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Friedhof 06 09 2020 klein

Deportation nach GURS

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Im Laster zum Bahnhof gekarrt
Vor 80 Jahren wurden die letzten 16 Kuppenheimer Juden nach Gurs deportiert

 

Kuppenheim (red) - In diesem jähr jährt sich am 22. Oktober die erste große Deportation von Juden aus dem Deutschen Reich zum 80. Mal. Nach jahrelanger Verfolgung und Demütigung durch die Nationalsozialisten wurden im Herbst 1940 mehr als 6 500 Juden aus ihrer pfälzischen, badischen und saarländischen Heimat in das Lager Gurs in Frankreich verschleppt. Für viele nahm diese Deportation später in Auschwitz und Majdanek ein grausames Ende.


Der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim nimmt diesen Jahrestag der Vertreibung zum Anlass, um mit einer Putzaktion bei den „Stolpersteinen" an das Leben der letzten Juden in Kuppenheim zu erinnern „und insbesondere für die jüngere Generation ein Zeichen zu setzen gegen das Vergessen, gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt", heißt es in einer Pressemitteilung.

 

Darüber hinaus wird der Arbeitskreis am Sonntag, 25. Oktober, ab 11 Uhr, eine Führung unter dem Titel „jüdisches Kuppenheim" anbieten (Dauer: etwa eine Stunde). Treffpunk ist der Synagogenplatz (Löwengasse/Hildastraße). Nach der Einführung begibt sich die Gruppe zu den einzelnen Häusern, aus denen jüdische Mitbürger am 22. Oktober 1940 nach Gurs verschleppt wurden: Rheinstraße 9, Friedrichstraße 98. 91, 94, 86 und Murgtalstraße 2. Eine Anmeldung ist erforderlich per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder telefonisch (07225) 75543.

 

Die Kuppenheimer Juden waren wie alle anderen Juden im Deutschen Reich bereits ab 1. April 1933 betroffen vom Boykott „jüdischer" Geschäfte und Betriebe. Hinzu kamen die Aberkennung der Staatsbürgerrechte durch die „Nürnberger Gesetze" 1935; die „Rassentrennung" in den Schulen 1936; die Zwangsarisierung aller „jüdischen" Gewerbebetriebe 1938; die Reichspogromnacht im November 1938 sowie das Berufsverbot für alle Selbstständigen in Handel und Handwerk 1939.

 

Ludwig Schlorch war elf Jahre alt, als er am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 von seiner Mutter Rosa geweckt wurde. Viel Zeit sei nicht, er solle sich schnell anziehen und sein Köfferchen packen. Die NS- Funktionäre gaben der Familie genau eine Stunde Zeit, um pro Person maximal 50 Kilo Gepäck, warme Kleidung, Decken, Essensvorräte und Essgeschirr einzupacken sowie 100 Reichsmark. Bald stand Ludwig Schlorch mitten unter aufgeregten und deprimierten Leuten. Auch seine Geschwister Ilse und Ludwig sowie die Eltern Semi und Rosa Schlorch waren konsterniert, mussten sie doch Hals über Kopf ihre Heimat verlassen.

 

Vor der Turnhalle mussten die Zusammengetriebenen auf einen Lastwagen klettern, der sie zur Bahnstation Karlsruhe brachte. Von dort ging es nach Gurs, in das berüchtigte Lager am Fuße der Pyrenäen. 6 504 Juden (davon 5 603 aus Baden) wurden an diesem Tag abtransportiert. Nach drei langen Tagen und vier Nächten landete die Familie Schlorch mit den anderen Kuppenheimer Juden in dem großen Barackenlager im Südwesten Frankreichs.

 

Vom Regen durchnässt, frierend. von der Bahnfahrt erschöpft, sanken sie auf den schmutzigen Bretterboden der Baracken. Die französischen Behörden waren völlig überfordert. Im Lager befanden sich bereits 900 Menschen. Innerhalb weniger Tage stieg die Zahl auf 13 000, später auf 19 000 Deportierte an.

 

Es herrschten unbeschreibliche hygienische Verhältnisse: Das Wasser war im kalten Winter .1941/42 eingefroren, es gab Infektionskrankheiten und Erkrankungen aller Art: miserables Essen und jeden Tag viele Tote. Von den 16 Kuppenheimer Juden, die deportiert wurden, überlebten nur fünf: Max und Fanny Dreifuß. Ilse und Ludwig Schlorch sowie Ludwig Kahn. In Gurs und in Auschwitz kamen Isidor, Karoline und Mina Meier, Samuel und Sara Herz, Semi, Rosa und Günter Schlorch, Marie Dreyfuß, Colestina und Blondina Kahn ums Leben.

 

Das Vermögen und der Besitz der deportierten Menschen wurden beschlagnahmt und später versteigert. Der Hausrat der deportierten Juden wurde im Frühjahr 1941 in den einzelnen Orten versteigert, in Kuppenheim in der Turnhalle, wobei sich die Bevölkerung rege beteiligte.

Die Kuppenheimer Hautevolee, unter ihnen auch jüdische Geschäftsleute, beim Sonntagsausflug.
Foto: Archiv Geck

Stolpersteine erinnern in der Knöpflestadt unter anderem an die jüdische Familie Kaufmann. Foto: AK Stolpersteine

 

Badisches Tagblatt 17.10.2020

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Stolpersteinreinigung zu Gedenken am Dienstag, 22. Oktober

Deportation der Kuppenheimer Juden nach Gurs 1940 muss in Erinnerung bleiben

 

Mit einer Gedenkveranstaltung treten die Initiatoren vom Arbeitskreis gegen das Vergessen der Nazi-Gräueltaten ein. Sie erheben die Stimme gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und Ausgrenzung, engagieren sich für die Rechte anderer und rufen auf zu politischer Wachsamkeit und Zivilcourage.


Juden wurden aus ihrem Heimatland hinausgeekelt. Mit zahllosen Repressalien, antisemitischen und rassistischen Gesetzen, Verordnungen und Terroraktionen waren die Nazis von Anfang an in ganz Deutschland gegen die Bürger jüdischen Glaubens vorgegangen. Systematisch wollten sie deren wirtschaftliche Existenz ruinieren und sie zu Emigration und Flucht zwingen.

Die Kuppenheimer Juden waren wie alle Juden im Reich betroffen vom Boykott »jüdischer« Geschäfte und Betriebe bereits am 1. April 1933. Die Nationalsozialisten erließen Hunderte von Verordnungen und Verbote zu nahezu allen Fragen des alltäglichen Lebens. Dazu kamen die Aberkennung der Staatsbürgerrechte durch die »Nürnberger Gesetze« 1935; die »Rassentrennung« in den Schulen 1936; die Zwangsarisierung aller »jüdischen« Gewerbebetriebe 1938; die Reichspogromnacht mit dem Niederbrennen der Kuppenheimer Synagoge (und der Schutzhaft für 6 jüdischer Bürger ins KZ Dachau) am 10. November 1938.; das Berufsverbot für alle Selbständigen in Handel und Handwerk 1939.

 

Es geschah am helllichten Tag

 

Am 22. Oktober 1940 begann die Wagner-Bürckel-Aktion. Alle Juden, die transportfähig waren, mussten mit. Selbst Alte und Gebrechliche wurden nicht verschont. Nur Juden, die in „Mischehe“ lebten, konnten bleiben. 6.500 Juden waren von dieser Aktion betroffen, davon 5.500 aus Baden. Die Juden feierten gerade das „Laubhüttenfest“ und waren trotz der Repressalien durch die Nazis in Feierstimmung.

 

In Kuppenheim und überall in Baden klopften am frühen Morgen Gestapo-Männer an die Haustür jüdischer Familien. Innerhalb von zwei Stunden) mussten sich diese reisefertig machen. In anderen Orten waren oft weniger Zeit, manchmal nur 20 Minuten. Maximal 50 kg Gepäck (oft waren es nur 20 kg) und 100 RM durften mitgenommen werden. Die Haustür wurde versiegelt oder die Schlüssel mussten in der Tür stecken bleiben. 16 Kuppenheimer Juden schleppten sich in Begleitung der Nationalsozialisten u.a. durch die Friedrichstraße zur Turnhalle (heute Wörtelhalle). Dort wurden Sie auf Lastwagen gesteckt und zum Bahnhof Karlsruhe transportiert. In einem der neun Eisenbahnzüge mit 3-Klasse-Waggons ging dann die Fahrt 3 Tage und 4 Nächte lang in Richtung Süden. Die Juden wussten nicht, wohin man sie bringen würde.


Baden ist „judenfrei“

In Deutschland konnten sich die beiden Gauleiter am 23. Oktober rühmen, ihre Gaue „judenfrei“ gemacht zu haben, ohne Komplikationen mit den Behörden und der Bevölkerung bekommen zu haben. Als die Deportierten in Gurs am Rande der Pyrenäen ankamen, regnete es und es war bitterkalt. Vom Regen durchnässt, frierend, von der beschwerlichen Bahnfahrt erschöpft, sanken sie auf den schmutzigen Bretterboden nieder.

 

Die französischen Behörden wurden vorher nicht informiert und sie waren völlig überfordert. Im Lager befanden sich bereits 900 Menschen (überwiegend spanische Widerstandskämpfer). Innerhalb weniger Tage stieg die Zahl auf 13.000, später auf 19.000 Deportierte an.

 

Gurs, Vorhof zur Hölle

Das Lager befand sich in einem desolaten Zustand und die Lage für die Verschleppten war unerträglich: wochenlanger Regen; überall zentimeterdicker Schlamm und das Monate lang; zusammengepfercht in fensterlosen und ungeheizten Holzbaracken ohne elektrisches Licht; Dahinvegetieren auf dem Holzboden ohne Betten; unbeschreibliche hygienische Verhältnisse; das Wasser war im bitterkalten Winter 1941/42 ein gefroren; Infektionskrankheiten und Erkrankungen aller Art; miserables Essen; unendliche Langeweile und wenig Hoffnung; jeden Tag viele Tote (vor allem Ältere, in den ersten Monaten starben bereits tausend Menschen)

Aber trotz Entbehrung und Dreck, fehlender Intimität und Hoffnungslosigkeit gab es immer wieder Lichtblicke menschlichen Zusammenlebens. Freundschaften und Zärtlichkeit kamen rasch zustande. Der Wunsch in Würde zu leben, veranlasste die Deportierten, zu beten, Gedichte zu schreiben, Lieder zu komponieren, zu malen und zu zeichnen. Und es gab einen primitiven Unterricht für die Kinder und der Versuch, diese ein wenig von ihrer Tristesse abzulenken.

 

In die unbarmherzige Welt des Lagers drang manchmal ein Lichtblick von außen. Meist kam er von Organisationen, die sich bemühten Hilfe zu leiten, so das Schweizer Rote Kreuz, die jüdische Organisation Kinderhilfe OSE oder die amerikanischen Quäker. Darüber hinaus halfen manchen Franzosen, Deportierte zu verstecken oder sie ins sichere Ausland zu bringen. Um emigrieren zu können, war ein Visum vom Gastland notwendig, ein Durchreisevisum für Portugal, Spanien oder Marokko, die Schiffskarte und Devisen für die Reisekosten. Nur wenige hatten die Möglichkeit, diese Anforderungen zu erfüllen. 2 000 Juden insgesamt konnten gerettet werden. 2 700 starben im Lager.

 

Gurs-Dreancy-Auschwitz

 

Für einen großen Teil de Deportierten bedeutete Gurs lediglich eine Zwischenstation auf ihrem Leidensweg. Ab März 1942 befahl das Judenreferat Eichmann die Deportation aller im Frankreich lebender Juden nach Osten. Die aus Viehwaggons zusammengestellten Deportationszüge wurden über das Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz bzw. Sobibor umgeleitet. Die allermeisten der Deportierten (es waren 1.800) wurden noch am Tag ihrer Ankunft in den KZs ermordet vergast oder der „Vernichtung durch Arbeit“ preisgegeben wurden.

 

Kuppenheimer Juden nach Gurs und und/oder ins KZ

Von den 16 Kuppenheimer Juden überlebten lediglich fünf das Lager:

 

Max und Fanny Dreyfuß, Ilse und Ludwig Schlorch sowie Ludwig Kahn.

Im Deportationslager Gurs bzw. im KZ-Auschwitz verstarben oder wurden ermordet:

Isidor und Karoline Meier Mina Meier, Samuel und Sara Herz, Semi, Rosa und Günter Schlorch, Marie Dreyfuß, Colestina und Blondina Kahn.

 

Weitere 14 ehemals in Kuppenheim geborene Juden wurden von anderen Orten nach Gurs verschleppt, niemand überlebte:

 

Anna Herz (verh. Billig), Elise Herz (verh. Loeb), Max und Adolf Kahn,
Salomon Kuppenheimer,
Ida Dreyfuß (verh. Heumann),
Jeanette Kahn (verh. Hirsch),
Regina Dreyfuß (verh. Katz),
Irma Kahn (verh. Platz),
Johanna Kahn (verh. Kuhn),
Berta Kahn (verh. Grünhut),
Emilie Kaufmann (verh. Brumlik) und schließlich
Fanny Kaufmann (verh. Kreuzer).

 

586-jährige Geschichte der Juden in Kuppenheim ausgelöscht

Mit dieser verbrecherischen Verschleppung am 22. Oktober 1940 durch die National-Sozialisten wurde jüdisches Leben in Kuppenheim, das bis ins Jahr 1433 zurückging, zerstört. Kuppenheimer Bürger sind ihrer Heimat beraubt worden, nur weil sie Juden waren.

 

Ludwig Mann, ein internierter Arzt berichtet:

 

„Die Baracken waren kalt, feucht, zugig und schmutzig, die Strohsäcke lagen auf den schiefen Bretterböden, schlecht gefüllt mit muffigem Stroh. Es gab Wanzen und Läuse, Ratten und Flöhe; aber kein Essgeschirr und kein Trinkgefäß. Alles Gepäck, lag im Dreck und Regen.“

 

Ilse Noel aus Karlsruhe berichtet:

 

„Strom gab es nicht. Luft und etwas Licht konnten wir nur durch Holzklappen hereinlassen, wenn es nicht gerade regnete oder zu kalt war. Schlafen mussten wir anfangs auf dem Fußboden, der mit etwas Stroh abgedeckt war. Es gab viele Ratten und Ungeziefer im Lager. Wer nachts seine Decke nicht bis über den Kopf zog, wurde gebissen.

 

Berty Friesländer-Bloch berichtet über die letzten Monate des Jahres 1940 in Gurs:

 

Die Hölle von Gurs. „Die Tage, Wochen und Monate schleichen dahin. Jede Minute wird uns zur Stunde, jede Stunde zu einer Ewigkeit! Die Baracken sind dunkel, da keine Fenster vorhanden sind, ohne Tageslicht. So kauern wir auf einer Schütte Stroh, welches als Streue auf dem schmutzigen Fußboden liegt. Hunger! Entsetzlicher Hunger beherrscht unser Denken und Fühlen. Elend, Trostlosigkeit, Heimweh zermürben unsere Ichheit. Wassersuppen zweimal täglich und eine kleine Ration Brot! Wie lange werden wir dieses aushalten? Haben unsere Verfolger Berechnungen anstellen lassen, wie lange ein Mensch bei Wassersuppe und Brot..?! Hunger, Hunger! Es pocht und wühlt in unseren Gedärmen, er nagt an unserem Herzen, er macht die Menschen rabiat und böse.

 

Eugen Neter aus Karlsruhe:

 

„Sobald man die Baracke verließ, blieb man bis zum Knöchel im Lehmboden stecken. Manchmal musste ich alte Leute aus der klebrigen Masse herausziehen, vor allem wenn sie auf dem Weg zur Latrine waren. Der Schlamm drang überall ein und verursachte völlig durchnässte Füße.“

 

„Uns im Lager Internierten gingen die gewohnten Bezugspunkte des Alltags verloren: kein Familienkleben, keine Möglichkeit alleine zu sein. Wir mussten in der Gruppe leben , 14 Stunden am Tag und waren zu einem untätigen und jämmerlichen Leben.

 

Aber trotz Entbehrung und Dreck, fehlender Intimität und Hoffnungslosigkeit gab es immer wieder Lichtblicke menschlichen Zusammenlebens.

 

Freundschaften und Zärtlichkeit kamen rasch zustande. Der Wunsch in Würde zu leben, veranlasste die Deportierten, zu beten, Gedichte zu schreiben, Lieder zu komponieren, zu malen und zu zeichnen. Und es gab einen primitiven Unterricht für die Kinder und der Versuch, diese ein wenig von ihrer Tristesse abzulenken.

 

22. Oktoberr 2019

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