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Lesung mit Musik 13 03 2019 klein

Vorträge

Vorwort

Es ist das vorrangige Ziel des Arbeitskreises Stolpersteine, allen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern (auch den in Kuppenheim geborenen), die während des Unrechtsregimes der Nationalsozialisten gedemütigt, entrechtet, verfolgt, zur Flucht getrieben und ermordet wurden, den Namen wieder zu geben, vor ihren ehemaligen Wohnhäusern einen kleinen Erinnerungsstein in Form eines Stolpersteins zu setzen.


Im Zusammenhang mit den Stolpersteinlegungen finden verschiedene Veranstaltungen statt:

  • Gedenkveranstaltungen (Gurs und Reichspogromnacht…)
  • Stolpersteinreinigungen vor allem am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar
  • Konzerte (Klezmer mit Jontef, Musik von jüdischen Komponisten und Künstlern: Boris Feiner, Chopin…)
  • Lesungen (z.B.  über Wladyslaw Szpilman, dem Pianisten des Warschauer Ghettos)
  • Führungen (vor allem auf dem jüdischen Friedhof Kuppenheim)
  • Aktionen zum Tag der jüdischen Kultur am 4. September und schließlich
  • Vorträge (Christen und Juden, jüdische Solddaten im Ersten Weltkrieg u.a.)

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UNERWÜNSCHT Vortrag 25 10 2018 klein
Ein Zeitzeuge berichtet über die Deportation
in Lager Gurs 1940

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Dr. Kurt Salomon Maier überlebte das Lager Gurs. Er berichtet über seine Erlebnisse und Erfahrungen in Deutschland zur Zeit Hitlers, bei der Deportation, im Internierungslager und über sein Leben nach 1945.

Kurt Salomon Maier wurde 1930 in Kippenheim (bei Lahr) geboren. Bis 1938 besuchte er die Volksschule in Kippenheim und anschließend die jüdische Schule in Freiburg. Im Oktober 1940 erfolgte die Zwangsdeportierung in das Camp de Gurs in den französischen Pyrenäen. Einige Monate später gelang ihm die Auswanderung nach New York über Marseille und Casablanca. 

„Es begann am helllichten Tag“

„Am 22. Oktober 1940, zwischen 3 und 4 Uhr morgens, klopfte es an unserer Wohnungstür. Dort standen drei Funktionäre der Gestapo, die uns sagten: Nehmen Sie mit, was Sie tragen können, Sie haben das Recht hundert Mark mitzunehmen, In zwanzig Minuten ist Abfahrt!“. Paul Niedermann gehört zur Gruppe der badischen Juden; mit 12 Jahren wird er nach Gurs verschleppt, wo er schon in den ersten Monaten einen Teil seiner Familie, Cousinen und Tanten, sterben sieht. In unmenschlichem Zynismus kann der Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich dem Auswärtigen Amt nach Berlin übermitteln, die Deportation der Juden aus Baden und der Pfalz sei „reibungslos und ohne Zwischenfälle abgewickelt worden.“ Letzteres ein Skandal für sich: „reibungslos“, „ohne Zwischenfälle“, ohne nennenswerte Widersprüche, ohne Aufschrei, ohne helfende Hände für diejenigen, die man auf den Weg des Todes schickte.

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Vorträge zum Thema (Überblick)

 

Die Reise der Verdammten auf dem Kreuzfahrschiff St. Louis

 

Zum Abschluss der Ausstellung der Heimatfreunde „Jüdisches Leben in Malsch“ berichtete am Mittwoch, 26. November 2008 im vollbesetzten Sitzungssaal des Rathauses Dr. Clemens Rehm vom Landesarchiv Baden-Württemberg sowie Sally und Donald Werthwein über die Reise auf der St. Louis im Jahre 1939 .

 

Ein Augenzeuge berichtet: Kippenheim - Gurs - New York
2. Mai 2013, Stadtbibliothek Gaggenau

Gedenkveranstaltung zur 1. Stolpersteinlegung, 05.09.2013, Foyer Rathaus,

Die Juden in Kuppenheim
Das Schiff der Verdammten
Das Camp de Gurs

Zynische Gesetze peinlich befolgt - Kuppenheimer Juden und ihre Geschäfts- korrespondenz mit der Sparkasse,                                                                         Dr. Ingo Stader, Mannheim
28.10.2013, Alte Schule, Sparkasse Baden-Baden Gaggenau, Historischer Verein Kuppenheim, KJG Kuppenheim –Oberndorf


75 Jahre Reichspogromnacht in Kuppenheim,
Gedenkveranstaltung, 10.11.2013, Synagogenplatz
Warum schoss Herschel Grynszpan auf den Diplomaten Rath
Ein Attentat wie auf Bestellung
Novemberpogrom und Synagogensturm in Kuppenheim
Kuppenheimer Gemeinde-Anzeiger berichtet
Schutzhaft in Dachau für 6 Kuppenheimer Juden

Opferbereitschaft am Ende diffamiert - Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg
Paul Sachse, 29.10.2014, Hotel Gasthof Blume Kuppenheim

Ihr müsst aufpassen, dass die euch nicht krallen - Eine Geschichtsstunde, die im Gedächtnis haften bleibt, 10.10.2014, Jahnhalle Gaggenau

Erinnerung an Unfassbares - Esther Bejarano im klag

10.10.2014, Kulturrauch klag-Bühne Gaggenau

Christen und Juden – Eine skandalöse Vergangenheit und hoffnungsvolle Wege in die Zukunft, Bettina K. Hakius, Bühl, 05.11.2014, Bürgersaal Kuppenheim

Kuppenheimer Juden  im Ersten
Weltkrieg, erst ausgezeichnet, dann vernichtet
Dr. Kurt Hochstuhl, Staatsarchiv Freiburg,
22.01.2015, Bürgersaal Kuppenheim

UNERWÜNSCHT - Ein Zeitzeuge über die Deportationen ins Lager Gurs 1940
Dr. Kurt Salomon Maier, 13.10.2015, Bürgersaal Kuppenheim


Kindheit endete abrupt am 22. Oktober
Dr. Kurt Salomon Maier, 13.10.2015, Werner-von-Siemens-Realschule Kuppenheim

Der Tag des 22. Oktober 1940 muss in Erinnerung bleiben - Deportation der südwestdeutschen Juden nach Gurs
Gedenkveranstaltung 75 Jahre Vertreibung, 22.10.2015, Wörtelhalle (ehemalige Turnhalle) Kuppenheim, Vorplatz

Begegnung im ehemaligen KZ-Auschwitz, Sophie Uhing, 2016, Bürgersaal Kuppenheim

 

Gurs-Überlebende Kurt Salomon Maier in der Realschule Gaggenau (26.10.2017)  „Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst" / Schreckliche Zustände im Lager

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Die Reise der Verdammten auf dem Kreuzfahrschiff St. Louis

 

Wie kam es nun überhaupt zum Fahrt auf der St. Louis?

 

Einerseits mussten sich Juden seit der Pogromnacht vom 9. November 1938 verpflichten, das Deutsche Reich zu verlassen, andererseits suchte die nationalsozialistische Regierung anti-jüdische Propaganda zu betreiben mit der Betonung darauf, wie gut es den jüdischen Ausreisenden angeblich erging. Man wollte der deutschen Bevölkerung zeigen, dass die Juden massenhaft das Reich verließen, wobei sie unter luxuriösen Bedingungen reisten. Auch die aufgebrachte internationale Öffentlichkeit sollte beruhigt werden. Deshalb wurde von der obersten Führung veranlasst, dass mit dem deutschen Luxusschiff, St. Louis, Juden angeblich das Reich aus freien Stücken verlassen konnten.

 

Die St. Louis verließ am 13. Mai 1939 Hamburg. An Bord befanden sich 937 jüdische Passagiere aus allen Teilen Deutschlands und Osteuropas. Fast alle Passagiere besaßen touristische Einreisebewilligungen und keine regulären Visa. Offiziell handelte es sich um eine Vergnügungsreise nach Havanna. Passagiere der ersten Klasse hatten 800 Reichsmark, die der Touristenklasse 600 Reichsmark zu bezahlen. Dabei mussten 230 Mark für eine eventuelle Rückreise deponiert werden, sofern eine Landung in Kuba nicht möglich sein sollte. An Bargeld durfte jede Person 10 Reichsmark mit sich führen sowie Güter im Wert von maximal 1000 Reichsmark.

 

Beim Auslaufen der St. Louis spielte man ironischerweise das traditionelle Lied „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“. Am 15. Mai erreichte das Schiff Cherbourg und nahm einige weitere meist jüdische Passagiere an Bord.

 

Was man an Bord nicht wusste war, dass die kubanische Regierung aufgrund von anti-jüdischer Hetze unter der Bevölkerung am 5. Mai die Landegenehmigungen für ungültig erklärt hatte. Drei Tage vor der Abfahrt jedoch wurde schriftlich zugesichert, dass die Passagiere der St. Louis dennoch in Havanna an Land dürften. So begab sich das Kreuzfahrtschiff auf die Überquerung des Atlantiks. Am 19. Mai passierte man die Azoren und erreichte am 27. Mai den Hafen von Havanna.  

 

Unter den Passagieren waren auch 21 Malscher. Es waren 11 Verwandte von Fritz Löb – seine Mutter Marie Löb und seine Schwester Anneliese, seine Großeltern väterlicherseits – Karolina und Isidor Löb, seine Großeltern mütterlicherseits – Mina und Salomon Lehmann, seine Tante Bella Löb, seine Cousine Ruth und sein Cousin Armin, sowie sein Großonkel David Maier, genannt Katzebeitl, mit seiner Ehefrau Pauline.

 

Außerdem Josef Kaufherr mit Frau Betty und Tochter Hannelore, das Ehepaar Josef und Fanny Stein, Ludwig und Freya Maier mit Tochter Sonja sowie Amalie Herz und Helene Maier, deren damaliger Wohnort nicht mehr feststellbar ist. Unter den oben genannten Malscher Passagieren befanden sich 5 Kinder im Alter zwischen 4 und 13 Jahren. 

 

Jeden Tag wurden auf einer Positionstafel die Hapag-Fähnchen ein Stück weiter gesteckt.

 

So schrieb zum Beispiel Joseph Kaufherr an die Familie Sigmund Maier, seine Verwandten in Malsch, in einem Brief der auf den Azoren abgestempelt worden war: „Es ist großartig, die A-zores hinter uns zu lassen“. Dies war eine verschlüsselte Botschaft: „Zores“ ist das hebräische Wort für Sorgen. Joseph Kaufherr war in Malsch bekannt für seine lustigen Gedichte und Sprüche. Er war der Inhaber des Schuhgeschäftes neben der Synagoge in der jetzigen Hauptstraße. Da die leibliche Mutter von Marianne und Martin gestorben war, konnten sie als Halbweisen früher in die USA reisen.

 

Am 27. Mai ging die St. Louis in Havanna vor Anker. An diesem Tag schrieb Fanny Stein eine Karte an Frau Werner nach Malsch:

 

Liebe Frau Werner! Sende Ihnen vom Schiff aus herzliche Grüße und herzliches Lebewohl. Wir hatten eine sehr gute Fahrt und gutes Wetter, in einigen Tagen landen wir. Auch Ihrer lieben Schwester noch herzliche Grüße, bleiben Sie gesund und nochmals herzliche Grüße aus weiter Ferne. Ihre F. Stein

Als Fanny Stein diese Zeilen schrieb, war sie noch voller Hoffnung auf eine gute Zukunft 

 

Nachdem das Schiff vor Anker gegangen war, geschah folgendes:

 

Die Passagiere trugen ihre Koffer an Deck. Es näherten sich der “St. Louis” die ersten Boote mit Freunden und Verwandten die es bereits nach Cuba geschafft hatten. Vom Schiff aus wurde den Bekannten und Verwandten zugewunken.

 

An Bord kamen Gerüchte auf, dass die Schiffspapiere nicht in Ordnung seien. Die Gesund- heitsbehörde müsse noch inspizieren. Sowieso, am Wochenende würde nicht ausgeschifft. Mit den Landeerlaubnissen, munkelte man gar, stimme etwas nicht. HAPAG-Offizielle und kubanische Polizisten erschienen an Bord. In den Folgetagen wurde verhandelt. Der kubanische “Einwanderungsdirektor” Benitez, die Hapag, Anwälte des Joint (jüdische Interessensvertretung), das von Kapitän ins Leben gerufene Bordkomitee und Kapitän Schröder drangen auf Kubas Präsidenten ein. Die Presse, zwischenzeitlich auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam geworden, beschwörte die Humanität.

 

Die Ereignisse überstürzten sich mit dem Ergebnis, dass der Staatspräsident Bru von Kuba am 2. Juni die offizielle Weisung gab, die “St. Louis” habe den Hafen unverzüglich mit den Passagieren zu verlassen, da die Passagiere illegal und durch Bestechung ihre Reise- dokumente erworben hätten. Nur 22 jüdische Passagiere mit gültigen Visa zusammen mit 4 Spaniern und 2 Kubanern durften von Bord gehen.

 

Am 2. Juni verläßt die St. Louis Havanna und kreuzte vor der kubanischen Küste. Am 3. Juni kreuzte die St. Louis langsam zwischen Havanna und Miami. Am 4. Juni passierte die St. Louis Miami und lief nach Norden. Der Versuch Kapitän Schröders, einen Teil der Passagiere in Florida mit Rettungsbooten an Land abzusetzen, scheiterte an der US Küstenwache.

 

Die US-Regierung war nicht bereit das bewilligte Einwandererkontingent zu erweitern, aus Angst, dass einerseits die amerikanische Bevölkerung dies nicht akzeptieren würde und andererseits aufgrund dieses Falles weitere Flüchtlingsströme ins Land kommen würden. Auf Bittbriefe der Passagiere an Bord kam von Präsident Roosevelt keinerlei Reaktion. 

 

Später drehte die St. Louis nach Süden ab und am 5. Juni passierte sie wiederum Miami und fuhr weiter nach Süden. Am 6. Juni, zwischen Miami und Havanna, erhielt Kapitän Schröder von seiner Reederei die Order, mit den Emigranten nach Hamburg zurück- zukehren, die St. Louis drehte ab mit dem Ziel Europa. 

 

Die Rückfahrt der “St. Louis” nach Europa vom 6. bis 17. Juni 1939 war für die jüdischen Passagiere die schlimmste Phase der ganzen Fahrt. Aus Angst vor der Deportation in Konzentrationslager gerieten die Passagiere in Panik und drohten mit Massenselbstmord und Meuterei. Erst kurz vor der Ankunft eröffnete sich durch die Bemühungen des Kapitän Schröders die Möglichkeit, die bedrohten Passagiere am 17. Juni 1939 in Antwerpen von Bord gehen zu lassen, nachdem sich einige Regierungen bereit erklärten die Flüchtlinge aufzunehmen. 

 

Was war nun damals wirklich geschehen? 

 

Schon lange bevor die St. Louis sich auf den Weg machte, hatte der US-amerikanische Konsul in Havanna, Harald Tewell, am 18. März 1939 dem amerikanischen State Department einen vertraulichen Bericht unterbreitet mit dem Titel „Europäische Flüchtlinge auf Kuba“. Der Bericht beschrieb die Lage von 2500 jüdischen Flüchtlingen in Kuba, die Absicht 25.000 europäische Flüchtlinge dort anzusiedeln und die wachsende Ablehnung von Juden und Flüchtlingen. 

 

Bezeichnenderweise hatte das deutsche Außenministerium schon am 25. Januar ein Rundschreiben versandt, mit der Überschrift „Die Judenfrage als Faktor in der Außenpolitik. Das Rundschreiben beinhaltet, dass eines der Ziele der deutschen Außenpolitik weltweit die Förderung anti-semitischer Stimmung sein wird.

 

Im April 1939 veröffentlichte das amerikanische „Fortune Magazine“ eine Umfrage, die besagte, dass 83% der Amerikaner gegen die Lockerung von Einwanderungsbeschrän- kungen seien. Am 5. Mai erklärte der kubanische Präsident, Laredo Bru, im Erlass 937, alle vom Einwanderungsbeauftragten Benitez ausgestellten Landegenehmigungen für ungültig und verschärfte die Einwanderungsvorschriften für Kuba.

 

Am 8. Mai kam es in Havanna zu einer vom ehemaligen kubanischen Präsidenten Grau San Martin angestifteten Demonstration von 40.000 Kubanern gegen die Einwanderung von Juden. Am 1. Juni traf sich Lawrence Berenson, ein Vertreter des amerikanischen Jewish Joint Distribution Committee mit Präsident Bru in Havanna. Die Besprechung blieb erfolg- los.

 

Zwischen dem 10. Und 13. Juni 1939 erklärten sich einige europäische Länder dazu bereit, Passagiere der St. Louis aufzunehmen:

 

Großbritannien           288 Personen
Frankreich                 224
Belgien                     214
und die Niederlande   181.

 

Am 17. Juni 1939 legte die St. Louis im belgischen Antwerpen an. Die Passagiere gingen von Bord.

 

Dank der Bemühungen von Kapitän Gustav Schröder, war durch dessen menschliches Verhalten den Passagieren die schreckliche Reise erleichterte worden. 1957 wurde er für Verdienste um Volk und Land bei der Rettung von Emigranten mit dem Bundesverdienst- kreuz ausgezeichnet. Er verstarb 1959 in Hamburg. Auf Betreiben dankbarer St. Louis Passagiere wurde er vom Staat Israel posthum als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

 

Die Reise endete mit der hoffnungsvollen Note „Endlich in Freiheit ein Neues Leben beginnt“. Es ist bittere Ironie, dass wenige Wochen später der Krieg ausbrach und diesen Traum vom Leben in Frieden und Freiheit zerstörte. Was war nun das Schicksal der 21 Malscher, die im Juni 1939 in Antwerpen von Bord der St. Louis gingen? 8 von ihnen wurden dem Flüchtlingskontingent von Großbritannien zugeordnet, später konnten sie in die USA emigrieren.  Von den 13 Personen, die in Belgien Aufnahme fanden, verstarben dort 2. 5 konnten noch während des Krieges 1940 eine Passage in die USA erhalten.

 

Familie Kaufherr, das Ehepaar Isidor und Karolina Löb sowie Salomon Lehmann verblieben in Belgien. Joseph Kaufherr, als ehemaliger deutscher Soldat des ersten Weltkrieges und damit feindlicher Ausländer, wurde zu Beginn der deutschen Offensive am 10. Mai 1940 von der belgischen Polizei verhaftet und im Lager St. Cyprien und später im Lager Gurs in Südfrankreich interniert. Joseph Kaufherr sah seine Frau Betty und Tochter Hannelore nie wieder, die, wie wir annehmen, 1942 in das belgische Lager Mechelen interniert wurden. 

 

Von den 8 in Belgien verbliebenen Malscher St. Louis-Passagieren kamen 6 in Auschwitz um: Das Ehepaar Isidor und Karolina Löb, Salomon Lehmann, dessen Frau Mina in Belgien starb, Joseph Kaufherr, seine Frau Betty und seine Tochter Hannelore. Wie Mina Lehmann starb Amalie Herz in Belgien.

 

Hannelore Kaufherr wurde mit 16 Jahren am 4. August 1942 mit dem 1. Kindertransport aus dem Lager Mechelen mit 140 Kindern nach Auschwitz deportiert und am 5. August getötet. Joseph Kaufherr wurde ein Monat später am 4. September nach Auschwitz deportiert und getötet. Betty Kaufherr folgte ihrem Mann und ihrer Tochter am 26. September ins gleiche Todeslager, wo sie am 28. September getötet wurde. 

 

Von den 937 Passagieren auf der St. Louis starb 1 Person auf der Fahrt nach Havanna. 254 starben in Auschwitz oder Sobibor, in Internierungslagern, Verstecken oder auf der Flucht. Ungefähr die Hälfte der St. Louis Passagiere emigrierte nach und nach in die USA, andere fanden Zuflucht in vielen anderen Ländern der Welt, nachdem es ihnen gelungen war, sich vor den Nationalsozialisten zu verstecken oder zu fliehen.

 

 

Zum Abschluss der Ausstellung der Heimatfreunde „Jüdisches Leben in Malsch“ berichtete am Mitt- woch, 26. November 2008 im vollbesetzten Sitzungssaal des Rathauses Dr. Clemens Rehm vom Landesarchiv Baden-Württemberg sowie Sally und Donald Werthwein über die Reise auf der St. Louis im Jahre 1939 . 

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„Auschwitz ist auch eine Stadt“
Vortrag von Sophie Uhing  28. September 2016

Am 28. September 2016 im Bürgersaal des alten Rathauses Kuppenheim gut besucht war der Vortrag von Sophie Uhing „Auschwitz als Gedenkstätte, 0swiecim als Stadt - Ein Jahr Freiwilligendienst in Polen" auf Einladung des Arbeitskreises Stolpersteine Kuppenheim.

Vor ihrem Einsatz in Polen hat Sophie Uhing sechs Jahre lang bei terre des hommes Murgtal/Mittelbaden aktiv mitgewirkt und das Kinderechtsteam „Nojoud“ gegründet und hierbei Aktionen mitgetragen in Berlin, Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe, Bonn und anderen Städten. Beim Nachhaltigkeitsgipfel der UN in Rio de Janeiro kam sie mit hochkarätigen Politikern wie dem damaligen Umweltminister Peter Altmaier und UNEP-Direktor Achim Steiner zusammen, um ihnen eindrucksvolle Banner zum Thema zu überreichen und mit ihnen über die ökologischen Belange der Jugendlichen zu diskutieren. In Beiträgen des ZDF, verschiedener Rundfunksender und überregionaler Zeitungen kam Uhing zu Wort und wies dabei auf die Bedeutung der Kinderrechte hin.

Die 19-jährige Sophie Uhing, Abiturientin aus Muggensturm, leistete bis September 2016 einen Freiwilligendienst in der Internationale! Jugendbegegnungsstätte in 0swiecim/ Auschwitz und konnte so von dem Ort berichten. Heinz Wolf vom Arbeitskreis machte ii seinen einleitenden Worten darauf aufmerksam, dass mehren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Kuppenheim in Auschwitz ermordet wurden. Der erste Teil des Vortrages behandelte eben jenes Konzentrations- und Vernichtungslager und gab einen Überblick über die Geschichte, aber auch die Lage beider Teile. Danach lag der Schwerpunkt auf der Stadt 0swiecim, welche direkt an der Gedenkstätte liegt. Die Besucher erhielten mithilfe von Fotos einen kleinen Stadtrundgang.

Die heute 40.000 Einwohnerzählende Stadt wurde ab 1939 zur deutschen Musterstadt ausgebaut. Bis 1941 waren 60% der Bevölkerung jüdisch, während heute kein einziger Jude mehr in der Stadt lebt. Sophie Uhings Anliegen war es ebenfalls, neben der schwierigen Geschichte auch über das Leben in der Stadt heute zu informieren. Durch verschiedene Initiativen, wie z.B. Musikfestivals, versucht die Stad bewusst zu betonen, dass die Einwohner nicht immer mit Auschwitz in Verbindung gebracht werden möchten. Rege nutzten die Zuhörer die Möglichkeit, Fragen zu stellen, währen die junge Saxophonistin Carola Krettenauer aus Gaggenau, die für ihr musikalisches Engagement kürzlich den Musikpreis der Wilhelm-Stober-Stiftung erhielt, eindrucksvolle für die musikalische Umrahmung sorgte.


Nachhaltiger Vortrag zu Auschwitz: Sophie Uhing und Carola Krettenauer (Klarinette)

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 Passender Pressebericht zum Aufenthalt von Sophie Uhing in Auschwitz:

 

"Als sei man in einem Albtraum gefangen"

 

Gaggenauer Student schildert, was ihm in Auschwitz durch den Kopf geht

Fünfstündige Führuing bringt Besucher an ihre Grenzen

 

Rund 153.4000 Besucher besichtigten im vergan­genen Jahr das ehemali­ge Konzentrations- lager Ausch­witz - so viele wie in keinem Jahr zuvor. Die größte Gruppe waren Polen, mit fast 400.000 Museumsbesuchern. 75 000 Deutsche kamen lediglich, sie liegen hinter Briten, Amerika­nern und Italienern an fünfter Stelle, knapp vor den Israelis. Jonas Schröder (23) aus Gag­genau nahm dieser Tage an der knapp fünfstündigen Führung teil. In einem Gastbeitrag schil­dert er, was ihm dabei durch den Kopf ging.

 

„Das muss wohl der traurigs­te Beruf der Welt sein. Wie kann jemand hier täglich sein wollen?", denke ich und höre weiter der Dame zu, die über historische Fakten referiert. Ich bin in Auschwitz, dem wohl furchtbarsten Ort der Welt. Zusammen mit anderen Eras­mus-Studenten stehe ich vor dem Eingang zum Konzentra­tionslager. Das Schild mit dem zynischen Leitsatz über uns: „Arbeit macht frei". 

 

Die Stimmung ist normal, wie bei einem typischen Muse­umsbesuch. Ein paar Leute be­ginnen, Fotos zu machen - und werden ermahnt. Wir sol­len uns gut überlegen, aus wel­chen Gründen wir Bilder ma­chen. Ich frage mich, was uns die Frau damit sagen will. 

 

Es kommt mir vor, als besu­che ich das Set eines berühm­ten Films. Die Gebäude erscheinen unwirklich. Ich kann mir nicht vorstellen, was an diesem Ort passiert ist. In der Schule kam das Thema regel­mäßig im Geschichtsunterricht

 

vor. Doch wirklich hier zu sein - das ist etwas ganz anderes.

 

Wir betreten das erste Ge­bäude. Besucher kommen uns entgegen. Traurige Gesichter. In Auschwitz herrscht kollekti­ves Trauern. Wir werden in ei­nen Raum geführt, in dem sich ein Berg voller geflochtener Zöpfe befindet. Sie wurden Mädchen bei der Ankunft ab­geschnitten, um sie zu Socken für die Soldaten zu verarbeiten. Die Effizienz der Nazis war er­schreckend. Unsere Stimmung ist mittlerweile gedrückt.

 

Wir blicken durch eine Glas­scheibe in einen Wohnzimmer ­großen Raum, der voller Koffer der Opfer ist. Auf vielen kann man die Namen der Besitzer lesen. Wir gehen vorbei an Hü­geln aus Kämmen, Schuhen und anderen Dingen, die man den Gefangenen abgenommen hat. Dann geht es endlich wie­der nach draußen. Ich brauche frische Luft.

 

Wir erreichen die Mitte des Lagers, an dem zur Winterzeit ein Weihnachtsbaum stand. Geschenke gab es keine. Statt­dessen legten die Nazis ein Dutzend Leichen unter den Baum. Ich versuche mir das vorzustellen. Surreal.

 

Wir betreten das nächste Ge­bäude. Im Gang blicken die Gesichter von Gefangenen ei­nen an. Unter jedem Bild steht der Name sowie die Zeit, die der Gefangene in Auschwitz verbracht hat. Die meisten überlebten keine zwei Monate.

 

Es fällt mir immer schwerer, mich zu beherrschen. Wir sind mittlerweile im Todesbunker. Hier ist es am Schlimmsten. Wir stehen vor den Stehzellen, die je etwa einen Quadrat- meter groß sind. Auf diesem knappen Raum mussten bis zu vier Ge­fangene mehrere Nächte ste­hend zur Strafe ausharren.

 

Auschwitz ist voller schreck­licher Anekdoten und Zeugen dieser dunklen Zeit. Es kommt einem vor, als sei man in einem Albtraum gefangen, der vor 70 Jahren Realität war.

 

 

Am Ende habe ich auch eine Antwort auf die Frage vom An­fang gefunden: Wer hier arbei­tet, der möchte aufklären. Da­mit so etwas nie mehr passiert.

 

Der Autor wurde in Baden- Baden geboren und wuchs in Gaggenau auf. Der 23-Jährige studiert Philosophie und Be­triebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und be­findet sich aktuell für ein Eras­mus-Auslandssemester an der Warschauer Kardinal-Stefan- Wyszynski-Universität.

 

Badisches Tagblatt, 27. Januar 2017, Von Jonas Schröder

Foto (dpa): Kein normaler Museumsbesuch: Dem Schrecken des einstigen Konzentrationslagers kann sich niemand entziehen.                                                          

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Der verbrannte Traum - Drei starke Frauen
Vortrag zum Weltfrauentag am 8. März 2016

 

Angelika Schindler erzählte in einem Vortrag beim AK Stolpersteine Kuppenheim die Geschichte der Baden-Badener Juden aus der weiblichen Perspektive – aus der Perspektive derjenigen, die nicht nur als Juden, sondern auch als Frauen in der deutschen Gesellschaft um Gleichberechtigung und Anerkennung ringen mussten. Als Anlass für diesen Vortrag bot sich der 8.März, der „Internationaler Frauentag“ an. Beginn 19.00 Uhr im Bürgersaal des alten Rathauses.

„Der verbrannte Traum“


Die brennende Synagoge - das war das Ende eines Traums, den Juden und Nichtjuden im internationalen Kurort Baden-Baden geträumt hatten.
Bereits im 19. Jahrhundert waren im Weltbad auch  jüdische Gäste zahlreich vertreten. Seit 1862 durften sich endlich auch jüdische Bürger ansiedeln, die sich bald integriert und sicher fühlten – selbst nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, denn hier stellten sich Hoteliers und Geschäftsleute deutlich gegen eine offene antisemitische Agitation.

Und auch die nationalsozialistischen Lokalpolitiker verfolgten zunächst einen toleranteren Kurs als im restlichen Reich: Der Kurgast sollte die Stadt und ihre Annehmlichkeiten weiterhin ungestört genießen, der kosmopolitische Badeort - als „Visitenkarte" des Deutschen Reichs - der Weltöffentlichkeit das neue Deutschland von seiner besten Seite zeigen. Man wollte das internationale Publikum nicht verschrecken und den Schein einer ruhigen und sicheren Ordnung erwecken. Diese Politik verstärkte bei der jüdischen Bevölkerung das Gefühl der Sicherheit und nährte die Hoffnung, in dem internationalen Kurort eine Nische gefunden zu haben. Dies führte dazu, dass zahlreiche Juden nach 1933 in das Weltbad zogen  - ein gefährlicher Traum, der spätestens mit dem Novemberpogrom am 10.11.1938 sein Ende fand.

Und nur zwei Jahre später sollte Baden-Baden -wie alle anderen Städte in Baden, der Pfalz und dem Saarlan- zu einem der ersten Orte werden, in dem es zu einer Massendeportation kam: Am Morgen des 22.10.1940 erschienen Polizisten und Gestapoleute an den Wohnungstüren der jüdischen Bevölkerung und forderten die Menschen auf, innerhalb einer Stunde zu packen.

„Drei mutige Frauen“

Angelika Schindler erzählte diese Geschichte am Beispiel von drei Frauen aus drei Generationen und hanhm dabei den Zuhörer  zu den Wirkungsstätten dieser Frauen mit: die Bühne, das Hotel und das gutbürgerliche Haus. Orte, die für das Leben der jüdischen Bevölkerung in dem internationalen Kurort repräsentativ waren. Da war die in der Stadt hoch angesehene Heimatdichterin Anna Michaelis, die 1888 nach Baden-Baden kam und im Theater und auf anderen Bühnen zu Hause war.

Da war die Hotelbesitzerin Auguste Köhler, die sich in Baden-Baden und ihrem gut gehenden Hotel so sicher wähnte, dass sie noch 1937 das Angebot einer Hotelübernahme in Palästina ausschlug und lieber in ihrer Heimat Baden-Baden blieb. Dafür zahlte sie mit ihrem Leben.

Und da wardie Hausfrau Elsa Wolf, verheiratet mit einem angesehenen Immobilienmakler. Ihre große Sorge war es, ihre Kinder noch rechtzeitig aus Nazideutschland heraus zu bekommen. Sie und ihr Mann wurden nach Gurs deportiert, Oskar Wolf nach Auschwitz verschleppt. Sie selbst überlebte unter abenteuerlichen Umständen in Frankreich.

Boris Feiner (Piano)

  • geb. 1981 Kiew
  • Studium mit 7 Jahren an der Musikakademie.                                                              
  • Emigration nach Israel
  • Abschluss Master + Dissertation an der
  • Musikhochschule Tel Aviv
  • Studium an der Musikhochschule Karlsruhe
  • Sieger bei 23 internationalen Wettbewerben
  • Auftritte Philharmonie Baden-Baden,                                                                          
  • International namhaften Orchestern + Dirigenten
  • Begleitet Anna Netrebko, Thomas Hampson u.a. im Festspielhaus Baden-Baden
  • Konzertpianist + Kammermusiker 

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Gedenken an die letzten Kuppenheimer Juden


Vorträge zur Gedenken an Deportation vor 75 Jahren

22. Oktober 2015 ehemalige Turnhalle (heute Wörtelhalle)


Deportation der südwestdeutschen Juden nach Gurs


Systematische Entrechtung. Mit zahllosen Repressalien, antisemitischen und rassistischen Gesetzen, Verordnungen und Terroraktionen waren die Nazis von Anfang an in ganz Deutschland gegen die Bürger jüdischen Glaubens vorgegangen. Systematisch wollten sie deren wirtschaftliche Existenz ruinieren und sie zu Emigration und Flucht zwingen.

 

  • Auch die Kuppenheimer Juden waren betroffen vom  Boykott »jüdischer« Geschäfte und Betriebe bereits ab April 1933.
  • Die Nationalsozialisten erließen Hunderte von Verordnungen und Verbote zu nahezu allen Fragen des alltäglichen Lebens.
  • Dazu kamen die Aberkennung der Staatsbürgerrechte durch die »Nürnberger Gesetze« 1935.
  • In der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurde Kuppenheimer Synagoge niedergebrannt. Am Tag darauf wurden 6 jüdische Bürger in Schutzhaft genommen und ins KZ Dachau gesteckt.
  • Die Juden mussten Schmuck, Wertsachen abliefern.
  • Jüdische Kinder wurden aus deutsche Schulen entfernt.
  • Juden mussten ihre Geschäfte verkaufen, Führerscheine und Kfz-Papiere wurden eingezogen.

Ab 1939 gilt das Berufsverbot für Selbständige in Handel und Handwerk. Am 21 Uhr (im Winter an 20 Uhr) dürfen Juden ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Sie durften kein Telefon und kein Radio mehr besitzen.

Es geschah am helllichten Tag. Am 22. Oktober 1940 begann die Wagner-Bürckel-Aktion mit dem Ziel, neben dem Saarland und Rheinland-Pfalz auch Baden „judenfrei“ zu machen. Alle Juden, die transportfähig waren, mussten mit. Selbst Alte und Gebrechliche wurden nicht verschont. Nur Juden, die in „Mischehe“ lebten, konnten bleiben. 9.500 Juden waren von dieser Aktion betroffen, davon 5.500 aus Baden.

Die Juden feierten trotz der Repressalien durch die Nazis ihr „Laubhüttenfest“.

In Kuppenheim und überall in Baden klopften am frühen Morgen Gestapo-Männer an die Haustür jüdischer Familien. Innerhalb von zwei Stunden mussten sich diese reisefertig machen. In anderen Orten blieb oft weniger Zeit, manchmal nur 30 Minuten. Maximal 50 kg Gepäck und 100 RM durften mitgenommen werden. Die Haustür wurde versiegelt oder die Schlüssel mussten in der Tür stecken bleiben.

16 Kuppenheimer Juden schleppten sich in Begleitung der Nationalsozialisten durch die Friedrichstraße zur Turnhalle (heute Wörtelhalle).

Dort wurden sie auf Lastwagen gesteckt und zum Bahnhof Karlsruhe transportiert. In einem der neun Eisenbahnzüge mit 3-Klasse-Waggons ging dann die Fahrt 3 Tage und 4 Nächte lang in Richtung Süden. Die jüdischen Mitbürger wussten nicht, wohin man sie bringen würde.

In Deutschland konnten sich die beiden Gauleiter am 23. Oktober rühmen, ihre Gaue „judenfrei“ gemacht zu haben, ohne Komplikationen mit den Behörden und der Bevölkerung bekommen zu haben.

Als die Deportierten in Gurs am Rande der Pyrenäen ankamen, regnete es und es war bitterkalt. Vom Regen durchnässt, frierend,  von der beschwerlichen Bahnfahrt erschöpft, sanken sie auf den schmutzigen Bretterboden nieder.

Die französischen Behörden wurden vorher nicht informiert und waren völlig überfordert.  Im Lager befanden sich bereits 900 Menschen (überwiegend spanische Widerstands-kämpfer). Innerhalb weniger Tage stieg die Zahl auf 13.000, später auf 19.000 Deportierte an.

 

  • Das Lager befand sich in einem desolaten Zustand und die Lage für die Verschleppten war unerträglich:
  • wochenlanger Regen;                                                                             
  • überall zentimeterdicker Schlamm und das Monate lang;
  • zusammengepfercht in fensterlosen und ungeheizten
  • Holzbaracken ohne elektrisches Licht;
  • Dahinvegetieren auf dem Holzboden ohne Betten;
  • unbeschreibliche hygienische Verhältnisse;
  • das Wasser war im bitterkalten Winter 1941/42 ein gefroren;
  • Infektionskrankheiten und Erkrankungen aller Art;
  • miserables Essen; unendliche Langeweile und wenig Hoffnung;
  • jeden Tag viele Tote, vor allem Ältere. In den ersten Monaten starben bereits 1.000 Menschen.

 

Aber trotz Entbehrung und Dreck, fehlender Intimität und Hoffnungslosigkeit gab es immer wieder Zeichen menschlichen Zusammenlebens. Freundschaften und Nähe entwickelten sich.

Der Wunsch, in Würde zu leben, veranlasste die Deportierten, zu beten, Gedichte zu schreiben, Lieder zu komponieren, zu malen, zu zeichnen. Und es gab einen improvisierten Unterricht für die Kinder und den Versuch, diese von ihrer Tristesse abzulenken. In die unbarmherzige Welt des Lagers drang manchmal ein Lichtblick von außen.  Meist kam er von Organisationen, die sich bemühten, Hilfe zu leiten, so das Schweizer Rote Kreuz, die jüdische Organisation Kinderhilfe OSE oder die amerikanischen Quäker.

Darüber hinaus halfen manche Franzosen, Deportierte zu verstecken oder sie ins sichere Ausland zu bringen. Um emigrieren zu können, war ein Visum vom Gastland notwendig, ein Durchreisevisum für Portugal, Spanien oder Marokko, Schiffskarte und Devisen für die Reisekosten. Nur wenige hatten die Möglichkeit, diese Anforderungen zu erfüllen. 2.000 Juden insgesamt konnten gerettet werden. 2.700 starben im Lager.

Für einen großen Teil de Deportierten bedeutete Gurs lediglich eine Zwischenstation auf ihrem Leidensweg. Ab März 1942 befahl das Judenreferat Eichmann die Deportation aller im Frankreich lebender Juden nach Osten. Die aus Viehwaggons zusammen-gestellten Deportationszüge wurden über das Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz bzw. Sobibor umgeleitet. Die allermeisten der Deportierten, es waren 1.800, wurden noch am Tag ihrer Ankunft in den KZs vergast oder der „Vernichtung durch Arbeit“ preisgegeben.
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16 Kuppenheimer Juden nach GURS verschleppt
Geschichte des Kuppenheiemwr Juden -seit 1433- ausgelöscht


Von den 16 Kuppenheimer Juden überlebten lediglich fünf das Lager: Max und Fanny Dreyfuß, Ilse und Ludwig Schlorch, Ludwig Kahn.


Weitere 14 ehemals in Kuppenheim geborene Juden wurden von anderen Orten nach Gurs verschleppt, niemand überlebte.


Mit dieser verbrecherischen Verschleppung durch die Nationalsozialisten wurde jüdisches Leben in Kuppenheim, das bis ins Jahr 1633 zurückgeht, zerstört.

Kuppenheimer Bürger wurden ihrer Heimat beraubt, nur weil sie Juden waren

 

  • Mit dieser Gedenkveranstaltung wollen wir erinnern an das Unrecht, das den jüdischen Mitbürgern angetan wurde. Diese Geschehnisse dürfen wir nicht vergessen. Das ist auch eine Mahnung an die Jugend.
  • Es sehr erfreulich, dass die örtlichen Schulen, die Werner-von-Siemens-Realschule und die Favoriteschule beim Gedenken mitwirken. Dank an die RS. Die Favoriteschule will sich 2016 wieder engagieren
  • Wir erheben wir die Stimme gegen Antisemitismus und Rassismus,
  • Wir treten ein für die Rechte anderer und
  • Wir rufen auf zu politischer Wachsamkeit und  Zivilcourage. 
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16 Kuppenheimer Juden wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs verschleppt:

Das Martyrium endet mit der Vergasung in Auschwitz für: 

  • Marie Dreyfuß,
  • Isidor Meier und seine Ehefrau
  • Karoline Meier (geb. Kahn),
  • Semi Schlorch (Frontkämpferabzeichen I. WK) und seine Ehefrau
  • Rosa Schlorch (geb. Herz) sowie deren Sohn
  • Günter Schlorch


In Gurs bzw. in den Nebenlagern verstarben: 

  • Blondina Kahn und ihre Schwester
  • Colestina Kahn,
  • Samuel Herz und seine Ehefrau
  • Sara Herz (geb. Maier) sowie
  • Mina Meier


Das Internierungslager Gurs überlebten und konnten emigrieren bzw. in Frankreich weiter leben:

  • Ilse Schlorch und ihr Bruder
  • Ludwig Schlorch (Eltern: Semi und Rosa Schlorch),
  • Ludwig Kahn,
  • Max Dreyfuß (patriotischer Soldat im 1. Weltkrieg) und seine Ehefrau
  • Fanny Dreyfuß (geb. Monatt)


14 weitere Juden, geboren in Kuppenheim und wegen Heirat und aus beruflichen Gründen in andere Orte gezogen, wurden ins Deportationslager Gurs verschleppt:

  • Ida Heumann, geb. Dreyfuß,
    zog wegen der Heirat vion Hermann Heumann nach Hoffenheim. Mit dem Sammeltransport Nr. 17 kam Ida Heumann am 10. August 1941 nach Auschwitz und wurde dort ermordet.
  • Jeanette Hirsch, geb. Kahn,
    heiratete 1910 Hermann Hirsch aus Malsch. Mit ihrem Ehemann wurde sie von Ettlingen nach Gurs deportiert und am 10. August 1942 weiter nach Auschwitz verschleppt.
  • Auch Regine Katz, geb. Dreyfuß,
    kam mit Transport Nr. 17 am 10. August 1942 nach Auschwitz. Zuvor heiratete sie Markus Katz in Karlsruhe.
  • Irma Platz, geb. Kahn,
    zog von Kuppenheim nach Mannheim. Zusammen mit ihrem Ehemann kamt sie mit Transport Nr. 17 nach Auschwitz.
  • Mit Transport Nr. 31 gelangte Johann Kuhn, geb. Kahn,
    am 11. September 1942 über Drancy (von Gurs kommend) nach Auschwitz. Johanna Kahn wohnte bis zu ihrer Heirat 1923 in Kuppenheim, zog dann nach Ilvesheim.
  • Berta Grünhut, geb. Kahn,
    verlegte ihren Wohnsitz von Kuppenheim. nach Straßburg, später Mannheim. Von dort kam sie über Gurs mit Transport Nr. 50 nach Auschwitz.
  • Emilie Brumlick, geb. Kaufmann,
    folgte ihrem Ehemann Moritz Brumlick nach Mannheim. Mit dem Deportationszug Mr. 74 gelangte sie am 20. Mai 1942 als 55-Jährige nach Auschwitz.
  • Die neue Heimat von Fanny Kreuzer, geb. Kaufmann,
    war nach der Eheschließung mit Adolf Kreuzer ebenfalls Mannheim. Ihre Endstation war mit dem Transport Nr. 75 am 30. Mai 1942 Auschwitz (Vergasung). Alle acht jüdische Frauen wurden meist mit ihren Ehemännern mit unterschiedlichen Transporten über das Sammellager Drancy bei Paris in Viehwaggons nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.
  • Anna Billig, geb. Herz,
    lebte seit 1935 in Karlsruhe. In Gurs war sie bis zum 4. September 1941 interniert, kam dann ins Altersheim nach Nizza, wo sie als 78-Jährige verstarb. Ein Reisepass wurde ihr im Juli 1935 vom Polizeipräsidium Karlsruhe abgelehnt. Sie hatte vor, ihren zuvor in die Schweiz ausgewanderten Sohn Oskar zu besuchen, um dort wohl eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen.
  • Elise Loeb, geb. Herz,
    heiratete Michael Loeb und zog deswegen nach Karlsruhe. Sie verstarb im Jahr 1943 im Gurs-Nebenlager Idron.
  • Max Kahn
    lebte mit seiner Familie bis zur Deportation in Karlsruhe. Er starb am 3. August 1942 in Marseille.
  • Adolf Kahn
    kämpfte als Soldat im 1. Weltkrieg  für das deutsche Vaterland. Als 28/29-Jähriger verließ er Kuppenheim und zieht nach Hornburg in Oberhesse, dann nach Gießen und 1918 nach Illingen. Von hier aus gelangte er nach Gurs, wo er am 28. August 1941 im Außenlager Rivesaltes starb. Dort ist er auch beerdigt.
  • Salomon Kuppenheimer
    lebte seit 1911 im Rastatt. Er war ebenfalls Soldat im 1. Weltkrieg ebenfalls im Einsatz. 1939 lebte er für kurze Zeit in Kuppenheim. Am 22. Oktober kam er nach Gurs. Am 26. September 1944 verstarb er in Montélimar, Frankreich.
  • Leopold Friedmann,
    in Kuppenheim geborener Handelsmann, zieht später nach Hilzingen. Auch er wurde nach Gurs deportiert, wo er 11. Januar 1941 verstirbt.


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Glaube an die Kulturnation mit dem Leben bezahlt

Jüdische Soldaten durch "Dolchstoßlegende" diffamiert

22. Januar 2015, Bürgersaal altes Ratghaus Kuppenheim


„Kuppenheimer Juden im Ersten Welt­krieg: erst ausgezeichnet, dann vernichtet",
lautet der Titel eines Vortrags des Historikers und Archivars Kurt Hoch­stuhl, zu dem der Arbeitskreis Stolper­steine Kuppenheim am Donnerstag, 22. Januar, um 19 Uhr in den Bürgersaal des alten Rathauses einlädt. Bettina Hakius aus Bühl wird den Vortrag mit einigen Klezmerstücken musikalisch umrah­men. Der Eintritt ist frei, Spenden für die nächste Stolpersteinlegung sind er­wünscht.

Kurt Hochstuhl, Leiter der Abteilung Staatsarchiv Freiburg im Landesarchiv Baden-Würt­temberg und Mit­glied der Kommission für geschicht­liche Landeskunde, untersucht in sei­nem Referat den Beitrag der jüdischen Deutschen am Weltkriegsgeschehen und zeichnet deren wachsende Diskriminierung im Verlauf des Krieges nach, wie er im Gespräch mit den BNN berichtet. Mit großem patriotischem Überschwang, „aber auch in der Hoffnung, durch ihr Mitmachen soziale und gesellschaftliche Gleichberechtigung zu erfahren", eilten 1914 Zehntausende jüdischer Soldaten in den Weltkrieg. „Verbände wie der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens riefen ihre Mitglie­der sogar dazu auf, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Doch die Hoff­nung auf Anerkennung und Gleichbe­rechtigung sollte bitter enttäuscht wer­den."

Unter den 550 000 deutschen Staats­bürgern jüdischer Religionszugehörig­keit waren laut Hochstuhl 96 000 Kriegsteilnehmer; davon seien 12 000 gefallen. „Diese Zahlen zeigen, dass sich der Vorwurf der Drückebergerei nicht halten lässt. Die antisemitische Propa­ganda hatte behauptet, dass relativ zur Gesamteinwohnerzahl weniger Juden an der Front dienten als Nichtjuden."

Herrschte zu Kriegsbeginn noch ein Burgfriede, so entpuppte sich dieser bald als Illusion, wie Hochstuhl sagt. Je länger der Krieg dauerte, je mehr Men­schen ihr Leben verloren und je ge­ringer die Aussicht auf den Sieg war, desto mehr sahen sich die Juden ag­gressiven Angriffen und Vorwürfen sei­tens der antisemitischen Kräfte ausge­setzt, die jetzt wieder „aus ihren Lö­chern krochen" und besonders stark im preußischen Offizierskorps vertreten waren. Nach dem verlorenen Krieg seien die Juden schließlich als Sündenböcke für die Niederlage mitverantwortlich gemacht worden, berichtet Hochstuhl von der „Dolchstoßlegende", der zufolge das deutsche Heer von hinten erdolcht worden sei, wie der Generalstabschef und spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg seinerzeit behauptet hatte.

Foto Berthold Dreyfuß

Über Kuppenheimer Juden im Ersten Weltkrieg hält Kurt Hochstuhl am 22. Januar einen Vortrag im alten Rathaus. Auf dem Bild ist links oben Berthold Dreyfuß zu sehen, der hoch dekoriert nach 1933 aus Deutschland fliehen musste.       


Auf den Zusammenbruch des Kaiserreiches folgte die Weimarer Republik, deren Väter vielfach Opfer von Gewalt und Anschlägen  wurden, nennt Hochstuhl etwa Außenminister Walter Rathenau, der in einem Schmählied als „Judensau" verunglimpft - 1922 einem rechtsextremistischen Anschlag zum Opfer fiel, Nach der Machtübernahme der Nationalsozialsten begann schließ­lich eine bis dahin in der Geschichte ungekannte Verfolgung von Juden, die im Holocaust mündete. Die Erinnerung da­ran, dass im Ersten Weltkrieg viele jüdische Soldaten, teils hochdekoriert, in der deutschen Armee gekämpft hatten, sei von den Nazis gezielt aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht worden, berichtet Hochstuhl. Im Wissen um ihre „Verdienste" an der Front, stolz auf die Orden, mit denen sie einst für ihre „Tapferkeit vor dem Feind" ausgezeichnet worden waren, weigerten sich viele jüdische Veteranen, im Vertrauen auf „Ehr und Treue" aus Deutschland zu fliehen. „Sie glaubten, es werde ihnen nichts geschehen. Sie konnten sich schlicht nicht vorstellen, dass sich eine Kultur­nation einen solchen Zivilisationsbruch erlauben würde. Bis zur Pogromnacht im November 1938 fühlten sie sich, trotz aller Repressalien, einigermaßen ge­schützt." Auch dies ein großer Irrtum, den viele mit dem Leben bezahlten.

BNN, Januar 2015, Ralf Joachim Kraft
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14 Kuppenheimer Juden im Ersten Weltkrieg


Die jüdischen Mitbürger in Kuppenheim waren Teil des städtischen Lebens, wirtschaftlich geachtet und von der Gesamtbevölkerung wohlwollend toleriert. Deshalb betrachteten 14 jüdische Männer es als ihre vaterländische Pflicht, in den Krieg zu ziehen. Von den 14 Kuppenheimer bzw. aus Kuppenheim stammenden jüdischen Kriegsteilnehmern sind fünf gefallen:


Julius Grünbaum,
geb. 31.05.1893 in Kuppenheim, vermisst seit 25.02.1916

Karl Dreyfuß,
geb. 21.03.1892 in Kuppenheim, Schlossstraße 1, Kaufmann, gestorben 1917 in russischer Gefangenschaft an Lungenentzündung

Ludwig Herz,
geb. 14.03.1890 in Kuppenheim, Friedrichstraße 86, Kaufmann, gefallen am 16.06.1915 in Frankreich

Joseph Kahn,
geb. 20.06.1883 in Kuppenheim, Kaufmann, Ginzengasse 71, gefallen am 15.05.1915 durch Kopfschuss in Frankreich

Moses Dreyfuß,
geb.1881 in Kuppenheim, Rheinstraße 14, Pferdehändler, zuletzt wohnhaft in Baden-Baden, gefallen am 24.10.1918 in Frankreich


Erinnert wird in Kuppenheim an die Gefallenen...

  • auf einer bebilderte Gedenktafel im Heimatmuseum Kuppenheim
  • auf dem Ehrenhain des städtischen Friedhofes,
  • auf dem Ehrenmal der Friedrichstraße (renoviert 2016) und
  • auf einer Marmortafel auf dem jüdischen Friedhof

Neun in Kuppenheim lebende/geborene jüdische Soldaten als Kriegsveteranen gedemütigt, entrechtet, vernichtet  


Im Wissen um ihre „Verdienste" an der Front, stolz auf die Orden, mit denen sie einst für die Tapferkeit vor dem „Feind" ausgezeich­net wurden, weigerten sich viele jüdische Veteranen, im Vertrau­en auf „Ehr und Treue", aus Deutschland zu fliehen. Ein entsetz­licher Irrtum. Einige von ihnen wurden ins Gas getrieben oder star­ben im Lager. Die anderen mussten ihre Heimat verlassen, haben alles verloren.


Heinrich Dreyfuß,

geb. 16.10.1883, Kaufmann in der Friedrichstra­ße 72, später Murgtalstraße 17, wurde im ersten Weltkrieg mehr­fach ausgezeichnet und überlebte den Fronteinsatz. Während des Novemberpogroms 1938 wurde er nach Dachau verschleppt, dort starb er an den Folgen der erlittenen Misshandlungen am 24. No­vember 1938 in Prittelbach bei Dachau.


Semi Schlorch,
geb. 03.03.1889, Kaufmann in der Friedrichstraße 86 in der regional bekannten Eisen-warenhandlung „Herz & Schlorch, wurde das Frontkämpferabzeichen verliehen. Er überlebte den Fronteinsatz. Während des Novemberpogroms 1938 wurde er nach Dachau verschleppt, kehrte aber am 6.12.38 nach Kuppenheim zurück. Er weigerte sich offensichtlich dennoch Deutschland zu verlassen. Am 22.10.1940 wurden er und seine ganze Familie zunächst nach Gurs verschleppt. Seine Frau, er und sein Sohn wurden von dort 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.                                                  


Berthold Dreyfuß,
geb. 16.15.1879, Viehhändler in der Schloss­straße 1, mit mehreren Auszeichnungen dekoriert, Mitglied des Bür­gerausschusses Kuppenheim, während des Novemberpogroms 1938 wurde er vorübergehend nach Dachau deportiert. Er lebte nach 1945 in der Schweiz und starb 1964 in Baden-Baden.


Max Dreyfuß,
geb. 10.11.1881, Viehhändler/Kaufmann, betrieb ein Geschäft für Manufakturen und betten in der Murgtalstraße 2, mehrere Auszeichnungen. Während des Novemberpogroms 1938 wurde er drei Wochen lang nach Dachau deportiert. Er und seine Frau wurden nach Gurs verschleppt, überlebten dort und emigrier­ten nach New York.


Alfred Maier,
geb. 09.06.1877, Pferdehändler in der Friedrichstra­ße 94, bekam mehrere Auszeich-nungen. Emigrierte mit Ehefrau Mat­hilde am 1938 nach Nordamerika, starb 1961 in New York.


Berthold Herz,
geb. 12.04.1897, wohnte in der Murgtalstraße 37, Kaufmann (Eisenwarengeschäft Herz & Schlorch in der Friedrichstra­ße 86), bekam mehrere Auszeichnungen. Während des November­pogroms 1938 wurde er für vier Wochen nach Dachau deportiert. Am 05.02.1940 wanderte er mit Frau und Tochter nach Amerika aus.


Adolf Kahn,

geb. 09.06.1876, Kaufmann in der Friedrichstraße 94, 1916 Soldat, 1940 nach Gurs deportiert, starb 1941 im Lager.


Karl Dreyfuß,

geb. 16.03.1871 Kuppenheim, Pferdehändler, lebte 1914 in Baden-Baden, mehrere Auszeichnungen.


Salomon Kuppenheimer,

geb. 28.09.1865 in Kuppenheim, Pfer­dehändler, lebte in der Bruchgasse 66 (Areal Alte Schule), lebte danach in Pforzheim und Rastatt, zeitweilig auch wieder in Kup­penheim bei Sara Meier (Friedrichstraße 94). Freiwilliger einer Sa­nitätskolonne vom Roten Kreuz. Wurde nach Gurs deportiert. 1944 verstarb er in Montélimar, Frankreich. Seiner Ehefrau Karoline gelang es, von Gurs in die Schweiz zu flüchten.


Kommunal-Echo 08. Januar 2015
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CHRISTEN und JUDEN - Eine skandalöse Vergangenheit und hoffnungsvolle Wege in die Zukunft

Vortrag von Bettina Hakius, Bühl
, und musikalische Begleitung

5. November 2014, Bürgersaal altes Rathaus Kuppenheim

BILDER - BILDER


Im Rahmen der Themenreihe „Reformation und Politik" luden am vergangenen Mittwoch die evangelische Gemeinde Kuppenheim-Bischweier, der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim sowie die KÖB Kuppenheim gemeinsam in den Bürger­saal des Alten Rathauses ein.


Dieser Einladung folgten so viele Interessierte, dass sich der Beginn der Veranstaltung zunächst ein wenig verzögerte. Erst als schließlich alle einen Sitzplatz gefunden hatten, konnte die Referentin Bettina K. Hakius mit ihrem Vortrag über das Thema „Christen und Juden - eine skandalöse Vergangenheit und hoffnungsvolle Wege in die Zukunft" beginnen. Gerade angesichts der aktuellen politischen Situation lohne sich „der Blick in den Rückspiegel - aber ohne darin zu ver­harren", so Bettina Hakius. Und mit dieser Zielsetzung führte sie die Zuhörer durch 2000 Jahre jüdisch-christlicher Ge­schichte und zeigte auf, wie sich eine Religion, deren Wurzeln im Judentum liegen und deren „Gründer" Jesus sich eigentlich als jüdischer Reformer verstand, zunehmend von den Juden abgrenzte.


Vor allem theologische Fehlentscheidungen innerhalb der christlichen Kirche waren im Laufe der Jahrhunderte dafür verantwortlich, dass sich eine antijüdische Haltung in der christlichen Bevölkerung etablierte und Juden ausgegrenzt und verfolgt wurden.


Frau Hakius unterbrach den historischen Rückblick immer wieder mit musikalischen und literarischen Zitaten und be­wies, dass sie auch eine ausgezeichnete Sängerin ist und Klavier und Querflöte beherrscht. Die nachdenklichen Ge­dichte von Gertrud Marx („Hast Du uns darum in der Welt zer­streut, / damit wir immer neu einander finden ...) veranschau­lichten beispielsweise die tiefe Frömmigkeit einer deutschen Jüdin Anfang des 20. Jahrhunderts. Axel Kühners jüdischer Humor brachte dagegen das Publikum trotz des überwiegend ernsten Themas herzlich zum Lachen. In der anschließenden Diskussionsrunde machten viele der zahlreichen Zuhörer von der Möglichkeit Gebrauch, ihre per­sönliche Sicht auf die Problematik einzubringen. Bettina K. Hakius ist Theologin und Kennerin Israels, das sie mindestens einmal pro Jahr bereist. Sie wies auf die Gefah­ren des neuen Antijudaismus in Deutschland hin und warb aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus für mehr Verständ­nis gegenüber Israel, das in den hiesigen Medien häufig un­gerecht bewertet werde.


Mit ihrem jazzigen selbst komponierten Schlusslied „From Baghdad to Cairo" (nach Jesaja 19) fasste sie ihren Appell an die Zukunft zusammen: Der Weg vom alttestamentarischen Assyrien nach Ägypten führt „durch Jerusalem", d. h. der Weg zum Frieden im Nahen Osten ist ohne Israel nicht denkbar.


Kommunal-Echo Kuppenheim-Bischweier,13.11.2014

Texte + Grafik:  Anja Reuter, KÖB, Die Bücherei für alle, Kuppenheim
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Von Christen und Juden


Theologin referiert in Kuppenheim über schwieriges Verhältnis


Kuppenheim (vgk) - „Chris­ten und Juden" - was lief in der Vergangenheit und was läuft heute noch immer schief in der Beziehung zwischen den beiden Glaubensgemein­schaften? „Was ist falsch ge­laufen, dass in einem Land .mit überwiegender Kirchen­zugehörigkeit die Nazi-Ideologie blühen konnte und Auschwitz möglich wurde?" Diesen weiteren Fragen ging am Mittwochabend die Theologin Bettina K. Hakius in Kuppenheim nach.


Zu der Veranstaltung einge­laden hatten die evangelische Kirchengemeinde Kuppen­heim-Bischweier, der Arbeits­kreis Stolpersteine und die Katholische Öffentliche Bücherei. „Christen und Juden - oder ei­ne skandalöse Vergangenheit und hoffnungsvolle Wege in die Zukunft". Hinter diesen sperrigen Titel verbarg sich für die Besucher im sehr gut gefüll­ten alten Rathaussaal in Kup­penheim keine leichte Kost,  denn die Thematik ist einfach zu umfänglich, um sie nur an­satzweise in einen knappe zwei­stündigen Vortrag pressen zu können, mit anschließender reger Diskussion. Die Gedich­te, Anekdoten und Lieder, mit denen Bettina Hakius, ihren Vortrag umrahmte, sagten eini­ges darüber aus, wie es um das Seelenleben der Juden be­stimmt ist.


Interessiert lauschte das Pub­likum, hier und da gab es zu­stimmendes Gemurmel, den Ausführungen Hakius, die dem „Christlichen Antijudaismus" sowie den zentralen Fehlent­wicklungen in der katholi­schen wie auch evangelischen Kirche, in der Theologie und in der Politik, nachging.


Neben der Aktualität des Themas widmete sie sich der Vergangenheit und konnte schlüssig darlegen, dass viele Ressentiments gegen die Juden schon vor fast 2 000 Jahren be­gannen.


Im vierten Jahrhundert nach Christus habe der Judenhass und Antijudaismus dann so richtig Fahrt aufgenommen. Die Gründe dafür seien vielfäl­tiger Natur und unter anderem zu suchen in theologischen Verirrungen sowie im Vorwurf des Gottesmords an die Juden. Dies habe in den darauffolgen­den Jahrhunderten immer wie­der zu Gewaltexzessen gegen Juden geführt und Rechtferti­gung gedient, um zum Juden­mord aufzuru­fen. Papst Ur­ban II gewähr­te zum Bei­spiel jedem Teilnehmer an den Kreuzzü­gen Sündenerlass für jeden getöteten Ju­den. Eine Steilvorlage für die Kreuz­ritter, die auf ihrem Weg in das Heilige Land eine Blutspur durch Europa zogen. Ferner blickte die Re­ferentin auf die Einfüh­rung des Antijudaismus durch die Hu­manisten in die europäi­sche Bildungs­kultur, gleich­sam als Vorla­ge     für völkisches Denken. Man mochte oft kaum glau­ben, was Ha­kius bei ihren Recherchen und dem Studium der Bibel zutage gefördert hat. Sie beleuchtete die, Rolle des Reformators Martin Luther in der Judenfrage wie auch der christlichen Kirchen sowie de­ren mehr als unrühmliches Verhalten im Dritten Reich.


Im Schlussteil richtete Betti­na Hakius ihren Blick auf den Auftrag und die Verantwor­tung der Christen gegenüber den Juden und dem Staat Isra­el, auf dem Weg zum Frieden - wunderbar zum Ausdruck ge­bracht in ihrem Schlusslied „Der Friedensweg von Kairo nach Bagdad".


Badisches Tagblatt, 07.11.2014, Text: Veronika Gareus-Kugel 
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Opferbereitschaft am Ende diffamiert Jüdische Soldaten
im Ersten Weltkrieg


Vortrag von Paul Sachse stieß auf reges Interesse

29. Juli 2014, Hotel Gasthof Blume Kuppenheim

Auf reges Interesse gestoßen ist im Ge­denkjahr „100 Jahre Beginn Erster Weltkrieg" ein Vortrag von Paul Sachse, Mitglied im „Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim", über die Teilnahme der deutschen Juden an diesem Krieg. Der Vortrag gipfelte in einer lebhaften Dis­kussion, an der sich auch Zeitzeugen be­teiligten.


Zu Beginn erwähnte der Referent alle jüdischen Kuppenheimer Bürger, die so­wohl vom Ersten Weltkrieg als auch vom Völkermord in der Zeit des Nationalso­zialismus betroffen waren. Er berichtete von fünf gefallenen jüdischen Soldaten aus Kuppenheim - Julius Grünbaum, Karl Dreyfuß, Ludwig Herz, Moses Dreyfuß und Jo­seph Kahn. Neun jüdische Soldaten aus Kuppenheim hatten überlebt. Am Beginn seiner Recherchen sei sein „Entsetzen darüber gestanden, dass aus Sozialdemokraten, Katholiken, Protestanten und Juden be­geisterte deutsche Frontkämpfer wur­den", sagte Sachse.


„Die Bereitschaft, sich mit Leib und Leben für das Vaterland einzubringen, schien den einen wie den anderen die Chance zu bieten, endlich als vollwerti­ge Teile des deutschen Volkes anerkannt zu werden", erklärte Sachse. „Doch we­der die einen noch die anderen wurden für ihre Opferbereitschaft belohnt, son­dern am Ende dieses Krieges als Täter der sogenannten Dolchstoßlegende dif­famiert." Etwa 100 000 deutsche Juden seien eingezogen worden, „davon mel­deten sich mehr als 10 000 freiwillig", 12 000 seien gefallen, 31 000 aufgrund ihrer Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz „dekoriert" worden. Im Wissen um ihre „Verdienste" an der Front hät­ten sich während der Nazi-Herrschaft viele jüdische Veteranen „im Vertrauen auf Ehr und Treue" geweigert, aus Deutschland zu fliehen. „Ein entsetzli­cher Irrtum. Auch sie wurden ins Gas getrieben".


Erwiesen sei, „dass die deutschen Ju­den in der Reichsarmee auf vielfältige Weise einem erhöhten Loyalitätsdruck ausgeliefert waren". Juden der Unter- und Mittelschicht sei eine „durch nichts belegbare „Drückebergerei" unterstellt worden. „Und je aussichtsloser der mili­tärische Sieg wurde, desto größer wurde der Bedarf an Sündenböcken." Zudem sei bei der notleidenden und hungern­den Bevölkerung die antisemitische Hetze, dass die Juden „Schieber" und „Kriegsge­winnler" seien, auf fruchtbaren Boden gefallen, berichtete Sachse, dass die Juden sowohl für die nie eingestandene Niederlage an der Westfront als auch für den Zusammen­bruch der sogenannten „Heimatfront" verantwortlich gemacht worden seien. Schon 1917 hätten völkische und antise­mitische Gruppen den Krieg in einen Kampf ums Dasein zwischen Deutsch­tum und Judentum umgedeutet und den Juden die Schuld an der Niederlage ge­geben.


Laut Sachse kämpften im Ersten Welt­krieg anderthalb Millionen Menschen jüdischen Glaubens für ihre jeweiligen Vaterländer und deren Führung. „133 000 davon haben es mit ihrem jun­gen Leben bezahlt und es zeichnete sich ab, dass die Verachtung und das sinnlose Sterben kein Ende finden wird."


BNN 02. August 2014, Ralf Joachim Kraft
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Die Teilnahme der deutschen Juden am Ersten Weltkrieg                    

Vortrag von Paul Sachse, Kuppenheim, Kommunal-Echo, August 2014, Serie I, II, III

29. Juli 2014  


Am Beginn meiner Recherchen  zur Teilnahme der deutschen Juden am Ersten Weltkrieg steht zwangsläufig mein Entsetzen darüber, dass aus Sozialdemokraten, Katholiken, Protestanten und Juden begeisterte deutsche Frontkämpfer wurden, die aristokratisches, nationales Machtstreben zu ihren persönlichen Interessen umdeuten ließen und gegen Ihresgleichen tötend und sterbend zu Felde zogen.


Einer komplexen Analyse dieser Ursachen kann man in der Kürze eines Aufsatzes nicht gerecht werden. Dennoch scheint mir vor allem bei den Sozialdemokraten und den Juden eine relative Gemeinsamkeit vordergründig erkennbar zu sein. Vor dem Hintergrund ihrer jeweilig kollektiven Minderwertigkeitsgefühle schien ihnen die Bereitschaft, sich mit Leib und Leben für das „Vaterland“ einzubringen, die Chance zu bieten, endlich als vollwertige Teile des „deutschen“ Volkes anerkannt zu werden.


Aber weder die seit Bismarck als vaterlandslose Gesellen diskriminierten Sozialdemokraten noch die periodischem Antisemitismus ausgesetzten Juden wurden für ihre Opfer-bereitschaft entsprechend belohnt. Am Ende des Ersten Weltkrieges wurden sowohl die einen als auch die anderen als Täter der sogenannten Dolchstoßlegende diffamiert.


Wie absurd die Vorstellung ist, es sei sinnvoll sich heldenhaft für Kaiser, Führer oder Kanzler, Volk und Vaterland tötend und sterbend zur Verfügung zu stellen, lässt sich an nichts deutlicher ablesen, als am Schicksal der deutschen Juden.


Die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegsanleihen ermöglichte  erst die Aggressionsentfaltung die zum Kriegseintritt führte. Einige revolutionäre Sozialisten in der SPD, die deren Kriegszustimmung ablehnten, sammelten sich ab dem 5. August 1914 in der Gruppe Internationale. Deren Gründerin Rosa Luxemburg gab der SPD in der Juniusbroschüre vom Juni 1916 eine wesentliche Mitschuld am Zustandekommen des Weltkriegs.


Die große Bereitschaft, auch der jüdischen Männer, sich freiwillig an die Front zu melden, euphorisierte Kaiser Wilhelm II. im Reichstag zu den Worten: „ Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche ! Zum Zeichen dessen, dass Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten, mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.“


(Während „sein“ Volk in den kommenden Jahren hungernd in Not geriet und, die körperlichen und seelischen Krüppel nicht mitgezählt, 2 Millionen Männer „für ihn“ in den Tod gingen, durfte er am Ende mit 59 Güterwaggons, beladen mit erlesenen Möbelstücken, Kunstwerken, Waffen und Kleidung in seine Wasserburg Haus Doorn in Holland reisen, und den größten Teil seines Vermögens mitnehmen !)


Bis es soweit war, konnten nun erst  einmal auch die deutschen Juden ihren „Patriotismus“ unter Beweis stellen.


Verbände wie der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ riefen ihre Mitglieder geschlossen zum Kriegsdienst auf. Die „Jüdische Rundschau“ schrieb: „Wir deutsche Juden kennen trotz aller Anfeindungen in Zeiten des Friedens heute keinen Unterschied gegenüber anderen Deutschen. Brüderlich stehen wir mit allen im Kampfe zusammen.“


Etwa 100.ooo deutsche Juden wurden eingezogen, davon meldeten sich über 10 ooo freiwillig. Durch Veränderung der Statuten durften nun in der preußischen Armee  erstmalig jüdische Angehörige auch in den Offiziersdienst befördert werden. Obwohl die antisemitische Propaganda verboten wurde und einer staatlichen Zensur unterlag, ließen die antisemitischen Aktivisten nicht lange mit entsprechenden Reaktionen auf sich warten.


Schon Ende August stellte der aus Führungskräften großer Interessenverbände bestehende „Reichshammerbund“ die Behauptung auf, dieser Krieg sei die „rassische Bewährungs-probe“ für jüdische Soldaten. Darüberhinaus forderte dieser Bund, der sich selbst den „politischen Antisemitismus der Kaiserzeit“ auf die Fahne geschrieben hatte, man solle „Kriegsermittlungen“ über die aktive Teilnahme der Juden am Kriegsdienst und in Einrichtungen der „öffentlichen Mildtätigkeit“ anstellen.


Ziel solcher Forderungen war, Zweifel an der „Vaterlandsliebe“ der deutschen Juden zu wecken und kriegsbedingte Alltagsnöte ihnen, in der „Sündenbockfunktion“, anlasten zu können.


Der „Alldeutsche Verband“ ging noch etwas weiter. Er erklärte die als „Lösung der Judenfrage“ bezeichnete Ausgrenzung und Vertreibung der deutschen Juden, im Dezember 1914, zu einem deutschen Kriegsziel.


Da klingt die 20 Jahre später, durch eine Vorsilbe ergänzte, Katastrophe schon deutlich an.


An dieser Stelle scheint nun ein Historikerstreit zu schwelen. Während die einen sagen der Holocaust habe hier bereits seine Wurzeln ausgelegt und eine Führungselite habe bereits zielstrebig auf eine „Endlösung“ hin gearbeitet, relativieren das die anderen, in dem  sie glauben, belegen zu können, dass der Antisemitismus zu jener Zeit ein vernachlässigbares Problem war und erst viel später sein gefährliches Potenzial entfaltet habe. Dieser Streit ist aber, bezüglich der Rolle der deutscher Juden und deren Schicksal im Ersten Weltkrieg, vernachlässigbar.


Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Wurzeln des Holocaust  noch wesentlich weiter zurück liegen und dass der „deutsche“ Antisemitismus periodisch sowohl bedrohliche Höhepunkte als auch „relativ“ liberale Phasen erfuhr. Fakt ist, dass die deutschen Juden in der Reichsarmee auf vielfältige Weise einem erhöhten Loyalitätsdruck ausgeliefert waren.


Belegbar ist, dass auf Betreiben antisemitischer Aktivisten eine staatlich angeordnete, höchst diskriminierende und außerordentlich unseriös ausgeführte  Umfrage zu Ihrer Rolle, während des Kriegsgeschehens, initiiert wurde. ( Die „Judenzählung“ auch: „Juden-statistik“; amtlicher Titel: „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“ )


Unstrittig ist weiterhin, dass diese Pseudoumfrage, durch ihre Nichtveröffentlichung, zur weiteren Diskriminierung der Juden instrumentalisiert wurde.


„Den“ Juden der Unter- und Mittelschicht, die Ihren Kriegsdienst an der Front ableisten mussten, wurde eine, durch absolut nichts belegbare, „Drückebergerei“ in großem Umfang  unterstellt und je aussichtsloser der militärische Sieg wurde, umso größer wurde der Bedarf nach Sündenböcken.


Durch die Seeblockade der Engländer wurde die Zufuhr kriegsentscheidender Rohstoffe unterbunden. Das führte u.a. zu einer weiteren Eskalation der antisemitischen Propaganda.

Um einen wesentlichen Neidfaktor gegenüber den Juden „nicht nur“ in Deutschland besser einordnen zu können, müsste man weit in die europäische Geschichte zurückschauen. Ein differenzierter Blick ist zwar äußerst lohnenswert, denn er lässt uns auch die Wurzeln unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems besser verstehen.


An dieser Stelle sei, zugegebenermaßen sehr verkürzt, aber nur soviel zu diesem Thema gesagt. Den Christen war es, vergleichbar den Moslems, verboten bei Geldgeschäften Zinsen zu verlangen. (Wie wir wissen hat die „Not“ beide erfinderisch gemacht!)


Den Juden war der Gelderwerb in sogenannten „ehrlichen“, den Zünften zugeordneten Berufen untersagt. (Handel und Geldgeschäfte gehörten nicht dazu.) Der Tauschhandel wurde nach und nach durch Geldgeschäfte abgelöst. Sowohl die Kirche als auch die Aristokratie brauchten, für prestigeträchtige  Großprojekte, immer häufiger und kurzfristig große Geldsummen. So kam zwangsläufig zusammen, was nicht im Geringsten von Natur aus und schon gar nicht „genetisch“ zusammengehört.


Über die Jahrhunderte entwickelte sich, auf Grund der Erfahrungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, eine geschickt agierende Geld-und Handelsbranche, deren Protagonisten zu einem nicht unerheblichen Teil Juden waren. Wo Geld mit Geld verdient wird, ist Skepsis sicher sinnvoll, aber der Neid lässt sich auch nicht lange bitten.


Mit diesem Hintergrundwissen nun zurück in den Ersten Weltkrieg und der, durch die englische Seeblockade aufkommenden, Nachschubkrise in Deutschland, lässt sich das Konfliktpotenzial besser einordnen. Es fehlte an Grundmaterialien, von den Uniformen über Waffen bis zur Munition für die Soldaten, sowie an Nahrungsmitteln und Brennstoffen für die Bevölkerung. Die Mangelwirtschaft traf zunächst die Soldaten an der Front, schlug dann aber vor allem auf die mittellosen Bewohner in den Großstädten durch.


Die anfängliche Kriegsbegeisterung schlug um.


In der, zwangsläufig an kriegsorientierten Geschäften beteiligten Industrie, den Banken und dem Handel waren nun mal, auf Grund der geschichtlichen Entwicklung, bei Leibe nicht nur, aber viele jüdische Geschäftsleute involviert.


So fiel bei der notleidenden und hungernden Bevölkerung,  die antisemitische Hetze über die Juden als „Schieber“ und „Kriegsgewinnler“ auf fruchtbaren Boden.


Bereits vor dem Kaiserreich gehörte dieses Klischee des raffgierigen und prinzipienlosen Juden zum Alltag. Das belegen unzählige Veröffentlichungen.


Der sogenannte Gründerkrach an der Börse 1873 verstärkte das Klischee vom spekulierenden Juden, der sein Geld nicht durch Arbeit verdient.


1885 veröffentlichte die Neue Preußische Zeitung einen viel beachteten Artikel, der zunächst die Verflechtung verschiedener Bankhäuser, die sich in jüdischem Besitz befanden, aufgezählt wurde. Weiter hieß es dann sinngemäß: Wenn die Finanz- und Wirtschaftspolitik des neuen deutschen Reiches einer Politik von und für Bankiers entspricht, so könne dies bei den agierenden Persönlichkeiten nicht verwundern. Wenn zugleich die Geld- und Wirtschaftspolitik des deutschen Reiches immer den Eindruck von Judenpolitik macht, so sei das ebenfalls erklärlich, da die eigentlichen Führer der sogenannten ‚nationalliberalen‘ Majorität des Reichstags  Juden seien.


Das Fazit des Artikels gipfelte in der Behauptung: “ Wir werden ja zur Zeit von den Juden eigentlich regiert!“


1871 erschien die antisemitische Hetzschrift eines katholischen Theologen „Der Talmudjude“. Damit wurde auf theologischem Wege gegen die sogenannte „jüdische Rasse“ polemisiert. "Der Talmudjude" hatte eine derart weitreichende Wirkung, dass der „Der Stürmer“, 52 Jahre später gegründet, noch daraus zitierte.


1879 forderte ein  protestantischer Hofprediger aus Berlin und Gründer der "Christlich-soziale Arbeiterpartei" in einer Rede, die Begrenzung des vermeintlichen jüdischen Einflusses auf die Politik. Seine äußerst populären öffentlichen Aussagen als Reichstagmitglied verurteilten "die Juden" zugleich als Erz-Kapitalisten als auch als antikapitalistische Revolutionäre. Wirtschaft wie Arbeiterbewegung seien in gleicher Weise „verjudet“.


Hier klingt bereits 38 Jahre zuvor die perfide Demagogie schon an, die nun während der verlustreichen Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Niedergang des Kaiserreiches  wieder aufgegriffen und verschärft wurde.


Auf diese Weise konnte man die Juden sowohl für die nie eingestandene Niederlage an der Westfront als auch für den Zusammenbruch der so genannten „Heimatfront“ verantwortlich machen. Aber es kam noch schlimmer.


Die so genannte  „Friedensresolution“ war eine am 19. Juli 1917  vom Deutschen Reichstag mit den Stimmen von SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei, gegen die Stimmen der USPD, der Nationalliberalen und der Konservativen, angenommene Initiative, die einen Verständigungsfrieden zur Beendigung des Ersten Weltkrieges forderte. Es war das erste Mal, dass der Reichstag aktiv in das „politische Geschehen“ im Krieg einzugreifen versuchte.


Gegen diese, von der Heeresleitung ignorierte, Resolution gab es eine heftige Kampagne des AV (Alldeutscher Verband), des BdL (Bund der Landwirte), der Veteranenverbände und anderen antisemitischen Gruppen. Regional trat der Alldeutsche Verband in Personalunion mit sogenannten Kriegervereinen auf. Der AV warnte: "Der Reichstag der Juden wird einen Judenfrieden machen!"


Die Alldeutschen und andere völkische und antisemitische Gruppen warteten nicht erst den Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik im November 1918 ab. Sie hatten bereits 1917 den Krieg in einen Kampf ums Dasein zwischen Deutschtum und Judentum umgedeutet. Sie gaben ohne Umschweife den Juden die Schuld an der Niederlage.


Noch im September 1918 gründeten sie zur Koordination der antisemitischen Aktivitäten einen „Ausschuss für die Bekämpfung des Judentums“, der die Bereitschaft signalisierte, Antisemitismus bedenkenlos als politische Waffe bis hin zum Mord einzusetzen. Mit der bereits erwähnten "Dolchstoßlegende" besaß man ein wirksames Propagandainstrument, um die Wende des Krieges aus der Verantwortung des Militärs auf andere Gruppen wie Juden und Sozialdemokraten abzuschieben.


Waren die Juden wohlhabend, wurde ihnen unterstellt, sie hätten mit ihrer „Raffgier“ sowohl den Hunger und die Armut der Zivilbevölkerung als auch die leeren Kriegskassen und damit die Wehrunfähigkeit der kaiserlichen Armee verschuldet. Waren sie arm wurden sie als flüchtige Schmarotzer aus dem Osten diffamiert. Waren sie Soldaten, wurde die Niederlage ihrem angeblich wehrzersetzenden mangelnden Einsatz, zugeordnet. Engagierten sie sich für den Frieden und ein schnelles Ende des Krieges, wurde ihnen der Verrat am deutschen Volk, die bolschewistische „Dolchstoßlegende“ angelastet.


Hintergrund der sogenannten „Dolchstoßlegende“ war die Novemberrevolution von 1918/1919.


Deren Auslöser war ein Befehl der Seekriegsleitung, die deutsche Hochseeflotte trotz der bereits feststehenden Kriegsniederlage Deutschlands in eine letzte Schlacht gegen die britische Royal Navy zu schicken.


Es kam zur Meuterei, daran anschließend zum Kieler Matrosenaufstand und der entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einer Revolution, die das Kaiserreich hinweg fegte. Am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen.


Weiterführende sozialistischen Ideen der Revolutionäre scheiterten am Widerstand der SPD unter Friedrich Ebert. Die ging ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung ein und ließ den so genannten Spartakusaufstand mit Hilfe rechtsgerichteter Freikorpstruppen gewaltsam niederschlagen.


Wenige Tage nach der blutigen Niederschlagung des Januaraufstands verhafteten am 15. Januar 1919 in Berlin Freikorpssoldaten untergetauchten Mitbegründer des Spartakus-bundes, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Sie verschleppten die Vordenker der revolutionären Bewegung, verhörten und misshandelten sie.


Die Jüdin Rosa Luxemburg trat als SPD Mitglied bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg für Massenstreiks als Mittel zur Kriegsverhinderung ein. Sie trat mit ihrer ganzen Klugheit und Leidenschaft gegen den Krieg an und war umso verzweifelter, dass ihre eigene Partei den Kriegsanleihen zustimmte und die jüdischen Arbeiter mit Hurra in den Kampf zogen.


Ihre kurze Nachkriegshoffnung, es ließe sich nun eine Räterepublik errichten, scheiterte wiederum an ihren ehemaligen Genossen. Die beiden ehemaligen Sozialdemokraten Liebknecht und Luxemburg wurden heimtückisch ermordet. Die Leiche von Rosa Luxemburg warfen die Mörder in den Landwehrkanal, wo sie erst Ende Mai 1919 gefunden wurde. Die Freikorpssöldner begingen diese Tat nicht nur, weil ihr Opfer Sozialistin war, die mit ihren Reden und Schriften die Novemberrevolution 1918 mit initiiert hatte; sie handelten auch bewusst aus Antisemitismus. Die 1871 nahe der russisch-polnischen Grenze geborene Luxemburg galt der deutschen Rechten als Inkarnation des verhassten internationalen Judentums.


Die Mörder wurden frei gesprochen. Das Urteil und die Ablehnung einer Revision wurden von dem selben Sozialdemokraten unterzeichnet der dem Anführer der Mörderbande Generalstabsoffiziers Waldemar Pabst grünes Licht zur Ermordung gegeben hatte, Reichswehrminister Gustav Noske.


Für die Sozialdemokraten zahlte sich dieses verhängnisvolle Bündnis nicht aus. Die rechten Kräfte dachten im  Traum nicht an die von der SPD erhofften Versöhnung der Bürgerlichen. Sie entfalteten skrupellos ihre Macht, die in die, bis heute, blutigste Katastrophe der Menschheit führte. Juden, Sozialdemokraten und Sozialisten fanden sich in den KZs wieder und wir wissen, wie entsetzlich es für die Menschen jüdischen Glaubens, gläubig oder nicht, arm oder reich, ausging.


Ein Drama der besonderen Art ist der Umstand, dass die einstige Kaisertreue für unendlich viele jüdische Veteranen auf ganz perfide Weise zur späten tödlichen Falle wurde.

  • Mit 17%, wurden anteilig ebenso viele deutsche Juden wie Nichtjuden zum Kriegsdienst eingezogen, obwohl aus Alters- und Berufsgründen nur 15% der Juden wehrpflichtig gewesen wären.
  • 100. 000 jüdische Deutsche hatten im Krieg gedient. 77% von ihnen hatten an Fronteinsätzen teilgenommen. Das entsprach den Proportionen der Nichtjuden.
  • 10 000 hatten sich „freiwillig“ an die Front gemeldet.
  • 12.000 jüdische Deutsche sind gefallen.
    Wie viele seelisch und körperlich beschädigt bzw. lebenslang gezeichnet waren, ist nicht erfasst.
  • 31 000 jüdische Deutsche Soldaten wurden, auf Grund ihrer Tapferkeit, mit dem Eisernen
    Kreuz „dekoriert“.

 

Im Wissen um Ihre „Verdienste“ an der Front, stolz auf die Orden, mit denen sie einst für die Tapferkeit vor dem „Feind“ ausgezeichnet wurden, weigerten sie sich, im Vertrauen auf „Ehr und Treue“, aus Deutschland zu fliehen. Ein entsetzlicher Irrtum. Auch sie wurden ins Gas getrieben. Das Vaterland war nicht nur undankbar, es war ganz und gar mörderisch entgleist.                                             


Insgesamt kämpften im Ersten Weltkrieg anderthalb Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Für ihre jeweiligen Vaterländer und deren Führung. 133.000 davon haben es mit ihrem jungen Leben bezahlt und es zeichnete sich ab, dass  die Verachtung (nicht nur in Deutschland) und das sinnlose Sterben kein Ende finden wird. Wie logisch war da der Entschluss, wenn schon das Leben opfern, dann für einen eigenen jüdischen Staat.
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75 Jahre Reichspogromnacht in Kuppenheim  

Vorträge (1-5) bei der Gedenkveranstaltung auf dem Synagogenplatz
 

10. November 2013


1. Ein Attentat wie auf Bestellung  

Für die Nationalsozialisten, so viel ist gewiss, kam das Attentat auf einen ihrer Diplomaten wie gerufen. Denn die von Hitler angestrebte Auswanderung der Juden aus Deutschland erfolgte nicht so schnell gewünscht. Bereits 1937 hatte ein hoher SS-Funktionär zu bedenken gegeben, ob man nicht mit einem Pogrom die Emigration beschleunigen könne.


Hitler selbst erteilte Goebbels nach dem Attentat die Entsprechenden Anweisungen.         


Schon am Tag nach dem Attentat auf Rath, also dem 8. November, hetzte der "Völkische Beobachter sei ein "unmöglicher Zustand", dass Hunderttausende von Juden "noch ganze Ladenstraßen" beherrschten. Eine solche Berichterstattung, veranlasste  in  manchen Orten bereits den braunen Mob, Fenster einzuschlagen und Synagogen zu plündern zu lassen. Und viele Passanten machten mit.  


An Abend des 9. November saßen überall in Deutschland und dem angeschlossenen Österreich Nationalsozialisten beisammen, um wie jedes Jahr mit Schnaps und Bier des gescheiterten Staatsstreichs Hitlers vom 9. November 1923 zu gedenken.


Für die potentiellen Opfer hing viel davon ab, ob die besonders brutale SA in der Nähe war und wie radikal die Funktionäre vor Ort dachten. Einige wenige unternahmen nichts, doch in vielen Fällen versammelten Ortsgruppenleiter ihre Anhänger; man nahm Äxte, Hämmer und Brechstangen mit und brach in die Wohnungen von Juden unter dem Vorwand ein, nach Waffen suchen zu müssen. Wertvolles wurde eingesteckt, alles andere kurz und klein geschlagen.


Die Synagogen brannten noch am nächsten Tag  

Da die Feuerwehr Order bekam, nur die angrenzenden Häuser "arischer Deutscher" zu schützen, brannten viele Synagogen noch am nächsten Tag. Vor ihnen versammelten sich Schaulustige. Manche feixten, viele schwiegen. Die von Goebbels erhoffte Demonstration eines antisemitischen "Volkszorns" blieb aus. Fälle  von Zivilcourage sind allerdings auch nur vereinzelt überliefert.


Am Ende musste die NS-Führung ihre Basis bremsen, weil die Schäden zu groß wurden.


Und da irgendjemand dafür aufkommen musste, verfiel Göring auf die perfide Idee, ausgerechnet die überlebenden Opfer in die Pflicht zu nehmen. Für die "Wiederherstellung des Straßenbildes" mussten deutschen Juden 225 Millionen Reichsmark zahlen. Darüber hinaus hatten sie als "harte Sühne" für da Attentat eine Sondersteuer von einer Milliarde Reichsmark zu entrichten. 
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2. Warum schoss  Grynszpan auf den Diplomaten Rath

Drahtzieher Goebbels hatte sich alles ganz anders vorgestellt: Nazis sollten nämlich nach außen nicht in Erscheinung treten, sondern unerkannt in kleinen Trupps Geschäft- und Synagogen beschädigen, sich dann unter die Schaulustigen mischen, von deren Zusammenströmen auszugehen war, und diese zum Plündern und Morden anstacheln. Doch insbesondere viele SA-Kämpfer (so die SA-Leute aus Gaggenau) wollten endlich einmal wieder zuschlagen wie während der sogenannten Kampfzeit vor 1933. Sie marschierten vielerorts in Uniform los.


Experten wie der israelische Wissenschaftler Meier Schwarz schätzen die Gesamtzahl der Opfer inzwischen auf bis zu 1.500 Menschen. Insgesamt 1.406 Betstuben und Synagogen brannten nieder oder wurden vollständig zerstört.


Selbst die mysteriösen Hintergründe des Attentats sind weitgehend aufgeklärt. Grynszpans Eltern waren 1911 aus Polen nach Deutschland eingewandert, er selbst wuchs überwiegend in Hannover auf. 1936 emigrierte Herschel zunächst nach Brüssel, dann zog er zu einem Onkel nach Paris, wo er seit Somme 1938 illegal lebte, da er keine gültigen Papiere mehr besaß.


Verzweifelte Postkarte an den späteren Attentäter


In dieser angespannten Situation erreichte den verzweifelten Teenager eine Postkarte seiner Schwester Polizisten hatten die Eltern und die beiden Geschwister Grynszpans mit rund 17.000 anderen polnisch Juden an die deutsch-polnische Grenze deportiert, um sie abzuschieben. Da die polnische Regierung d Menschen zunächst nicht ins Land ließ, vegetierten diese bei kaltem Herbstwetter in erbärmlichen Zuständen vor sich hin.


Der 17-jährige Grynszpan entschloss sich zu einem Racheakt.


Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kannte er dabei sein Opfer Ernst vom Rath aus dem Homosexuellenmilieu in Paris. Möglicherweise fiel die Wahl Grynszpans auf den Diplomaten, weil dieser ihm Hilfe in Aussicht gestellt, aber nicht gewährt hatte, wie nach 1945 ein hoher NS-Funktionär aussagte.


1940 hatten die Franzosen den Attentäter ausgeliefert. Goebbels wollte ihm einen Schauprozess machen, was er allerdings absagte, als Grynszpan von seinem Verhältnis zu Rath berichtete. Schließlich war Homosexualität verboten, und Rath mit einem Staatsbegräbnis in Anwesenheit Hitlers geehrt worden. Verärgert notierte Goebbels über Grynszpans Aussage: "Das ist typisch jüdisch, verlogen, hinterhältig und gemein". Grynszpan ist vermutlich in einem der Konzentrationslager umgebracht worden. 
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3. Novemberpogrom und Synagogensturm in Kuppenheim

Oskar Stiefvater hat uns in seinem Aufsatz Geschichte und Schicksal der Juden im Landkreis Rastatt einen Zeitzeugenbericht aus Kuppenheim über die Vorgänge des 10./11. November 1938, die oft auch Reichskristallnacht, heute Reichspogromnacht, genannt werden, über­liefert.

Wir zitieren: Am frühen Morgen des 10. November 1938 erschienen fremde Zivilisten auf Lastwagen in Kuppenheim, die scheinbar gleichgültig durch die Straßen schlenderten, um sich dann in Gruppen vor den Häusern der jüdischen Bürger aufzustellen. Es waren getarnte SA-Leute.


Kurz darauf verhaftete die Geheime Staatspolizei elf jüdische Männer und brachte sie zum Sammelplatz vor der Turnhalle. Von dort wurden sie nach Bruchsal oder ins Konzentrationslager Dachau abtransportiert. Einzelheiten wurden darüber nie be­kannt. Sicher ist aber, dass die Rastatter Juden gleichzeitig ins Landesgefängnis Bruchsal überführt wurden.


Am Nachmittag rollten neue Lastwagen mit getarnten SA-Leuten vor das Kuppenheimer Rathaus, die den Auftrag hatten, die Wohnungen der Juden nach Waffen zu durchsuchen. Bei diesen Hausdurchsuchungen kam es zu schweren Übergriffen: Schränke wurden über die Tische gestürzt, Stuhlbeine zersplitterten an den Türen, die Scherben der Glas­vitrinen und des Geschirrs bedeckten den Boden. Kleinmöbel flog mit den Fensterscheiben auf die Straße.


Die Büroräume des Eisenwarengeschäftes Herz & Schlorch in Kuppenheim wurden so gründlich durchsucht, dass sich der Inhalt der Tintenfässer in Strömen über die Geschäftspapiere ergoss. Geschnitzte Eichentüren wurden kurzerhand mit Äxten eingeschlagen.


Einen besonderen Triumpf erlebten die Parteileute im Hause des als sehr wagemutig bekannten Heiner Dreyfuß erbeuteten die SA-Leute drinnen einen alten Kavalleriesäbel, den der Heiner aus dem 1. Weltkrieg mitgebracht hatte. Seine Frau Juliana Dreifuß, geb. Löb, lehnte währenddessen draußen auf der Straße weinend an einem Pfosten.


Während dieser Durchsuchungen stieg plötzlich dichter Qualm aus der engen Löwengasse, die im Volks­mund noch immer Judengasse hieß. Die Synagoge stand in Flammen...


Inzwischen fielen die letzten Ziegel vom Synagogendach, und die Balken stürzten in das Innere des Got­teshauses. An Stelle der Feuerwehr, die nicht eingreifen durfte, umsäumten Kinder, die gerade aus der Schule heimkehrten, die Brandstelle.


Einer der SA-Leute ergriff einen Gegen­stand, der in Seide eingehüllt und mit einer Krone verziert war und übergab ihn den Flammen. So wurde das Heiligtum der Synagoge, die Thorarolle vernichtet.


Mit der Kuppenheimer Synagoge sanken auch die Rastatter und die Gernsbacher Synagoge in Schutt und Asche.


Nach der Brandschatzung der Kuppenheimer Synagoge begaben sich die SA-Schergen nach Malsch und zündeten die dortige Synagoge an.


Die Malscher und Kuppenheimer Juden hatten übrigens enge verwandtschaftliche, geschäftliche und freundschaftliche Verbindungen. 
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4. Schutzhaft in Dachau für 6 K.heimer Juden


Heinrich Dreyfuß erschossen


Die Juden aus dem Rastatter Bezirk wurden nach Josef Werner dem Karlsruher Transport nach Dachau angeschlossen. Was die 400 bis 500 Juden dieses Karlsruher Transportes erlitten, die sich in der Nacht vom 10. zum 11. November 1938 auf dem Weg nach dem Konzentrationslager Dachau befanden, wo sie gegen neun Uhr vor­mittags eintrafen, schilderte der Jude Prof. Dr. Ludwig Marx:


Diese Nacht fuhren wir, ohne dass jemand ein Auge schloss. Unsere Gedanken weilten bei unseren Lieben, beim Abschied von ihnen, von unserer Arbeit, vielleicht sogar vom Leben. Sowie der Zug (in Dachau) hielt, sahen wir sofort, was los war. An den Gleisen standen SS-Posten mit aufgepflanzten Bajonetten. ...Wir mussten in den Abteilen bleiben, und dann kamen diese Henkersknechte herein, um uns zu begrüßen mit ihren Gewehrkol­ben, ihren Helmen und ihren Fäusten ", so schilderte Ludwig Marx, der beim Aufstel­len vor dem Zug sofort eine heftige Ohrfeige erhielt, die Ankunft. „Auf die Frage: »Wo ist der Rabbiner?« trat Dr. Schiff, der Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft in : Karlsruhe, bedenkenlos nach vorn. »Also, Du bist das Schwein!« war die Antwort. Dann wurde Dr. Schiff zu Boden geschlagen. »Bleich und mit Schreck«, so berichtet Sigmund Roiss, hätten die den Transport begleitenden badischen Polizisten beobachtet, wie die SS-Leute den Häftlingen Faustschläge versetzten, auf die Füße traten und in die Kniekehlen »kickten«. »Sie« (die badischen Polizisten) »machten ganz lange Gesichter, als sie sahen, wie ihre deutschen Genossen auf die Gefangenen loshauten«. Dachau war eines der drei Konzentrationslager, nach denen die während des Novemberpogroms 1938 festgenommenen über 26 000 deutschen Juden verbracht wurden. In Dachau wurden vornehmlich Juden aus Süddeutschland, dem Rheinland und Österreich sistiert, 10911 an der Zahl....


Die Karlsruher Juden wurden nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhof Dachau zu 50 bis 60 Mann in Viehwagen hineingetrieben und dann ins Lager geschafft. Dort warteten in einer riesigen Schlange schon tausende von Schicksalsgenossen aus anderen Städten auf ihre Registrierung und »Einkleidung«, eine unendliche, düstere Reihe armer Menschen, die den ganzen Tag ohne Essen und Trinken stehen mussten. Dabei bewegte sich die Schlange alle Viertelstunde um etwa zehn Meter weiter. Als das Ziel am Abend noch lange nicht erreicht war, wurden die noch immer in der Menschenschlange Wartenden in die Baracken hinein-, wieder heraus- und wieder hineingetrieben, jeweils ca. 300 Mann in Unterkünfte, die etwa 40 Menschen beherbergen sollten. »In dieser leeren Baracke mussten wir auf dem Boden sitzen, jeder den Vordermann zwischen den Beinen, so dass man sich nicht hinlegen konnte. ... Die Luft wurde schlecht, man konnte kaum atmen oder sich bewegen«, berichtet Prof. Marx und fügt hinzu:


»Unglücklicherweise saß ich in der letzten Reihe gegen die Wand, die Tür war gegenüber. Schließlich konnte ich es nicht mehr aushalten; mein Gesicht war schweißüberströmt; ich musste hinaus, sonst wäre ich ohnmächtig geworden. Es war schwierig über meine armen Kameraden zu klettern, aber am Ende   erreichte ich die Tür und den Gang. Ich hatte schrecklichen Durst, aber während der Nacht durften wir die Baracke nicht verlassen, sonst wären wir erschossen worden ".


In Dachau mussten die Juden Wochen und zum Teil Monate unter menschen- unwürdigen Bedingungen verbringen. Es wurde ihnen der Kopf kahlgeschoren, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt und in viel zu kleine Baracken gepfercht, sie mussten bei Kälte stundenlang auf dem Exerzierplatz stehen und waren der Willkür der SS-Wachmannschaften ausgeliefert. Mindestens 40 der etwa 2.000 Häftlinge aus Baden und Württemberg fanden den Tod. Einige starben an Entbehrungen und Misshandlungen, andere wurden aus ungeklärten Gründen erschossen.


Mit Erschießen wurde den Schutzhäftlingen bei jeder Gelegenheit gedroht. Erschießungen fanden auf dem nahegelegenen SS-Schießplatz Prittlbach statt. Der Kuppenheimer Heinrich Dreyfuß starb am 24. November 1938 an eben diesem Ort Prittlbach, auf dessen Gemarkung das KZ Dachau zum Teil lag. Josef Werner berichtet von zwei ähnlich gelagerten Karlsruher Fällen, bei denen am gleichen Tag, dem 24. November, der Karlsruher Hautarzt Dr. Leopold Liebmann in Dachau starb, und am 30. November drei Juden auf dem SS-Schießplatz Prittlbach erschossen wurden. Wie Oskar Stiefvater schilderte, fand die SA am 10. November 1938 in der Wohnung des Heinrich Dreyfuß einen alten Kavalleriesäbel. Möglicherweise war dieser Waffenfund für Heinrich Dreyfuß das Todesurteil.


Noch im November 1938 wurden die ersten Häftlinge aus Dachau entlassen. Frei kamen zunächst Gefangene, bei denen zu erwarten stand, dass sie in kurzer Zeit auswandern würden. Fast einen vollen Tag dauerte das Entlassungsverfahren. Jeder musste eine Erklärung unterschreiben, dass er das Lager bei voller Gesundheit verlasse und keine Ansprüche an das Deutsche Reich stelle. Den Häftlingen wur­den die eigenen Kleider und Habseligkeiten ausgehändigt, dann mussten die vor ihrer Entlassung stehenden Gefangenen zum letzten Mal in Reih und Glied antre­ten. Dabei belehrte ein SS-Offizier die Männer so:  


Ich würde Euch raten, Deutsch­land so schnell als möglich zu verlassen. Ihr wisst, wir können Euch nicht ausstehen, also hinaus mit Euch, so schnell ihr könnt! Aber eines will ich Euch sagen: Was Ihr hier gesehen habt, müsst ihr verschweigen, sonst holen wir Euch wieder, und dann kommt Ihr nie mehr aus Dachau heraus.  


Oskar Stiefvater berichtet, die verhafteten Juden seien drei Wochen nach der Reichskristallnacht schweigend zurückgekehrt. Die Angst schloss ihnen den Mund.


Nach einer Mitteilung des Bürgermeisteramts Kuppenheim an die Gestapo in Baden-Baden kamen Berthold Herz, Hermann Kahn und Semi Schlorch am 6. Dezem­ber 1938 nach Kuppenheim zurück.   


Nach anderen Unterlagen gelangten Max Dreyfuß und Hermann Heinrich Valfer ebenfalls wieder nach Kuppenheim zu­rück. Zusammen mit seiner Frau wurde Max Dreyfuß am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich deportiert.


Das weitere Schicksal Hermann Heinrich Yalfers ist nicht bekannt.
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5. Tathergang in Kuppenheim

Der Tathergang in Kuppenheim deckt sich im Ablauf mit dem an anderen Orten. Wie im ganzen Deutschen Reich wurden auch in Baden die Ausschreitungen meist von SA-Formationen in Zivil durchgeführt, die als Zivilpersonen die Volkswut vorzu­täuschen hatten.


Die Naziführung bemühte sich, die Ereignisse der Reichskristallnacht/Reichspogrom­nacht offiziell als spontane Aktion des deutschen Volkes zu rechtfertigen. Da dies nicht ganz so zutraf, mussten, weil sich die örtliche Bevölkerung von den Verbrechen eher distanzierte und fernhielt, auswärtige SA-Trupps die Verwüstungen besorgen. Es wagte niemand, öffentlich dagegen zu protestieren.


Die Arbeit der Feuerwehr an den brennen­den Gotteshäusern hatte sich, so auch in Kuppenheim, darauf zu beschränken, die umliegenden Gebäude vor Flammen und Funkenflug zu schützen und das Feuer unter Kontrolle zu halten.


Alle diese Maßnahmen wie Brandstiftung an der Syna­goge, Hausdurchsuchungen, Misshandlungen und Verhaftungen und Verbringung der jüdischen Männer in das Konzentrationslager Dachau, haben sich mit Sicherheit er­schreckend auf die in Kuppenheim zurückgebliebenen jüdischen Frauen und Kinder ausgewirkt.


Der Kreisfeuerwehrführer und SA-Truppführer R. äußerte sich zu der Art der Durchsuchungen in den jüdischen Häusern dahingehend, die SA-Männer hätten wie die Wilden gehaust, beim Anblick der Verwüstungen, sei er, R., vor Grauen zurückge­schreckt.


Jürgen Stüde, schreibt darüber: Das Pogrom in Malsch ging auf das Konto einer Gaggenauer SA-Kolonne (dieselbe wie in Kuppenheim), der es nicht genügte, das jüdische Gotteshaus in Brand zu stecken. In unvorstellbarer Wut richteten sie die Wohnungen der Malscher Juden auf das Schlimmste zu. Fußbodendielen wurden herausgerissen, Spiegel zer­schlagen und Wäsche aus den Fenstern herausgeschleudert.,


Die NSDAP- und SA-Führer und der SA-Sturm 3/111 Gaggenau fuhren nach der Zerstörung der Kuppenheimer Synagoge und den Durchsuchungen der jüdischen Wohnungen, nach Malsch, um dort ihr verbrecherisches Tun fortzusetzen.


Unter dem Titel Volksempörung gegen die Juden am 10. November 1938 schrieb im Nachhinein der Stadtrechner in die Stadtrechnung: Für die durch das Verhalten der Juden gegen das deutsche Volk hervorgerufene Zerstörung von Gebäuden sind die Kosten von den Juden zu erstatten.


Für Lösch-, Abbruch- und Aufräumungsarbeiten beim Brand der Synagoge entstanden der Stadt demnach Kosten von 253,40 RM.


Bei den Löscharbeiten der Feuerwehr waren 27 Mann im Einsatz. An der Synagoge hielt die Feuerwehr von 17 bis 22 Uhr mit sieben Mann, und von 22 bis 5 Uhr morgens mit fünf Mann Feuerwache.


Der Kuppenheimer Zimmermeister Karl Braunegger, der zugleich Feuerwehrführer war, brach an der ausgebrannten Synagoge den restlichen Dachstuhl ab und führte Aufräumungsarbeiten aus.


Die Maurerfirma Wetzel & Dür­ringer leistete an der Judenschule Aufräumungsarbeiten.

Die Firma Hermann Warth führte an der ausgebrannten jüdischen Friedhofskapelle Aufräumungsarbeiten durch, deren Kosten in Höhe von 80 RM der israelitische Friedhofsverband Kuppenheim/Gernsbach im Januar 1939 an die Stadt zahlte. 
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Der Kuppenheimer Gemeinde-Anzeiger berichtete  am 11. November 1938


Oskar Stiefvater hat 1965 in seiner Arbeit Geschichte und Schicksal der Juden im Landkreis Rastatt? den Artikel des Kuppenheimer Gemeindeanzeigers vom 11. November 1938 wiedergegeben auszugsweise wiedergegeben.


Der vollständige Text im Stil des Nazi-Blatte „Der Stürmer“ lautet:


Was kommen musste, es kam!


Der Abertausende von Jahren in der Menschheit bohrende Hass und die Verachtung des schmierigen Judentums führte nach Bekanntwerden des durch feige jüdische Mörderhand niedergestreckten deutschen Diplomaten Pg. /Parteigenosse/ vom Rath im ganzen Reich, wie es den Anschein hatte, zu spontan judenfeindlichen Kundgebungen. Das deutsche Volk ließ sich einfach nicht mehr zurückhalten. Die Empörung der wirklich aufrechten deutschen Nationalsozialisten nahm plötzlich derart bedenkliche Formen an, das alles andere vermuten ließ, als eine besonnene Haltung. Die Judenclique war in Ge­fahr. Die Geduld des deutschen Volkes war einfach zu Ende; es forderte Sühne für ihren Landsmann und Pg. Wilhelm Gustloff und ebenso für ihren Landsmann und Pg. vom Rath. Die Polizeibehörde durchblickte die Situation und schritt deshalb zur Schutzinhaftierung sämtlicher noch in Deutschland sich aufhaltender Juden. Obwohl kein Jude, um zu er­wähnen und gleichzeitig damit gewissen judenfreundlichen Elementen die Schuppen von den Augen mehr und mehr zu losen ,sich von der Mitschuld hätte reinwaschen können; somauch die noch in Kuppenheim hausenden Hebräer.


Um sich als deutscher Mensch vor weiterem Schaden an Körper und Seele zu schützen, ging man in Kuppenheim, wie im ganzen deutschen Reiche, dazu über, die jüdischen Behausungen nach Waffen zu durchsuchen. Diese Vorkehrung musste selbstverständlich auch in der hiesigen Synagoge getroffen werden. Denn dieser Saustall wurde, wie man richtig annahm, mehr zu anderem benutzt, als zu einem Bettempel. So fand man hier bei der Durchsuchung nach Waffen nicht allein Spielkarten, sondern auch Präservativs, ge­brauchte und ungebrauchte noch in Schachteln verpackt. Regelrechte Waffen, wohl aber alte Hinterlader, wurden nicht gefunden, dafür aber Sprengpulver in großen Quantums. Von unkundiger Seite wurde dieses gefährliche Pulver achtlos beiseite geworfen. Dieses sollte dazu fuhren, dass durch einen noch glimmenden Zigarettenstummel, der achtlos beiseite geworfen wurde, sich das Pulver entzündete und eine mächtige Stichflamme verur­sachte. Im Handumdrehen stand der ganze Stall in Flammen.


An ein Eindämmen des Feuers konnte nicht mehr gedacht werden, zumal man weitere Pulvervorräte vermutete, die eventuell eine katastrophale Auswirkung hätte nach sich ziehen können. So ließ man eben den Stall brennen. Die sofort eintreffende Feuerwehr bemühte sich, die angrenzenden privaten Gebäulichkeiten zu schützen. Dieses gelang denn auch ganz vorzüglich.


Es ist ganz sonderbar, dass der Jude stets Fingerzeige gibt, wie dieses auch durch den Mord an dem Pg. vom Rath der Fall ist, welche Maßnahmen jeweils gegen sie zu ergreifen sind. Und das wurde denn auch gründlich besorgt. Und wenn da nun in einer jüdischen Hütte, die nach Waffen durchsucht wurde, ein Schrank, weil die Schubladen verschlossen waren, umfiel, wird keine Notiz genommen. Die deutschen Menschen, welche diese Vorkehrun­gen trafen, werden schon gewußt haben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ebenfalls musste, und dies war bei dem Hebräer Berthold Herz503 der Fall, eine Tür eingedrückt werden, weil sie verschlossen war. Es sind einfach Folgeerscheinungen, die sich bei solchen Vorkehrungen immer wieder ergeben. Selbst auch dann, wenn der Jude schon Vorsorge traf sein Haus an den Mann zu bringen. Man hörte davon, es sei der Fall, aber ebenso vielmal, es sei nicht so. Mit einem Wort, etwas bestimmtes wusste keiner. Und ist es dann noch verwunderlich, wenn die verschlossene Außentür eingedrückt wird, zumal der (Berthold) Herz sich immer noch in der Wohnung aufhält, anstatt dahin zugehen, wohin er mit seiner Memme gehört: nach Madagaskar auf eine unkultivierte Insel. Und zudem, so­lange ein Haus dem Käufer noch nicht überschrieben ist oder von demselben eine An- oder Abzahlung getätigt wurde, fallen alle evtl. nötigen Reparaturen dem vorherigen Besitzer zur Last. Die Hauptsache ist, dass reiner Tisch gemacht wurde.


Das Judentum weiß nunmehr, dass die Langmut der Menschheit einmal und zwar plötz­lich ein Ende hat. Und dieses möge man sich auch auf der anderen Seite merken. Über die sprichwörtliche Sauerei, die bei Juden vorherrschend ist, bekamen wir bei der Durchsuchung der Wohnungen eine fürchterliche Bestätigung. Da standen am hellen Nach­mittag unter den Betten nicht alleine volle Töpfe, sondern auf den Nachttischen ruhten friedlich nebeneinander Keks, Schokolade, Schminke, Puder, Haarkämme mit ausgekämmten Haaren, halbgefüllte Teetassen und ebensolche Likör- und Schnapsgläser, ge­brauchte Präservativs lagen auf Schokoladetafeln. Kurzum, eine Sauerei und Schlemmerei, wie sie sich nicht ausdenken lässt und sich wiederum nur ein Jude auf Grund seiner Gaunereien leisten kann. Also, was sich in den letzten Stunden gegen das Judenvolk abspielte, ist nur als Ausdruck einer gerechten Empörung des deutschen Volkes zu werten, niemals aber als eine Vergeltung für die feigen Morde.


Und so hoffen wir, wird Deutschland, und damit auch Kuppenheim, nun bald von der Judenbande befreit werden.


Die in dem Artikel vom 11. November 1938 bei Berthold Herz geschilderten Ereignisse geschahen im Haus Murgtalstraße 45.


Berthold Herz wurde von der Gestapo am 10. November in Schutzhaft genommen und befand sich am 11. November im oder auf dem Weg in das Konzentrationslager Dachau.


Die Eheleute Berthold Herz hatten bereits am 5. August 1938 beim Bezirksamt Rastatt Antrag auf Erteilung von Reisepässen zur Auswanderung nach USA gestellt, und es gelang ihnen und ihrer damals 16jährigen, taubstummen Tochter Ingelore in letzter Minute, am 5-/6. Fe­bruar 1940, in die USA auszuwandern. 
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Das Schiff der Verdammten


Vortrag   während der Gedenkfeier zur 1. Stolpersteinlegung am 5. September 2013 im Foyer des Rathaus Kuppenheim


Am 30.01.1933 wurde Adolf Hitler von dem damaligen Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Es war also keine „Machtergreifung“, wie es die NS-Propaganda immer wieder darstellte.


Seit 1935 ff. galten die „Arierparagraphen“, die die jüdische Bevölkerung in Deutschland unter Sonderrecht stellten. Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens wurden dadurch zu Staatsbürgern 2. Klasse.


Spätestens mit dem 09./10. November 1938, dem Reichspogrom, begann die gezielte Vernichtung der Juden in Deutschland und später in fast ganz Europa.


Wie war das Verhalten der Juden in Deutschland? Viele betrachteten Hitler und die Nazi-Herrschaft als vorübergehendes Phänomen und warteten –leider vergeblich- auf eine Veränderung der Lage. Ein anderer Teil versuchte durch illegalen Grenzübertritt andere europäische Staaten zu erreichen. Nur wenigen gelang die Einreise nach Großbritannien und den USA. Ein Weg, aus Deutschland auszureisen war der, an Bord eines Dampfers mit einem Touristenvisum zu versuchen, in Übersee an Land gehen zu können.


Auf diese Art wurde mit dem Segen der NS-Führung veranlasst, dass mehr als 900 Juden an Bord des deutschen Luxusschiffs „St. Louis“ im Frühjahr 1939 das Reich verlassen konnten. Am 13. Mai 1939 stach der Luxusdampfer von Hamburg aus in See. An Bord befanden sich 899 Passagiere. In Cherbourg stiegen 38 weitere Reisende –hauptsächlich Juden- zu, so dass insgesamt 937 Passagiere die Reise mit dem Zielhafen Havanna auf Kuba mitmachten. Nach welchen Kriterien die Reisenden die Erlaubnis der deutschen Behörden zur Fahrt bekamen, ist weiterhin unbekannt. Mit an Bord war noch die Besatzung von 373 Mann mit ihrem Kapitän Gustav Schröder an der Spitze. Die „St. Louis“ war eines der modernsten Schiffe der HAPAG-Reederei, fast 18000 BRT groß und ausgerüstet mit dem zeitgemäßen Luxus für Vergnügungsreisen, Kreuzfahrten und KdF-Fahrten. Da das Schiff Platz für 973 Passagiere bot, kann man feststellen, dass es nicht ausgebucht war. Die Passage selbst kostete 800 RM in der 1. Klasse und 600 RM in der Touristenklasse. 230 RM mussten für eine eventuelle Rückreise deponiert werden, sofern eine Landung in Kuba nicht möglich sein sollte.


Die NS-Führung benutzte die Fahrt der „St. Louis“ für ihre Propaganda. Der Weltöffentlichkeit wurde suggeriert, dass jeder Jude aus freien Stücken Deutschland verlassen konnte. Der eigenen Bevölkerung konnte man berichten, dass sich dadurch über 900 Juden weniger in Deutschland befinden. Beim Auslaufen des Dampfers spielte dann auch eine Musikkapelle zynischerweise:


„Muss i denn, muss i denn...“. Der „Stürmer“, das hervorstechende Hetzblatt der NS-Propaganda untertitelte Fotos des auslaufenden Schiffes. „Grinsende jüdische Emigranten an Bord eines Schiffes, das sie über den Ozean bringt. Es geht ihnen ausgezeichnet. Im Ausland aber markieren sie die armen, unschuldig verfolgten Juden“. Oder: „Das Gesicht dieses Juden verrät die teuflischen Hassgefühle, die er gegen Deutschland empfindet“. Auf vier Seiten wurde über das Auslaufen des Schiffes berichtet. Der Artikel gipfelte in einer Prophezeiung: „Eines Tages werden sich alle Völker gegen den Volksfeind erheben. Dann aber kann sich der Jude keine Schiffskarte mehr lösen und in ein anderes Land ziehen. Dann ist der Tag der Abrechnung da! Dann wird das jüdische Verbrechervolk ausgelöscht für immer“.


Mit an Bord waren auch vier Bürger aus Kuppenheim. Minna und Salomon Lehmann, die eine beliebte und gutgehende Metzgerei in der Friedrichstr. 75 besaßen. Sie verließen Kuppenheim in Richtung Malsch zu Verwandten, nachdem die „Entjudung“ der Metzgerei durchgeführt worden war. Das heißt, sie mussten ihren Beruf und ihren Besitz in Kuppenheim aufgeben. Die Tochter Maria Loeb, geb. Lehmann und die Haushälterin der Familie Lehmann, Amalie Herz waren ebenfalls auf der Passagierliste zu finden. 16 weitere Passagiere aus der näheren (Rastatt/Malsch) und aus der weiteren Umgebung (Ettenheim/Kippenheim) waren dort verzeichnet.


Das Leben an Bord der „St. Louis“ gestaltete sich sehr angenehm. Die Küche konnte die Speisen nach jüdischen Vorschriften zubereiten, der Festsaal wurde zur Synagoge umfunktioniert, nachdem das Hitler-Bild entfernt worden war. Sprachkurse in Englisch und Spanisch wurden angeboten, die Kinder konnten im Pool toben. Unter diesen Vorzeichen stieg die Spannung und die Erwartung, wie es in der Neuen Welt weitergehen sollte. Kuba betrachtete man eigentlich nur als Zwischenstation vor allem auf dem Weg in die USA. Dort allerdings galt eine strenge Quotierung für die Einwanderung. Außerdem war damals in den USA eine starke antisemitische Strömung zu spüren und vor den neuen Wahlen 1940 wollte Präsident Roosevelt an der Einwanderungspolitik nichts ändern.


So waren die Passagiere sehr erstaunt, dass ihnen die Anlandung am 27. Mai 1939 in Havanna durch die kubanische Regierung verweigert wurde. Die Passagiere erfuhren durch die Polizei, die an Bord gekommen war, dass sämtliche Touristenvisa , die nach dem 04.05.1939 ausgestellt worden waren, für ungültig erklärt worden sind. Weiterhin hätten das Schiff und die Passagiere sofort kubanisches Staatsgebiet zu verlassen. Auch die Bemühungen der jüdischen Hilfsorganisation JOINT, die in Washington und in Havanna zu vermitteln versuchte, hatten geringen Erfolg. Lediglich 23 Passagieren wurde erlaubt, in Havanna an Land zu gehen, Am 02.06.1939 verließ die „St. Louis“ Havanna und kreuzte vor der kubanischen Küste. An Bord war die Stimmung erregt bis verzweifelt. Auf der einen Seite versuchte der Sprecher des Bordkomitees weiter mit Kuba und den USA zu verhandeln, auf der anderen Seite kamen Gedanken an Selbstmord auf.


Am 09.06. kreuzte die „St. Louis“ zwischen Kuba und Florida. Kapitän Schröder versuchte einige Passagiere über Rettungsboote an die US-Küste abzusetzen, scheiterte aber an der amerikanischen Küstenwache. Auch Bittbriefe an Präsident Roosevelt hatten keinen Erfolg. Die „St. Louis“ drehte wieder auf Südkurs, wo sie dann den Befehl aus Deutschland zur sofortigen Rückkehr empfing. Angst und Panik beherrschte nun die Passagiere, denn sie konnten ahnen, was sie in Deutschland erwarten würde. Kapitän Schröder und JOINT hatten indessen Verhandlungen mit westeuropäischen Staaten geführt mit dem Ziel, dass die Passagiere dort Aufenthalts-genehmigungen bekommen konnten.  Aufnahmebereit für Juden waren...

 

  • Großbritannien 280 Personen,
  • Frankreich 224 Personen,             
  • Belgien 214 Personen und       
  • Niederlande 181 Personen.

 

Am 17. Juni 1939 legte die „St. Louis“ in Antwerpen an und die Passagiere konnten von Bord gehen. Die Horrorfahrt war zu Ende.


Wie sah nun das weitere Schicksal der so Geretteten aus? Durch den Beginn des 2. Weltkrieges und die spätere Besetzung Belgiens schlug die Rettung in neue Bedrohung um. Zwei Drittel gerieten wieder in die Gewalt der Nazi-Herrschaft und wurden zu Hunderten ermordet. Der Kuppenheimer Salomon Lehmann wurde am 21.09.1942 nach Auschwitz deportiert und ist dort verschollen. Ihm wird ein Stolperstein gewidmet sein. Seine Frau  Minna, geb. Loeb verstarb in Belgien. Auch für sie wird ein Stolperstein verlegt wie auch für ihre Haushälterin Amalie Herz, die ebenfalls in Belgien verstorben ist. Ein Leerstein wird für Maria Loeb bereitgehalten, der es gelungen war, in die USA zu gehen.


Es bleibt zum Abschluss noch zu erwähnen, dass der Kapitän Schröder das Schiff nach New York überführte, wo es für schon geplante Vergnügungsreisen zur Verfügung stand. Zurück in Hamburg quittierte er den Dienst. Er verstarb 1959 in Hamburg. Auf Betreiben der ehemaligen Passagiere der „St. Louis“ wurde er vom Staat Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. 1957 wird er in der Bundesrepublik mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Hansestadt Hamburg benannte eine Straße nach ihm. Bei den Landungsbrücken erinnert eine ausführliche Gedenktafel an das „Schiff der Verdammten“.
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Das Camp de Gurs

Vortrag  während der Gedenkfeier zur 1. Stolpersteinlegung
am 5. September 2013 im Foyer des Rathaus Kuppenheim


Gurs war das größte von unzähligen Lagern entlang der Spanischen Grenze. Es wurde 1939 innerhalb von nur 2 Monaten als hölzerne Stadt, zur Internierung von Soldaten der Spanisch- Republikanischen Armee und der  Internationalen Brigaden errichtet.  Sie waren, nach dem Franco mit Hilfe der nazideutschen Legion Kondor die Macht erobert hatte, vor dessen Terrorregime nach Frankreich geflohen.


Wie wenig diese Freiheitskämpfer in Frankreich willkommen waren lässt sich daran ermessen, dass dieses Lager auf dem sumpfigen Schwemmland eines Flusses angelegt wurde. Die Ton und Lehmschichten dieser Region verwandeln sich, bei den dort häufigen Regenfällen,  regelmäßig in einen zähen Morast.


Das Lager wird durch eine 2 km lange Asphaltstraße in zwei Hälften geteilt. 428 Baracken sind in 13 Blocks unterteilt. Jeder Block ist von Stacheldraht umschlossen. Die Holzbaracken sind Fensterlos und sehr schlecht isoliert. Die Unverglasten Lichtschächte sind bei Kälte nicht Nutzbar. Für eine provisorische Unterbringung geplant, schützen die Baracken wenig vor Kälte und Regen.

Jede Baracke ist 24 mal 6 Meter groß und für ca. 60 Internierte vorgesehen. Das sind rechnerisch weniger als 2 ½ qm pro Person. Jeder Block hat für seine ca. 2.000 Internierten gemeinsame sanitären Einrichtungen und eine gemeinsame Küche. Die Statistik, des für rund 18.000 Personen ausgerichteten Lagers  spricht von knapp 25. 000  Internierten Freiheitskämpfern zwischen April und August 39.


Ab 1940 wird das Lager zur Internierung so genannter „unerwünschter“ Personen genutzt. Zwischen Mai und Oktober 40 befinden sich ca. 15 000 Internierte dort. Aus Frankreich Gewerkschafter, Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten. Pazifisten die sich weigern in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Aber auch Rechtsextreme, wegen des Spionagerisikos für die deutschen Nazis. Dann kommen jüdische Frauen ins Lager, die aus dem inzwischen besetzten Belgien abgeschoben werden. Aber auch Deutsche Juden, die vor den Nazis nach Frankreich geflohen sind, werden in Gurs nun festgesetzt, weil sie Deutsche sind. Unter ihnen auch die Publizistin Hannah Arendt. Es folgten die Juden aus dem nun okkupierten Holland.


Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands vom 22. Juni 1940 zwischen Frankreich und Deutschland fiel Gurs in die unbesetzte Zone, die vom Vichy-Regime kontrolliert wurde.


Das Lager wurde unter zivile Verwaltung gestellt. Der bis dahin eingesetzte Militärkommandant verbrannte, noch vor dem Übergang der Lagerleitung, die Akten und ließ die spanischen republikanischen Internierten entkommen. Sie tauchen in der französischen Bevölkerung unter, technisch Versierte werden in die Rüstungsindustrie gedrängt und mancher wird in die Fremdenlegion gezwungen.


Deutsche Staatsangehörige werden entlassen, da sie nicht mehr zu den ‚Feinden’ des Landes gehörten. Der Vernichtung der Akten rettet vielen das Leben, aber eine große Zahl von ehemaligen Internierten haben nach dem Krieg erhebliche Schwierigkeiten, ihre Berechtigung einer Entschädigung nachzuweisen.


Das Lager ist nun in einem absolut desolaten Zustand und fast leer. Aber anstatt es zu schließen, kommt die Vichy-Regierung den deutschen Behörden, allen voran Adolf Eichmann, entgegen, die ein Konzentrationslager „wünschten“.


Bereits anderthalb Jahre vor der berüchtigten Wannsee-Konferenz wird, auf Betreiben der Gauleiter Wagner und  Bürckel,  die erste planmäßige Deportation von Juden aus Deutschland durchgeführt. Die badischen, pfälzischen und saarländischen Juden wurden quasi über Nacht deportiert. Die perfid-präzise und absolute geheime Planung und die nahezu geräuschlose Umsetzung, überrascht auch die Vichy-Regierung.


Zweifellos war man in Gurs, diesem maroden Lager, auf die Versorgung so vieler Menschen in keiner Weise vorbereitet. Zumal es sich nun auch um Kinder, Kranke und viele alte gebrechliche Menschen handelte, die nicht rechtzeitig emigriert waren.

Bis 43 waren es letztlich 20 ooo  Internierte.


Die hygienischen Bedingungen waren bestialisch, die Verpflegung war derart miserabel, dass man sie durchaus mörderisch nennen darf. Die ohnehin seelische Katastrophe wurde durch die brutale Trennung der Familien noch verstärkt. Täglich starben Menschen, nicht nur im übertragenen Sinne, in ihrem eigenen Kot.


Warum an diesen Zuständen nichts geändert wurde, lässt sich erahnen, wenn man weiß, dass in der französischen Verwaltungssprache die Internierten von Gurs „für die Volkswirtschaft überzählige Ausländer“ genannt wurden. Wem Freunde oder Verwandte ein Visum ins Ausland verschaffen konnte durfte gehen. Nur wenigen gelang, mit Hilfe Einheimischer, die Flucht.


Wenn nicht auf stetes Drängen, dann doch in Absprache mit der Vichy-Regierung wurden ab 1943 die jüdischen Gefangenen in die Vernichtungslager im Osten abtransportiert. Geschlossen wurde das Camp de Gurs dann aber immer noch nicht. Die Französische Regierung Internierte  vorübergehend noch Sinti und Roma.  Nach dem das Lager August 45 durch Widerständler übernommen wird, schließt man dort deutsche Kriegsgefangene zusammen mit spanischen Guerilleros und französischen Kollaborateure ein.  Im Dezember 43 wird das Lager endgültig geschlossen.


Paul Celan hatte ganz zweifellos Recht, als er schrieb: „Der ist Tod ein Meister aus Deutschland!“  Aber willfährige Lehrlinge und Gehilfen fand er in der ganzen Welt.


Ohne die, in der Menschheitsgeschichte einmalige, Schuld unserer Väter und Großväter zu relativieren, muss an dieser Stelle die Geschichtsschreibung doch wahrhaftiger werden.


Nur dann werden wir erkennen, dass  Brechts  Worte als Epilog für ganz Europa zutreffen:

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch.
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Die Juden in Kuppenheim


Vortrag  während der Gedenkfeier zur 1. Stolpersteinlegung

am 5. September 2013 im Foyer des Rathaus Kuppenheim


Zum Jahr 1433 findet sich eine erste urkundliche Nennung  der Juden in Kuppenheim. Die Landesfürsten duldeten die Juden im Lande wegen ihres Geldes. Sie besaßen Vermögen, können fleißig Geschäfte betreiben und zahlen Steuern.  Wenn der Obrigkeit aber passte, dann wiesen sie die Juden rasch aus ihrer Heimat.      


1582 verkündete Markgraf Philipp II. einen Judenerlass, woraus zu schließen ist, dass zu diesem Zeitpunkt Juden in Kuppenheim lebten. Obwohl der Markgraf 1584 die Juden aus der Markgrafschaft vertrieb, durften einige in Kuppenheim bleiben, wohl wegen ihrer Bedeutung für den regional wichtigen Wochenmarkt in Kuppenheim.


Im Jahr 1611 stellten die Beamten der Hofratskanzlei fest, dass neun bis zehn jüdische Familien in Kuppenheim lebten. Im 30jährigen Krieg gab es  keine Juden mehr in Kuppenheim.

Zur Zeit der Verwüstungen Badens durch die Truppen des Französischen Königs Ende des 17. Jahrhunderts, verbunden mit dem großen Stadtbrand 1689, ging die Zahl der jüdischen Familien von 10 auf zwei zurück.


Mit dem Judenanwalt Salomon Schweitzer entstand  zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine selbständige jüdische Gemeinde in Kuppenheim. Es tauchten die jüdischen Nachnamen Itzig, Jonas, Jägel, Löw, Salomon, Liebermann, Moises und Meyer auf.


Nach 1714 wurde wohl die erste Synagoge (wahrscheinlich die älteste im Landkreis) erbaut, später ergänzt durch ein rituelles Bad (1838 – zwei Frauenbäder), ein jüdisches Schulhaus (1875, 22 Schulkinder) und ein Gemeindeschuppen (Leichenwagenremise). In der Reichspogromnacht 1938 wurde die letzte Synagoge in Kuppenheim von SA-Schergen niedergebrannt.


1801, also kurz nach der Französischen Revolution,  lebten in Kuppenheim bereits 53 Juden, wirtschaftlich meist unter dem Durchschnitt der übrigen Bevölkerung. Samuel Herz bildete hierbei eine Ausnahme. Die Metzgerdynastie Lehmann und die Eiswarenhandel Herz & Schlorch haben ihre Wurzeln bei Samuel Herz.


Durch die Judenemanzipation Ende des 18. Und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die jüdische Religionsgemeinschaft als Kirche geduldet. Die Juden waren zwar Staats-bürger, hatten jedoch kein aktives und passives Wahlrecht in den Städten und Gemeinden und kein Recht auf Allmendnutzung.                                                                      


Die Juden konnten jetzt auch deutsche Geschlechtsnamen annehmen. Beispiele dafür sind: Samuel Herz, Löb Kahn, Moses Lehmann, Moses Dreyfuß, Jakob Mayer, David Nöther und Bernhard Kuppenheimer. Letzterer schuf in den USA die namhafte Männerbekleidungs- firma „Kuppenheimer Men’s Clothes“ in Chicago.                                     


Eine weitere Folge der Judenemanzipation war, dass sie das Recht hatten, sich an ihrem Geburtsort niederzulassen, hatten jedoch nicht -wie schon erwähnt-  das volle Ortsbürgerrecht sie durften Grundstücke erwerben.  Handel und die Ausübung bürgerlicher Berufe, insbesondere Handwerksberufe, wurde von ihnen erwartet. Sie waren kriegspflichtig  (1871/71 im dt./franz. Krieg und im 1. Weltkreig) und konnten Beamte werden.


1806 war ein bedeutendes Jahr für Kuppenheim.  Es wurde der jüdische Friedhofsverband Kuppenheim begründet, aufgelöst 1939. Ihm gehörten die 15 jüdischen Gemeinden Baden-Baden, Bodersweier, Bühl, Ettlingen, Gernsbach, Hörden, Kuppenheim, Lichtenau, Malsch, Muggensturm, Neufreistett, Rastatt,  Rheinbischofsheim, Schwarzach und Stollhofen an. Der jüdische Friedhof „auf dem Mergelberg“ wurde bereits im Jahr 1694 begründet, 1938 zum Teil geschändet.


Die Umgangssprache der Juden war überwiegend jiddisch. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht für jüdische Kinder zeigte schnell Erfolg.


Die Juden erhielten zunehmend staatsbürgerliche Rechte (Armenversorgung, Teilnahme am Allmendgut). Abgaben wie Brunnen-, Draht-, Weide- und Wachtgeld wurden aufgehoben.


Mit der Verbesserung der rechtlichen Stellung der Juden erhöhte sich 1817 die jüdische Bevölkerungszahl in Kuppenheim auf 108, das waren immerhin 7,4 % der Einwohner insgesamt, auf heute hochgerechnet etwa 600 Personen, die halbe Bevölkerung von Oberndorf.


Von diesem Zeitpunkt an lebten die Juden in Kuppenheim einträchtig neben den Christen. Es gab kein Ghetto wie andernorts. Sie lebten überwiegend im Bereich um die Synagoge (Judengasse), später in der Friedrich, Rhein und Murgtalstraße, aber auch in der Schloss- und Ober-Torstraße.


Die Juden wurden zunehmend Teil der Stadtgemeinschaft: 1855 wurden sie zum Feuerwehrdienst verpflichtet. David Kahn wurde als erster Jude in die Freiwillige Feuerwehr Kuppenheim aufgenommen. 1892 waren bereits 18 Juden Mitglied der Feuerwehr.


1878 wurde in Kuppenheim der Frauenverein zur Gründung und Aufrechterhaltung der Kleinkinderschule gegründet. Die Frauen Dreyfuß, Kaufmann und Lehmann tat sich hierbei hervor. Juden waren auch im Gesangverein und Musikverein.


Zur wirtschaftlichen Betätigung der Juden


Die Kuppenheimer Juden betätigten sich in der Mehrheit als Kauf- und Handelsleute, auch als Trödler, im Pferde- und Viehhandel, vereinzelt als Leder-, Kleider-, Frucht- und Mehlhändler. Gern gesehen waren sie auf Vieh- und Jahrmärkten (u. a. „Bettel- und Bändel-Judenstände“).


Um die Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben die Juden in Kuppenheim nahezu das ganze Geldverleihgeschäft. Elias Eichstätter  hatte eine  Agenturen einer Feuerversicherungs-gesellschaft, Jakob Grünbaum, der letzte Vorsänger, eine Versicherungsagentur.

Wichtig war für Kuppenheim auch das von Juden erbrachte Pflastergeld. Isack Herz betrieb als Gast- und Judenwirt die Krone, David und Gabriel Kahn führten das Gasthaus „Zum Lamm“. Acht jüdische Metzger und Schächter führten in Kuppenheim ihr Gewerbe aus.


David Herz eröffnete ein Metzgergeschäft, das bis in die vierte Generation besteht und von den Nazis aufgelöst wurde. Aus dem Eisen- und Spezereihandels Samuel Herz enstand die regional bedeutende Eisenhandlung Herz & Schlorch. Juden in Kuppenheim betrieben vereinzelt auch Landwirtschaft. Da der Viehhandel Ende des 19. Jahrhunderts zurückging, mussten viele Kuppenheimer Juden auswandern, so z.B. Mitglieder der Familie Kaufmann, oder gingen in größere Städte (Karlsruhe, Mannheim, Rastatt).


Meist emigrierten jüngere Juden, weil die älteren sich nicht mehr in der Lage sahen, an anderer Stelle im In- und Ausland eine neue Existenz aufzubauen. Es fehlten auch die nötigen finanziellen Möglichkeiten, die aufgebraucht waren oder von den Juden zunichte gemacht wurden.


Verfolgung und Ende der jüdischen Gemeinde


Die Nationalsozialisten begannen von 1933 an jüdische Geschäfte zu „entjuden“, sie systematisch zu vernichten. Der Druck auf die Juden wurde sukzessive durch mehr oder minder schwere repressive Maßnahmen verstärkt.


Es begann mit dem „Judenboykott“ am 1. April 1933, setzte sich mit den „Nürnberger Gesetzen“ 1935 fort, einen Höhepunkt bildete die „Reichspogromnacht“ am 11./11. November 1938 und endete schließlich mit dem Abtransport von 16 Kuppenheimer Juden am 22. Oktober 1940 nach „Gurs“.  Damit erlosch die jüdische Gemeinde Kuppenheim“. 1933, im Jahr der Machtergreifung Hitlers, lebten noch 51 Juden in Kuppenheim.     


Bis 1938 gab es noch 10 jüdische Geschäfte in Kuppenheim:

 

  • die Viehhändler Berthold Dreyfuß, Hermann Kahn, Ludwig Kahn, Simon Kahn;
  • die Pferdehändler Alfed Maier, Emil Maier;
  • die Metzgerei Salomon Lehmann;
  • die Manufaturwaren-Handlungen Heinrich Dreyfuß, Max und Fanny Dreyfuß sowie
  • das Eisenwarengeschäft Herz & Schlorch.


Mit der Deportation nach GURS starben:
Samuel Herz und Sara Herz geb. Maier, Ilse Schlorch, Mina Meier


Von Gurs u.a. nach Auschwitz u.a. verschleppt und getötet/verstorben:
Hermann Isa Heumann und Ida Heumann, geb.Dreyfuß,

Hermann Hirsch und Jeanette Hirsch, geb. Kahn,
Markus Max Katz und Rigina Katz, geb. Dreyfuß, und Irma Platz, geb. Kahn,
Günter Schlorch, Isidor Meier und Karoline Meier geb. Kahn,
Samuel Wilhelm Kuhn und Johann Kuhn, geb. Kahn,

Semi Schlorch und Rosa Schlorch, geb. Herz,
Marie Dreyfuß, geb. Friedmann, Heinrich Grünhut,

Hermann Samuel, lebte mit Helean Samuel, geb.  Meier, von 01.10.1939 bis 06.02.1940
bei Berthold Herz in der Murgtalstraße 37,
Emilie Brumlick, geb. Kaufmann, Fanny Kreuzer, geb. Kaufmann,
Salomon Lehmann, Klara Kahn


In Dachau ermordet: Heinrich Dreyfuß

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„Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst"
Überlebender des Holocaust spricht zu Gaggenauer Schülern /           Schreckliche Zustände im Lager

 

Gaggenau. Kurt Salomon Maier sprach am Mittwoch in der Gaggenauer Realschule. Der 86-jährige Zeitzeuge war am 22. Oktober 1940 als Zehnjähriger ins Konzen¬trationslager Gurs deportiert worden. Er hatte jedoch das Glück, im darauffolgenden Jahr mit Unterstützung in Amerika lebender Verwandter dem Nazi-Terror zu entkommen.

 

Maier ist gnädig mit den Schülern. Oder ist er einfach ein guter Pädagoge? Seine eingescannten, auf die Großleinwand projizierten Fotos zeigen viel mehr als nur das düstere Lager am Fuße der französischen Pyrenäen. Vor allem will der in Washington lebende, promovierte Literat und Historiker dem Publikum nahebringen, dass Juden nicht „anders" waren.

 

Das Haus in Kippenheim bei Lahr. Hier hatte die Mutter ein „Lädele" mit Stoffen betrieben. Ein Klassenfoto - Maier zählt die Namen der jüdischen Mitschüler auf: „Vor der Nazizeit hat es, was Religion angeht, keine Unterschiede gegeben", erzählt er in fließendem Deutsch, „evangelische Kinder gingen in jüdische oder katholische Schulen, und umgekehrt". Verlobungsbilder, Hochzeitsbilder, Familienbilder. Nach zehn Minuten bricht der jüdische Humor hervor. Maier zeigt mit seinem Laserpointer auf einen anderthalbjährigen Jungen. Der habe schon damals seinen späteren Beruf als Chef eines Catering-Service unmissverständlich artikuliert: „Er hat gegessen und gegessen und gegessen ...". Die Eltern lehnten die mahnenden Einladungen amerikanischer Verwandter noch Mitte der 30er Jahre ab. Vielleicht würde sich der ganze Trubel ja noch legen.

 

Je weiter die Bilderschau geht, umso klammer wird jedoch das Gefühl. Dem Verbot, als Jude ein Auto zu besitzen, folgte Verbot auf Verbot. Kinderbücher und Brettspiele empfehlen, Juden zu verjagen. SS-Männer in Siegerpose in kaputt geschlagenen Synagogen. Die „Kennkarte" mit den Fingerabdrücken der 1867 in Friesenheim geborenen Oma. Und dann: Der Abtransport. In den 90ern hat Kurt Maier ein Foto von sich selbst und seiner Familie entdeckt - in der Washington Post. Es zeigt die Maiers auf dem Weg aus ihrem Haus, in das sie nie wieder zurückkehren würden. Im Hintergrund sieht man die Nachbarn. Maier: „Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst".

 

Erst kurz vor Ende gibt Maier ein paar Bilder aus Gurs preis. Die tristen Holzbaracken, ohne Heizung, ohne Licht, und überall nasser Schlamm. Maier wirft Stichworte in den Raum: Lungenentzündungen, Cholera. Der Junge selbst hatte eine Diphtherie hinter sich, als die Reiseunterlagen aus Amerika eintrafen. Mit dem Dampfer über den Atlantik, im August 1941 kam die Familie in New York City an. Und dann - ein neues Leben. Ob es
auch Deutsche gegeben hätte, die nicht der Gehirnwäsche erlegen waren, fragt eine Schülerin. „Ja", sagt Maier, „wir hatten Nachbarn, die uns nachts Kartoffeln, Obst und Brot brachten." Die Veranstaltung fand auf Einladung der Arbeitskreise „Stolpersteine" Gaggenau und Kuppenheim statt.

 

Foto Keiper: Betretene Mienen löste der Bildvortrag von Kurt Maier an der Gaggenauer Realschule aus. Der Holocaust-Überlebende sprach über die Verfolgung der Juden im Dritten Reich und seine Zeit im Konzentrationslager.

 

Badische Neueste Nachrichten (BNN), 28. Oktober 2017, BNN- Mitarbeiter Achim Keiper

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