Führung am 9. November 2025 zur Reichspogromnacht
Vandalismus auf dem jüdischen Friedhof Kuppenheim
Mit einer Führung auf dem jüdischen Friedhof am Sonntag, 9. November 2025, will der „Arbeitskreis „Stolpersteine Kuppenheim“ das Gedenken an die ehemaligen jüdischen Bürger wachhalten. Vor 84 Jahren wurden SA-Schergen (zumeist aus Gaggenau - einige wenige auch aus Kuppenheim) mit dem Lkw angekarrt, um den jüdischen Friedhof zu schänden. Das Ziel waren Grabsteine im zentralen südlichen Grabfeld des Friedhofes, Begräbnisstellen zwischen den Jahren 1880 und 1929. Dabei wurde rund einhundert Grabplatten aus den Grabsteinen herausgehebelt, um sie dann auf dem Boden zu zerschlagen. Manche Grabsteine wurden bei dieser Aktion auch erheblich beschädigt. Ein Umwerfen war in der Kürze der Zeit schwierig, zumal die Steine dieser Beerdigungsepoche mit einem Sockel fest in der Erde verankert waren.
Einige beschädigte Grabplatten konnten in der Nachkriegszeit wiedereingesetzt werden, zum Teil wurden sie wie Puzzleteile zusammengefügt. Vielen dutzend Grabsteinen fehlen seither die Tafeln mit den Namen der Verstorbenen, den Geburts- und Todesdaten sowie den Herkunftsorten und anderen Inschriften.
Gedenkstein für jüdische Soldaten geschändet
Als besonders abscheulich kann auch die Zerstörung der Gedenktafeln für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten bezeichnet werden. Die Nazis, die eigentlich den Krieg verherrlichten, wollten die Erinnerung an die Soldaten, die besonders tapfer für Kaiser und Vaterland kämpften, aus dem kollektiven Gedächtnis löschen.
Im Jahr 1956 stifte der 1933 (im Jahr von Hitlers Machtergreifung) aus Kuppenheim (Friedrichstraße 79) ausgewanderte José (Josef) Kahn eine neue Granitplatte mit vergoldeten Inschriften für die jüdischen Soldaten aus Kuppenheim: Julius Grünbaum (geb. 1883 – gefallen 1916), Joseph Kahn (geb. 1883 – gefallen 1915), Karl Dreifuß (geb. 1892 – gefallen 1915) und Ludwig Herz (geb.1881 – gefallen 1915).
Spur der Zerstörung
Nach dem Schänden der Grabsteine äscherten die SA-Männer die Einsegnungshalle (Tahara) am Eingang des Friedhofes ein. Dann ging es in die Innenstadt von Kuppenheim, um Juden in ihren Wohn- und Geschäftshäusern zu drangsalieren, Möbel und Inventar zu beschädigen. Diesem Nazi-Terror folgte dann das Anzünden und Niederbrennen der Kuppenheimer Synagoge, um anschließend nach Malsch zu fahren, um auch dort die örtliche Synagoge zu zerstören.
Bürgermeister Grathwohl verhindert das Abräumen des Friedhofes
Der jüdische Friedhof in Kuppenheim hätte laut Anordnung des Reichsinnenministerium in Berlin zum Kriegsende (1944/1945) abgeräumt und eingeebnet werden sollen. Dem damaligen Kuppenheimer Bürgermeister Gustav Grathwolh gelang es jedoch, die Verhandlungen wegen der Höhe des Grundstückspreises und der Übernahme der Kosten für das Schleifen des Friedhofes hinauszuschieben. Da mittlerweile Joseph Goebbels (Reichspropagandaminister) den „totalen Krieg“ erklärte, geriet die Zerstörung des Friedhofes in Vergessenheit. Das kulturhistorisch so wichtige Areal konnte der Nachwelt erhalten bleiben.
Begehung des Friedhofes mit vielen Informationen zu Juden und jüdischem Leben
Der Arbeitskreis geht bei seiner 48. Führung auf folgende Themenbereiche ein:
- Schändung des Friedhofes anlässlich der Reichspogromnacht 1938
- jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg
- Sechs Kuppenheimer Juden nach Dachau deportiert (Schutzhaft)
- Begräbnissitten der Juden
- Inschriften und Symbole der Grabsteine
- Julius Kahn (US-Kongressabgeordneter)
- Bernhard Kuppenheimer (B. Kuppenheimer Men’s Clothing)
- Louis Kuppenheim (Bijouterie)
- Schicksal der Familien Herz und Schlorch (Eisenwarenhandlung)
- Salomon Lehmann (Metzgermeister), Irrfahrt der St. Louis)
9. November 2025
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Die SA wütete in der Pogromnacht auch in Kuppenheim - Gedenken an Pogrom auf dem jüd. Friedhof
Zum Gedenken an die Reichspogromnacht in Kuppenheim 1938 kamen auf Einladung des AK Stolpersteine ca. 30 Interessierte trotz Regens zum jüdischen Friedhof. Heinz Wolf ging in seiner Einführung auf die Geschichte der Juden in Kuppenheim ein. Diese lebten von 1433 und bis 1940 in der „Knöpflestadt“ und wurden ein Bestandteil der Stadt. Ohne die jüdischen Viehhändler hätte es wohl keinen so respektablen Wochenmarkt im 18. Und 19. Jahrhundert in Kuppenheim gegeben. Juden betrieben Geschäfte und Handel. Sie waren Teil des gesellschaftlichen Lebens, waren in Vereinen (z.B. Musikverein) oder in der Feuerwehr.
Sie hatten ein gutes Verhältnis zu ihren christlichen Nachbarn. Die jüdische Minderheit, die in Kuppenheim lebte, wurde mit der Deportation nach Gurs 1940 ausgelöscht. Bereits der 10. November 1940 war für die Kuppenheimer Juden ein Höhepunkt der Ausgrenzung, die 18 Jahre andauerte.
Tatort Kuppenheim
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde das Leben der Juden auch in Kuppenheim von Jahr zu Jahr unerträglicher. Zunächst wurden sie gedemütigt, dann entrechtet, ihrer wirtschaftlichen Existenz entzogen oder zur Flucht gezwungen. Dann fielen SA-Männer aus Gaggenau an diesem Novembertag vor 87 Jahren in Kuppenheim ein, zündeten die Synagoge an, verwüsteten Wohnungen und Geschäfte der Juden.
Schändung des jüdischen Friedhofes
Darüber hinaus wüteten die SA-Schergen auch auf dem jüdischen Friedhof. Sie zündeten dort die Einsegnungshalle (Tahara) an, rissen um die einhundert Grabplatten aus den
Grabsteinen heraus und zertrümmerten diese. Besonders schändlich war die Zerstörung der Gedenktafel an die jüdischen Soldaten.
Julius Grünbaum,
Joseph Kahn,
Karl Dreifuß und
Ludwig Herz
starben im Kampf für Vaterland und Kaiser. Neun weitere Kuppenheimer Juden überlebten ihren Kriegseinsatz, mussten, um ihr Leben zu retten, zwanzig Jahre danach aus ihrer Heimat fliehen oder sie wurden im KZ ermordet.
Nach der Reichspogromnacht sechs jüdische Männer in Schutzhaft
Nach einem Zeitzeugenbericht nahm die Geheime Staatspolizei (Gestapo) noch vor der Brandschatzung der Synagoge und der Zerstörung jüdischer Geschäfte sechs jüdische Männer aus Kuppenheim in Schutzhaft:
Berthold Herz,
Heinrich Dreifuß,
Max Dreifuß,
Hermann Kahn,
Semi Schlorch und auch
Hermann Heinrich Valfer, der mit einer Kuppenheimer Jüdin verheiratet war.
„Spießrutenlauf“ für verschleppte Juden
Diese sechs Männer aus Kuppenheim wurden vom 10. zum 11. November 1938 über das Landesgefängnis Bruchsal und anschließend über Karlsruhe mit dem Zug in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Ein Spielmannszug befand sich an der Spitze des Zuges und es erklangen Lieder wie „Muss i denn zum Städele hinaus...“. Auf dem Wege zum Bahnhof wurden die Männer beschimpft, getreten und mit Steinen beworfen. Bei der Ankunft am Bahnhof wurden verschiedene Juden von der Menschenmenge misshandelt.
Schutzhaft: unmenschliche Behandlung für Kuppenheimer im KZ Dachau
Unter dem Begriff Schutzhaft nahmen Gestapo und Polizei jede ihnen unliebsame Person unter dem konstruierten Vorwand des Schutzes vor dem angeblichen Zorn des Volkes ohne richterliche Anordnung und unbefristet in Haft. Dort wurden die Betroffenen brutal verhört und anderen Strapazen ausgesetzt, wie z.B. Einzelhaft in kleinen Zellen ohne Fenster, in denen es außer einer Kloschüssel kein Mobiliar gab und permanent das Licht eingeschaltet blieb.
Dachau war eines der drei Konzentrationslager, nach denen die während des Novemberpogroms 1938 festgenommenen über 26.000 deutsche Juden (aus Süddeutschland, dem Rheinland und Österreich) verbracht wurden. In Dachau mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen verbringen. Es wurde ihnen der Kopf kahlgeschoren, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt, sie mussten bei Kälte stundenlang auf dem Exerzierplatz stehen und waren der für Juden besonders grausamen Willkür der SS-Wachmannschaften ausgeliefert.
Ludwig Marx aus Karlsruhe berichtet über dir Behandlung im KZ Dachau:
„In dieser Nacht vom 10. zum 11. November 1938, auf dem Weg ins KZ Dachau, konnten ich und die anderen 500 Juden, die sich in den Viehwaggons befanden, kein Auge schließen, unsere Gedanken weilten bei unseren Familien, und wir hatten eine Ahnung davon, was uns im KZ erwarten würde. In Dachau angekommen, standen in den Gleisen SS-Posten mit aufgepflanzten Bajonetten. Wir mussten in den Abteilen bleiben, und dann kamen die SS-Leute herein zur Begrüßung mit ihren Gewehrkolben und ihren Fäusten. Das Einkleiden dauerte den ganzen Tag, Stehen ohne Essen und Trinken. 300 Mann kamen anschließen in Baracken, in denen eigentlich höchstens 40 Menschen Platz hatten. In dieser leeren Baracke mussten wir auf dem Boden sitzen, jeder den Vordermann zwischen den Beinen, so dass man sich nicht hinlegen konnte. Die Luft wurde schlecht, man konnte kaum atmen oder sich bewegen. Während der Nacht durften wir die Baracke nicht verlassen, sonst wären wir erschossen worden."
Fünf Kuppenheimer Juden zurück nach Kuppenheim
Drei Wochen nach der Kristallnacht kehrten die verhafteten jüdischen Männer aus Kuppenheim schweigend zurück, man drohte ihnen beim Erzählen über ihre Erlebnisse weiteren Aufenthalt im Konzentrationslager an. Aber der alte Kavallerist Heinrich Dreyfuß fehlte.
Jeder musste eine Erklärung unterschreiben, dass er das Lager bei voller Gesundheit verlasse, keine Ansprüche an das Deutsche Reich stelle und so schnell wie möglich aus Deutschland auswandern werde. Den Häftlingen wurden die eigenen Kleider und Habseligkeiten ausgehändigt, dann mussten die vor ihrer Entlassung stehenden Gefangenen zum letzten Mal in Reih und Glied antreten.
Dabei belehrte ein SS-Offizier die Männer so: „Ich würde Euch raten, Deutschland so schnell als möglich zu verlassen. Wir wollen keine Juden in Deutschland, also hinaus mit Euch, so schnell ihr könnt! Aber eines will ich Euch sagen: Was Ihr hier gesehen habt, müsst ihr verschweigen, sonst holen wir Euch wieder und vielleicht auch noch eure Familien, und dann kommt Ihr nie mehr aus Dachau heraus.“
Heinrich Dreyfuß kämpfte für Kaiser und Vaterland – trotzdem wurde er ermordet
In Prittelbach beim KZ Dachau wurde Heinrich Dreyfuß schwer misshandelt und nach Aktenlage am 24. November 1938 erschossen. Er kämpfte für sein Vaterland Deutschland im 1. Weltkrieg und erhielt für seine Tapferkeit eine Auszeichnung. Darüber hinaus war er Mitglied im Arbeitergesangverein und wohl auch neben weiteren 17 Kuppenheimer Juden in der Freiwilligen Feuerwehr. Heinrich Dreyfuß lebte mit seiner Frau Juliane, geb. Löb aus Malsch, in der Friedrichstraße 72. Am 2. April 1937 musste Heinrich Dreyfuß sein Haus verkaufen und sein Manufakturgeschäft am 10. November 1938 aufgeben. Die Eheleute zogen in das „Judenhaus" in der Murgtalstraße 17. Die gemeinsame Tochter Erna konnte bereits 1933 in die USA auswandern, Ehefrau Juliane gelang dies erst am 06. März 1939 (über London nach San Francisco).
Wehret den Anfängen
Es ist ein großes Anliegen des Arbeitskreises, bei all seinen Aktionen (Stolpersteinlegungen und Stolpersteinreinigungen, Führungen, Lesungen und Konzerten) nicht nur an das Schicksal der Juden zu erinnern und ihrer zu gedenken, sondern auch auf den Schutz von Minderheiten aufmerksam zu machen, weil diese ein wichtiger Bestandteil unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft sind.
In Deutschland gibt es seit Jahren besorgniserregende Tendenzen, die an die 30er Jahre erinnern, als die Weimarer Demokratie systematisch bekämpft und schließlich zerstört wurde. Demokratie muss wehrhaft sein. Deshalb warnt der Arbeitskreis davor, rechte Gewalt zu unterschätzen und rechtsradikales Gedankentum zu verharmlosen. Insbesondere bei Veranstaltungen mit Schülern werden immer wieder die Worte von Esther Bejarano vom Auschwitz-Mädchenorchester (wie bei Lesungen des Arbeitskreises vorgetragen) zitiert: „Lasst euch von denen nicht über den Tisch ziehen".
November 2020
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SA-Sturm zerstörte jüdische Geschäfte
Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim erinnert an Reichspogromnacht /
Friedhof wurde geschändet
Kuppenheim (red) - Der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim will das Gedenken an die jüdischen Mitbürger der Stadt wachhalten. AK- Sprecher Heinz Wolf hat einen Beitrag über die Reichspogromnacht verfasst, bei der am 9. November 1938 im ganzen Deutschen Reich Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört wurden. In der Knöpflestadt brannte die Synagoge einen Tag später, am 10. November.
Es geschah vor aller Augen, mitten am Nachmittag: 60 bis 70 SA-Männer aus Gaggenau kamen im Lastwagen nach Kuppenheim und wurden vor dem Gasthaus „Sonne" abgeladen. Zum Gaggenauer SA- Sturm 3/111 zählten auch 20 bis 30 Kuppenheimer, die aber nur vereinzelt in ihrer Heimatstadt beim Pogrom mitgewirkt haben. Das Einsatzkommando durchsuchte jüdische Wohn- und Geschäftshäuser nach Waffen und Munition, wie Oskar Stiefvater im Heimatbuch des Landkreises von 1965 beschrieb. Es wurden Fußbodendielen herausgerissen (vermutlich auf der Suche nach Geld und Wertgegenständen), Spiegel zerschlagen und Wäsche aus den Fenstern geworfen. „Dabei wandten sie nach Aussagen mehrerer Zeugen auch körperliche Gewalt an, so wurde die alte Jüdin Dreyfuß gestoßen und getreten. Schräge wurden über die Tische gestürzt, Stuhlbeine zersplitterten an den Türen, die Scherben der Glasvitrinen und des Geschirrs bedeckten den Boden. Kleinmöbel flog mit den Fensterscheiben auf die Straße."
Dann brannte die Kuppenheimer Synagoge lichterloh. Nach den Aktionen in den jüdischen Wohnhäusern marschierten die SA-Leute zum jüdischen Friedhof und zündeten den Einsegnungsraum an, rissen Dutzende Grabplatten aus ihren Verankerungen und schlugen sie auf den Boden, bis sie zersprangen. Auch die Namenstafel auf dem Gedenkstein für die jüdischen Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg wurde zerstört. Wenn man bedenkt, dass die Juden ein Grab als Stätte der ewigen Ruhe betrachten, das nicht aufgelöst werden darf, war dieses Vorgehen besonders verletzend.
Einen Tag nach der Pogromnacht wurden in Kuppenheim sechs Juden verhaftet. Sie kamen mit einigen Hundert anderen mit dem Zug ins KZ Dachau. Etwa 50 Juden wurden dabei in Viehwaggons hineingetrieben und saßen zusammengepfercht auf dem Boden, ohne genügend Luft zu kriegen und ohne trinken zu können. Aus Kuppenheim wurden deportiert: Hermann Heinrich Dreyfuß, Berthold Herz, Semi Schlorch, Hermann Kahn, Max Dreyfuß und Heinrich Hermann Valfer.
Der Karlsruher Ludwig Marx berichtet in seinem 1963 erschienen Buch „Finstere Erinnerungen zur steten Mahnung an die Toleranz" über die Zustände in Dachau. Dort angekommen, „stürmten SS-Posten in den Zug, begrüßten die Ankömmlinge mit üblen Beschimpfungen, Fußtritten und Schlägen mit ihren Gewehrkolben und Fäusten.
Nach stundenlangem Anstehen zum Einkleiden wurden wir (jeweils 300 Mann) hungrig und durstig in Unterkünfte hineingetrieben, die etwa 40 Menschen beherbergen sollten. In diesen leeren Baracken mussten wir auf dem Boden sitzen, jeder den Vordermann zwischen den Beinen, sodass man sich nicht hinlegen konnte. Und wir hatten schrecklichen Durst, aber während der Nacht durften wir die Baracke nicht verlassen, sonst wären wir erschossen worden."
In Dachau wurde den Gefangenen der Kopf kahlgeschoren, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt und sie mussten bei Kälte stundenlang auf dem Exerzierplatz stehen und waren der Willkür der SS-Wachmannschaften ausgeliefert. Mindestens 40 der etwa 2 000 Häftlinge aus Baden und Württemberg fanden den Tod. Einige starben an Entbehrungen und Misshandlungen, andere wurden aus ungeklärten Gründen erschossen.
Nach etwa vier Wochen wurden die Kuppenheimer Häftlinge aus Dachau entlassen, weil sie den NS- Leuten versicherten, dass sie in kurzer Zeit auswandern würden. Fast einen ganzen Tag dauerte das Entlassungsverfahren. Jeder musste eine Erklärung unterschreiben, dass er das Lager bei voller Gesundheit verlasse und keine Ansprüche an das Deutsche Reich stelle.
Den Häftlingen wurden die eigenen Kleider und Habseligkeiten ausgehändigt, dann mussten sie zum letzten Mal in Reih und Glied antreten. Dabei belehrte ein SS- Offizier die Männer: „Ich würde Euch raten, Deutschland so schnell als möglich zu verlassen. Ihr wisst, wir können Euch nicht ausstehen, also hinaus mit Euch, so schnell ihr könnt! Aber eines will ich Euch sagen: Was Ihr hier gesehen habt, müsst ihr verschweigen, sonst holen wir Euch wieder, und dann kommt Ihr nie mehr aus Dachau heraus."
Die Bilanz: In vier Tagen wurden etwa 800 Juden ermordet, 400 davon in der Pogromnacht. Mehr als 1 400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume wurden zerstört, Tausende Geschäfte und Wohnungen demoliert, jüdische Friedhöfe geschändet.
Jeder jüdische Bürger mit mehr als 5.000 Reichsmark Vermögen musste in fünf Quartalen 25 Prozent als „Judenvermögensabgabe" an den Staat abgeben. Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages haben berechnet, dass die sogenannte „Judenvermögensabgabe" rund 1,13 Milliarden Reichsmark betrug, die vorwiegend 1938 und 1939 zu zahlen war. Nach heutiger Kaufkraft sind das etwa fünf Milliarden Euro.
Nicht eingerechnet hierbei sind die Kosten für Schäden an den Geschäften und Wohnhäusern, die die Juden darüber hinaus selbst aufbringen mussten. Auch die beschlagnahmten Wertgegenstände wie Gemälde, Schmuck, Uhren und so weiter sind hierbei nicht berücksichtigt.
Das Novemberpogrom hatte nicht nur für die einzelnen Betroffenen eine verheerende Wirkung. Auch für viele jüdischen Gemeinden hatte der Staatsterror die Insolvenz zur Folge. Auch die jüdische Gemeinde Kuppenheim war nicht mehr zahlungsfähig.
www.juedisches-kuppenheim.de
Der Gedenkstein für die gefallenen jüdischen Soldaten wurde 1938 geschändet. Josef Kahn, 1933 ausgewandert nach Chile, stiftete 1956 eine neue Platte. Foto: Wolf





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