die Schlüssel mussten in der Tür stecken bleiben. 16 Kuppenheimer Juden schleppten sich in Begleitung der Nationalsozialisten u.a. durch die Friedrichstraße zur Turnhalle (heute Wörtelhalle). Dort wurden Sie auf Lastwagen gesteckt und zum Bahnhof Karlsruhe transportiert. In einem der neun Eisenbahnzüge mit 3-Klasse-Waggons ging dann die Fahrt 3 Tage und 4 Nächte lang in Richtung Süden. Die Juden wussten nicht, wohin man sie bringen würde.
Baden ist „judenfrei“
In Deutschland konnten sich die beiden Gauleiter am 23. Oktober rühmen, ihre Gaue „judenfrei“ gemacht zu haben, ohne Komplikationen mit den Behörden und der Bevölkerung bekommen zu haben. Als die Deportierten in Gurs am Rande der Pyrenäen ankamen, regnete es und es war bitterkalt. Vom Regen durchnässt, frierend, von der beschwerlichen Bahnfahrt erschöpft, sanken sie auf den schmutzigen Bretterboden nieder.
Die französischen Behörden wurden vorher nicht informiert und sie waren völlig überfordert. Im Lager befanden sich bereits 900 Menschen (überwiegend spanische Widerstandskämpfer). Innerhalb weniger Tage stieg die Zahl auf 13.000, später auf 19.000 Deportierte an.
Gurs, Vorhof zur Hölle
Das Lager befand sich in einem desolaten Zustand und die Lage für die Verschleppten war unerträglich: wochenlanger Regen; überall zentimeterdicker Schlamm und das Monate lang; zusammengepfercht in fensterlosen und ungeheizten Holzbaracken ohne elektrisches Licht; Dahinvegetieren auf dem Holzboden ohne Betten; unbeschreibliche hygienische Verhältnisse; das Wasser war im bitterkalten Winter 1941/42 ein gefroren; Infektionskrankheiten und Erkrankungen aller Art; miserables Essen; unendliche Langeweile und wenig Hoffnung; jeden Tag viele Tote (vor allem Ältere, in den ersten Monaten starben bereits tausend Menschen)
Aber trotz Entbehrung und Dreck, fehlender Intimität und Hoffnungslosigkeit gab es immer wieder Lichtblicke menschlichen Zusammenlebens. Freundschaften und Zärtlichkeit kamen rasch zustande. Der Wunsch in Würde zu leben, veranlasste die Deportierten, zu beten, Gedichte zu schreiben, Lieder zu komponieren, zu malen und zu zeichnen. Und es gab einen primitiven Unterricht für die Kinder und der Versuch, diese ein wenig von ihrer Tristesse abzulenken.
In die unbarmherzige Welt des Lagers drang manchmal ein Lichtblick von außen. Meist kam er von Organisationen, die sich bemühten Hilfe zu leiten, so das Schweizer Rote Kreuz, die jüdische Organisation Kinderhilfe OSE oder die amerikanischen Quäker. Darüber hinaus halfen manchen Franzosen, Deportierte zu verstecken oder sie ins sichere Ausland zu bringen. Um emigrieren zu können, war ein Visum vom Gastland notwendig, ein Durchreisevisum für Portugal, Spanien oder Marokko, die Schiffskarte und Devisen für die Reisekosten. Nur wenige hatten die Möglichkeit, diese Anforderungen zu erfüllen. 2 000 Juden insgesamt konnten gerettet werden. 2 700 starben im Lager.
Gurs-Dreancy-Auschwitz
Für einen großen Teil de Deportierten bedeutete Gurs lediglich eine Zwischenstation auf ihrem Leidensweg. Ab März 1942 befahl das Judenreferat Eichmann die Deportation aller im Frankreich lebender Juden nach Osten. Die aus Viehwaggons zusammengestellten Deportationszüge wurden über das Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz bzw. Sobibor umgeleitet. Die allermeisten der Deportierten (es waren 1.800) wurden noch am Tag ihrer Ankunft in den KZs ermordet vergast oder der „Vernichtung durch Arbeit“ preisgegeben wurden.
Kuppenheimer Juden nach Gurs und und/oder ins KZ
Von den 16 Kuppenheimer Juden überlebten lediglich fünf das Lager:
Max und Fanny Dreyfuß, Ilse und Ludwig Schlorch sowie Ludwig Kahn.
Im Deportationslager Gurs bzw. im KZ-Auschwitz verstarben oder wurden ermordet:
Isidor und Karoline Meier Mina Meier, Samuel und Sara Herz, Semi, Rosa und Günter Schlorch, Marie Dreyfuß, Colestina und Blondina Kahn.
Weitere 14 ehemals in Kuppenheim geborene Juden wurden von anderen Orten nach Gurs verschleppt, niemand überlebte:
Anna Herz (verh. Billig), Elise Herz (verh. Loeb), Max und Adolf Kahn,
Salomon Kuppenheimer,
Ida Dreyfuß (verh. Heumann),
Jeanette Kahn (verh. Hirsch),
Regina Dreyfuß (verh. Katz),
Irma Kahn (verh. Platz),
Johanna Kahn (verh. Kuhn),
Emilie Kaufmann (verh. Brumlik) und schließlich
Fanny Kaufmann (verh. Kreuzer).
mehr als 500-jährige Geschichte der Juden in Kuppenheim ausgelöscht
Mit dieser verbrecherischen Verschleppung am 22. Oktober 1940 durch die National-Sozialisten wurde jüdisches Leben in Kuppenheim, das bis ins Jahr 1433 zurückging, zerstört. Kuppenheimer Bürger sind ihrer Heimat beraubt worden, nur weil sie Juden waren.
Ludwig Mann, ein internierter Arzt berichtet:
„Die Baracken waren kalt, feucht, zugig und schmutzig, die Strohsäcke lagen auf den schiefen Bretterböden, schlecht gefüllt mit muffigem Stroh. Es gab Wanzen und Läuse, Ratten und Flöhe; aber kein Essgeschirr und kein Trinkgefäß. Alles Gepäck, lag im Dreck und Regen.“
Ilse Noel aus Karlsruhe berichtet:
„Strom gab es nicht. Luft und etwas Licht konnten wir nur durch Holzklappen hereinlassen, wenn es nicht gerade regnete oder zu kalt war. Schlafen mussten wir anfangs auf dem Fußboden, der mit etwas Stroh abgedeckt war. Es gab viele Ratten und Ungeziefer im Lager. Wer nachts seine Decke nicht bis über den Kopf zog, wurde gebissen.
Berty Friesländer-Bloch berichtet über die letzten Monate des Jahres 1940 in Gurs:
Die Hölle von Gurs. „Die Tage, Wochen und Monate schleichen dahin. Jede Minute wird uns zur Stunde, jede Stunde zu einer Ewigkeit! Die Baracken sind dunkel, da keine Fenster vorhanden sind, ohne Tageslicht. So kauern wir auf einer Schütte Stroh, welches als Streue auf dem schmutzigen Fußboden liegt. Hunger! Entsetzlicher Hunger beherrscht unser Denken und Fühlen. Elend, Trostlosigkeit, Heimweh zermürben unsere Ichheit. Wassersuppen zweimal täglich und eine kleine Ration Brot! Wie lange werden wir dieses aushalten? Haben unsere Verfolger Berechnungen anstellen lassen, wie lange ein Mensch bei Wassersuppe und Brot..?! Hunger, Hunger! Es pocht und wühlt in unseren Gedärmen, er nagt an unserem Herzen, er macht die Menschen rabiat und böse.
Eugen Neter aus Karlsruhe:
„Sobald man die Baracke verließ, blieb man bis zum Knöchel im Lehmboden stecken. Manchmal musste ich alte Leute aus der klebrigen Masse herausziehen, vor allem wenn sie auf dem Weg zur Latrine waren. Der Schlamm drang überall ein und verursachte völlig durchnässte Füße.“
„Uns im Lager Internierten gingen die gewohnten Bezugspunkte des Alltags verloren: kein Familienkleben, keine Möglichkeit alleine zu sein. Wir mussten in der Gruppe leben , 14 Stunden am Tag und waren zu einem untätigen und jämmerlichen Leben.
Aber trotz Entbehrung und Dreck, fehlender Intimität und Hoffnungslosigkeit gab es immer wieder Lichtblicke menschlichen Zusammenlebens.
Freundschaften und Zärtlichkeit kamen rasch zustande. Der Wunsch in Würde zu leben, veranlasste die Deportierten, zu beten, Gedichte zu schreiben, Lieder zu komponieren, zu malen und zu zeichnen. Und es gab einen primitiven Unterricht für die Kinder und der Versuch, diese ein wenig von ihrer Tristesse abzulenken. 22. Oktoberr 2019





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