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Veranstaltung 10 11 2021

Häuser zerstört und Fahrzeuge gestohlen
Erinnerung an Besatzungszeit in Räon-l'Etape

 

Rastatt/Kuppenheim (BNN). Der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim machte es sich in diesem Jahr unter anderem zur Aufgabe, sich vor Ort über die Besatzungszeit der Wehrmacht von 1940 bis 1944 in der französischen Partnergemeinde Râon-l'Etape ausgiebig zu informieren und drüber zu berichten. Dieses Kapitel war in Kuppenheim seit mehr als 30 Jahren tabu. „Wir sind im Nachhinein beeindruckt, dass es damals beim Partnerschaftsbeschluss in der Vogesenstadt so wenige Vorbehalte gab, da die Deutschen gegen die Bevölkerung ziemlich grausam vorgingen", sagt Heinz Wolf vom Arbeitskreis
Stolpersteine.

 

Arbeitskreis Stolpersteine informiert sich vor Ort

 

Am 10. Mai 1940 überfiel die Wehrmacht die neutralen Benelux-Staaten und marschierte in Frankreich ein. In nur vier Wochen triumphierte das Dritte Reich. Mit der Kapitulation am 22. Juni 1940 besetzten die Nationalsozialisten 60 Prozent Frankreichs, auch die Region „Vosges" mit Räon-l'Etape. Den Rest des Landes verwaltete das Vichy-Regime im deutschen Sinn.

 

Um die deutsche Kriegswirtschaft zu entlasten, wurden französischen Firmen im Zweiten Weltkrieg zunehmend Aufträge von deutscher Seite übertragen und die Wirtschaftskraft Frankreichs fast vollständig auf die Bedürfnisse des Deutschen Reiches eingestellt. Den deutschen Besatzern gelang es, mit einem Minimum an militärischem und verwaltungsmäßigem Aufwand den besetzten Teil Frankreichs zu kontrollieren, wirtschaftlich auszubeuten und ethnisch zu säubern. Die Bereitschaft der französischen Verwaltungsbehörden und nicht zuletzt ein großer Teil der Bevölkerung machten dies möglich, so dass lediglich ein deutscher Apparat von 1 200 Beamten eingesetzt werden muss- te. Bei Beginn des Polen-Feldzuges der Wehrmacht im September 1939 wurde die Bevölkerung der Grenzgebiete von den französischen Behörden evakuiert.

 

Beim deutschen Einmarsch nach Stolpersteine Frankreich im Mai sich vor Ort 1940 flohen erneut zehntausende Franzosen nach Südwestfrankreich. Vielen „Unerwünschten" verweigerten die Deutschen nach dem Waffenstillstand die Rückkehr.

 

Besonders gravierend für die Elsässer und Lothringer war im August 1942 die Einführung der Wehrpflicht für 21 Jahrgänge. Gauleiter Josef Bürckel ordnete in Lothringen die Einberufung von 15 Jahrgängen an. 230 000 „Malgre-Nous", wie sie sich nannten, wurden im Elsass/ Moselgebiet zwangsweise zum Einsatz an der Ostfront eingezogen. Viele Wehrpflichtige flohen ins Ausland oder schlössen sich dem bewaffneten Widerstand an.

 

Am 9. November 1944 dem Tag nach der Deportation der Zwangsarbeiter, sollten die verbleibenden Einwohner die Stadt Räon-l'Etape verlassen, die totale Zerstörung von Räon-l'Etape war geplant. Die alliierten Soldaten sollten in Kuppenheims Partnerstadt im Spätherbst und Winter 1944 kein Haus und keinen Keller zum Verbleiben und auch keinerlei Lebensmittel und Tiere zum Schlachten vorfinden. Das menschenverachtende Vorhaben unterblieb aber wegen des schnellen alliierten Vormarschs. Die Wehrmacht musste Hals über Kopf nach Osten in Richtung Deutsches Reich fliehen.

 

Der angesehene Bürgermeister Charles Weill kam bereits 1943 nach Auschwitz (weil er Jude war) und wurde dort vergast. 38 weitere Juden aus Räon-l'Etape und Neuveville-les-Räon wurden ebenfalls ermordet. Abbe Aime Claude von der katholischen Kirche Saint-Luc wurde am 2. Juni 1943 von der Gestapo zunächst ins KZ Struthof gesteckt, kam dann ins KZ (Arbeitslager) Rotenfels und wurde am 9. Oktober 1944 im Erlichwald Gaggenau erschossen.

 

VON DER ERMORDUNG des Bürgermeisters Robert Tisserand ließ sich die Kuppenheimer Delegation bei ihrem Besuch in der Partnerstadt Räon-l'Etape unterrichten.     Foto: AK Stolpersteine

 

Badische Neueste Nachrichten 24. Dezember 2019

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Jungen und Männer aus Râon-l´Etape nach Deutschland verschleppt –                                 Aktion „Waldfest“

Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim erhält Einblicke in dunkles                                     deutsch-französisches Kapitel

 

Kuppenheim/Râon-l’Étape - Ein Zwangsarbeiter berichtet über die Deportation und dem Fußmarsch nach Héming bei Saarburg: Am 8. November 1944 umzingelten Soldaten der Wehrmacht den Stadtteil von Râon-l‘Étape, rechts der Meurthe. 265 Jungen und Männer zwischen 16 und 46 Jahren wurden zusammengetrieben, um in Fußmärschen und per Bahn zur Zwangsarbeit nach Heidelberg gebracht zu werden.


In Heidelberg kamen die 265 Zwangsarbeiter (manche Quellen berichten von 300 Râonaisen) am 11. November 1944 an. Ihnen war vorgegaukelt worden, sie sollten an Frontbefestigungen in der Umgebung ihrer Stadt arbeiten. Ihnen war vorgegaukelt worden, sie sollten an Frontbefestigungen in der Umgebung ihrer Stadt arbeiten, wie vorher unter dem Requirierung-Programm „STO“ (Service de Travail Obligatoire, in Râon-l´Etape wurden 700 Personen zum Bau von Panzersperren und Ausheben von Schützengräben zwangsverpflichtet). An Kleidung hatten die Verschleppten nur dabei, was sie am Körper trugen, viel zu wenig für den anstehenden Winter. Sie erfroren fast wegen der bitterlichen Kälte. Und sie hatten nichts zu essen dabei. Hunger war angesagt. Dazu kamen noch die Ungeziefer in den Massenquartieren und die unzumutbaren hygienischen Verhältnisse. 40 Personen mussten sich einen Wasserhahn mit kaltem Wasser teilen.


In Heidelberg wurden sie im Marstall als Land- Forst- und Industriearbeiter an Betriebe und Handwerker aufgeteilt. Sie hatten keinerlei Proviant und Ersatzkleidung dabei, ihrer Angehörigen wussten nichts über sie bis zu ihrer Rückkehr im April 1945. Eingesetzt wurden die Zwangsarbeiter u.a. im Güterbahnhof, im Stadtwald, zum Schneeräumen und auf dem Friedhof.


Deportation und die Befreiung

Paul Gasser aus Râon-l’Étape beschreibt die Umstände der Deportierten: „Laurent Kruch, Besitzer der größten Druckerei in Râon-l’Étape, musste in einer Druckerei in Handschuhheim arbeiten. Ihn gelang es heimlich, beim Drucken Lebensmittelmarken abzuzweigen.


Auf dem Weg vom Internierungslager in Heidelberg zur Zwangsarbeit erinnert sich Paul Gasser

„Ohne uns viel Zeit zu lassen, zwingen uns die Deutschen vor ihnen herzumarschieren bis zur Kreuzung der Straße nach Celles, wo sie uns in ein Haus stopfen, um auf die Lastwagen zu warten, die uns nach Celles führen sollten. Ich versuche mit einem Feldwebel zu reden, damit ich dableiben kann, weil ich immer noch für die Verwaltung arbeite. Aber er will nichts hören. Ich fahre mit der 3. LKW-Ladung nach Celles; das Fahrzeug beschleunigt seine Fahrt am Ortsausgang von R0226on, denn das ist bereits ein guter Zielpunkt für die alliierte Artillerie. Nach der Ankunft in Celles führt man uns sofort in die Fabrik Cartier, um uns dort in einer eisigkalten Werkstatt einzuschließen. Einige Franzosen bringen uns Lebensmittel.


Gegen zwei Uhr desselben Tages verlassen wir Celles zu Fuß in Richtung Alarmont, dann lässt man uns den Chapelotte hinaufsteigen, immer gut bewacht. Am Ortseingang von Badonviller fallen Granaten, und  heftig werden wir in die Keller unter den Schulen hineingedrängt. Es ist Nacht, und wir müssen in dieses dunkle Untergeschoss hineingehen, das voller Abfälle und Exkrementen ist, ohne Licht, ohne Türe und auf den feuch-ten Boden. In diese Keller waren in der Nacht zuvor schon Hunderte von Männern der umliegenden Dörfer eingesperrt gewesen, die einen Tag für den Transport nach Heidelberg zusammengetrieben worden waren.


Der Marsch durch den feinen Regen hat uns äußerlich durchnässt und wir waren todmüde. Und während der ganzen Nacht hört man die sechzehnjährigen Jungen weinen, was uns noch einen weiteren Tiefschlag versetzt. 

 

Am nächsten Morgen sammelt man uns, um uns unsere Ausweise wegzunehmen. Zu Fuß geht es nun nach Cirey. Am Ortsausgang von Badonviller beschleunigen wir unsern Schritt, denn die amerikanische Artillerie hatte schon am Vortag mit ihren Granaten die Straße übersät. Einige hundert Meter vor der Ankunft dort will ich mich unter einem Wagen flüchten, der auf dem Trottoir abgestellt ist, aber in der Zeit, in der ich mich sicherheitshalber nach den Wachleuten umdrehe, bin ich am Fahrzeug schon vorbei, und noch einmal gehen wir in ein neues Quartier hinein, wo sich schon einige hundert Unglückliche wie wir befinden. Der Konvoi besteht jetzt aus ungefähr 700 Männern. In einem Nieselwetter begeben wir uns in auf die Straße den Hang hinauf in Richtung Hemingen. Der Konvoi ist stark bewacht durch etwa hundert Feldgendarmen, die mit Maschinenpistolen und Maschinengewehren bewaffnet sind.

 

Mühsam schleppen wir uns bis zum Bahnhof, wo 12 eiskalte Waggons ohne Lokomotive auf uns warten. Man stellt uns auf in Sechserreihen und in Gruppen zu 60. Jede Gruppe nimmt in einem Wagen Platz, ohne Licht und in einer sehr dunklen Nacht. Wir wickeln uns unter großer Mühe in unsere Decken. Ich ziehe meine Gummistiefel aus, um in meine Hausschuhe zu schlüpfen, aber nie habe ich mich aufwärmen können. Gegen 20 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, und die Wachleute in jedem Wagen setzen sich an unsere Seite. Bei der Einfahrt in den Bahnhof Saarburg, hege ich die Absicht zu fliehen; der Zug verlangsamt ziemlich, aber mir fehlt der Mut, und wir rollen in die schwarze, eisige Nacht ohne Halt Richtung Mannheim. Einige unerwartete Stopps wegen Fliegeralarm erlauben uns, unseren traurigen Ausflug zu lokalisieren. Gegen 10 Uhr kommen wir in Heidelberg an, müssen jedoch wegen eines Fliegeralarms bis kurz vor 12 Uhr im Zug bleiben.“

 

Befreiung – Ostern 1945

Währen ihrer Zwangsarbeit in Heidelberg hatten die Deportierten keinerlei Kontakt zu ihren Familien in Râon-l´Etape. „Wir wussten die ganze Zeit über nichts von unseren Familien. Und wir kamen ins KZ nach Rappenau. Dort gab es zum Essen nur gefrorene Kartoffeln. Nachts mussten wir bei eisiger Kälte Gleise reparieren. Die SS drohte uns nach Dachau zu bringen, obwohl die Front nur zehn Kilometer entfernt war. Am Ostermontag 1945, um neun Uhr morgens, kamen dann die Panzer der Amerikaner. Wir waren befreit“, so Jacques Nilsa, Kaufmann und Unternehmer aus Râon-l´Etape.

 

Deutsche Besatzer planten totale Zerstörung von Râon-l´Etape

Am 9. November 1944, dem Tag nach der Deportation der Zwangsarbeiter, sollten die verbleibenden Einwohner die Stadt Râon-l´Etape verlassen, die totale Zerstörung („verbrannte Erde“, nach der Methode der Wehrmacht beim Rückzug an der russischen Front) war wohl beabsichtigt. Die alliierten Soldaten sollten in Kuppenheims Partnerstadt im Spätherbst und Winter 1944 kein Haus und keinen Keller zum Verbleiben und auch keinerlei Lebensmittel und Tiere zum Schlachten vorfinden. Das menschenverachtende Vorhaben unterblieb aber wegen des schnellen alliierten Vormarschs. Die Wehrmacht musste Hals über Kopf nach Osten in Richtung Deutsches Reich fliehen. Râon-l’Étape wurde schließlich am 17. November von den Alliierten.

 

Râon-l´Etape – Häuser und Infrastruktur zerstört – Hinrichtungen

Die Wehrmacht hatte im Vogesenstädtchen ganze Arbeit verrichtet, aber auch der Beschuss durch die anrückenden Alliierten sorgte für namhafte Zerstörung. Die Deutschen plünderten nahezu alle Häuser (819 insgesamt). 163 Behausungen wurden total zerstört, gesprengt oder niedergebrannt, auch alle kommunalen Einrichtungen: Rathaus, Schulen, Kirche, Kindergarten, Bürgersaal Beauregard, Theater, Krankenhaus, zentrales Elektrizitätswerk, Abwasserleitungen, Trinkwasserversorgung, Gas- und Stromleitungen, Eisenbahnverbindungen (Schienen) und der Bahnhof. Alle öffentlichen Fahrzeuge wurden requiriert oder gestohlen.


Sieben Personen (z.B. Bürgermeister Robert Tisserand) und 27 Widerstandskämpfer wurden hingerichtet. Der angesehene Bürgermeister Charles Weill kam bereits 1943 nach Auschwitz (weil er Jude war) und wurde dort vergast.

 

55 Jahre nach Kriegsende

Almosen nur für wenige Überlebende: Eine Entschädigung haben die Arbeitskräfte aus Frankreich in der Regel nicht erhalten und wenn überhaupt, dann äußerst geringe Beträge (ab April 2000 für nur wenige Überlebende). Nach der Befreiung bekommen die Zwangsarbeiter nicht den Status von Deportierten, der war und ist den in Konzentrationslagern und Gefängnissen verbrachten Personen vorenthalten. Erst seit 1970 wird das spezifische Leid und die Verfolgung der zur Zwangsarbeit verschleppten Menschen aus Ostfrankreich (Lothringen u.a.) als „Patriote transféré en Allemagne – nach Deutschland verschleppter Patriot“ anerkannt. In den betroffenen Orten und auf Gedenktafeln steht meist –„Déportation“.

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Schikanen für Juden - Oktober 1940 – Auschwitz September 1942

 

AK Stolpersteine in Râon-l’Étape: Die Juden in der Partnerstadt

 

Das Schicksal der Juden (im besetzten Teil oder im Bereich des Vichy-Regimes) verschlechterte sich gravierend am 10. Oktober 1940: Da gab es eine Judenzählung, ein Vermerk "Jude" auf den Ausweispapieren und eine Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und 6 Uhr. Diese Aktion haben die Franzosen unnötigerweise in vorauseilendem Gehorsam initiiert, um vielleicht noch einen Rest Eigenverwaltung gegenüber der deutschen Besatzer zu erhalten.

 

Ab Juni 1942 mussten Juden als obligatorisches Erkennungsmerkmal einen gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen. Thérèse Mauget-Vilmain zum „gelben Judenstern“: „Paul Lévy rennt die Treppe runter, aus dem Haus, runter zum Fluss. Da wird er kontrolliert. Ein Jude darf ohne den Davidsstern auf der Kleidung sich nicht im öffentlichen Bereich bewegen.“

 

Dieser Verstoß ist schließlich Grund genug,

um im August 1942 fünf Juden aus Râon l`Étape einzusperren:

 

- Lily Samuel (26 Jahre alt, geb. in Grussenheim),

- Ida Oppenheimer (geb. Neuschler in Oberstein/Rheinland, 59),

- Cécile Muller (geb. Weill in Mulhouse, 40),

- Alphonse Meyer (49) und

- Arthur Lévy (54, geb. in Dettenheim).


Sie wurden dann übers Internierungslager d’Écrouves (bei Toul, nahe Nancy) am 21. September 1942 übers Lager Drancy (bei Paris) und schließlich mit dem Transport Nr. 36 in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert, um dort letztendlich vergast zu werden.

 

Bereits im Juli 1942 kamen Smuel und Szezwa Grynspan mit Transport Nr. 11 nach Auschwitz. Es waren Juden, die die religiösen Gebote achteten , die Gesetze achteten, einer Arbeit nachgingen und Steuern zahlten, nie auffällig wurden und dennoch von den Nationalsozialisten gedemütigt, entrechtet, zur Flucht gezwungen und vielfach ermordet wurden, nur weil sie Juden waren.

 

Razzia vom 13. März 1944 in La-Neuveville-lès-Râon

 

Die Annexion Elsass-Lothringens durch das Dritte Reich war ein eklatanter Verstoß gegen internationales Recht, insbesondere die Zwangsrekrutierung der Elsässer (130 000) und Lothringer (100 000). Etwa ein Drittel dieser sog. „Freiwilligen“ (sie nannten sich „Malgré-nous“, „Wider unseren Willen“) fielen an der Ostfront oder sind vermisst. Dazu kommen noch die Opfer durch Erschießungen und Tausende in Konzentrationslagern ermordeter und umgekommener Menschen.

 

Die schwere Niederlage der Deutschen Truppen in Stalingrad (Februar 1944) hat die Wahnvorstellung der Nazis von einer jüdisch-bolschewistischen Verschwörung verstärkt. Und je näher die alliierten Truppen (nach der Landung im Ärmelkanal) der von der deutschen Armee gehaltenen Westfront näherkamen, desto mehr verstärkte sich der Druck auf die Juden.

 

So wurden bei dieser März-Razzia in Râons Stadtteil La Neuveville 23 Juden ohne Begründung gefangen genommen und ins Lager Écrouves verschleppt. Von dort kamen 18 ins Sammellager Drancy und 17 von anschließend mit dem Transport Nr. 71 (13. April 1944, 1500 Deportierte, 80 % wurden sofort vergast, 39 Männer und 91 Frauen überlebten 1945) bzw. Transport Nr. 72 (29. April 1944) ins KZ Auschwitz.


Vergast wurden die Juden…

- André Hirtz (13, geb. in Mulhouse) und die Mutter

- Suzanne Hirtz (geb. Weyl in Mulhouse, 46),
- Florine Meyer (47, geb. in Fegersheim),
- Hermance Bernheim (verh. Levy, 48 Jahre, geb. in Haguenau),

- Julia Bernheim (42, geb. in Haguenau),

- Henriettte Godechaux (verh. Kahn, 63, geb. in Brumath), die Ehepaare

- Lazare Kauffmann (78, geb. in Haguenau) und

- Berthe Kauffmann (geb. Cerf, 62, geb. in Lyon),
- Adolpe Kahn (79, geb. in Imling/Moselle) und

- Juliette Kahn (geb. Braunschweig in Basel, 78),

- Marcel Weil (62, geb. in Fegersheim) und

- Berthe Weil (geb. Ries in Gailingen/Hochrhein, 62),

- Élie Samuel (geb. in Strasbourg, 41) und

- Nelly Renée Samuel (38) sowie deren Kinder

- Bernard (6),

- Jean (7) und

- Anne (8).


Somit kam die ganze aus Strasbourg stammende Familie Samuel am 16. April 1944 ins Gas. Die Mutter Nelly war übrigens im 8. Monat schwanger. Lediglich die Großeltern Joseph und Adèle Weill (verh. Samuel) überlebten den Holocaust, weil sie wie auch Florence Kahn (interniert 1944, 82) und Leopold Hirtz (interniert 1944, 61) am 2. September 1944 von den Alliierten aus dem Lager Écrouves, befreit wurden.

 

Jüdische Kinder von der Schule ins KZ – Die Razzia am 13. März 1944

 

Die Geschichte wiederholt sich. Bei einer erneuten Razzia wurden am Montag, dem 13. März 1944, 34 Personen aus Râon und dem dazugehörigen Stadtteil La Neuveville ins KZ deportiert. Darunter waren sechs Kinder unter 14 Jahre: Sarah Grinszpan, Maxime Goldsztain, André Hirtz, Bernard, Jean und Anne Samuel.

 

Jüdischer Bürgermeister Charles Weill abgesetzt und im KZ ermordet

 

Eine der ersten Aktionen gegen Juden in Râon-l’Étape war die Absetzung des beliebten Bürgermeisters CHARLES WEILL (1929 – 1942), veranlasst vom Vichy-Regime auf Druck der deutschen Besatzer. Am 18. Juli 1943 wurde Weill ins Sammellager Drancy verschleppt, um anschließend mit dem Zug Nr. 6 von Drancy ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und sofort vergast zu werden.

 

Vor der École maternelle in La Neuveville-les-Râon, Jean Hirl, Jean-Pierre Kruch (mit Hut) rechtes Bild: Jean-Marie Lecompte (li) vom Geschichtlichen Verein Râon-l‘Étape

 

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Razzia am 13. März 1944 in Raon-l’Étape


Die Internierung der Juden setzte sich an diesem verhängnisvollen Tag auch im Hauptort Râon fort für: die Ehepaare Fernand Dreyfuß (60) und Marguerite Dreyfuß (geb. Weyl, 54) und ihre Kinder Robert (19) und Odette (21), sie stammten aus Fegersheim im Elsass, Rose Lévy (geb. Deutsch, 48) und deren Töchter Yvonne (19) und Irène (20), die alle vorher in Balbronn wohnten, Liba Goldsztain (geb. Sztajnbuk aus Bobroviniki in Polen, 34) und ihr Sohn Maxime (12) sowie Charlotte Weyl (51, Schwester von Marguerite Dreyfuß), das Mädchen Sarah Grynszpan (8), Muriel Lévy (22), Berthe Samuel (verh. Gerst, 60). Auch sie kamen mit den Transporten Nr. 71 und 72 zur Vergasung nach Auschwitz.


Von Drancy wurden insgesamt 40 000 Juden aus Frankreich ins Vernichtungslager Auschwitz „transportiert“, zuerst die ausländischen Juden, dann die mit französischer Nationalität.

 

Auch Kuppenheimer Juden ins Gas geschickt


15 Kuppenheimer Juden wurden von 1942 bis 1944 von Gurs ins Sammellager Drancy (bei Paris) und von dort nach Auschwitz und Sobibor deportiert. Es waren dies: Ida Dreyfuß verh. Heumann, Jeanette Kahn verh. Hirsch, Regina Dreyfuß verh. Katz, Irma Kahn verh. Platz, Johanna Kahn verh. Kuhn, Berta Kahn verh. Grünhut, Helena Meier verh. Samuel, Emilie Kaufmann verh. Brumlick, Fanny Kaufmann verh. Kreuzer, Marie Dreyfuß geb. Friedmann, Isidor Meier und seine Ehefrau Karolina Meier geb. Kahn, Günter Schlorch und seine Eltern Semi Schlorch und Rosa Schlorch geb. Herz. Dazu kam Klara Kahn, die von Kuppenheim kommend über Bingen in ein KZ-Lager in Polen gelangte. Niemand überlebte die Internierung.

 

Von wegenm Kollaboration - hilfsbereite Franzosen


Die Juden, ob Erwachsene oder Kinder, durften eine Tagesration in einem Koffer mitnehmen. In Autos wurden sie mit unbekanntem Ziel fortgebracht. Kurz vor dem Abtransport bricht bei der Familie Lévy Panik aus. Freunde schlagen Muriel Levy vor, diese bei ihnen zu verstecken. Muriel lehnt ab, weil sie vermutet, dass ihre Eltern teuer dafür bezahlen müssten. Am Nachmittag steht die Familie im Erdgeschoss ihres Wohnhauses. Madame Levy zu Mademoiselle Mauget-Vilmain, die dem Vorgang beiwohnte: „Sie, mein Fräulein, werden noch schöne Tage haben…für mich ist es das Ende!“


Der Bus, zu zwei Drittel bereits besetzt, hält vor dem Haus an. Deutsche Soldaten nehmen die Koffer... und das war der Abschied für Muriel, die Mutter und die Tante.


Eine Zeitzeugin erinnert sich:

 

„Jemand hat an der Tür geklopft, zwei Männer in langen Mänteln und mit Hut haben nach unserer Freundin Annie Samuel gefragt, um sie dann mitzunehmen. Die Gesichter der Klassenkameraden waren von Entsetzen gezeichnet. Wir haben sie nie mehr wiedergesehen. Einige Tage später haben wir für sie gesammelt und zu ihr ein Paket ins Lager Écrouves geschickt. Aber wir haben nie erfahren, ob Annie und ihre Familie das Paket jemals erhalten haben.“


Die Razzia ging weiter.

 

Ginette Marzan, damals 22 Jahre alt, dazu: „Ein Auto hielt an. Vor dem Coop. Ich war alleine im Geschäft, als ein Feldgendarm eintrat und nach einer Mme Goldsztain fragte. Ich verstand den Zusammenhang und erklärte, dies nicht zu wissen. Durch die Vitrinen sah ich Muriel Levy in ihrer Situation, konnte zur ihr ins Auto steigen und ihr noch Brot und Käse geben. Dann hat mich ein bewaffneter Feldgendarm vertrieben. Währenddessen haben die Deutschen die Häuser in der Rue A. Ferry durchsucht und Mme Goldsztain, ihren 11-jährigen Sohn Maxim sowie die kleine Sarah Grynszpan (7 Jahre) gefunden. Sarah lebte bei den Goldsztains, da ihre Eltern, Szmul und Szetwa , bei der Razzia im Juli1942 bereit mitgenommen wurden und mit dem Transport Nr. 11 nach Auschwitz kamen. Es waren Juden, die ursprünglich aus Polen stammten.“

 

Sarah und Maxim Grynspan


Paul-Jean Gasser (1944 bis 1945 Zwangsarbeiter in Heidelberg) war mit Sarah und Maxim Grynspan befreundet: „Sarah war ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren, gekleidet mit einem roten Mantel, zu klein und mit einem gelben Davidstern versehen. Maxim war ein süßer Junge, sehr freundlich. Sein Vater führte ein Schustergeschäft. Eines Tages in der Schule hing sein Davidstern von der Bluse. Die Erzieherin nähte diesen schnell wieder an. Maxim kam nie wieder zurück…“


„Das Waldfest“ in Lothringen


Die Synagoge von Râon-l’Étape befand sich bis 1849 am Quai de la Victoire. Danach wurde eine neue Synagoge erbaut, die nach der Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung 1949 zerstört wurde. Seit den Razzien 1942 und 1944 gab es keine jüdische Gemeinde in Râon-l’Étape mehr. Bild rechts: Die Gestapo in Raon.


Während im Osten sowjetische Angriffsspitzen bereits weit auf deutschen Boden vorgedrungen waren und sich der Reichshauptstadt Berlin näherten, zeichnete sich zum Jahresende 1944 auch auf den Kampfstätten des Westens die beginnende Niederlage ab. So sah sich die 19. Deutschen Armee ab Oktober 1944 in den Vogesen einer äußerst schwierigen Lage gegenüber. Im Norden hatten bereits britisch-amerikanische Truppen die Reichsgrenze erreicht. Im Süden an der Burgundischen Pforte (bei Belfort) rückte die französische Armee mit der algerischen Infanteriedivision gegen die deutsche Westvogesenstellung an. In dieser Situation blieb den Deutschen nicht anderes übrig, als sich ins Reich Richtung Osten zurückzuziehen. Dabei verfolgten sie (wie schon an der Ostfront) das Prinzip der „verbrannten Erde“, in vielen Orten in den

 

Vogesen, in Saint-Dié, Épinal und auch in Râon l’Étape.


Bürgermeister Robert Tisserand aus dem Rathaus geschleppt und vor dem Eingang ermordet
Am 4. September 1944 drang ein SD-Einsatzkommando in das Rathaus ein und verhörte den Bürgermeister (1942 – 1944) Robert Tisserand. Die Nazis beschuldigten ihn, Résistancekämpfer zu unterstützen. Daraufhin schleppten sie ihn vor das Rathaus und erschossen ihn mit mehreren Salven aus Maschinenpistolen.

Robert Tisserant, Bürgermeister (von 1942 bis 1944) nach dem Juden Charles Weill und Auguste Pavoz. Die Einschläge der MP-Salven an der Rathauswand sind noch heute zu sehen.


Jüdischer Bürgermeister Charles Weill abgesetzt und im KZ ermordet


Sein Vorgänger, Bürgermeister Charles Weill (1929 – 1942)war vom Vichy-Regime abgesetzt und (weil er Jude war) am 18. Juli 1943 mit dem Zug Nr. 6 von Drancy ins KZ Auschwitz deportiert worden, wo er nach seiner Ankunft vergast wurde.

 

Auguste Pavos und die Kartoffelkäfer

 

Auguste Pavoz wurde am 16. November 1940 zum Nachfolger des jüdischen Bürgermeisters Weill von der Regierung Vichy zum Bürgermeister bestimmt. 1942 verlor er sein Amt, weil er angeblich zu wenig Initiativen zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers unternahm. Dieser kam während des Ersten Weltkrieges mit Schiffen aus den USA an die französische Mittelmeerküste, breitete sich in den Jahren darauf bis in die Vogesen aus und bedrohte die Kartoffelernten. Pavos verbrachte drei Monate im Gefängnis in Epinal, kam jedoch nach einer Strafzahlung frei. Die Reaktion der Râonaisen war, dass sie die Deutschen mit dem Schimpfnamen „Kartoffelkäfer – DORYPHORES “ verspotteten.

 

Bürgermeister Robert Tisserand aus dem Rathaus geschleppt und vor dem Eingang ermordet

 

Auch der dritte Bürgermeister während des Nazi-Regimen in Râon-l’Étape wurde von den Deutschen kaltgestellt. Am 4. September 1944 drang ein SD-Einsatzkommando in das Rathaus ein und verhörte den Bürgermeister (seit 1942) Robert Tisserand. Die Nazis (deutsche Polizisten) beschuldigten ihn, Widerstandskämpfer zu unterstützen. Daraufhin schleppten sie ihn vor das Rathaus und erschossen ihn mit mehreren Salven aus Maschinenpistolen. Robert Tisserand wurde lediglich 45 Jahre alt.
Robert Tisserant, Bürgermeister (von 1942 bis 1944) nach dem Juden Charles Weill und Auguste Pavoz. Die Einschläge der MP-Salven an der Rathauswand sind noch heute zu sehen.

 

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Zweiter Weltkrieg – Râon-l’Étape unter deutscher Besatzung

 

Abbé Aimé Claude deportiert und in Gaggenau 1944 von SS-Schergen ermordet

 

Am 2. Juni 1944 wurde der katholische Geistliche Abbé Claude verhaftet und am 9. Oktober 1944 ins KZ Rotenfels deportiert. Dort wurde er am 24. November 1944 erschossen. „Claude war von kleiner Statur, sehr zurückhaltend, wenn nicht gar ängstlich.“, berichtete Clauds Neffe Pierot dem inhaftierten Deutschen Werner Helfen, der im Lager Schirmeck Aimé Claude kennenlernte.

 

Claude wurde im Außenlager Rotenfels des Konzentrationslagers Struthof zu Arbeitseinsätzen delegiert. Die Deportierten mussten im Gaggenauer Daimler-Benz-Werk unter strenger Aufsicht der SS schuften oder beim Graben des Luftschutzstollens am Amalienberg ohne Staubschutz schwere Arbeiten verrichten. Die Häftlinge wurden aber auch zur Räumung des Schutts eingesetzt, ohne Schutz vor Blindgängern. Die amerikanische Luftwaffe hatte mit 170 B-17 Bombern in zwei Angriffen am 10. September 1944 und am 3. Oktober 70 Prozent von Gaggenau (2123 Gebäude zerstört oder stark beschädigt) und das Daimler-Benz-Werk in Schutt und Asche gelegt. 200 Tote (darunter 59 Kinder) waren zu beklagen.

 

Von einem Mithäftling habe Pierot erfahren, dass Abbé Claude auf der Fahrt zum Erlichwald (sein Schicksal vorausahnend) vom Lkw gesprungen sei, um zu fliehen. Nachdem ihn die SS-Wächter mit der Maschinenpistole verfehlt hätten, sei er mit einem Gewehr erschossen worden.


Am 25. Oktober 1944 begann wegen der Invasion und dem Vordringen der Amerikaner die komplette Verlegung des Lagers Struthof/Schirmeck nach Rotenfels (mit Waisenbach), nach Haslach (Kinzigtal) und Sulz am Neckar.


In der katholischen Kirche Saint-Luc in Râon l’Étape erinnert eine Gedenktafel an die Ermordung von Pfarrer Aimé Claude im Gaggenauer Erlichwald.

 

Zum Gedenken an den Priester Aimé Claude, geboren am 24. November 1891 in Les Vallois, als Dekan von Râon-l’Étape ins Amt eingeführt am 2. Juni 1943, von der Gestapo festgenommen am 9. Okt. 1944, verschleppt, gefoltert und erschossen in Gaggenau von den Hitler-Barbaren am 24. Nov. 1944.

Die Wehrmacht beobachtete vom Kirchturm der Saint-Luc-Kirche aus die Stellungen der amerikanischen Truppe. Diese bombardierte daraufhin die Kirche.

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Jungen und Männer aus Râon-l´Etape nach Deutschland verschleppt

 

Deportation - Fußmarsch nach Héming bei Saarburg –

Ein Zwangsarbeiter berichtet:

 

Am 8. November 1944 umzingelten Soldaten der Wehrmacht den Stadtteil von Râon-l‘Étape, rechts der Meurthe. 265 bis 300  Jungen und Männer zwischen 16 und 46 Jahren wurden zusammengetrieben, um in  Fußmärschen und  per Bahn zur Zwangsarbeit nach Heidelberg gebracht zu werden.  

                                         

In Heidelberg kamen die 300 Zwangsarbeiter am 11. November 1944 an. Ihnen war vorgegaukelt worden, sie sollten an Frontbefestigungen in der Umgebung ihrer Stadt arbeiten. Ihnen war vorgegaukelt worden, sie sollten an Frontbefestigungen in der Umgebung ihrer Stadt arbeiten, wie vorher unter dem Requirierung-Programm „STO“ (Service de Travail Obligatoire, in Râon-l´Etape wurden 700 Personen zum Bau von Panzersperren und Ausheben von Schützengräben zwangsverpflichtet). An Kleidung hatten die Verschleppten nur dabei, was sie am Körper trugen, viel zu wenig für den anstehenden Winter. Sie erfroren fast wegen der bitterlichen Kälte. Und sie hatten nichts zu essen dabei.  Hunger war angesagt. Dazu kamen noch die Ungeziefer in den Massenquartieren und die unzumutbaren hygienischen Verhältnisse. 40 Personen mussten sich einen Wasserhahn mit kaltem Wasser teilen.

 

In Heidelberg wurden sie im Marstall als Land- Forst- und Industriearbeiter an Betriebe und Handwerker aufgeteilt. Sie hatten keinerlei Proviant und Ersatzkleidung dabei, ihrer Angehörigen wussten nichts über sie bis zu ihrer Rück-kehr im April 1945. Eingesetzt wurden die Zwangsarbeiter u.a. im Güterbahnhof, im Stadtwald, zum Schneeräumen und auf dem Friedhof.                                                                                                                    

Deportation und die Befreiung

 

Paul Gasser aus Râon-l’Étape beschreibt die Umstände der Deportierten:  Besitzer der größten Druckerei in Râon-l’Étape, musste in einer Druckerei in Handschuhheim arbeiten. Ihn gelang es heimlich, beim Drucken Lebensmittelmarken abzuzweigen.    

                                                                                                                                                          

Paul Gasser auf dem Weg zur Zwangsarbeit, ergänzt: „Ohne uns viel Zeit zu lassen, zwingen uns die Deutschen vor ihnen herzumarschieren bis zur Kreuzung der Straße nach Celles, wo sie uns in ein Haus stopfen, um auf die Lastwagen zu warten, die uns nach Celles führen sollten. Ich versuche mit einem Feldwebel zu reden, damit ich dableiben kann, weil ich immer noch für die Verwaltung arbeite. Aber er will nichts hören. Ich fahre mit der 3. LKW-Ladung nach Celles; das Fahrzeug beschleunigt seine Fahrt am Ortsausgang von R0226on, denn das ist bereits ein guter Zielpunkt für die alliierte Artillerie. Nach der Ankunft in Celles führt man uns sofort in die Fabrik Cartier, um uns dort in einer eisigkalten Werkstatt einzuschließen. Einige Franzosen bringen uns Lebensmittel.

 

Gegen zwei Uhr desselben Tages verlassen wir Celles zu Fuß in Richtung Alarmont, dann lässt man uns den Chapelotte hinaufsteigen, immer gut bewacht. Am Ortseingang von Badonviller fallen Granaten, und  heftig werden wir in die Keller unter den Schulen hineingedrängt. Es ist Nacht, und wir müssen in dieses dunkle Untergeschoss hineingehen, das voller Abfälle und Exkrementen ist, ohne Licht, ohne Türe und auf den feuch-ten Boden. In diese Keller waren in der Nacht zuvor schon Hunderte von Männern der umliegenden Dörfer eingesperrt gewesen, die einen Tag für den Transport nach Heidelberg zusammengetrieben worden waren.       

                                                                                                    

Der Marsch durch den feinen Regen hat uns äußerlich durchnässt und wir waren todmüde. Und während der ganzen Nacht hört man die sechzehnjährigen Jungen weinen, was uns noch einen weiteren Tiefschlag versetzt.

 

Am nächsten Morgen sammelt man uns, um uns unsere Ausweise wegzunehmen. Zu Fuß geht es nun nach Cirey. Am Ortsausgang von Badonviller beschleunigen wir unsern Schritt, denn die amerikanische Artillerie hatte schon am Vortag mit ihren Granaten die Straße übersät. Einige hundert Meter vor der Ankunft dort will ich mich unter einem Wagen flüchten, der auf dem Trottoir abgestellt ist, aber in der Zeit, in der ich mich sicherheitshalber nach den Wachleuten umdrehe, bin ich am Fahrzeug schon vorbei, und noch einmal gehen wir in ein neues Quartier hinein, wo sich schon einige hundert Unglückliche wie wir befinden. Der Konvoi besteht jetzt aus ungefähr 700 Männern. In einem Nieselwetter begeben wir uns in auf die Straße den Hang hinauf in Richtung Hemingen. Der Konvoi ist stark bewacht durch etwa hundert Feldgendarmen, die mit Maschinenpistolen und Maschinengewehren bewaffnet sind.

 

Mühsam schleppen wir uns bis zum Bahnhof, wo 12 eiskalte Waggons ohne Lokomotive auf uns warten. Man stellt uns auf in Sechserreihen und in Gruppen zu 60. Jede Gruppe nimmt in einem Wagen Platz, ohne Licht und in einer sehr dunklen Nacht. Wir wickeln uns unter großer Mühe in unsere Decken. Ich ziehe meine Gummistiefel aus, um in meine Hausschuhe zu schlüpfen, aber nie habe ich mich aufwärmen können. Gegen 20 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, und die Wachleute in jedem Wagen setzen sich an unsere Seite. Bei der Einfahrt in den Bahnhof Saarburg, hege ich die Absicht zu fliehen; der Zug verlangsamt ziemlich, aber mir fehlt der Mut, und wir rollen in die schwarze, eisige Nacht ohne Halt Richtung Mannheim. Einige unerwartete Stopps wegen Fliegeralarm erlauben uns, unseren traurigen Ausflug zu lokalisieren. Gegen 10 Uhr kommen wir in Heidelberg an, müssen jedoch wegen eines Fliegeralarms bis kurz vor 12 Uhr im Zug bleiben.“

 

Befreiung – Ostern 1945

 

Währen ihrer Zwangsarbeit in Heidelberg hatten die Deportierten keinerlei Kontakt zu ihren Familien in Râon-l´Etape. „Wir wussten die ganze Zeit über nichts von unseren Familien. Und wir kamen ins KZ nach Rappenau. Dort gab es zum Essen nur gefrorene Kartoffeln. Nachts mussten wir bei eisiger Kälte Gleise reparieren. Die SS drohte uns nach Dachau zu bringen, obwohl die Front nur zehn Kilometer entfernt war. Am Ostermontag 1945, um neun Uhr morgens, kamen dann die Panzer der Amerikaner. Wir waren befreit“, so Jacques Nilsa, Kaufmann und Unternehmer aus Râon-l´Etape.

 

Deutsche Besatzer planten totale Zerstörung von Râon-l´Etape

 

Am 9. November 1944, dem Tag nach der Deportation der Zwangsarbeiter, sollten die verbleibenden Einwohner die Stadt Râon-l´Etape verlassen, die totale Zerstörung („verbrannte Erde“, nach der Methode der Wehrmacht beim Rückzug an der russischen Front) war wohl beabsichtigt. Die alliierten Soldaten sollten in Kuppenheims Partnerstadt im Spätherbst und Winter 1944 kein Haus und keinen Keller zum Verbleiben und auch keinerlei Lebensmittel und Tiere zum Schlachten vorfinden. Das menschenverachtende Vorhaben  unterblieb aber wegen des schnellen alliierten Vormarschs. Die Wehrmacht musste Hals über Kopf nach Osten in Richtung Deutsches Reich fliehen. Râon-l’Étape wurde schließlich am 17. November von den Alliierten befreit.

 

Râon-l´Etape – Häuser und Infrastruktur zerstört – Hinrichtungen

 

Die Wehrmacht hatte im Vogesenstädtchen ganze Arbeit verrichtet, aber auch der Beschuss durch die anrückenden Alliierten sorgte für namhafte Zerstörung. Die Deutschen plünderten nahezu alle Häuser (819 insgesamt). 163 Behausungen wurden total zerstört, gesprengt oder niedergebrannt, auch alle kommunalen Einrichtungen: Rathaus, Schulen, Kirche, Kindergarten, Bürgersaal Beauregard, Theater, Krankenhaus, zentrales Elektrizitätswerk, Abwasserleitungen, Trinkwasserversorgung, Gas- und Stromleitungen, Eisenbahnverbindungen (Schienen) und der Bahnhof. Alle öffentlichen Fahrzeuge wurden requiriert oder gestohlen.

 

Sieben Personen (z.B. Bürgermeister Robert Tisserand) und 27 Widerstandskämpfer wurden hingerichtet. Der angesehene Bürgermeister Charles Weill kam bereits 1943 nach Auschwitz (weil er Jude war) und wurde dort vergast.

 

55 Jahre nach Kriegsende: Almosen nur für wenige Überlebende:

 

Eine Entschädigung haben die Arbeitskräfte aus Frankreich in der Regel nicht erhalten und wenn überhaupt, dann äußerst geringe Beträge (ab April 2000 für nur wenige Überlebende). Nach der Befreiung bekommen die Zwangsarbeiter nicht den Status von Deportierten, der war und ist den in Konzentrationslagern und Gefängnissen verbrachten Personen vorenthalten. Erst seit 1970 wird das spezifische Leid und die Verfolgung der zur Zwangsarbeit verschleppten Menschen aus Ostfrankreich (Lothringen u.a.) als „Patriote transféré en Allemagne – nach Deutschland verschleppter Patriot“ anerkannt. In den betroffenen Orten und auf Gedenktafeln steht meist –„Déportation“.