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Lesung mit Musik 13 03 2019 klein

Zeitzeugenberichte

 

Zeitzeugen im Überblick

 

  • Ingelore Honogstein, geb. Herz, berichtet über ihr Leben in Deutschland, März/April 2007, jüdische Gehörlosenzeitung, USA
  • „Juden haben selbstverständlich dazugehört“ – Heinz Wolf sammelt Erinnerungen von Zeitzeugen: Manfred Geck blickt auf jüdisches Leben in Kuppenheim zurück, (BT, 20. 04.2013)
  • Helmut Burkhard: "Juden waren integriert" – 87-Jähriger blickt auf ein gutes Miteinander, (BT, 15.06.2013)
  • „Fürs Feuermachen am Sabbat gab es Matze“ – German Hertweck erinnert sich an jüdische Nachbarsfamilie Kaufmann zurück, (BT, 13.08.2013)
  • Beim Anblick der Deportierten geweint – Margarete Ott beobachtet Abtransport jüdischer Kuppenheimer, (BT 21.06.2014)
  • Erinnerung an ein gutes Miteinander – Franz Eger über das Verhältnis zu jüdischen Kuppenheimern, (BT, 27.06.2014)
  • „Am Sabbat wurde nicht einmal ein Brief aufgemacht“ -- Luise Walz arbeitete im Haus des Viehhändlers Ludwig Kahn, (BT, 14. August 2014)
  • „Es ging laut zu, es gab Geschrei"  – Emilie Braunagel über Deportation von Kuppenheimer Juden,  (BT, 21.03.2015)
  • Ludwig Kahjn – Ungewöhnliche "Schrift)Weg – Zeitzeugengespräche mit Maria Walz, Dr. Manfred Geck und Interview mit Dr. ingo Stader SWR2 Stolpersteine zum Hören, 23. März 2015
  • Ludwig Sclorch - Rettung in letzter Sekunde – Zeitzeuigengespräche mit Maria Walz, Heinrich Westermann und Reguka Burkhard SWR 2 Stolpersteine zum Hören, 23. März 2015
  • Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine bei Zeitzeugin Marieluise Schumann – Jahrelanger Rechtsstreit mit jüdischen Nachkommen, (BT, 28.07.2015)
  • Bewegende Rückkehr an den Ort der Kindheit – Annäherungen an Ingelore Herz, (BT, 04.03.2017) 

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GEHÖRLOSE HOLOCAUST-ÜBERLEBENDE: Ingelore Herz Honigstein

Geboren in Kuppenheim, Eltern: Berthold und Amalie Herz, Friedrichstraße 86

Ich heiße Ingelore, aber viele Amerikaner können sich meinen Vornamen nicht merken, also bin ich als Lore bekannt. Mein Mädchenname war Herz, was auf Deutsch „das Herz“ bedeutet. Ich bin 1924 geboren und in Kuppenheim bei Baden-Baden im Schwarzwald in Deutschland aufgewachsen. Meine Eltern hießen Berthold und Amalie Herz. Ich habe mich nicht viel mit meiner Familie unterhalten können.

Tante Cora Hamburger entdeckt Ingelores Schwerhörigkeit

Alle meine deutschen Familienmitglieder konnten hören. Meine Tante Cora, die Schwester meiner Mutter, sagte mir, ihr fiel auf, als ich ein Jahr alt war, dass ich vielleicht taub sein könnte. Als der Arzt dies bestätigte, wollte meine Mutter das nicht akzeptieren. Ich habe keine Geschwister, weil meine Mutter Angst hatte, ein weiteres taubes Kind zu bekommen. Ich wurde zu Pflegeeltern geschickt. Mein Pflegevater war Sprachtherapeut. Er wollte, dass ich meine Stimme benutze, aber sie war wie gelähmt. Er hat mich eines Tages auf den Rücken geschlagen, und ich schrie. Auf diese Weise hat er meine Stimme zum Leben gebracht. Danach übten wir den Ton von JEDEM Buchstaben. Es war ein langwieriger Prozess, so wie wenn man wieder laufen lernen muss, nachdem man gelähmt war.

Kindheit in Kuppenheim

Ich wurde in eine Schule für Schwerhörige geschickt als ich sechs Jahre alt war. Später ging ich in eine Schule für Gehörlose. Ich war ein richtiger Wildfang, wollte immer draußen spielen und Abenteuer erleben. Meine Familie war eine rein jüdische Familie. Meine Kinder haben inzwischen katholische Frauen geheiratet. Sie sind sehr nett, und ich mag sie sehr. Als ich Kind war, gingen meine Eltern jeden Freitag in die Synagoge, aber ich konnte nicht verstehen, was dort gesagt wurde.

Wir waren sehr wohlhabend, aber als die Nazis zur Macht kamen, haben sie all unser Silber, die Pelze und Wertgegenstände genommen. Ich kann mich erinnern, wir mussten für Chanukka eine Menora aus einem Stück Holz machen. Als ich in Deutschland während der Nazizeit aufwuchs, habe ich Hitler, Himmler und Goebbels (der sehr klein war) in einer Autokolonne vorbeifahren sehen, Hunderte von Deutschen haben den Hitlergruß gezeigt. Ich habe es auch getan, aus Angst Schwierigkeiten zu bekommen. Das war 1932.

Auf der Schule für Schwerhörige in Heidelberg

Ich ging zu einer Schule für Gehörlose in Heidelberg. Ich war das einzige jüdische Kind und habe arg unter Spott und Schikanen meiner Klassenkameraden gelitten. Als ich mich über diese ungerechtfertigte Behandlung beim Schulleiter, Dr. Singer*, der auch wie die meisten Lehrer ein Nazi war, beschwerte, hat er mir keine Erklärung gegeben, sondern sagte, es wäre das Beste, wenn ich nach Hause geschickt würde.

Zurück in Kuppenheim – Familie von den Nazis beraubt

Also wurde ich im November 1938 nach der Reichskristallnacht mit dem Zug nach Hause geschickt. Vom Zug aus sah ich viele abgebrannte Synagogen und mit Nazischildern und Hakenkreuzen verunstaltete jüdische Geschäfte. Meiner Familie wurde schon vorher Silber, Pelzmäntel, Schmuck weggenommen, sie mussten einen Davidstern als Abzeichen tragen und unsere Ausweispapiere, die mit einem „J“ für Jude abgestempelt waren, immer bei sich haben. Als ich am Bahnhof in meinem Heimatort ankam, war niemand da, um mich zu empfangen. Ich musste mein Gepäck über eine lange Strecke nach Hause tragen. Als ich bei unserer sehr großen und schönen Villa ankam, war die Eingangstür mit zwei Holzstücken in X-Form verbarrikadiert. Ich rannte hinter das Haus und schlug gegen die Hintertür und rief nach meiner Mutter. Sie empfing mich und ließ mich ins Haus.

Vater (Eisenwarenhändler)nach Reichspogromnacht in Dachau

Sie sagte, mein Vater wurde nach Dachau, in ein Gefangenenlager, gebracht. Ich bin mir nicht sicher, wie die Freilassung meines Vaters „gekauft“ wurde, aber ich vermute die Person, die das Geschäft meines Vaters übernehmen wollte (wegen der Arisierung der deutschen Geschäfte) brauchte meinen Vater, um zu erfahren, wie der Großhandel funktioniert. Er kam nach Hause zurück in einer schwarz-weiß gestreiften Gefangenenuniform mit Mütze. Die Leute in unserem Ort begrüßten ihn, indem sie Steine nach ihm warfen. Meinem Vater gehörte das einzige Eisenwarengeschäft in der Umgebung und die Leute wollten es wegen der Waren.

In der Gehörlosenschule in Wannsee bei Berlin

In der Zwischenzeit hatte meine Tante Cora, die Lehrerin war, eine jüdische Schule für Gehörlose am Wannsee in Ostberlin für mich gefunden. Das war die „Israelitische Schule für Gehörlose“. Dr. Reich war der Schulleiter, aber er hatte die Schule verlassen, um einige gehörlose, jüdische Kinder nach London, England zu begleiten. Er wollte zurückkommen, um weitere Kinder zu holen, wurde aber durch den Kriegsausbruch an seiner Rückkehr aus  England gehindert. Ich ging dann 1939 in diese Schule, lernte Hebräisch, Hauswirtschaft und Schneiderin. Dr. Kahn war in Dr. Reichs Abwesenheit Schulleiter, es gab nur noch wenige Lehrer zu dieser Zeit.

Oktober 1939: Auf dem Schulweg von Nazi-Kadetten vergewaltigt

Ich war ungefähr 15 Jahre alt und wurde tagsüber zu einer reichen, jüdischen Familie als Kindermädchen geschickt. Das war eine Art Berufsausbildung. Ich kochte und machte sauber, das Haus war in Brandenburg. Jeden Tag musste ich vor der Ausgangssperre ab 20 Uhr zurück in der jüdischen Schule für Gehörlose sein. Das war manchmal sehr gefährlich, wenn die Straßenbahn Verspätung hatte. Eines Abends war ich nach der Sperrstunde auf dem Weg zurück zur Schule. Ich war sehr beunruhigt, besonders weil es eine Kaserne in direkter Schulnähe gab. Als ich mit gesenktem Kopf schnell die Straße hinunter lief, haben mich zwei junge Soldaten gepackt und in ihr Zimmer gezerrt. Diese zwei Nazis haben mich gezwungen, alle sexuellen Handlungen zu erdulden. Zu dieser Zeit wusste ich überhaupt nichts über Sex. Ich war mit meinem eigenen Blut beschmiert. Als sie fertig waren, haben sie mich aus der Tür geschubst, und ich rannte zur Schule. Ich klopfte und wollte hinein, aber als sie zur Tür kamen, haben sie mich abgewiesen, weil es nach der Sperrstunde war. Ich flehte sie an, mich anzuschauen, voll mit Blut und verletzt. Sie hatten Mitleid mit mir und machten das Licht aus damit keiner mitbekommt, wie sie mich hineinließen. Einer der Erzieher half mir beim Waschen. Ich konnte kaum laufen vor lauter Schmerzen. Das war im Oktober 1939.

VISA beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart

Im Dezember ging ich nach Hause in die Ferien. Vom amerikanischen Konsulat konnten wir Visa bekommen, weil mein Großonkel in Alabama lebte. Jeder hatte ein Visum, außer mir, weil ich taub war. Wir mussten zum amerikanischen Konsulat für Süddeutschland in Stuttgart gehen. Als sie mich aufriefen, durfte meine Mutter mich nicht begleiten. Ich hatte sehr Angst, alleine mit dem Mann zu sprechen. Ich musste mich umdrehen, sodass er prüfen konnte, ob ich ihn verstehe, ohne von den Lippen abzulesen. Gott hat mich in diesem Moment behütet. In einem Bild mit der amerikanischen Flagge konnte ich das Spiegelbild des Mannes sehen und ihn dadurch etwas verstehen. Ich erklärte ihm, ich wollte nach Amerika, um zur Schule zu gehen und Englisch zu studieren. Ich musste meinen Namen niederschreiben. Als er mich entlassen hatte, waren meine Eltern total verzweifelt aus Sorge um mich. Sie gingen auf und ab und waren ganz nervös.

Ich erzählte ihnen, dass der Konsul mir ein Papier zum unterschreiben gegeben hatte. Mein Vater sagte, „Du hast das Papier unterschrieben!“ Hurra! Hurra! Ich hatte die Bedeutung dieser Handlung nicht begriffen, bis ich die Freude in meines Vaters Gesicht sah.

Mit dem Zug nach Holland – gefilzt von den Nazis

Innerhalb von 24 Stunden mussten wir die notwendigsten Sachen und Wertgegenstände packen und in Rucksäcken und Koffern tragen. Wir mussten so viele wichtige, liebe und wertvolle Sachen zurücklassen.

Wir nahmen einen Zug nach Holland und die Nazis haben uns durchsucht. Ich hatte ein Goldarmband versteckt und in meine Schulterpolsterung eingenäht. Obwohl sie einen Metalldetektor benutzten, waren sie nicht in der Nähe meiner Schultern, und so wurden unsere Wertsachen nicht entdeckt. Danach haben sie unser ganzes Gepäck GRÜNDLICH durchsucht. Wir durften eine Nachricht an unseren Onkel und unsere Tante in Deutschland schreiben, in der wir darum baten, dass das von den Deutschen konfiszierte Geld und die Wertgegenstände zurück an sie geschickt werden sollte. Aber wir wussten die Nazis würden alles selber einstecken und nicht an unsere Verwandten zurückschicken.

Im Hotel in Rotterdam

Mein Großonkel arbeitete für ein Hotel in Rotterdam, Holland als Import- Exporthändler und brachte uns in das Hotel-Restaurant. Ich war so schockiert. Die Tische waren VOLLER Essen: es gab besonders frisches Obst, das in Deutschland wegen der Essensrationierung nicht mehr erhältlich war. Wir waren dann so erschöpft und schliefen sofort ein.

Atlantik-Überfahrt auf dem Schiff „Volledam 1“

Wir gingen auf das Schiff Volledam 1 und schliefen in den unteren Schiffsräumen. Vier Frauen in einem Zimmer und auf der anderen Seite waren vier Männer pro Zimmer. Es gab nur einen Ventilator an der Wand. Während wir durch den Ärmelkanal fuhren, waren wir sehr verängstigt, als wir die großen Wasserminen in Schiffsnähe sahen. Ich betete fortwährend, dass unser Schiff nicht in Kontakt mit den Minen käme. Ich stellte mir vor, sie von uns wegzublasen, wie der Wind. Wir wurden angewiesen, unsere Rettungswesten zu tragen. Als das Signal gegeben wurde, sie wieder abzulegen, weigerte ich mich sie auszuziehen. Da ich die einzige Gehörlose an Bord war, wollte ich etwas mehr Schutz. Als ich zum Essen hoch ging, stellte ich fest, dass die anderen Passagiere nicht mit hoch gingen. Sie waren alle seekrank und gestresst von den Ereignissen. Die Matrosen baten mich mit ihnen zu essen, und ich hatte viel Spaß, während es den anderen elendig ging. Als wir an der amerikanischen Küste ankamen, rief ich meine Mutter, sie solle hoch kommen. Sie war sehr seekrank gewesen.

Die Rettung: endlich in New York

Als die Freiheitsstatue in Sicht kam, haben ALLE zu weinen angefangen. Unsere Tränen waren bittersüß. Auf der einen Seite waren wir überglücklich in FREIHEIT zu sein, aber wir waren auch sehr besorgt. Wie sollten wir Arbeit und Wohnung finden?

Wir kamen am 22. Februar 1940 an, dem Geburtstag von George Washington.

Als unser Schiff in New Jersey andockte, wurde ich von meiner Familie getrennt, weil ich taub war. Ich fing an zu weinen, und mein Gesicht bekam rote Flecken. Sie dachten, ich hätte Windpocken und wollten mich nach Ellis Island in Quarantäne bringen. Zum Glück wurde mein Gesicht wieder normal, als ich mich beruhigt hatte, und sie ließen mich gegen 18.00 Uhr gehen.

Abtreibung durch deutschen Arzt

Sie erinnern sich, was mir passiert war mit den Nazisoldaten. Danach hatte ich monatelang keine Periode mehr. In Amerika war ein deutscher Arzt namens Dr. Vogel, der seine Praxis uns gegenüber hatte. Ich bat um ein Privatgespräch. Er willigte ein, und wir unterhielten uns über meine Erfahrungen in Deutschland. Er bat mich eine Urinprobe abzugeben, um den Schwangerschaftstest durchführen zu können. Er sagte mir dann, ich sei schwanger. Ich war ganz verblüfft, ich hatte zu dieser Zeit keine Ahnung, wie man schwanger wird. Als ich mit zehn Jahren meine Periode bekam, war die Antwort meiner Mutter ein Schlag ins Gesicht. Ich dachte, sie hätte dies getan, weil ich meine Kleidung verschmutzt hatte, aber später erfuhr ich, es war eine jüdische Tradition. Keiner hat mir erklärt, was die Menstruation bedeutet. Ich wusste nie wie man schwanger wird und als 15 Jähriger wurde mir gesagt, ich trüge ein Baby im Bauch, gezeugt von diesen Soldaten. Ich hatte nie Schwangerschaftssymptome, wie Übelkeit und ähnliches. Ich hatte etwas zugenommen und mein Busen wurde größer, aber das war alles.

Dr. Vogel erklärte, dass ich das Kind abtreiben oder behalten könnte. Ich sagte ihm, ich wollte nichts mit einem Kind zu tun haben, das aus dieser Nacht mit den Nazis entstanden war.  Ein Problem war, dass ich die Erlaubnis meiner Eltern brauchte, um eine Abtreibung zu bekommen. Ich erzählte dem Arzt, ich hätte Angst meine Eltern zu fragen, weil sie nicht wussten, was mir passiert war, als ich in der Schule war. Ich hatte ihnen nichts über diese Nacht erzählt. Ich erzählte, dass mein Vater mich gewöhnlich schlug. Ich hatte Angst wie die Eltern reagieren würden. Der Arzt sagte, er würde mich schützen und mit meinen Eltern reden. Natürlich waren sie geschockt und aufgeregt. Die Abtreibung wurde im Haus des Arztes in einem Hinterzimmer durchgeführt, seine Frau fingierte als Krankenschwester. Ich musste zwei Wochen im Bett bleiben. Eine Krankenschwester kam einmal täglich, um nach mir zu schauen. Zu dieser Zeit habe ich die Männer gehasst.

25-jährige Ehe mit Herbert Stiefel

Später traf ich meinen ersten Ehemann. Er war ein gehörloser Jude aus Deutschland, der im Oktober 1939 über London, England in die USA ging. Er war ein Maßschneider namens Herbert Stiefel. Wir waren 25 Jahre verheiratet bis er an Knochenmarkkrebs starb. Zuvor ging er mit meiner Kusine, die nicht taub war, aus, da sie beide aus Weinheim, Deutschland stammten. Ich fragte ihn, was er mit meiner Kusine unternähme, wenn sie ausgingen. Wohlgemerkt, der Altersunterschied zwischen mir und Herbert war ziemlich groß, ca. 10-15 Jahre. Auf meine Frage antwortete er, sie würden ins Theater oder zu Konzerte etc. gehen. Ich sagte: „Das ist gut für sie, aber was ist mit dir? Du bist taub. Du solltest mit jemandem sein, der wie du bist. Du solltest mit mir sein.“ Also fingen wir an, mittags zusammen auszugehen und verliebten uns Hals über Kopf. Wir waren 25 Jahre verheiratet bis er an Knochenmarkkrebs starb.

Dritte Ehe mit Paul Honigstein dauerte 28 Jahre

Ich heiratete ein zweites Mal, und dieser Mann starb plötzlich im Schlaf. Wir waren nur vier Jahre verheiratet.

Mein dritter Mann, Paul Honigstein, war 95 Jahre alt, als er starb, wir waren 28 Jahre verheiratet. Bevor ich Paul heiratete war ich einige Jahre Witwe.

Besuch in der Heimatstadt Kuppenheim

Ich habe Deutschland wieder besucht, aber es war eine schmerzliche Erfahrung zu sehen, wie der Friedhof meiner Urgroßeltern heruntergekommen war, trotz der Bemühungen meiner Tante Cora beim Bürgermeister der Stadt, der versicherte, dass alles gut gepflegt sein würde. Ich ging auch zum Wohnhaus meiner Kindheit, das vom Bürgermeister übernommen worden war. Ich fragte, ob ich ins Haus kommen dürfte, und sie luden mich ein. Als ich sah, dass das Esszimmer immer noch mit den Möbeln meiner Familie ausgestattet war, wurde ich von meinen Erinnerungen überwältigt. Sie hatten viele unserer Familienerbstücke behalten, als ob es ihre eigenen gewesen wären. Es hat mich sehr erschüttert, so habe ich mich schnell verabschiedet, ohne mich zu bedanken.

Ich habe meine Geschichte meinen Kindern am Passahfest erzählt, wie schön unsere Sederabende vor dem Krieg zu Hause in Deutschland waren. Wir hatten ein üppiges Mahl mit leckerer Matzeknödelsuppe und allen Beilagen. Die Matze wurde speziell von einer Firma bestellt und wurde in Kisten geliefert. Nach der Kristallnacht kam die Matze nicht mehr. Wir vermuteten, dass die Firmen, die die Matze produzierten, ihre Betriebe aufgeben mussten.

Wir konnten das Passahfest nicht traditionsgemäß feiern. Als wir in die USA kamen, trafen wir uns in unserer kleinen Wohnung mit dem wenigen was wir hatten, und wir waren froh, dass wir wieder Matze kaufen konnten.

Lebensgeschichte erstmals erzählt

Ich hatte meine Geschichte nie öffentlich erzählt, bis ich an einer Konferenz für gehörlose Juden teilnahm. Nach einer Podiumsdiskussion über den Holocaust und auf Bitte von Ruth Stern bin ich im Publikum aufgestanden und erzählte meine Geschichte. Ich hatte ziemlich Angst und starrte nur die Wand an, als alles aus mir heraus kam. Danach blieb kein Auge im Raum trocken.

 

*Viele nichtjüdische Kinder wurden zwangssterilisiert, als sie die Heidelberger Schule für Gehörlose unter Leitung von Dr. Singer besuchten. Siehe „Crying Hands“ (weinende Hände) von Horst Biesold für weitere Informationen.

 http://idea3.rit.edu/paddhd/deafww2/main/VIDEOS/NTID/IngeloreNTIDSummary.htm
Images by www.rit.edu/deafww2 site und Photo von Ingelores Sohn, Frank Stiefel

Übersetzt ins Deutsche von Angelika Decker, Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim, März 2017, Unterüberschriften vom AK eingefügt

Quelle.

http://www.jdcc.org/index.php?option=com_content&view=article&id=242:deaf-holocaust-survivor-ingelore-herz-honigstein&catid=121&Itemid=283

Ausgabe März/April 2007, Kategorie: Leitartikel

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„Juden haben selbstverständlich dazugehört


Heinz Wolf sammelt Erinnerungen von Zeitzeugen:
Manfred Geck blickt auf jüdisches Leben in Kuppenheim zurück

Kuppenheim (mak) - „Mich wundert es, dass es so lange gedauert hat, bis Zeitzeugen befragt werden - ich bin doch ein alter Kerl", sagt Dr. Man­fred Geck. Der 87-jährige Kuppenheimer hat sich mit Heinz Wolf zusammengesetzt, um diesem seine Erinnerun­gen an die jüdischen Einwoh­ner zu erzählen. Im Zusam­menhang mit der Verlegung der Stolpersteine im Herbst sammelt der SPD-Gemeinde­rat Geschichten über das Zu­sammenleben in der Stadt.

 

Genau genommen stimmt die Aussage von Geck nicht ganz, denn vor fünf Jahren hat er dem Badischen Tagblatt anlässlich des 70. Jahrestags der Reichspogromnacht seine Er­innerungen an den Synagogen­brand in der Knöpflestadt ge­schildert.

 

Für den Termin mit Heinz Wolf, dem Sprecher des Ar­beitskreises Stolpersteine, hat er in seinem Familienalbum gestöbert und einige Schwarz- Weiß-Aufnahmen zusammen­gestellt: „Die Aufnahme hier zeigt einen Ausflug von Kuppenheimer Geschäftsleuten im Jahr 1930 auf dem Rhein. Die Juden haben selbstverständlich dazugehört", berichtet er. Ebenso bei einem festen Ritual der Kuppenheimer Hautevolee am Sonntagnachmittag: Ein Spaziergang ins Schlosscafé Favorite. Mit von der Partie waren die jüdischen Familien Herz, Kahn und Schlorch: „Wir Kinder mussten in unse­rer Sonntagskleidung immer vorneweg rennen, damit die Mütter aufpassen konnten. Am Ende waren die Hosen dann aber dennoch dreckig", blickt Geck mit einem Lachen zu­rück.

 

Das Miteinander mit den jü­dischen Mitbürgern sei in Kup­penheim gut gewesen, an Kon­flikte oder Spannungen kann sich der 87-Jährige nicht erin­nern: „Es war ganz normal, dass deren Kinder samstags in ihre Synagoge gegangen sind und wir am Sonntag in die Kir­che." Die väterliche Wein­handlung S. Görig & Söhne in der Friedrichstraße lag direkt neben dem Haus von Vieh­händler Ludwig Kahn. Von zehn jüdischen Geschäftsleu­ten im Ort waren vier Vieh- und zwei Pferdehändler. „Ein Teil der Milch von den Kühen, die Kahn im Stall hatte, wurde an sozial schwache Familien verschenkt", kann sich der 87- Jährige noch gut erinnern. 

 

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte Metzger Salomon Lehmann sein Ge­schäft, in dem Familie Geck immer einkaufte. „Es gab keine Unterschiede zwischen uns und den Juden im Ort - bis zur Pogromnacht. In der Folge sind sie nach und nach auswandert.“ So auch Ludwig Kahn und seine Frau Amalie, die im Frühjahr 1939 Deutschland noch verlassen konnten. Deren Sohn war einige Jahre zuvor bereits in die USA geflüchtet und hatte alles für die Ausreise vorbereitet, blickt Geck zurück.     

 

Eines Tages dann, als er von der Schule zurückkam, stand ein großer Lkw-Anhänger mit einer Überseekiste aus Holz vor dem Hause Kahn. Ein SA-Mann mit Gewehr habe das Verladen der Möbel überwacht: „Das war ein Schock für mich, als ich das sah", so Geck. Verabschiedet habe er sich nicht mehr von seinen Nachbarn: „Die waren dann plötzlich weg." Als im Oktober 1940 die 16 noch verbliebenen Juden in der Frühe abgeholt und nach Gurs transportiert wurden, habe „keiner was mit­gekriegt", berichtet er.       

 

Heinz Wolf hat alles notiert, einige Fotos nimmt er mit, um sie am heimischen Computer einzuscannen. Auf seiner Liste stehen noch einige weitere Zeitzeugen, die er in den nächsten Wochen aufsuchen wird. Wer etwas über das jüdi­sche Leben in Kuppenheim berichten möchte, kann sich bei ihm unter (07225-75543) melden. Das Badische Tagblatt veröffentlicht in loser Folge weitere Erinnerungen von Zeitzeugen.

 

Badisches Tagblatt;20. April 2013, Markus Koch
Foto:Die Aufnahme von 1930 zeigt einen Ausflug der Kuppenheimer Hautevolee. 
Rheinfahrt 1930: Emil Göhrig (1. von li.),  Semi Schlorch (5. von li.),  Rosa Schlorch, geb. Herz (6. von li.), Max Geck (7. von li.),  Magda Geck geb. Göhrig (8. von li.),  Samuel Herz (11. von li.), Sara Herz, geb. Maier (12. von li.)
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Helmut Burkhard: „Juden waren integriert“

Heinz Wolf trifft Zeitzeuge:

87-Jähriger blickt auf ein gutes Miteinander


Kuppenheim (mak) - „Die Ju­den waren in Kuppenheim integriert. Wenn man sich bloß mal überlegt, wie viele jüdische Geschäfte es hier bei uns gegeben hat", sagt Hel­mut Burkhard. Der 87-Jährige erinnert sich aber auch daran, wie die Kuppenheimer jüdi­schen Glaubens „ihre" Stadt verließen und wie die Syna­goge am 10. November 1938 abbrannte. Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine hat sich Burkhards Erinnerungen notiert.

 

Der Kuppenheimer hat gleich zu Beginn des Ge­sprächs ein Beispiel parat, wie unkompliziert das Miteinander in der Stadt war: „Ludwig Schlorch ging zu mir auf die Schule, und wenn am Samstag die jüdischen Männer in der Synagoge zusammenkamen, dann mussten es immer min­destens sieben sein. Der Lehrer Oskar Stiefvater hat ihm dann freigegeben, damit er in die Sy­nagoge konnte, weil nur sechs Männer dort waren."

 

„Die gesamte Familie Schlorch wurde am 22. Okto­ber 1940 nach Gurs depor­tiert", zitiert Heinz Wolf aus Archivaufzeichnungen. Von dort wurden Ludwig Schlorchs Eltern Semi und Rosa Schlorch, geborene Herz, so­wie dessen Bruder Günter nach Auschwitz gebracht, wo sie ums Leben kamen. Seine Schwester Ilse überlebte Gurs, heiratete einen Franzosen und lebte nach dem Krieg in der Nähe von Lyon, so Wolf. „Ludwig Schlorch war ab März 1942 in einem französi­schen Kinderheim und wurde wie durch ein Wunder vor der Deportation nach Auschwitz gerettet. Im September 1942 kam er in eine Internatsschule nach Beaulieux sur Dordogne. Von seinem Onkel Berthold Herz wurde er 1946 nach New York geholt. Herz hatte vor der Auswanderung sein Haus in der Murgtalstraße verkauft", ergänzt Wolf.

  

Feuerwehr lässt Synagoge abbrennen

 

Eine Zäsur im guten und friedlichen Mitein­ander im Ort war der Synago­genbrand am 10. November 1938, an den sich Helmut Burkhard noch gut erinnern kann: „Ich war damals in der Bastelstunde in der Schule, als etwa gegen 15 Uhr schwarzer Rauch aufstieg. Unser Lehrer hat uns dann sausenlassen, weil wir so aufgeregt waren."

 

Er war damals zwölfeinhalb Jahre alt und sah, wie die Feu­erwehrleute die Nachbargebäude mit Wasser bespritzten und schützten, jedoch die Syn­agoge abbrennen ließen. „Die Hildastraße und die Löwen­gasse waren voll mit Leuten, wie das damals ebenso war, wenn es irgendwo gebrannt hat", erinnert sich Burkhard. Kommentare oder Äußerun­gen von den Umstehenden ha­be es nicht gegeben: „Schon wir Kinder wussten damals, dass man nichts sagen darf." 

 

Später habe er erfahren, dass SA-Leute aus Gaggenau die Synagoge in Brand gesteckt hatten. „Dieselben fuhren übrigens anschließend nach Malsch und zündeten dort die Synagoge an", ergänzt Heinz Wolf. Im Anschluss an die Aktion wurden einige Juden ver­haftet, unter ihnen Heinrich Dreyfuß. „Der Heiner hatte ein Geschäft für Bettwäsche gegenüber dem Gasthaus Löwen und war im Ort als Spaßvogel bekannt", erinnert sich Burk­hard. Sein Vater habe Heinrich Dreyfuß einmal gefragt, ob er denn nicht auch in die Verei­nigten Staaten auswandern wolle wie andere jüdische Kuppenheimer auch. Er habe dann geantwortet: „Ich warte, bis alle Juden weg sind und dann verkaufe ich die Synago­ge. Mit diesem Geld wandere ich nach Amerika aus."

 

Heinrich Dreyfuß wurde be­reits am 10. November 1938 ins Konzentrationslager Dach­au deportiert, wo er am 24. November 1942 starb. „Der Heiner war halt auf einmal weg. Ich wusste als Junge nicht, was mit ihm passierte", so Burkhard. Seine Frau Regu­la ergänzt: „Es herrschte auch teilweise im Ort die Meinung vor, dass die Juden in Arbeitslager müssen und später wie­der kommen." Dreyfuß soll laut Heinz Wolf einen Stolper­stein vor sein damaliges Wohnhaus in der Murgtalstraße 17 bekommen.

 

Diskriminierung jüdischer Einwohner

 

Bereits vor dem Synagogen­brand wurde den jüdischen Kuppenheimern das Leben er­schwert. Wie Burkhard sich erinnert, seien ab etwa 1937 Pla­kate mit der Aufschrift „Kauft nicht bei Juden" an jüdischen Geschäften angebracht wor­den. Auch vor der einen oder anderen Gaststätte sei mit einer Tafel deutlich gemacht wor­den: „Juden unerwünscht".

 

Der 87-Jährige begrüßt aus­drücklich die Aktion Stolper­steine, und dass mit ihr an die jüdischen Mitbürger erinnert wird: „Man darf nie vergessen."

 
Badisches Tagblatt, 15. Juni. 2013, Text BT-Redakteur Markus Koch
Foto: Helmut Burkhard (rechts) im Gespräch mit Heinz Wolf, der im Rahmen der Aktion Stolper­steine Zeitzeugen befragt. Foto: Vetter

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Fürs Feuermachen am Sabbat gab es Matzen

Heinz Wolf im Gespräch mit Zeitzeugen:
German Hertweck erinnert sich an jüdische Nachbarsfamilie Kaufmann zurück

 

Kuppenheim (mak) - Eine harmonische und gut gepfleg­te Nachbarschaft verband die Familien von Schneidermeis­ter Norbert Hertweck und Viehhändler Emil Kaufmann in der Kuppenheimer Fried­richstraße. Doch nach der nationalsozialistischen Machter­greifung änderten sich auch in der Knöpflestadt die Um­stände. Der 88-jährige Ger­man Hertweck denkt im Ge­spräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine gern an die einstigen Nach­barn zurück.

 

German Hertweck wuchs in der Friedrichstraße 112 auf, wo sein Vater die Schneiderei hat­te: „Zu unseren Kunden zählten auch etliche jüdische Geschäftsleute, unter anderem ein Bankdirektor aus Baden-Baden. Wenn er mit seinem Cab­riolet da war, durften wir Kin­der manchmal mitfahren, das war das Höchste der Gefühle", schwärmt er. Alfred Maier, ein weiterer jüdischer Kunde, habe ihm damals seine Skier ge­schenkt: „Die waren von sehr guter Qualität, ich hatte die bis in die 1950er Jahre in Ge­brauch.“ Mit der Nachbarsfamilie Kaufmann in der Friedrichstra­ße 91 habe man sich bestens verstanden: „Emil Kaufmann hat des Öfteren mit meinem Vater politisiert. Dieser hatte ein Radio, mit dem er BBC hö­ren konnte. Mitunter war Sparkassendirektor Richard Schmoll dabei, der ebenfalls regimekritisch war." Julie („Julchen") Kaufmann sei eine „herzensgute Frau" gewesen: „Am Sabbat hat sie mich manchmal darum gebeten, das Feuer anzuzünden und zu un­terhalten, manchmal ging ich auch einkaufen, weil Arbeiten für sie an diesem Tag ja verbo­ten war. Als Dankeschön gab es dann die heißbegehrten Matzen (ungesäuertes Passah­brot)."

 

Wie gut die Familien mitein­ander verbunden waren, macht auch der Umstand deutlich, dass man sich an Geburtstagen gegenseitig einlud. Und Familie Kaufmann war auch an Weih­nachten zu Besuch, einmal gab es für den kleinen German so­gar ein Dreirad, für damalige Zeiten ein wertvolles Ge­schenk. „Wenn die Nachbarsfamilie zu Besuch kam, kaufte meine Mutter zuvor extra bei Metzger Salomon Lehmann koschere Wurst ein." Der Metzgermeister sei eine „stattli­che und gepflegte Erschei­nung" gewesen, jovial und sehr freundlich, und habe sich je­den Nachmittag bei Friseur Oskar Weiler rasieren lassen: „Mein Vater hat immer gesagt, dass Salomon Lehmann der ehrlichste Mann in ganz Kuppenheim ist", berichtet der 88-Jährige.

 

Gut erinnern kann sich German Hertweck auch noch an den Synagogenbrand: „Ich habe die Sirene gehört und bin gleich runter gerannt, wo der Rauch war. Aus dem Synagogen- dach haben die Flammen geschlagen. Ich habe mich dann vorgedrängelt und gesehen, wie Männer das Ge­stühl zerkleinert und in der Mitte einen Scheiterhaufen gemacht hatten. Kuppenheimer  waren keine dabei, die haben sich zurückgehalten." Was ihn verwundert habe: Die Feuerwehrleute waren zwar vor Ort,  bekämpften aber den Brand nicht. Er habe dann gefragt, warum die nicht löschen und ein Mann habe barsch gesagt: „Du Rotzlöffel, halt deinen vorlauten Mund!" Ein Feuerwehrmann habe dann die Leute zurückgedrängt aufgrund der Einsturzgefahr.

 

In der Reichspogromnacht seien auch die Fensterscheiben der Eisenwarenhandlung von Semi Schlorch eingeschlagen und das Sortiment teilweise ge­plündert worden. „Ich habe mich damals gefragt, warum die Juden verfolgt werden. Die arbeiten, zahlen Steuern und haben im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft", so Hertweck weiter. Seine Eltern seien „entsetzt und. verbittert" darüber gewesen, wie die jüdi­schen Mitbürger behandelt wurden. Doch auch für die Einheimischen wehte ein an­derer Wind: „Ich bin damals je­de Woche in die katholische Jungschar gegangen, die von Kaplan Helmut Spangenberg geleitet wurde. Mitte der 1930- er Jahre kam dann der NSDAP-Ortsgruppenleiter in Begleitung eines Parteigenos­sen in die Jungscharstunde und untersagte unsere Treffen."
 

Nachdem Emil Kaufmann Anfang 1936 verstorben war, wanderten zuerst die Söhne Max und Friedrich in die USA aus, einige Monate später folg­te Julie Kaufmann: „Das war ein sehr bewegender und trä­nenreicher Abschied", blickt der ehemalige Rektor der Ra­statter Carl-Schurz-Schule zu­rück. „Die Aktion Stolperstei­ne finde ich gut, ich würde vor meinem Haus ohne Weiteres einen setzen lassen, damit man die jüdischen Mitbürger nicht vergisst", sagt er. 

  

Am 5. September werden in Kuppenheim zehn Stolperstei­ne verlegt, deren Inschrift be­reits feststeht, wie Heinz Wolf, Ansprechpartner des Arbeits­kreises, informiert. Dabei will es der Arbeitskreis aber nicht belassen: „Wir haben geplant, weitere Steine zu verlegen."

 

Badisches Tagblatt, 13. August 2013, Markus Koch
Foto: Heinz Wolf (links) im Gespräch mit German Hertweck. Begleitend zur Verlegung der Stolpersteine befragt er Zeitzeugen zum jüdischen Leben in Kuppenheim. Foto Koch

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Beim Anblick der Deportierten geweint


Heinz Wolf im Gespräch mit Zeitzeugen:

Margarete Ott beobachtet Abtransport jüdischer Kuppenheimer

 

Kuppenheim - Es war am Morgen des 22. Oktober 1940, als die 14 noch verbliebenen Kuppenheimer jüdischen Glaubens abgeholt und ins französische Lager Gurs transportiert wurden. Wie vie­le Einwohner die Aktion mit­bekommen haben, lässt sich heute nicht mehr sagen. Eini­ge haben das Ganze jedoch beobachtet, eine von ihnen ist Margarete Ott, die damals ein 13-jähriges Mädchen war. Im Gespräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolperstei­ne blickt sie zurück.

Das Bürgermeisteramt Kup­penheim hatte am 8. Juli 1940 eine Liste „über die hier wohn­haften polizeilich gemeldeten Juden" erstellt, so der damalige Wortlaut. Alle Bürgermeister­ämter im Landkreis Rastatt hatten bis Anfang Juli eine der­artige Liste ans Landratsamt vorzulegen. Das Verzeichnis war Grundlage für die Deportation, wie Stadt archivar Gerhard Linder in seinem Buch über die jüdische Gemeinde Kuppenheim schreibt. Das Verzeichnis listet 14 Namen auf, die meisten von ihnen waren über 50 Jahre alt. Die Jüngsten waren Günter Schlorch (20 Jahre) und Ilse Schlorch (18). Insgesamt wurden am 22. Oktober 1940 rund 6 500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in den noch unbesetzten Teil Frank-reichs deportiert. Der Kuppenheimer Hauptlehrer Oskar Stiefvater, der sich intensiv mit der Geschichte Kuppenheims befasst hat, wird in Linders Buch wie folgt zitiert: „Am 20. Oktober 1940 wurden die Kuppenheimer Juden zu der abseits stehenden Kuppen­heimer Turnhalle zusammengeholt. Fünfzig Kilogramm – Schachteln mit Bettzeug, Wolldecken, Leintücher und Mundvorrat für zwei Tage - schleppten sie mühsam durch die Straßen. Bei der Turnhalle wurden die Juden auf Lastwagen verladen."


Margarete Otts Elternhaus stand damals in der Johann-Schaeuble-Straße unweit der Turnhalle. Ihr Klassenlehrer, der im Haus wohnte, habe zu ihr gesagt, dass bei der Turn­halle etwas passiere. Rasch sei sie dorthin gelaufen: „Als ich gesehen habe, wie sie mit ihren Koffern auf den Pritschenwa­gen standen, habe ich geheult", berichtet die heute 87- Jährige. Es seien auch einige Kuppen­heimer herumgestanden, je­mand habe gesagt „ach Gott, was passiert bloß mit denen?"

An mehr kann sich Margare­te Ott allerdings nicht mehr er­innern. Noch gut im Gedächt­nis ist ihr Berthold Dreifuß, der an der Ecke Friedrichstraße/Schlossstraße gewohnt hat. Ihr Schulweg führte an seinem Haus vorbei und eine Zeitlang kaufte sie für ihn beim Bäcker ein: „Ich habe meinen Einkauf an der Haustür abgegeben und dafür ein Vesper bekommen, oft gab es Käsebrot."

Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine hört aufmerksam zu und macht fleißig Notizen. Er hat seit vergangenem Jahr mit bislang 15 Zeitzeugen ge­sprochen, um persönliche Er­innerungen an die Zeit der na­tionalsozialistischen Diktatur zu sammeln: „Drei von ihnen haben gesehen, wie die jüdi­schen Mitbürger aus ihren Häusern geholt wurden, woll­ten aber nicht mit der Presse darüber reden, Frau Ott ist die einzige", freut er sich.

 

Zum Thema: Neun Stolpersteine werden verlegt

Der Arbeitskreis Stolperstei­ne hat sich in seiner jüngsten Sitzung am Dienstag mit der Vereinsgründung befasst und mit der bevorstehenden Verle­gung der nächsten Stolperstei­ne am kommenden Mittwoch, 25. Juni, um 16 Uhr vor der Sparkassenfiliale in der Fried­richstraße 59. Der Verwal­tungsrat der Sparkasse Baden- Baden Gaggenau habe die Finanzierung der neun Stolper­steine vor der Geschäftsstelle Kuppenheim für die Familien David Kahn und Simon Kahn bewilligt, teilt der Arbeitskreis mit. Für Klara Kahn liegt be­reits ein Stolperstein.

Weitere Steine werden gelegt für die Eltern Simon Kahn und Ehefrau Stefanie Kahn. Zwei Steine für Klaras Schwestern Selma Kahn und Rosa Kahn sowie drei Steine für die Ge­schwister von Simon Kahn: Berta Dreifuß, Adolf Kahn und Nathan Kahn. Nathans Ehe­frau Hedwig Kahn, geborene Vollmer, und die gemeinsame Tochter Charlotte Kahn erhal­ten ebenfalls einen Stolper­stein.

 

Badisches Tagblatt, 21.06.2014, BT-Redakteur: Markus Koch
Foto: Margarete Ott blickt im Gespräch mit Heinz Wolf auf die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur zurück.

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Erinnerung an ein gutes Miteinander

Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine im Gespräch mit Zeitzeuge
Franz Eger über das Verhältnis zu jüdischen Kuppenheimern


Kuppenheim - Der Kölner Künstler Gunter Denrnig hat am Mittwoch neun Stolpersteine in Kuppenheim verlegt, darunter auch zwei für Selma und Rosa Kahn (siehe weite­ren Bericht auf dieser Seite). Franz Eger kann sich noch gut an die beiden erinnern, wohnte er doch unweit in der Murgtalstraße. Wo heute das Rathaus steht, war früher sein Elternhaus, Im Gespräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine blickt er auf das gute Miteinander mit den jüdischen Einwohnern zurück.


Franz Egers Eltern pflegten gute nachbarschaftliche Bezie­hungen zur Familie von Max Dreifuß. Als es ab Mitte der 1930er Jahre den jüdischen Einwohnern aufgrund der Re­pressalien finanziell nicht mehr so gut ging, brachte seine Mut­ter Elisabeth gelegentlich Brot, Milch oder Käse für Fanny Dreifuß - allerdings heimlich, denn sie hatte Angst davor, verraten zu werden, blickt Franz Eger zurück: „Meine El­tern hatten Landwirtschaft, wir hatten genug zu essen."


Der heute 88-Jährige hat ein sehr gutes Gedächtnis. Und so erin­nert er sich auch an den 22. Oktober 1940, als die letzten jüdischen Einwohner Kuppen­heims abtransportiert wurden. Fanny Dreifuß sei gerade mit einem Brot: vom Bäcker gekommen, als seine Mutter ihr begegnete. Ein Mann sei hin­zugetreten und habe zu Fanny Dreifuß gesagt: „Sie müssen sich fertigmachen, Sie werden geholt." Vor lauter Schreck ha­be sie ihr Brot fallen lassen, be­richtet Eger über den Vorfall, den ihm seine Mutter fassungs­los erzählt hatte. „Ich habe als Junge damals nicht gewusst. um was es da geht. Das habe ich erst nach dem Krieg erfah­ren."


Die zunehmende Ver­schlechterung der Lage für Ju­den machte sich auch in Kuppenheim bemerkbar. Egers Nachbar Max Dreifuß verkauf­te sein Haus, vermutlich um der Tochter Mathilde im No­vember 1936 die Auswande­rung nach New York zu finan­zieren, so Eger. Die zweite Tochter Ruth folgte ihr 1938.


Eger erinnert sich noch ger­ne daran, wie die Kinder früher bei den jüdischen Kuppen- heimern um Matze bettelten. „Wir haben überall gefragt auch überall etwas bekommen. Wir haben immer gewettet, wer den größten Berg an Matzen zusammentragen kann." Die (Matze ist ein dünner Brotfla­den aus ungesäuertem Teig und wird zum Passah-Fest gegessen. Ein weiteres Zeichen für das gute Miteinander war der Umstand, dass auch Chris­ten am Trauerzug für jüdische Kuppenheimer teilnahmen. Dieser machte immer am Brunnen in der Spitalstraße halt. „Ab dort ging nur noch der engste Familienkreis weiter zum Friedhof', berichtet Franz Eger. Die jüdischen Trauergäste hätten sich am Brunnen ritu­ell die Hände gewaschen.


Dem 88-Jährigen fällt beim Rückblick eine weitere Bege­benheit ein, die ihm Eugen Warth erzählt, hatte. Dieser war als Kriegsgefangener in New York. Dorthin war auch Karl Lehmann, Sohn des Metzgere Salomon Lehmann, ausgewan­dert. „Karl Lehmann hatte nachgefragt, ob unter den Kriegsgefangenen auch Kuppenheimer waren und dann hat er seinen ehemaligen Klas­senkameraden Eugen Warth besucht", berichtet Eger. „Leh­mann hatte sieh gefreut, ihn zu sehen und unterhielt sich nett mit ihm, obwohl er Deutsch­land hatte verlassen müssen."

Selma und Rosa Kahn, hat­ten ebenfalls vor Kriegsbeginn ihrer Heimat den Rücken ge­kehrt und waren nach London ausgewandert. „Beide haben in der Kofferfabrik Kiefer an der Murgbrücke gearbeitet. Selma war im Büro, Rosa in der Pro­duktion", blickt Franz Eger zu­rück. Deren Schwester Klara Kahn, die bereits bei der ersten Stolpersteinlegung in Kuppen­heim bedacht wurde, blieb al­lerdings in Deutschland und zog im September 1940 nach Bingen. Im März 1942 wurde sie dann nach Polen deportiert und dort, ermordet, wie Stadt­archivar Gerhard Linder in sei­nem Buch „Die jüdische Ge­meinde in Kuppenheim" schreibt.


Badisches Tagblatt, 27.06.2014, BT-Redakteur Markus Koch
Foto: Franz Eger (rechts) kann sich im Gespräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine noch sehr gut an die Ereignisse während der NS-Diktatur erinnern.

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Am Sabbat wurde nicht einmal ein Brief aufgemacht

Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine im Gespräch mit Zeitzeugin:

Luise Walz arbeitete im Haus des Viehhändlers Ludwig Kahn

 

Kuppenheim - Mit 16 Jahren arbeitete Luise Walz im Haushalt des Kuppenheimer Viehhändlers Ludwig Kahn. Im Gespräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolperstei­ne blickt die Kuppenheimerin, die jüngst ihren 100. Geburtstag feierte (wir berichte­ten), zurück auf eine Zeit, in der die jüdischen Mitbürger das Geschehen in der Stadt mitprägten.


Das Arbeitsamt vermittelte Luise Walz im Jahr 1930 die Stelle im Haushalt von Ludwig und Amalia Kahn, die in der Friedrichstraße 98 wohnten. Zu ihren Aufgaben gehörte ne­ben Putzen und Wäsche wa­schen auch das Kochen, wobei es hierbei einige Unterschiede zwischen jüdischen und christ­lichen Haushalten gab: „Ich habe mit Butter oder Öl ge­kocht, nicht mit Schweine­schmalz, wie das sonst im Ort üblich war." Des Weiteren sei­en von den Tieren nur Teile des vorderen Bereichs verwendet worden und keinesfalls des hinteren, der mit den koscheren Vorschriften nicht vereinbar war: „Da waren sie ganz streng." Abgesehen vom Essen, an dem sie als Haushälterin auch teilnahm, gab es noch den Sabbat als weitere Besonderheit in einer jüdischen Familie: „Samstagsvormittags ging es in die Synagoge, die Männer sind danach immer ins Gasthaus Engel zum Kartenspielen", berichtet Luise Walz.


Sie war die einzige, die am Sabbat arbeitete: „Kahns ha­ben nicht einmal einen Brief aufgemacht, wenn Post kam. Auch Feuer haben sie nicht an­gemacht, dafür hatten sie ja mich als Angestellte."


Die Geschäfte von Ludwig Kahn liefen nach Einschätzung von Luise Walz recht gut. „Er war immer viel mit dem Fahr­rad unterwegs zu seinen Kun­den." Die Kahns verfügten über einen gewissen Wohl­stand. so wie die anderen jüdi­schen Mitbürger auch: „Von denen ist keiner in eine Fabrik zum Arbeiten gegangen, die Kinder wurden alle auf die Schule geschickt", berichtet Luise Walz. Ludwig und Amalia Kahn hätten jedoch be­scheiden gelebt, im Garten wurde eigenes Gemüse angepflanzt. Die Arbeit im Garten teilte sie sich mit der Hausher­rin, und wenn mal Milchkühe vor dem Weiterkauf im Stall untergebracht waren, dann 5 musste Luise Walz auch melken. Ihre Arbeitswoche hatte 5 sieben Tage, gelegentlich gab es - einen freien Tag. Der Monats­lohn betrug damals 20 Reichs­mark, ein gutes Paar Schuhe kostete zwölf.


Das Miteinander in Kuppen­heim sei gut gewesen, kann sich die 100-Jährige noch gut erinnern. Doch im Verlauf der 1930er-Jahre trübte sich dieses ein, man habe immer weniger Kontakt zu den jüdischen Kuppenheimern gehabt. Was mit ihnen passierte, als sie im Oktober 1940 abgeholt und ins französische Lager Gurs transportiert wurden, habe man er­fahren- „Es hat sich aber keiner getraut, öffentlich darüber zu sprechen."


Der Arbeitskreis Stolperstei­ne in Kuppenheim hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ge­schichte der jüdischen Mitbür­ger weiter aufzuarbeiten. In diesem Zusammenhang findet am 7. Oktober ein Abend mit einem Zeitzeugen statt, der Gurs überlebt hat und nun in den USA wohnt. Wolf plant bereits den Termin für die drit­te Stolpersteinlegung in Kup­penheim mit Gunter Demnig: „Wir haben eine Zusage für Fe­bruar 2015, ein genaues Datum steht noch nicht fest."


Badisches Tagblatt, 14. August 2014, BT-Redakteur Markus Koch
Foto: Heinz Wolf und Luise Walz blicken im Gespräch auf eine Zeit, in der jüdische Mitbürger im Stadtbild völlig selbstverständlich waren.

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„Es ging laut zu, es gab Geschrei"

Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine im Gespräch mit Zeitzeugen:

Emilie Braunagel über Deportation von Kuppenheimer Juden 

Kuppenheim - Die 93-jährige Kuppenheimerin Emilie Braunagel hat ein gutes Ge­dächtnis. „Es ist, als ob es ges­tern gewesen wäre", blickt sie auf die Deportation der letz­ten Kuppenheimer Juden im Oktober 1940 zurück. Heinz Wolf, Sprecher des Arbeits­kreises Stolpersteine, hält ihre Erinnerungen fest.

Ein gutes Miteinander habe das Verhältnis zwischen jüdi­schen und nicht-jüdischen Ein­wohnern geprägt, berichtet Emilie Braunagel. Mit ihrer jü­dischen Klassenkameradin Ruth Dreyfuß habe sie genauso gespielt und herumgeräubert wie mit den anderen Kindern auch: „Da hat es nichts gege­ben." Mit Familie Dreyfuß, die ein Stoffgeschäft in der Murgtalstraße/Ecke Viktoriastraße führte, hatte sie häufiger Kon­takt. Wenn Emilie Braunagel samstags in die Schule ging, wurde bei den jüdischen Mit­bürgern Sabbat gefeiert. Dann legte sie für Frau Dreyfuß Holz in den Ofen, da jegliche Form von Arbeit an diesem Tag für gläubige Juden verboten ist: „Als Dank hat es dann immer Matzen gegeben, die waren zwar geschmacklos, aber den­noch gut. Ich habe auch wel­che für meine Brüder mit nach Hause genommen, die waren ganz wild drauf', blickt sie zu­rück.

Die jüdischen Kuppen­heimer, die in erster Linie Händler und Geschäftsleute waren, hatten es zu einem ge­wissen Wohlstand gebracht. Neid oder Missgunst habe es aber im Ort nicht gegeben, ur­teilt die 93-Jährige. Die jüdi­schen Mitbürger seien freigebig gewesen: „Der Metzger Salomon hatte für alle Kinder immer ein Stückchen Wurst."

Und als ihr Bruder Willi Zäpfel einmal eine Lungenent­zündung hatte, besorgte sich ihre Mutter Gänseschmalz von der jüdischen Familie Kauf­mann in der Friedrichstraße. Das erwärmte Schmalz packte sie in Wickel, Willi wurde wie­der gesund. „Juden hatten da­mals eher Gänse, ansonsten gab es vornehmlich Hühner", ergänzt Heinz Wolf.

Etwas Besonderes waren die jüdischen Beerdigungen. Beim Brunnen in der Spitalstraße legte der Trauerzug einen Stopp ein. Dort wuschen sich die jüdischen Kuppenheimer, etliche warfen Münzen in den Brunnen: „Nachher kamen dann Buben und haben das Kleingeld rausgeholt", erinnert sich Emilie Braunagel. Ein­drücklich sei auch Rabbiner Grünbaum gewesen: „Ein schlanker Mann mit einem ganz langen Bart, der immer freundlich war."

Doch die Zeiten des selbst­verständlichen Miteinander sollten sich ändern. Zunächst bekam die Kuppenheimerin mit, dass jüngere jüdische Fa­milien nach Amerika auswan­derten. Was der Anlass dafür war, habe sie als junges Mäd­chen nicht gewusst. Ein Ein­schnitt im Zusammenleben war der Synagogenbrand im November 1938. Emilie Brau­nagel hat den Brand selbst nicht gesehen, darüber geredet wurde kaum: „Man ist da schon ein bisschen vorsichtig gewesen. Mein Vater war ge­gen die Partei und er sagte, dass man kuschen muss."

Knapp zwei Jahre später wurden dann die letzten noch verbliebenen Kuppenheimer Juden in den Morgenstunden deportiert: „Ich habe einen Lastwagen in der Ortsmitte ge­sehen, auf dem jüdische Fami­lien waren. Es ging laut zu, es gab Geschrei", erinnert sich die 93-Jährige. Zuhause sagten ih­re Eltern: „Die werden alle vergast." Bis heute versteht Emilie Braunagel nicht, wie es so weit kommen konnte. Sie wirkt be­drückt, als sie sich das Bild mit den Deportierten in Erinne­rung ruft. Weder während der nationalsozialistischen Dikta­tur noch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei über dieses Thema gesprochen wor­den.

Ruth Anna Dreyfuß, die am 15. Juni 1921 in Kuppenheim geboren wurde, lebte in der Murgtalstraße 2. Am 8. Dezember 1938 wanderte sie nach Amerika aus. Ihr Vater Max Dreyfuß wurde nach dem Synagogenbrand am 10. November 1938 für drei Wochen im KZ Dachau in sogenannte Schutzhaft genommen. Ge­meinsam mit seiner Ehefrau Fanny wurde er am 22. Okto­ber 1940 nach Gurs deportiert. Beide überlebten das Lager und zogen zu den Töchtern Mathilde (Emigration am 16. November 1936 nach New York) und Ruth Anna.

In der Murgtalstraße 2 liegt bereits ein Stolperstein für die Großmutter von Ruth Anna Dreyfuß, Marie Dreyfuß. Diese wurde ebenfalls nach Gurs de­portiert und kam von dort nach Auschwitz, wo sie höchstwahrscheinlich vergast wurde. In der Murgtalstraße 2 sollen in den kommenden Jah­ren sieben weitere Stolperstei­ne verlegt werden, so Wolf.

Badisches Tagblatt, 21. MÄRZ 2015, Markus Koch
Emilie Braunagel hat auch mit 93 Jahren noch ein gutes Gedächtnis und blickt im Gespräch mit Heinz Wolf auf die 1930er Jahre in Kuppenheim zurück. Foto: Koch

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Ludwig Kahn aus Kuppenheimer im SWR2-Projekt „Stolpersteine zum Hören“


Luise Walz, und Dr. Manfred Geck als Zeitzeugen in der Sendung

Ludwig Kahn: Ungewöhnliche (Schrift)Wege - Stolperstein in der Friedrichstr. 98

 

Von den 16 Kuppenheimer Juden, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs abtransportiert werden, überleben nur drei. Ludwig Kahn ist einer von ihnen. Er wird zeitlebens Heimweh nach Kuppenheim haben. 

 

Als Ludwig Kahn am 22. Oktober 1940 in Kuppenheim zusammen mit 15 anderen Juden auf einen Lastwagen klettern musste, da war er bereits 66 Jahre alt. Außer seinem Leben hatte er da schon praktisch alles verloren. Seine Frau Amalie war ein Jahr zuvor gestorben, nach 38 Jahren Ehe. Drei Kinder hatten sie bekommen — alle drei starben kurz nach der Geburt. Man hatte ihn seiner Bürgerrechte beraubt. Sein Geschäft als Viehhändler hatte er verloren. Und nun nahmen sie ihm auch noch die Heimat.

 

Ein geachteter Händler

 

Bevor die Nazis kamen, war er ein hoch geachteter Geschäftsmann gewesen. Unermüdlich war er mit seinem Fahrrad in die umliegenden Dörfer gefahren.Obwohl schon im hundert- sten Lebensjahr, erinnert sich Luise Walz noch lebhaft an ihre Zeit bei Familie Kahn.

So erzählt es Luise Walz, die heute hundert Jahre alt ist. Als 15-jährige war sie zu den Kahns als Haushälterin gekommen. Ihre eigene Mutter war gestorben, umso dankbarer empfand sie: "Die Frau hat für mich gesorgt wie eine Mutter." Und sie sieht Ludwig Kahn noch vor sich. Wie er morgens mit dem Fahrrad losradelt. Und meistens erst am späten Nachmittag wieder heimkehrt. Von den Bauern der umliegenden Ortschaften. Er kaufte und verkaufte — Pferde und Kühe. "Wenn Sabbat war", erzählt Luise Walz, "ha ja, den haben die Kahns genau eingehalten. Die haben den Feiertag wirklich geheiligt. Er hat dann noch nicht einmal einen Brief aufgerissen."

 

Und auch Manfred Geck, der einstige Nachbarsjunge, heute hoch in den Achtzi- gern, erinnert sich. Amalie Kahn sei "eine Seele von Mensch" gewesen. Und er habe mit seinen Freunden am Sabbat von den Kahns immer das ungesäuerte Mazzenbrot bekom- men. "Hat nach nichts geschmeckt, aber wir Kinder haben uns das immer geholt.

 

Geächtet und deportiert

 

Am 22. Oktober 1940 werden mehr als 6.000 pfälzische und badische Juden abtrans- portiert. Sie klopfen auch bei Ludwig Kahn. Los, los! Beeilung! Eine Stunde hast du Zeit. 50 Kilo Gepäck, hundert Reichsmark – mehr sind nicht erlaubt. Am Platz vor der Turnhalle geht es los. Von den 16 Juden, die in jenen Oktobertagen in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen deportiert werden, überleben nur drei. Darunter Ludwig Kahn. Die meisten sterben in den ersten Wochen an den schrecklichen Entbehrungen oder werden später nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

 

Stolpersteine zum Hören in SWR2 Das Projekt

 

SWR2 ging in einem großen Hörfunkprojekt im Zeitraum 8. November 2013 bis 8. Mai 2015 im gesamten Sendegebiet einzelnen Lebensgeschichten nach, die sich zwischen Geburts- und Todesdatum auf verlegten Stolpersteinen verbergen. Durch Gespräche mit überlebenden Familienmitgliedern, Briefe und Tagebucheinträge wurden Fragmente der Biografien hörbar. Im Internet können die akustischen Stolpersteine auch nach Projekt- ende noch nachgehört werden. Dokumente, Fotos und Videos ergänzen die akustischen Stolpersteine.

 

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist"

 

Der Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine an Orten, an denen Opfer der NS-Zeit gelebt haben. Auf den 10 x 10 cm großen Gedenksteinen sind ihre Lebensdaten ein- graviert. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", zitiert der Künstler Gunter Demnig, der Erfinder der "Stolpersteine", den Talmud. Diesen Gedanken greifen die Stolpersteine zum Hören in SWR2 auf.

 

SWR2 Stolpersteine im Radio

 

Über einen Zeitraum von anderthalb Jahren wurden die ein- bis dreiminütigen Stolperstei- ne zu unterschiedlichen Tageszeiten in SWR2 gesendet. Sie machten individuelle Lebens- geschichten von Verfolgten des NS-Regimes, die im Sendegebiet gewohnt haben, hörbar. Das Gerüst bildeten jeweils die rudimentären Lebensdaten, die auf den verlegten Stolpersteinen eingraviert sind. Durch Briefauszüge, Tagebucheinträge und Interviews mit Zeitzeugen entstanden biografische Collagen, die den Charakter von Erinnerungssplittern haben: Sie erzählen von Einzelschicksalen, werfen darüber hinaus aber auch einen Blick auf das persönliche und historische Umfeld – auf den Alltag im Südwesten vor und während des NS-Regimes, auf die Auslöschung ganzer Familien oder auf den schweren Neubeginn in einem fremden Land.

 

SWR2 Stolpersteine im Internet

 

Auf der Website von SWR2.de können die Stolpersteine auch nach Projektende jederzeit an- und nachgehört werden, aufbereitet mit weiterem Archivmaterial zu den einzelnen Schicksalen: Persönliche Dokumente, akustische Fotoalben und Videos ergänzen diese Lebensgeschichten. Über einen Zeitraum von anderthalb Jahren entstand so ein großes Audio-Archiv mit Stolpersteinen aus dem gesamten SWR Sendegebiet – auch im Austausch mit den Hörern und Usern, die aufgerufen wurden, Dokumente beizusteuern und Anre- gungen zu geben.

 

SWR2 Stolpersteine für die mobile Nutzung

 

Eine App für mobile Endgeräte erlaubt es außerdem, vor Ort die akustischen Stolpersteine und weitere zwei Schicksale Kuppenheimer Juden in der Sendung  SWR 2 „Stolpersteine zum Hören“ Informationen abzurufen und zeigt eine Route zu weiteren Gedenksteinen an.

 

Eine Idee von Angelika Schindler, Johannes Weiß und Katrin Zipse

 

Johannes Weiß, swr2, 23.03.2015, Info/ http://www.swr.de/swr2/stolpersteine

 

Siehe Mediathek:
http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/ludwig-kahn-kuppenheim

 

Text vorgelesen:
http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/bildergalerie

 


Anmerkung:

 

Der AK Stolpersteine Kuppenheim lieferte Dr. Johannes Weiss (swr2) die wesentlichen Mate- rialien und Adressen zur Sendung über Ludwig Kahn. Der AK Stolpersteine dankt dem swr2 für den gelungenen Beitrag am 23. März 2015.

 

Auch zum Vortrag von Dr. Ingo Stader über den Briefwechsel zwischen Ludwig Kahn und der Sparkasse Kuppenheim lieferte der AK Stolpersteine wichtige Informationen. Leider war es Dr. Stader im Rahmen seines Vortrags (am 28.10.10.2013) zum ThemaZynische Gesetze peinlich befolgt - Kuppenheimer Juden und ihre Geschäftskorrespondenz mit der Sparkasse“ verwehrt, auf den zu diesem Zeitpunkt bereits verlegten Stolperstein für Ludwig Kahn in der Friedrichstraße 98 hinzuweisen.

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Zeitzeugenbericht der Schulkameraden Maria Walz, Heinrich Westermann und Regula Burckhard und MarieLuise Schumann

Kuppenheim Ludwig Schlorch: Rettung in letzter Sekunde

                                                                                                                                 

Stolperstein in der Friedrichstraße 86

 

(Sendung 23. März 2015, www.swr.de/swr2/stolpersteine)

 

Als er erfährt, dass die Synagoge brennt, sitzt er in der Schulbank. Und bricht in Tränen aus. Es soll sein letzter Schultag sein, denn als Jude darf Ludwig Schlorch die Volksschule nicht mehr besuchen

 

Kurzbiografie Ludwig Schlorch:

 

Zu fünft waren sie in der Familie Schlorch. Vater Semi, Mutter Rosa und die drei Kinder Günther, Ilse, und Ludwig, der Jüngste.

 

Ausflug Kuppenheimer Geschäftsleute an den Rhein, mit den Eltern von Ludwig, Semi und Rosa Schlorch (5. und 6. von links).

 

Der Vater hatte einen Eisenwarenhandel. Als die Nazis kamen, musste er das Geschäft verkaufen. Max Franke übernahm den Laden. Seine Tochter Marie Luise Schumann erzählt, ihr Vater habe dieses Geschäft zwar übernommen. "Er hat aber einen Brief an die damalige Verwaltung geschrieben, er müsse sich da erst einarbeiten und bitte, den Semi Schlorch als Angestellten behalten zu dürfen."

 

Im eigenen Laden nur geduldet

 

Zunächst wurde das auch genehmigt. Semi Schlorch durfte in seinem ehemaligen Geschäft weiterarbeiten, wurde dafür von Max Franke auch bezahlt. Doch dann wurde die Geneh- migung wieder zurückgenommen.

 

Die Schlorchs hatten versäumt, ihrer Heimat rechtzeitig den Rücken zu kehren. Die meisten der Kuppenheimer Juden waren nach dem Machtantritt der Nazis ins Ausland gegangen. Die Situation der Familie Schlorch, die geblieben war, wurde immer aussichts- loser. Was das für die Kinder bedeutete, zeigt das Schicksal des jüngsten Sohnes Ludwig.

 

Schulverbot

 

Bis zum November 1938 konnte er wenigstens noch in die Volksschule gehen. Aber dann kam der Tag nach der Pogromnacht. Drei der damaligen Klassenkameraden leben noch heute in Kuppenheim: Regula Burkhard, Maria Walz und Heinrich Westermann. Zehn Jahre alt waren sie damals, als plötzlich einer der Lehrer kam und rief: Die Synagoge brennt!

 

Die drei erinnern sich, dass Ludwig Schlorch in diesem Moment angefangen habe zu weinen. Die meisten Schüler rennen zur brennenden Synagoge. Es gibt ein Foto davon. Währenddessen sitzt Ludwig Schlorch schluchzend im Klassenzimmer – und wird von seinem Lehrer getröstet. Er schickt den Jungen nach Hause. Und Heinrich Westermann sagt heute: "Ich habe mich schon oft gefragt, warum wir den Ludwig nicht begleitet haben. Aber wir waren Kinder von zehn Jahren."

 

Ludwig darf fortan nicht mehr in die Schule. Das verstehen die Mitschüler nicht. Einer von ihnen geht heimlich zu Ludwig und bringt ihm die Hausaufgaben. Bis das schließlich einer der örtlichen NS-Funktionäre spitzkriegt und dem Schüler verbietet, den Judenjungen künftig zu besuchen.

 

Deportation nach Gurs

 

Dann kam der 22. Oktober 1940. Damals lebten in Kuppenheim nur noch 16 Juden, darunter die fünfköpfige Familie Schlorch. Man gab ihr eine Stunde Zeit zum Packen. Was sollte man auf solch eine Reise ins Ungewisse mitnehmen? Das Meiste musste ohnehin zu Hause bleiben. Sie wurden gezwungen, zum Platz vor der Turnhalle zu gehen. Dann mussten alle auf einen Lastwagen klettern, der sie zur nächsten Bahnstation brachte. Von dort ging es nach Gurs, in das berüchtigte Lager am Fuße der Pyrenäen. Mehr als 6.000 pfälzische und badische Juden wurden an diesem Tag abtransportiert.

 

Viele starben in den ersten Wochen an den schrecklichen Entbehrungen, viele wurden spä- ter nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

 

"Kind, bleib' lieber da"

 

Als die Familie Schlorch in Kuppenheim auf den Lastwagen klettern musste, war die kleine Nachbarstochter Marie Luise dabei. Das hatte ihr jedenfalls ihre Mutter später erzählt. Marie Luise, die später lange Jahre Lehrerin in Kuppenheim war, hatte die Familie Schlorch offenbar gemeinsam mit ihrer Mutter zum Sammelplatz begleitet. Rosa Schlorch hatte ihr eine Puppe geschenkt, das Kind mochte sie. Deshalb stand sie vor dem Lastwagen und rief: "Ich will mit, ich will mit!" Und Rosa Schlorch habe geantwortet: "Kind, bleib' lieber da."

 

Schnäppchenjagd

 

Nachdem alle Juden weg waren, sammelte man ihr Hab und Gut und brachte es in die Turnhalle. Die Kuppenheimer waren aufgefordert, die Sachen zu ersteigern. Ein Angebot, das mancher nur allzu bereitwillig annahm. Es kam zu haarsträubenden Szenen. Kurz nach dem Abtransport der Juden sah man eine junge Frau in einem Kleid von Ilse Schlorch durch die Stadt spazieren. "Man sah das genau", sagt Maria Walz, "denn man kannte ja das Kleid und wusste, wem es vorher gehört hatte."

 

Ein Mann mit einer Rot-Kreuz-Armbinde breitete die Arme aus

 

Die Eltern Schlorch, Semi und Rosa, wurden später in Auschwitz ermordet. Ebenso ihr Sohn Günther. Nur Ilse und Ludwig Schlorch überlebten. Ilse Schlorch gelang es in Frank- reich, von einem Lastwagen zu springen und sich in Sicherheit zu bringen. "Das hat sie später bei Besuchen in Kuppenheim selbst erzählt", berichtet Marie Luise Schumann, gebo- rene Franke.

 

Dass auch Ludwig Schlorch überlebte, war einer wundersamen Begebenheit zu verdanken. Längere Zeit war er in der Obhut des jüdischen Kinderhilfswerks OSE gewesen und wurde in einem von der Organisation unterhaltenem Kinderheim, im Château de Montintin, süd- lich von Limoges, untergebracht. Dann sollte er doch, zusammen mit seinen Eltern, nach Auschwitz deportiert werden. Bei seiner Rückkehr ins Lager Rivesaltes im August 1942 erkannte er sie kaum wieder, so elend und abgemagert sahen sie aus.

 

Als er vor dem langen Zug in der Schlange wartete, sah er plötzlich einen Mann mit einer Rot-Kreuz-Armbinde. Der Mann breitete die Arme aus und bedeutete ihm, zu ihm zu kom- men. Ludwig lief los. Das war seine Rettung. Die französische Miliz wollte ihn noch aufhalten. Doch der Rot-Kreuz-Mitarbeiter machte ganz klar: Das Kind gehört zu mir.

 

Jahrelange Prozess

 

Ludwig Schlorch ging später in die USA, wo er erst im Rentenalter starb. Er und seine Schwester Ilse zogen nach dem Krieg vor Gericht und erstritten in jahrelangen Prozessen finanzielle Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht. Ilse klapperte die Häuser in Kuppenheim ab, um die Räume nach Gegenständen zu durchsuchen, die einst ihrer Familie gestohlen worden waren.

 

Ludwig hatte allerdings noch einen anderen Grund, nach Kuppenheim zurück zu kehren. Heinrich Westermann erzählt: "Er ist gekommen, um sich bei dem Schulkameraden zu bedanken, der ihm damals heimlich die Schularbeiten gebracht hat."

 

swr2, 23.3.2015, Johannes Weiß, http://www.swr.de/swr2/stolpersteine

 

Mediathek: 
http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/stolperstein-ludwig-schlorch

 

Text vorgelesen: 
http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/ludwig-schlorch-kuppenheim

  

http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/bildergalerie

 

Anmerkung: Der AK Stolpersteine Kuppenheim lieferte Dr. Johannes Weiss (swr2) die wesentlichen Materialien und Adressen zur Sendung über Ludwig Schlorch. Der AK Stolpersteine dankt dem swr2 für den gelungenen Beitrag am 23. März 2015.

 

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Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine bei Zeitzeugin Marieluise Schumann 

Jahrelanger Rechtsstreit mit jüdischen Nachkommen 

 

Kuppenheim - Die Ge­schäftsleute Max Franke und Rudolf Röder erwarben im Oktober 1938 die Kuppen- heimer Eisenwarenhandlung von den jüdischen Inhabern Bertold Herz und Semi Schlorch in der Friedrichstra­ße 86. Zwei Jahre später wur­de Schlorch mit seiner Fami­lie nach Gurs abtransportiert. Seine Tochter Ilse überlebte und kam 1946 nach Kuppen­heim, weil sie das elterliche Haus zurück haben wollte. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgte, wie sich Marieluise Schumann, geborene Franke, im Gespräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolperstei­ne erinnert.

 

„Die Eltern von Semi Schlorch waren zu alt zum Auswandern, die Kinder noch zu klein. Deswegen ist er mit seiner Familie in Kuppenheim geblieben", erläutert Heinz Wolf im Gespräch mit der Zeitzeugin. Der im März 1889 geborene Kaufmann Semi Schlorch hatte die Eisenwaren­handlung „Herz & Schlorch" von seinem Schwiegervater Sa­muel Herz übernommen. 1936 oder 1937 wurden ihm und Bertold Herz vonseiten des NS-Regimes die Tätigkeit als selbstständiger Einzelhandelskaufmann verboten. Im Okto­ber 1938 verkauften er und Herz das Geschäft dann an Max Franke und Rudolf Rö­der. Als im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht am 10. November jüdische Ge­schäfte und Wohnungen zer­stört wurden, stellte sich Fran­ke schützend vor seine frische erworbene Eisenwarenhand­lung und bewahrte damit auch die darüber liegende Wohnung von Familie Herz vor Übergrif­fen, wie dessen Tochter berich­tet. Hierfür sei er von der NSDAP-Kreisleitung verwarnt worden.

 

Nach dem Synagogenbrand am 10. November in Kuppen­heim kam Semi Schlorch in sogenannte „Schutzhaft" ins Konzentrationslager Dachau, ebenso Bertold Herz. Franke wandte sich daraufhin am 22. November an die Geheime Staatspolizei in Karlsruhe und an deren Außenstelle in Baden-Baden, und machte gel­tend, dass es „dringend erfor­derlich" sei, dass ihm die bishe­rigen Inhaber „noch einige Zeit hier zur Verfügung stehen". Das Schreiben hat Marieluise Schumann in einer der beiden alten Aktenmappen ihrer El­tern entdeckt, die voll mit Schriftstücken und Dokumen­ten sind. In der Knöpflestadt ist sie keine Unbekannte, schließ­lich unterrichtete die Grund- und Hauptschullehrerin nach Stationen in Michelbach und Weitenung ab 1962 im Ort.

 

Franke hatte mit seinem Bitt­brief Erfolg. Doch die Kreisge­schäftsstelle der NSDAP-Gau­leitung Baden machte in einem Schreiben vom 12. Dezember 1938 klar, dass man „unter gar keinen Umständen" dulde, dass Franke zusammen mit Herz und Schlorch Kundschaft besuche.

 

Im Februar 1940 wanderte Bertold Herz mit seiner Fami­lie in die USA aus. Dann kam der 22. Oktober 1940, an dem die letzten 16 Kuppenheimer Juden in Lastwagen nach Gurs abtransportiert wurden. Die damals zweijährige Marieluise Schumann hat von ihrer Mut­ter erzählt bekommen, was sich damals in der Friedrich­straße 86 abspielte. Rosa Schlorch habe vor ihrer Abho­lung der Mutter noch eine Brieftasche zum Aufbewahren gegeben. Kurz bevor Rosa Schlorch das Haus verlassen musste, sei sie ohnmächtig ge­worden. Ihr Vater Max Franke habe der Bewusstlosen etwas Wein eingeflößt. Ein SA-Mann habe unwirsch reagiert und ihm gedroht, dass er auch mit­genommen werde. Sie habe zu Rosa Schlorch gesagt, dass sie auch mitkommen wolle. „Bleib' lieber da, Mädel", habe diese gemeint. Ilse Schlorch schenkte ihr beim Abschied ih­re Puppe.

 

Die Wohnung von Familie Schlorch stand noch ein paar Monate leer, im Juni 1941 zog Familie Franke dort ein. Ein Jahr später erlitt Max Franke im Alter von 59 Jahren einen Herzinfarkt und starb. Die Mutter übernahm daraufhin das Geschäft.

 

Im Jahr 1946 kehrte Ilse Schlorch mit ihrem Mann nach Kuppenheim zurück und beanspruchte das elterliche Haus. „Sie wollten allerdings nicht darin wohnen, weil sie nicht mehr in Deutschland le­ben wollten. Doch meine Mut­ter verwies auf den Kaufvertrag und sagte, dass das Geschäft ihre Existenzgrundlage sei", be­richtet Marieluise Schumann.

 

Da sich beide Seiten nicht ei­nigen konnten, wurden Rechtsanwälte eingeschaltet, die Streitsache ging schließlich im Jahr 1951 vor die Restituti­onskammer in Offenburg. Franke ließ sich von dem Ba­den-Badener Rechtsanwalt Camill Würz vertreten, der von 1968 bis 1976 Präsident des Landtags von Baden-Württem­berg war. Schließlich erging 1964 das Urteil, dass Franke noch knapp 11 000 D-Mark an Ilse Schlorch zahlen musste. Das Gericht hatte die Kosten berücksichtigt, die bei der Re­novierung des Hauses Ende der 1940er Jahre angefallen waren. Ihre Mutter habe das Geschäft bis 1969 weiterge­führt, bevor sie es abgab.

 

Marieluise Schumann zog 1965 aus der Friedrichstraße 86 aus, als sie heiratete. Anfang 1973 ging es ins neue Haus im Siegenweg, wo sie bis heute wohnt.

 

Badisches Tagblatt, 28. Juli 2015, Markus Koch


Marieluise Schumann (links) und Bertha Müller vor dem Geschäft. Marieluise Schumann blickt im Gespräch mit Heinz Wolf auf die Ereignisse in Kuppenheim während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach zurück. Foto: Koch

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Bewegende Rückkehr an den Ort der Kindheit


Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine im Gespräch mit Zeitzeugen 

 

Annäherungen an Ingelore Herz 

 

Kuppenheim (mak) - „Sie saß da und weinte, sie war emoti­onal total gerührt", erinnert sich Marlies Kickert an ihre Begegnung mit Ingelore Herz Honigstein im April 2008 im Kuppenheimer Friseurge­schäft „Figaro's". Im Februar 1940 war Ingelore Herz mit ihren Eltern in die USA emig­riert, nun war sie mit ihren beiden Söhnen an den Ort der Kindheit zurückgekehrt. Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine unterhielt sich mit Marlies Kickert über diese Begegnung. Am 29. April wird für Ingelore Herz ein Stolperstein verlegt.

Ingelore Herz wurde am 27. Oktober 1924 in Kuppenheim geboren, ihre Eltern waren Berthold und Amalie Herz, ge­borene Hamburger. Als sie sechs Jahre alt war, fiel ihrer Tante Cora auf, dass das Mäd­chen nicht hören konnte. Dar­aufhin wurde sie von einem Therapeuten behandelt, der ihr Wort für Wort beibrachte: „Mit zwölf Jahren hat sie den ersten Satz gesprochen", berichtet Heinz Wolf über Herz. Deren Sohn Frank Stiefel hat seinen Debütfilm als Regisseur über ihr Leben gedreht. Die Doku­mentation wurde auf zahlrei­chen Filmfestivals weltweit gezeigt, unter anderem im Jahr 2010 auf der Ber­linale.

 

Nach der Reichspogrom­nacht 1938 nahmen die Diskri­minierungen gegenüber Juden immer mehr zu, auch im länd­lichen Raum, wie Heinz Wolf bei zahlreichen Gesprächen er­fahren hat. In den vergangenen Jahren hat sich der Sprecher des Arbeitskreises Stolperstei­ne mit Kuppenheimer Zeitzeugen unterhalten, die meisten Gespräche wurden im Rahmen einer losen Serie im Badischen Tagblatt festgehalten. Die zu­nehmende Unterdrückung der jüdischen Mitbürger habe da­mals auch vor den Kindern nicht haltgemacht: „Teilweise wurden die Schüler sogar von den Lehrern angehalten, ihre jüdischen Mitschüler zu ver­prügeln, was auch vom Eltern­haus nicht gestoppt wurde", er­zählt Wolf. Ingelore Herz sei damals gehänselt worden, weil sie eine Jüdin und behindert war, dies sei auch im Film zur Sprache gekommen.

 

Doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Im Alter von 15 Jahren besuchte sie die Jüdische Schule für Taube am Wannsee und arbeitete zudem als Hausmädchen bei einer rei­chen Familie in Brandenburg. In der Nähe der Schule war ei­ne Militärakademie, und als sie eines Abends zurück zur Schu­le wollte, wurde sie von zwei jungen Soldaten geschnappt und vergewaltigt.

 

Sogar von ihren Lehrern angehalten, ihre jüdischen Mit­schüler zu verprügeln, was auch vom Elternhaus nicht ge­stoppt wurde", hat Wolf erfah­ren. Herz sei damals gehänselt worden, weil sie Jüdin und be­hindert war, dies sei auch im Film zur Sprache gekommen.

 

Doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Im Alter von 15 Jahren besuchte sie die Jüdische Schule für Taube am Wannsee und arbeitete zudem als Hausmädchen bei einer rei­chen Familie in Brandenburg, In der Nähe der Schule war eine Militärakademie, und als sie eines Abends zurück zur Schule wollte, wurde sie von zwei jungen Soldaten vergewaltigt.

 

Ingelore Herz wollte ihre Kindheit und Jugend in Deutschland vergessen und re­dete mit ihren Kindern nicht über diese Zeit. Doch als sie ein Seminar besuchte, das sich den Erfahrungen von Tauben während des Holocausts wid­mete, erzählte sie vor rund 500 Zuhörern, was ihr alles wider­fahren war. Am Ende habe nicht nur sie geweint, sondern der ganze Saal, wie im Florida Jewish Journal zu lesen ist. An­lässlich des Fort Lauderdale International Film Festivals, auf dem im November 2009 erstmals ihr Film gezeigt wur­de, berichtete die Zeitung über die einstige Kuppenheimerin.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt wussten auch ihre beiden Söhne Frank und Lester nichts über die schlimmen Erlebnisse ihrer Mutter während der nati­onalsozialistischen Diktatur. Und so machte sie sich mit ih­nen in die alte Heimat auf.

 

Ihr Vater hätte die Eisenwa­renhandlung Herz & Schlorch in der Friedrichstraße betrie­ben, in dem Gebäude befindet sich heute das „Figaro's" von Thomas Krieg, dem Ehemann von Marlies Kickert. Sie war 1996 von Düsseldorf zu ihm nach Kuppenheim gezogen. Da sie früher bei der Lufthansa arbeitete und über ein gutes Englisch verfügt, habe ihr Mann sie zu der unerwarteten Besucherin gerufen: „Sie warzuvor auch im früheren Wohnhaus ihrer Eltern in der Murg­talstraße", berichtet Kickert. Auch durch diesen Besuch sei sie innerlich aufgewühlt gewe­sen.

 

Im Friseurgeschäft traf In­gelore Herz zufällig eine frühe­re Klassenkameradin, die sich gefreut habe, sie nach all den Jahren wieder zu sehen, „Die beiden hatten danach Briefkontakt, und auch ich habe im November Weihnachts- grüße von ihr bekommen, das fand ich großartig", führt die 68-Jäh­rige weiter aus. Es entwickelte sich ebenfalls ein Briefkontakt.

 

Ingelore Herz, die mehrmals verheiratet war und zuletzt den Nachnamen Herz Honigstein trug, starb am 1. Juli 2012. Was bleibt ist die 40-minütige Dokumentation mit dem Titel „Ingelore": „The Film changed both of our Lives" (der Film änderte unser beider Leben), schreibt Frank Stiefel auf eine Anfrage des Badischen Tag­blatts. Der 69-Jährige erinnert sich in seiner E-Mail noch an eine Anekdote, die ihm seine Mutter über die Zeit in Kuppenheim erzählte: Ein Nachbar der Familie Herz habe sich nachts heimlich aus dem Haus geschlichen, um frische Eier vorbeizubringen, obwohl dies streng verboten gewesen sei.

 

Zur Verlegung des Stolper­steins für seine Mutter am 29. April kann Frank Stiefel nicht kommen, er habe davon bislang nichts gewusst, schreibt er.

 

Badisches Tagblatt, 4. März 2017, Markus Koch 


Ingelore Herz mit ihrem Sohn Frank Stiefel auf einer Auf­nahme vom November 2009. 
Heinz Wolf und Marlies Kickert tauschen sich über das Leben von Ingelore Herz aus, die im Frühjahr 2008 Kuppenheim besuchte. 

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