• Stolpersteine_01
  • Rathaus
  • Friedrichstrasse
  • Friedhof
Stolpersteine_011 Rathaus2 Friedrichstrasse3 Friedhof4
Bitte beachten Sie, unsere nächste Veranstaltung. 
Lesung mit Musik 13 03 2019 klein

Stolpersteine Kuppenheim

 

Hier entstehen in Kürze neue Inhalte für die Website jüdisches Kuppenheim mit den Punkten:
Projekt Demnig

Hier wohnten
Entwicklung Stolpersteine


Stolpersteinlegungen ist aktiv

................................................................................................................................................................................................

 

 

Bewegende Rückkehr an den Ort der Kindheit

Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine im Gespräch mit Zeitzeugen / Annäherungen an Ingelore Herz

 

Kuppenheim (mak) - „Sie saß da und weinte, sie war emoti­onal total gerührt", erinnert sich Marlies Kickert an ihre Begegnung mit Ingelore Herz Honigstein im April 2008 im Kuppenheimer Friseurge­schäft „Figaro's". Im Februar 1940 war Ingelore Herz mit ihren Eltern in die USA emig­riert, nun war sie mit ihren beiden Söhnen an den Ort der Kindheit zurückgekehrt. Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine unterhielt sich mit Marlies Kickert über diese Begegnung. Am 29. April wird für Ingelore Herz ein Stolperstein verlegt.

Ingelore Herz wurde am 27. Oktober 1924 in Kuppenheim geboren, ihre Eltern waren Berthold und Amalie Herz, ge­borene Hamburger. Als sie sechs Jahre alt war, fiel ihrer Tante Cora auf, dass das Mäd­chen nicht hören konnte. Dar­aufhin wurde sie von einem Therapeuten behandelt, der ihr Wort für Wort beibrachte: „Mit zwölf Jahren hat sie den ersten Satz gesprochen", berichtet Heinz Wolf über Herz. Deren Sohn Frank Stiefel hat seinen Debütfilm als Regisseur über ihr Leben gedreht. Die Doku­mentation wurde auf zahlrei­chen Filmfestivals weltweit gezeigt, unter anderem im Jahr 2010 auf der Ber­linale.

Nach der Reichspogrom­nacht 1938 nahmen die Diskri­minierungen gegenüber Juden immer mehr zu, auch im länd­lichen Raum, wie Heinz Wolf bei zahlreichen Gesprächen er­fahren hat. In den vergangenen Jahren hat sich der Sprecher des Arbeitskreises Stolperstei­ne mit Kuppenheimer Zeitzeugen unterhalten, die meisten Gespräche wurden im Rahmen einer losen Serie im Badischen Tagblatt festgehalten. Die zu­nehmende Unterdrückung der jüdischen Mitbürger habe da­mals auch vor den Kindern nicht haltgemacht: „Teilweise wurden die Schüler sogar von den Lehrern angehalten, ihre jüdischen Mitschüler zu ver­prügeln, was auch vom Eltern­haus nicht gestoppt wurde", er­zählt Wolf. Ingelore Herz sei damals gehänselt worden, weil sie eine Jüdin und behindert war, dies sei auch im Film zur Sprache gekommen.

Sogar von ihren Lehrern angehalten, ihre jüdischen Mit­schüler zu verprügeln, was auch vom Elternhaus nicht ge­stoppt wurde", hat Wolf erfah­ren. Herz sei damals gehänselt worden, weil sie Jüdin und be­hindert war, dies sei auch im Film zur Sprache gekommen.

Doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Im Alter von 15 Jahren besuchte sie die Jüdische Schule für Taube am Wannsee und arbeitete zudem als Hausmädchen bei einer rei­chen Familie in Brandenburg, In der Nähe der Schule war eine Militärakademie, und als sie eines Abends zurück zur Schule wollte, wurde sie von zwei jungen Soldaten geschnappt und vergewaltigt.

Ingelore Herz wollte ihre Kindheit und Jugend in Deutschland vergessen und re­dete mit ihren Kindern nicht über diese Zeit. Doch als sie ein Seminar besuchte, das sich den Erfahrungen von Tauben während des Holocausts wid­mete, erzählte sie vor rund 500 Zuhörern, was ihr alles wider­fahren war. Am Ende habe nicht nur sie geweint, sondern der ganze Saal, wie im Florida Jewish Journal zu lesen ist. An­lässlich des Fort Lauderdale International Film Festivals, auf dem im November 2009 erstmals ihr Film gezeigt wur­de, berichtete die Zeitung über die einstige Kuppenheimerin.

Bis zu diesem Zeitpunkt wussten auch ihre beiden Söhne Frank und Lester nichts über die schlimmen Erlebnisse ihrer Mutter während der nati­onalsozialistischen Diktatur. Und so machte sie sich mit ih­nen in die alte Heimat auf.

Ihr Vater hätte die Eisenwa­renhandlung Herz & Schlorch in der Friedrichstraße betrie­ben, in dem Gebäude befindet sich heute das „Figaro's" von Thomas Krieg, dem Ehemann von Marlies Kickert. Sie war 1996 von Düsseldorf zu ihm nach Kuppenheim gezogen. Da sie früher bei der Lufthansa arbeitete und über ein gutes Englisch verfügt, habe ihr Mann sie zu der unerwarteten Besucherin gerufen: „Sie warzuvor auch im früheren Wohnhaus ihrer Eltern in der Murg­talstraße", berichtet Kickert. Auch durch diesen Besuch sei sie innerlich aufgewühlt gewe­sen.

Im Friseurgeschäft traf In­gelore Herz zufällig eine frühe­re Klassenkameradin, die sich gefreut habe, sie nach all den Jahren wieder zu sehen, „Die beiden hatten danach Briefkontakt, und auch ich habe im November Weihnachtsgrüße von ihr bekommen, das fand ich großartig", führt die 68-Jäh­rige weiter aus. Es entwickelte sich ebenfalls ein Briefkontakt.

Ingelore Herz, die mehrmals verheiratet war und zuletzt den Nachnamen Herz Honigstein trug, starb am 1. Juli 2012. Was bleibt ist die 40-minütige Dokumentation mit dem Titel „In­gelore": „The Film changed both of our Lives" (der Film änderte unser beider Leben), schreibt Frank Stiefel auf eine Anfrage des Badischen Tag­blatts. Der 69-Jährige erinnert sich in seiner E-Mail noch an eine Anekdote, die ihm seine Mutter über die Zeit in Kuppenheim erzählte: Ein Nachbar der Familie Herz habe sich nachts heimlich aus dem Haus geschlichen, um frische Eier vorbeizubringen, obwohl dies streng verboten gewesen sei.

Zur Verlegung des Stolper­steins für seine Mutter am 29. April kann Frank Stiefel nicht kommen, er habe davon bislang nichts gewusst, schreibt er.

 

Badisches Tagblatt BT, 02.03.2017, Markus Koch
Foto: Ingelore Herz mit ihrem Sohn Frank Stiefel auf einer Auf­nahme vom November 2009. Heinz Wolf und Marlies Kickert tauschen sich über das Leben von Ingelore Herz aus, die im Frühjahr 2008 Kuppenheim besuchte.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen