Juden in Kuppenheim
Zum Jahr 1433 findet sich eine erste urkundliche Nennung der Juden in Kuppenheim. Die Landesfürsten duldeten die Juden im Lande wegen ihres Geldes. Sie besaßen Vermögen, können fleißig Geschäfte betreiben und zahlen Steuern. Wenn der Obrigkeit aber passte, dann wiesen sie die Juden rasch aus ihrer Heimat.
1582 verkündete Markgraf Philipp II. einen Judenerlass, woraus zu schließen ist, dass zu diesem Zeitpunkt Juden in Kuppenheim lebten. Obwohl der Markgraf 1584 die Juden aus der Markgrafschaft vertrieb, durften einige in Kuppenheim bleiben, wohl wegen ihrer Bedeutung für den regional wichtigen Wochenmarkt in Kuppenheim.
Im Jahr 1611 stellten die Beamten der Hofratskanzlei fest, dass neun bis zehn jüdische Familien in Kuppenheim lebten. Im 30-jährigen Krieg gab es keine Juden mehr in Kuppenheim.
Zur Zeit der Verwüstungen Badens durch die Truppen des Französischen Königs Ende des 17. Jahrhunderts, verbunden mit dem großen Stadtbrand 1689, ging die Zahl der jüdischen Familien von 10 auf zwei zurück.
Mit dem Judenanwalt Salomon Schweitzer entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine selbständige jüdische Gemeinde in Kuppenheim. Es taucthen die jüdischen Nachnamen Itzig, Jonas, Jägel, Löw, Salomon, Liebermann, Moises und Meyer auf.
Nach 1714 wurde wohl die erste Synagoge (wahrscheinlich die älteste im Landkreis) erbaut, später ergänzt durch ein rituelles Bad (1838 – zwei Frauenbäder), ein jüdisches Schulhaus (1875 – 22 Schulkinder) und ein Gemeindeschuppen (Leichenwagenremise). In der Reichspogromnacht 1938 wurde die letzte Synagoge in Kuppenheim von SA-Schergen niedergebrannt.
1801, also kurz nach der Französischen Revolution, lebten in Kuppenheim bereits 53 Juden, wirtschaftlich meist unter dem Durchschnitt der übrigen Bevölkerung. Samuel Herz bildete hier- bei eine Ausnahme. Die Metzgerdynastie Lehmann und die Eisen- warenhandel Herz & Schlorch haben ihre Wurzeln bei Samuel Herz.
Durch die Judenemanzipation Ende des 18. Und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die jüdische Religionsgemeinschaft als Kirche geduldet.
Die Juden waren zwar Staatsbürger, hatten jedoch kein aktives und passives Wahlrecht in den Städten und Gemeinden und kein Recht auf Allmendnutzung. Die Juden konnten jetzt auch deutsche Geschlechtsnamen annehmen. Beispiele dafür sind: Samuel Herz, Löb Kahn, Moses Lehmann, Moses Dreyfuß, Jakob Mayer, David Nöther und Bernhard Kuppenheimer. Letzterer schuf in den USA die namhafte Männerbekleidungsfirma „Kuppenheimer Men’s Clothes“ in Chicago.
Eine weitere Folge der Judenemanzipation war, dass sie das Recht hatten, sich an ihrem Geburtsort niederzulassen, hatten jedoch nicht -wie schon erwähnt- das volle Ortsbürgerrecht sie durften Grundstücke erwerben. Handel und die Ausübung bürgerlicher Berufe, insbesondere Handwerksberufe, wurde von ihnen erwar- tet. Sie waren kriegspflichtig (1871/71 im dt./franz. Krieg und im 1. Weltkreig) und konnten Beamte werden.
1806 war ein bedeutendes Jahr für Kuppenheim. Es wurde der jüdische Friedhofsverband Kuppenheim begründet, aufgelöst 1939. Ihm gehörten die 15 jüdischen Gemeinden Baden-Baden, Bodersweier, Bühl, Ettlingen, Gernsbach, Hörden, Kuppenheim, Lichtenau, Malsch, Muggensturm, Neufreistett, Rastatt, Rheinbischofsheim, Schwarzach und Stollhofen an. Der jüdische Friedhof „auf dem Mergelberg“ wurde bereits im Jahr 1694 begründet. 1938 zum Teil geschändet.
Die Umgangssprache der Juden war überwiegend jiddisch. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht für jüdische Kinder zeigte schnell Erfolg.
Die Juden erhielten zunehmend staatsbürgerliche Rechte (Armenversorgung, Teilnahme am Allmendgut). Abgaben wie Brunnen-, Draht-, Weide- und Wachtgeld wurden aufgehoben.
Mit der Verbesserung der rechtlichen Stellung der Juden erhöhte sich 1817 die jüdische Bevölkerungszahl in Kuppenheim auf 108, das waren immerhin 7,4 % der Einwohner insgesamt , auf heute hochgerechnet etwa 600 Personen, die halbe Bevölkerung von Oberndorf.
Von diesem Zeitpunkt an lebten die Juden in Kuppenheim einträchtig neben den Christen. Es gab kein Ghetto wie andernorts. Sie lebten überwiegend im Bereich um die Synagoge (Judengasse), später in der Friedrich, Rhein und Murgtalstraße, aber auch in der Schloss- und Ober-Torstraße.
Die Juden wurden zunehmend Teil der Stadtgemeinschaft: 1855 wurden sie zum Feuerwehrdienst verpflichtet. David Kahn wurde als erster Jude in die Freiwillige Feuerwehr Kuppenheim aufgenommen. 1892 waren bereits 18 Juden Mitglied der Feuerwehr. 1878 wurde in Kuppenheim der Frauenverein zur Gründung und Aufrechterhaltung der Kleinkinderschule gegründet. Die Frauen Dreyfuß, Kaufmann und Lehmann tat sich hierbei hervor. Juden waren auch im Gesangverein und Musikverein.
Zur wirtschaftlichen Betätigung der Juden
Die Kuppenheimer Juden betätigten sich in der Mehrheit als Kauf- und Handelsleute, auch als Trödler, im Pferde- und Viehhandel, vereinzelt als Leder-, Kleider-, Frucht- und Mehlhändler. Gern gesehen waren sie auf Vieh- und Jahrmärkten (u. a. „Bettel- und Bändel-Judenstände“).
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben die Juden in Kuppen- heim nahezu das ganze Geldverleihgeschäft. Elias Eichstätter hatte eine Agenturen einer Feuerversicherungsgesellschaft, Jakob Grünbaum, der letzte Vorsänger, eine Versicherungsagentur.
Wichtig war für Kuppenheim auch das von Juden erbrachte Pflastergeld.
Isack Herz betrieb als Gast- und Judenwirt die Krone, David und Gabriel Kahn führten das Gasthaus „Zum Lamm“.
Acht jüdische Metzger und Schächter führten in Kuppenheim ihr Gewerbe aus. David Herz eröffnete ein Metzgergeschäft, das bis in die vierte Generation besteht und von den Nazis aufgelöst wurde. Aus dem Eisen- und Spezereihandels Samuel Herz entstand die regional bedeutende Eisenhandlung Herz & Schlorch.
Juden in Kuppenheim betrieben vereinzelt auch Landwirtschaft.
Da der Viehhandel Ende des 19. Jahrhunderts zurückging, mussten viele Kuppenheimer Juden auswandern, so z.B. Mitglieder der Familie Kaufmann, oder gingen in größere Städte (Karlsruhe, Mannheim, Rastatt). Meist emigrierten jüngere Juden, weil die älteren sich nicht mehr in der Lage sahen, an anderer Stelle im In- und Ausland eine neue Existenz aufzubauen. Es fehlten auch die nötigen finanziellen Möglichkeiten, die aufgebraucht waren oder von den Juden zunichte gemacht wurden.
Verfolgung und Ende der jüdischen Gemeinde
Die Nationalsozialisten begannen von 1933 an jüdische Geschäfte zu „entjuden“, sie systematisch zu vernichten. Der Druck auf die Juden wurde sukzessive durch mehr oder minder schwere repressive Maßnahmen verstärkt.
Es begann mit dem „Judenboykott“ am 1. April 1933, setzte sich mit den „Nürnberger Gesetzen“ 1935 fort, einen Höhepunkt bildete die „Reichsprogromnacht“ am 11./11. November 1938 und endete schließlich mit dem Abtransport von 16 Kuppenheimer Juden am 22. Oktober 1940 nach „Gurs“. Damit erlosch die jüdische Gemeinde Kuppenheim. 1933, im Jahr der Machtergrei- fung Hitlers, lebten noch 51 Juden in Kuppenheim.
Bis 1938 gab es noch 10 jüdische Geschäfte in Kuppenheim:
- die Viehhändler Berthold Dreyfuß, Hermann Kahn, Ludwig Kahn, Simon Kahn;
- die Pferdehändler Alfed Maier, Emil Maier;
- die Metzgerei Salomon Lehmann;
- die Manufaturwaren-Handlungen Heinrich Dreyfuß, Max und Fanny Dreyfuß sowie
- das Eisenwarengeschäft Herz & Schlorch.
Mit der Deportation nach GURS starben:
Samuel Herz und Sara Herz geb. Maier, Ilse Schlorch, Mina Meier
Von Gurs u.a. nach Auschwitz u.a. verschleppt und
getötet/verstorben:
Hermann Isa Heumann und Ida Heumann, geb. Dreyfuß, Hermann Hirsch und Jeanette Hirsch, geb. Kahn, Markus Max Katz und Rigina Katz, geb. Dreyfuß, und Irma Platz, geb. Kahn, Günter Schlorch, Isidor Meier und Karoline Meier geb. Kahn, Samuel Wilhelm Kuhn und Johann Kuhn, geb. Kahn, Semi Schlorch und Rosa Schlorch, geb. Herz, Marie Dreyfuß, geb. Friedmann, Heinrich Grünhut, Hermann Samuel, lebte mit Helean Samuel, geb. Meier, von 01.10.1939 bis 06.02.1940 bei Berthold Herz in der Murgtalstraße 37, Emilie Brumlick, geb. Kaufmann, Fanny Kreuzer, geb. Kaufmann, Salomon Lehmann, Klara Kahn
In Dachau ermordet: Heinrich Dreyfuß
Vortrag von Dr. Ulrich Schumann vom AK Stolpersteine Kuppenheim anlässlich der Gedenkfeier zur 2. Stolpersteinlegung am 25. Juni 2014 im Foyer des Rathauses Kuppenheim.
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Das jüdische Kuppenheim
Führung erinnert an die Vergangenheit der Knöpflestadt seit dem frühen 15. Jahrhundert
Auf zwei gedanklichen Säulen ruht der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim: Zum einen ist es das Gedenken an alle jüdischen Mitbürger der Stadt, die während der Nazidiktatur aus ihrem Leben gerissen wurden, sei es durch Ermordung, durch Deportation oder weil sie flüchten mussten. Der zweite ist „Wehret den Anfängen". „Wir müssen die junge Generation sensibilisieren für die Anzeichen, wenn Minderheiten Unrecht geschieht". Deshalb hat der Arbeitskreis Stolpersteine ein ganzes Netzwerk aufgebaut, zu dem auch die Schulen gehören. 65 Führungen, Konzerte, Gedenkfeiern und Zeitzeugengespräche haben Heinz Wolf und der AK Stolpersteine Kuppenheim in den vergangenen zehn Jahren organisiert. Am Sonntag kam eine weitere Führung dazu, ein „Rundgang durch das jüdische Kuppenheim", den er bereits zum vierten Mal anbot.
„Wir müssen die junge Generation sensibilisieren.“ Heinz Wolf, AK Stolpersteine.
Es ist der Sonntag nach dem Gedenktag „80 Jahre Deportation nach Gurs", wohin am 22. Oktober 1940 auch die verbliebenen 16 Kuppenheimer Juden abtransportiert wurden. Zu den 16, damals noch in Kuppenheim wohnenden jüdischen Mitbürgern, zählt Heinz Wolf vom AK Stolper- steine auch die, die aus beruflichen oder familiären Gründen in andere Städte gezogen sind. Insgesamt rechnet er, dass 32 Kuppenheimer Juden nach Gurs gebracht wurden. Das Lager am Fuße der Pyrenäen und die Transporte in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor überlebten nur fünf. Am Synagogenplatz, wo bis zur Reichpogromnacht 1938 die Synagoge und die Judenschule standen, erinnern heute ein Gedenkstein und ein gelber Stern.
Dort nahm die Führung ihren Ausgang, die tief ins Mittelalter zurückführte, begleitet von Klezmer-Klängen aus der Klarinette Gerold Stefans, Musiklehrer an der Gaggenauer Musikschule. 1403 durfte der damalige Markgraf erstmals mit Erlaubnis des Kaisers Schutzjuden gegen Gebühr aufzunehmen. 1433 gab es dann die ersten namentlichen Erwähnungen.
Als die Stadt am Rande des Schwarzwaldes dann 1580 das Marktrecht erhielt, wuchs die jüdische Bevölkerung. Denn Juden durften Viehhandel treiben, ein wichtiger Standortfaktor in der bäuerlichen Umgebung für den aufstrebenden Marktort. 1789 wurde die erste Synagoge gebaut, dann kam die Judenschule dazu. Es gab neben diesen beiden Einrichtungen auch ein rituelles Bad und den zentralen jüdischen Friedhof.
Die ersten Grablegungen datieren auf das Jahr 1694. Die Juden in Kuppenheim waren um 1700 meist arm und lebten bescheiden, wie es der damalige Amtmann erhoben hat. 1830 waren sieben Prozent der Knöpflestadt Juden, 1924 waren es noch 2,4 Prozent. Im 18. und 19. Jahrhundert, bis die jüdischen Mitbürger 1872 die bürgerliche Gleichstellung erhielten, wanderten viele nach Amerika aus.
57 Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig bereits in Kuppenheim. Im kommenden Frühjahr sollen 15 weitere Steine dazukommen: In der Rheinstraße und der Oberen Torstraße. Auf den handgravierten Messingplatten stehen Name, Geburts- und Sterbedatum oder ob jemand verschollen ist und sein Schicksal. „Damit geben wir den Menschen ihren Namen zurück, holen sie als Menschen mit ihrem persönlichen Schicksal in die Erinnerung zurück".
Gemeinderat Tonio Reuter möchte im Gemeinderat anregen, dass das Wegerecht der Eigentümer in Bezug auf die Verlegung von Stolpersteinen per Mehrheitsbeschluss aufgehoben wird, damit alle Kuppenheimer Juden einen Stolper- stein bekommen.
Gedenkstein am Synagogenplatz: Heinz Wolf (links), Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim, und die Teilnehmer der Führung lauschen den Klezmer-Melodien von Gerold Stefans Klarinette.
Foto: Martina Holbein
BNN Dienstag, 27. Oktober 2020 KULTUR REGIONAL
Von unserer Mitarbeiterin Martina Holbein
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