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Lesung mit Musik 13 03 2019 klein

O  Acht neue Stolpersteine in Kuppenheim

    Gunter Demnigs Bilanz: Rund 60 000 Stolpersteine in 1 200

    Orten in 21 Ländern (BNN 02.05.2017)

O  Gedenken an Kuppenheimer Juden (BT 02.05.2017)

O  Acht neue Stolpersteine in Kuppenheim

    Gunter Demnigs Bilanz: Rund 60 000 Stolpersteine in 1 200

    Orten in 21 Ländern (BNN 02.05.2017)

 

O Gegen das Vergessen: 5. Stolpersteinlegung in Kuppenheim,

    Samstag, 29. April 2017, 14 bis 15 Uhr

 

O  Vier Stolpersteine für Familie Dreyfuß, Schlossstraße 1:

    Melanie  Lilli Dreyfuß (verh. Bernet), Augusta Dreyfuß (verh.

    Oppenheimer), Berthold Dreyfuß, Myrha Dreyfuß (geb. Mayer)

 

O Berthold Dreyfuß, Viehhändler und Frontkämpfer im Ersten

   Weltkrieg

 

O Emigration aus wirtschaftlichen Gründen

 

O Weitere Kinder der Familie Elias und Emilie Dreyfuß

 

O Heinrich Dreyfuß

 

O  Vier Stolpersteine für Familie Lehmann, Friedrichstraße 75:

    Florentine Lehmann (verh. Löb), Marie Lehmann (verh. Löb),

    Karl Lehmann Erna Mina Lehmann (verh. Forsch) - bisher

    (2013) verlegte Stolpersteine: Salomon Lehmann, Mina

    Lehmann (geb. Lion), Amalie Herz

 

O  Vier Metzger-Generationen in der Friedrichstraße 75

 

O  Odyssee der Familien Löb

 

O  Die Reise der Verdammten auf dem Kreuzfahrschiff Saint

    Louis   - Vortrag von Dr. Clemens Rehm, Sally Werthwein und

    Donald Werthwein

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Acht neue Stolpersteine in Kuppenheim
Gunter Demnigs Bilanz: Rund 60 000 Stolpersteine in 1 200 Orten in 21 Ländern

 

Auf Einladung des Arbeitskreises Stolpersteine Kuppenheim verlegte Gunter Demnig am Wochenende erneut acht Stolpersteine für ehemalige jüdische Bürger Kuppenheims. Bisher hat er 46 Steine verlegt, mit den neuen Steinen sind es 54; 30 Stolpersteine sollen in den kommenden Jahren noch hinzukommen.

 

Mehr als 30 Personen waren anwesend, als Gunter Demnig in der Schlossstraße 1 vier Steine verlegte für Berthold und Myrha Dreyfuß (geborene Mayer), für die Tochter Melanie Lilli Dreyfuß (verheiratete Bernet) und für die Schwester von Berthold: Augusta Dreyfuß (verheiratete Oppenheimer). Vier Steine wurden in der Murgtalstraße 75 verlegt für Florentine Lehmann (verheiratete Lob) und die Kinder des Ehepaares Salomon und Mina Lehmann: Marie Lehmann (verheiratete Löb), Karl Lehmann und Erna Mona Lehmann (verheiratete Forsch).


Gunter Demnig legt im Mai in 45 Ortschaften einige hundert Stolpersteine, im Jahr 2016 war er an 270 Tagen unterwegs, um in mehreren Ländern Stolpersteine zu legen. Die aktuelle Bilanz: mehr als 60 000 Stolpersteine in mehr als 1 200 Orten und 21 Ländern.

 

Bürgermeister-Stellvertreter Rudolf Jörger (SPD) war zum fünften Mal offiziell für die Stadt Kuppenheim bei der Stolpersteinlegung anwesend. Anlässlich der Verlegung sagte Jörger: „Es ist das Ziel, dass alle 84 Stolpersteine in Kuppenheim gelegt werden können, und auch Bürgermeister Karsten Mußler wird sich darum bemühen." Marcel Müller vom Verein Stolpersteine Rastatt ließ es sich nicht nehmen, nach Kuppenheim zu kommen, als Zeichen für die gute Zusammenarbeit der beiden benachbarten Stolperstein-Initiativen.

 

Auch CDU-Fraktionsvorsitzender Uwe Ridinger und dessen Mutter und Bruder waren anwesend. Vor seinem Elternhaus wurden vier Stolpersteine für die Familie Berthold Dreyfuß gelegt. Mitarbeiter des Arbeitskreises lasen Texte zu den ehemals jüdischen Mitbürgern vor. Besonders bewegend waren die Schilderungen der „Reise der Verdammten" und die „Odyssee der Familie Löb".

 

Pfarrer Jürgen Biskup von der Evangelischen Kirchengemeinde dankte am Ende der Stolpersteinlegung dem Organisator Heinz Wolf für dessen unermüdlichen Einsatz in der Sache.


Vier Steine in der Murgtalstraße 37 für Berthold, Amalie (geborene Hamburger) und Ingelore Herz (verheiratete Honigstein) sowie Cora Hamburger konnten am Wochenende nicht gelegt werden. Die Einwilligungserklärung der anliegenden Grundstücks- und Hausbesitzer lagen nicht vor und der Arbeitskreis musste sich an die Vorla¬gen des Gemeinderatsbeschlusses vom 16. November 2009 halten und auf die Verlegung verzichten.

 

BNN 02.05.2017

 

Foto: GUNTER DEMNIG verlegte In Kuppenheim erneut Stolpersteine. Die neuen Steine erinnern an acht jüdische Familien, die in Kuppenheim lebten.    Foto: Collet

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Elf weitere Stolpersteine verlegt
Gedenken an Kuppenheimer Juden

 

Anmerkung des webmasters: Tatsächlich wurden lediglich acht Stolpersteine verlegt. Es wurden irrtümlich die drei Steine, die 2013 vor der Friedrichstraße 75 verlegt wurden, dazu gezählt.

 

Kuppenheim (hap) - Nicht wie geplant 15, sondern nur elf Stolpersteine konnten am Samstag in Kuppenheim gelegt werden. Die Steine sollen an Menschen erinnern, die während der Zeit des

Nationalsozialismus deportiert wurden und meist dem Holocaust zum Opfer fielen. Angefertigt und verlegt werden sie von dem Künstler Gunter Demnig aus Frechen bei Köln. Sie bestehen aus einem Granitpflasterstein, der an der Oberfläche mit einem Messingblech versehen ist. In das Blech sind unter der Überschrift „Hier wohnte" jeweils die Namen und Lebensdaten der Personen eingeschlagen, die in den Häusern, vor denen die Steine im Gehweg verlegt werden, zuletzt vor ihrer Deportation gelebt haben.

 

Wie der Künstler dazu im Gespräch mit dem Badischen Tagblatt bemerkte, will er damit den Menschen, die nach ihrem Tod meist keine Gräber erhielten, wieder ihren Namen und ihre Würde zurückgeben. In Kuppenheim wurden in den vergangenen jähren bereits 46 Stolpersteine verlegt (wir berichteten).

 

Vier weitere fanden am Samstag ihren Bestimmungsort in der Schlossstraße vor dem Haus Nummer eins. Dort wohnten einst Berthold und Myrha Dreyfuß (geb. Mayer) und deren Tochter Melanie Lilli Dreyfuß und die Schwester von Berthold Dreyfuß, Augusta Dreyfuß (verheiratete Oppenheimer).

 

Vier weitere Stolpersteine wurden in der Friedrichstraße 75 verlegt. Dort wohnten bis vor ihrer Flucht in die USA der Metzgermeister Salomon und seine Frau Mina Lehmann und ihre Kinder Marie (verheiratete Löb), Max, Karl und Erna sowie die Halbschwester von Salomon, Amalie Herz.

 

Bei beiden Verlegungen waren der Initiator Heinz Wolf (Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim), Bürgermeister-Stellvertreter Rudolf Jörger (SPD), Pfarrer Jürgen Biskup von der evangelischen Kirchengemeinde und Marcel Müller vom Verein Stolpersteine Rastatt sowie einige Bürger anwesend.

 

Gerold Stephan aus Kuppenheim und Musiklehrer an der Musikschule Gaggenau begleitete beide Verlegungen mit Musik, wie sie Juden bei verschiedenen Anlässen spielten. Bei der Verlegung in der Friedrichstraße erinnerte er sich: „Meine Mutter hat immer wieder erzählt, dass sich die Familie Lehmann vor der Abreise aus Kuppenheim bei ihrer Familie verabschiedet hat, da sie freundschaftliche Kontakte pflegten".

 

Eine Verlegung von vier weiteren Steinen in der Murgtalstraße konnte nicht stattfinden, da die erforderlichen Einwilligungs-Erklärungen der Grundstücks- und Hauseigentümer nicht vorlagen.

 

Badisches Tagblatt, 02.05.2017, Hans-Peter Hegmann

 

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Gegen das Vergessen:  

 

5. Stolpersteinlegung in Kuppenheim                           Samstag, 29. April 2017, 14 bis 15 Uhr

 

„Fast 600 Jahre haben Juden in friedlicher Nachbarschaft zu den christlichen Kuppenheimer gelebt, dann fand die kulturelle und religiöse Bereicherung des öffentlichen Lebens ein abruptes Ende“, so Heinz Wolf, Sprecher des Arbeitskreises Stolpersteine Kuppenheim. Stolpersteine machen das Schicksal der einzelnen von den Nationalsozialisten verfolgten Juden sichtbar und holen die Namen von Menschen zurück, die entrechtet, verfolgt, vertrieben, im Konzentrationslager grausam umgebracht wurden oder unter dem täglichen Druck und der Hetze verstarben.

 

Nachdem sich in den zurück liegenden Jahren die Werner-von-Siemens-Realschule und die Favoriteschule bei Legungen, Reinigungen zum Holocaust-Gedenktag und bei Führungen über den Jüdischen Friedhof beteiligt haben, hoffte der Arbeitskreis, dass auch diesmal Schüler aktiv dabei sein werden. Beide Kuppenheimer Schulen mussten jedoch wegen der Abschlussprüfungen der Schgüler absagen.

46 Steine wurden bisher an 10 Standorten verlegt. So kamen mit der fünften Stolpersteinlegung am Samstag, 29. April 2017, ab 14 Uhr, weitere 8 Steine hinzu (jetzt 11 Standorte). In den kommenden Jahren sollen weitere 31 Steine für ehemals jüdische Mitbürger und 1 Stein für das Euthanasieopfer Arnold Roos (Standort muss noch ermittelt werden), insgesamt also 85 Steine verlegt werden.

 

Zusammenfassung der noch zu legenden Stolpersteine:

 

- Friedrichstraße 98: 1 Stein für Blanka Meier (Tochter von Isidor Meier und Karoline, geb. Kahn, am 07.06.1937 Emigratiom nach USA, New York)


- Friedrichstraße 94 (?): 1 Steine für Sofie Mayer, geb. Meier (31.10.1939 Emigration nach Portugal)


- Murgtalstraße 2: 7 Steine für die Familie Leopold Dreifuß


- Murgtalstraße 17 (bei Einwilligung der Grundstücksbesitzer, laut Beschluss des Gemeinderats Kuppenheim vom 16.11.2009) für die Familie Heinrich Dreyfuß: 2 Steine


- Murgtalstraße 37: 3 Steine für die Familie Berthold Herz und 1 Stein für die Schwägerin Cora Hamburger (bei Einwilligung der Grundstücksbesitzer)


- Rheinstraße 9: 5 Steine für die Familie Nathan Kahn und Mina, geb. Roos


- Murgtalstraße 9: 10 Steine für die Familie Maier Kahn und Auguste, geb. Roos (bei Einwilligung der Grundstücksbesitzer)

 

- Es können nach der umfangreichen Recherchen in städtischen Archiven von Mannheim, Frankfurt, Karlsruhe, Ettlingen, Durlach, Worms, Ettenheim, Ilversheim, Ingenheim und in anderen Archiven ebentuell noch weitere ehemalige Kuppenheimer Juden gefunden werden, die dann einen Stolperstein erhalten.

 

„Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist“.

 

Vier Stolpersteine in der Schlossstraße 1

 

In diesem Sinne wird der Künstler Gunter Demnig zusammen mit dem Arbeitskreis in der Schlossstraße 1 vier Steine für die Familie Dreyfuß (Berthold, Ehefrau Myrha, geb. Mayer, Tochter Melanie Lilli, verh. Bernet) sowie für Auguste Dreyfuß, verh. Oppenheimer, (Schwester von Max) verlegen. Max Dreyfuß (patriotischer Teilnehmer des 1. Weltkrieges mit Auszeichnung) und seine Familie retteten ihr Leben durch Emigration in die Schweiz bzw. nach Frankreich. Auguste Dreyfuß musste ihr Zuhause verlassen, um 1938 ins sichere London zu gelangen.

 

Vier Stolpersteine in der Friedrichstraße 75

 

Schließlich erhält die Metzgerfamilie Lehmann vor der Friedrichstraße 75 vier weitere Stolpersteine. Gedacht wurde bereits im Jahr 2013 Salomon Lehmann, seiner Halbschwester Amalie Herz und seiner Ehefrau Mina Lehmann, geb. Lion. Während Amalie und Mina 1941 in Brüssel verstarben, wurde Salomon in Auschwitz vergast. Florentine Lehmann (Schwester von Salomon, verh. Löb) konnte 1938 in die USA emigrieren. Sie erhält einen Stein wie auch die drei Kinder der Eheleute Lehmann: Marie Lehmann (verh. Löb), Karl Lehmann und Erna Mina Lehmann (verh. Forch). Während Marie und Karl in die USA emigrieren konnten, gelangte Erna Mina die Flucht nach Kuba.

 

Eine weitere Schwester von Salomon: Julie Lehmann (verh. Kaufmann) erhielt 2016 einen Stolperstein bei der Familie Kaufmann Kaufmann und Regine (geb. Mendel) in der Friedrichstraße 91.

 

Otto Becker übernahm 1938 die Metzgerei von Salomon Lehmann und führte diese ab 1938 erfolgreich weiter. Sein Nachfolger, Sohn Paul Becker, pflegte über viele Jahre freundschaftlichen Kontakt zu Karl Lehmann, Metzgermeister der vierten Lehmann-Generation, der am 3. Mai 1937 in die USA emigrierte.

 

Legung von vier Stolpersteinen in der Murgtalstr. 37 abgesagt

 

Es war beabsichtigt, auch die vier Stolpersteine in der Murgtalstraße 37 für die Familie Berthold Herz und die Schwägerin Cora Hamburger zu legen. Dies war jedoch nicht möglich, da die Einwilligung des/der Grundstücksbesitzer nicht vorlagen, was laut Beschluss des Gemeinderats Kuppenheim vom 16.11.2009 zwingend notwendig gewesen wäre.

 

Nachdem die regional bekannte Eisenwarenhandlung Herz & Schlorch im Jahr 1938 auf Druck der Nationalsozialisten aufgeben musste, zog Berthold Herz in die Murgtalstraße 37, außerhalb des Stadtkerns. Für Berthold und seine Familie (Ehefrau Amalie, geb. Hamburger, und Tochter Ingelore, verh. Honigstein) werden drei Steine in den Gehweg eingelassen. Der Familie Dreyfuß gelang die Flucht 1940, wenige Tage vor der zu erwarteten Deportation ins Lager Gurs. Ingelore besuchte nach dem 2. Weltkrieg mehrere Male ihre alte Heimatstadt Kuppenheim.


Quelle: Gerhard Friedrich Linder, Die jüdische Gemeinde in Kuppenheim + Bürgerbuch der jüdischen Gemeinde in Kuppenheim, Hrsg. Stadt Kuppenheim, Verlag Regionalkultur Upstadt-Weiher 1999, ISBN 3-89735-110-2

 

Fotos:

Schlossstraße 1: Vier Stolpersteine für die Familie Berthold Dreyfuß und für Auguste Dreyfuß, verh. Oppenheimer. Vinzenz und Berta Schmitt mit Tochter Renate vor dem ehemaligen Haus Dreyfuß. Die Familie Schmitt hatte intensiven und freundlichen Kontakt zur Familie Dreyfuß (Schweiz, Frankreich).

Friedrichstraße 75: Die Metzgerfamilie Lehmann erhält mit sieben Stolpersteinen ein würdiges Gedenken. Über vier Generationen hat die Familie das wirtschaftliche Leben in Kuppenheim positiv beeinflusst.

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Vier Stolpersteine für Familie Dreyfuß, Schlossstraße 1

(ehemals Brunnengasse 184), Kuppenheim:


Berthold Dreyfuß

Myrha Dreyfuß, geb. Mayer

Melanie Lilli Dreyfuß, verh. Bernet

Augusta Dreyfuß, verh. Oppenheimer

 

Die Eheleute Elisa und Emilie Dreyfuß, geb. Herz, hatten elf Kinder: 1 Joseph, 2 Henriette, 3 Augusta,  4 Max, 5 Sigmund, 6 Ludwig, 7 Berthold, 8 Julius, 9 Heinerich (Heinrich), 10 Melanie und 11 Karl:


Berthold Dreyfuß (7)

 

wurde am 16.12.1879 in Kuppenheim geboren. Seine Eltern waren Elias Dreyfuß, geb. 26.01.1842, Bürger der Stadt Kuppenheim, Metzger und Handelsmann von Beruf sowie Synagogenvorsteher).

 

Seine Mutter Emilie Herz, geb. 20.12.1846, lebte vor ihrer Ehe in der Viktoriagasse. Ihre Eltern betrieben Landwirtschaft und verdienten ihren Lebensunterhalt darüber hinaus mit dem Verleihen von Geld.


Berthold heiratete Myrha Mayer aus Müllheim, geboren am 24.09.1884. Als Pferdehändler betrieb er eine Viehhandlung, die er 1938 (vor dem 25.07.1938) auf Grund der  Entrechtungspolitik der Nationalsozialisten aufgeben musste. Am  25.07.1936, veräußerte Berthold Dreyfuß das Anwesen in der Schlossstraße 1 und zog mit seiner Familie von Kuppenheim nach Balg,  (Herrenpfädel 177).

 

Nach einem bewegten Leben (und fünf Jahre von den mebschenverachtenden Nationalsozialisten entrechtet) starb Berthold am 10.08.1964 in Baden-Baden. Berthold emigriert am 23.07.1936 (laut Meldekarte am 22.12. 1938) nach Lugano (Schweiz). 1945 lebte Berthold in Lugano, Schweiz. Er starb, nachdem er Sehnsucht nach seiner alten Heimat hatte, am 10.08.1964 in Baden-Baden. Berthold wurde auf dem jüdischen Friedhof in Baden-Baden beerdigt. Sein Grab hat wahrscheinlich die Grab-Nr. 77.


Kampf fürs Vaterland - Schutzhaft im KZ Dachau    Teilnehmer 1. Weltkrieg mit Auszeichnung.


Obwohl Berthold patriotisch für das deutsche Vaterland gekämpft hatte, wurde er am 11. November 1938 (Reichspogromnach in Kuppenheim ein Tag später) nach dem von Nazi-Schergen angezettelten Synagogenbrand ins KZ Dachau in Schutzhaft gesteckt. Am 06.12.1938 kehrte er aus Dachau zurück. Er und die anderen Kuppenheimer Schutzhäftlinge verloren nie ein Wort über ihre Haftbedingungen im KZ Dachau. Die Nazis haben ihnen und den Familienangehörigen in diesem Fall, wie bekannt, drakonische Strafen angedroht.

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Myrha Dreyfuß,

 

geb. Mayer, geboren am 26.09.1884 in Müllheim. Die Eheleute zogen am 25.07.1936 von Kuppenheim nach  Baden-Baden (Herrenpfädel 177). Myrha folgte ihrem Ehemann Berthold am 23.08.1939 von Baden-Baden nach Lugano (Schweiz). Sie starb vor ihrem Ehemann.

 

Melanie Lilli Dreyfuß,

 

Tochter von Berethold und Myrha Dreyfuß, wurde am 16.06.1910 in Kuppenheim geboren,  Bereits 1933, rechtzeitig vor der Ver- nichtungsmaschinerie der Nazis in Sicherheit gebracht, emigrierte Melanie nach Paris, heiratete Stephan Bernet.  Die Eheleute muss- ten am 20.01.1939 im deutschen Konsulat in Le Havre die Versicherung abgeben, die zusätzlichen Vornamen Israel und Sara zu tragen. Die Eheleute lebten am 13./25.01.1939 in Valenciennes bei Paris.  Die Eltern  Elias und Emilie (geb. Herz) Dreyfuß hatten 11 Kinder.


Julius Dreyfuß (8), geb. 25.12.1880, verstarb früh.

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Emigration aus wirtschaftlichen Gründen:


Die wirtschaftliche Grundlage in Deutschland verschlechterte sich für die Juden, die vom Viehhandel lebten. Infolgedessen mussten viele, vor allem die Jüngeren, im Ausland eine neue Zukunft suchen. Nach Nordamerika konnten vier Brüder die kosten für die Auswanderung aufbringen:


Joseph Dreyfuß (1), geb. 16.08.1936, am 19.07.1881;


Max Dreyfuß (4), geb. 01.04.1874, am 05.07.1888;


Sigmund Dreyfuß (5), geb. 27.08.1875, im  Jahr 1893 und  


Ludwig Dreyfuß (6), geb. 11.11.1877, im Jahr 1889/1890.

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Weitere Kinder der Familie  Elias und Emilie Dreyfuß:


Karl Dreyfuß (11),

geb. 21.03.1892, war von Beruf Kaufmann. Auch er kämpfte für das Vaterland im Ersten Weltkrieg. Er kam in  russische Gefangenschaft und starb am 19.08.1917 im Militärhospital Peter der Große in Moskau an Lungenentzündung.


Henriette Dreyfuß (2), verh. Lewin

 

geboren am 28.12.1869 in Kuppenheim, heiratete am 17.05.1903 den Sattler Isaac Lewin, geb. am 15.04.1860 in Czsrnikau (heutiges Polen), und zog nach Frankfurt am Main. Über Henriettes Schicksal konnten keine weiteren Informationen eingeholt werden. Deshalb legt der AK Stolpersteine für sie lediglich ein Leerstein, der später einmal durch einen Stolperstein ersetzt werden könnte.


Augusta Dreyfuß (3), verh. Oppenheimer

 

geboren am 14.02.1872 in Kuppenheim, heiratete am 14.01.1908 Moritz Oppenheimer aus Frankfurt und zog zu ihrem Ehemann nach Frankfurt am Main. Moritz verstarb am 30.09.1937.  Augusta emigrierte daraufhin am 16.07.1938 mit ihrem Sohn Walter nach London. Da Auguste in der Zeit von 1933 bis 1937 vier bis fünf Jahre in der Entrechtung leben musste, wird zu ihrem Gedenken vor der Schlossstraße 1 in Kuppenheim ein Stolperstein gelegt.


Melanie Dreyfuß (10), verh. Hanau

 

geboren am 24.02.1891 in Kuppenheim, heiratete am 20.07.1922 den Kaufmann Max Hanau, geb. am 20.03.1884, aus Frankfurt am Main und zog zu ihm an die hessische Metropole. Melanie ist die dritte Dreyfuß-Schwester, die Kuppenheim in Richtung Hessen verließ. Zuletzt wohnte sie in der Rosserstraße 18. Genaueres konnte das zuständige Archiv in Frankfurt nicht ermitteln, das entsprechende Hausstandsbuch kriegsbedingt verloren ging. Im Jahr 1939 war die Familie Max Hanau nicht mehr in Frankfurt gemeldet. Der Arbeitskreis wird für Melanie einen Leerstein legen, der, wenn einmal nähere Informationen über sie vorliegen, durch einen Stolperstein ersetzt wird.

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Heinrich Dreyfuß (9),

 

geboren am 16.10.1883 in Kuppenheim, heiratete am 17.08.1910 Juliane Löb, geb. am 18.01.1879, aus Philippsburg. Das Ehepaar hatte lediglich zwei Kinder: Kurt Eugen Dreyfuß, geboren am 09.08.1911, verstarb vier Tage nach der Geburt und  Erna, geb. 27.09.1913. Sie konnte 1933 nach den USA auswandern.

 

Für Juliane Dreyfuß, geb. Löb (ehemals in Philippsburg wohnhaft) und Erna Dreyfuß werden in den kommenden beiden Jahren jeweils ein Stolperstein in der Murgtalstraße 17 oder in der Friedrichstraße 72 gelegt. Heinrich Dreyfuß wurde in Dachau (bei Prittelbach) ermordet. Vielleicht wurde ihm seine politische Einstellung zum Verhängnis, wie Kuppenheimer Zeitzeugen (die ihn gut kannten) verlauten ließen. Heinrich war gewerkschaftlich positioniert und politisch links (vielleicht sogar kommunistisch) eingestellt. Heinrich sagte auch seine Meinung, auch wenn es für ihn gefährlich werden konnte.


Für Heinrich Dreyfuß legte der Arbeitskreis Stolpersteine bereits 2013 einen Stein in den Gehweg vor seinem letzten Zwangs-Zuhause (städtisches Judenhaus) in der Murgtalstraße 17.

Heinrich war Mitglied im Arbeitergesangverein und in der Frei- willigen Feuerwehr. Deshalb hat sich die Freiwillige Feuerwehr Kuppenheim entschlossen, in Gedenken an den durch die Nationalsozialisten ermordeten ehemaligen Feuerwehrkameraden den ihm gewidmeten Stolperstein in der Murgtalstraße 17 im Jahr 2015 zu finanzieren und diesen zu gegebener Zeit auch zu reinigen.


Quelle: Gerhard Friedrich Linder, Die jüdische Gemeinde in Kuppenheim + Bürgerbuch der jüdischen Gemeinde in Kuppenheim, Hrsg. Stadt Kuppenheim, Verlag Regionalkultur Upstadt-Weiher 1999, ISBN 3-89735-110-2

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Vier Stolpersteine für Familie Lehmann/Löb,

Friedrichstraße 75

 

Florentine Lehmann (ver. Löb)
Marie Lehmann (verh. Löb)
Erna Mina Lehmann (verh. Forsch)
Karl Lehmann

 

Bisher (2013) verlegte Stolpersteine:


Salomon Lehmann - Stolperstein Nr. 1
Mina Lehmann (geb. Lion) - Stolperstein Nr. 2
Amalie Herz (Halbschwester von Salomon) - Stolperstein Nr. 3

 

Vier Metzger-Generationen in der Friedrichstr. 75

 

David Herz (Metzgermeister der ersten Generation) heiratete Sarah Greisamer aus Bretten. David starb 1859, ein halbes Jahr nach der Geburt der Tochter Amalie Herz.

 

Die verwitwete Sarah Herz, geb. Greisamer 1860 in Rastatt heiratete ihren zweiten Eheman Jakob Lehmann aus Kuppenheim (Metzgermeister der zweiten Generation).
    
Sarah + Jakob hatten fünf Kinder, alle wurden in Kuppenheim geboren: 1 Julie (Julchen), 2 Anna, 3 Florentine, 4 Marie und 5 Salomon

 

Julie Julchen Lehmann (1) geb. 01.07.1874,                     verh. Kaufmann

 

heiratete am 23.05.1899 Emil Kaufmann aus Kuppenheim, Friedrichstraße 91. Emil verstarb am 05.02.1870. Julie Kaufmann emigrierte am 12.10.1936 zu ihren Söhnen Max und Frieder in die USA.Im Gedenken an ihre Entrechtung und Flucht wurde für sie in der Friedrichstraße 91 im Jahr 2016 ein Stolperstein Nr. 4 gelegt.

 

Anna Lehmann (2), geb. 27.12.1872,
lebte nach ihrer Auswanderung mit Moritz Bickart in Brooklyn, New York. In den Akten steht das Jahr 1909.

 

Florentine Lehmann (3), geb. 17.10.1870, verh. Löb


heiratete am 03.06.1894 den Malscher Bäcker Ferdinand Löb. 1939 floh Florentine nach Belgien. Am 13.05.1939 gelang es ihr in die USA zu emigrieren. Stolperstein Nr. 4 in der Friedrichstr. 75.

 

Marie Lehmann (4), geb. 01.10.1865,
lebte nach ihrer Auswanderung mit Isidor Kroner in Brooklyn, New York. In den Akten ist das Jahr 1909 erwähnt.

 

Salomon Lehmann (5), geb. 02.01.1868,

 

heiratete Mina Lion aus Ettenheim. Er übernahm das Geschäft von seinem Vater (Metzgermeister der dritten Generation). Nach der von denNationalsozialisten erzwungenen Geschäftsaufgabe zogen er und seine Familie am 04.03.1938 zu Verwandten (Isidor Löb) nach Malsch (bei Rastatt).


Von dort besorgte er sich für die Familie Einreiseerlaubnisse für die USA, Touristenvisa für den Aufenthalt auf Kuba (Übergangslösung bis zur Gültigkeit der USA-Einreisevisa) und Fahrkarten auf dem Hapag-Lloyd-Dampfer „MS Saint-Louis“ (mit erzwungenen Rückfahrkarten). Kuba verweigerte jedoch die Aufnahme. Auch die USA erlaubte der Familie nicht, vorzeitig in die USA einreisen zu dürfen.

 

Die Familie kam mit der „Saint Louis“ nach Antwerpen (Belgien), wo wenige Tage zuvor die deutsche Armee einmarschierte. Während Salomons Ehefrau Mina Lehmann (tot am 26.08.1941) und seine Halbschwester Amalie Herz (tot 1941) in Brüssel verstarben, wurde Salomon am 21.09.1942 vom NS-Lager Mechelen nach Auschwitz deportiert und dort vergast. Salomon wurde am 08.05.1945 für tot erklärt.

 

Mina und Salomon Lehmann hatten vier Kinder: Marie (1), Max (2), Karl (3) und Erna Mina (4)

 

Marie Lehmann (1), geboren am 25.09.1899 in Kuppenheim, verh.Löb

 

Am 07.11.1922 heiratete sie den Malscher Kaufmann Arthur Löb.Am 20.12.1938 befand sich Marie noch in Malsch (laut Angaben in Malscher Akten). 1939 floh Marie nach Belgien. Am 13.05.1939 gelang ihr die Ausreise in die USA. Siehe Odysee der Familie Löb. Stolperstein Nr. 5

 

Max Lehmann (2), geb. am 03.11.1902,

 

verstarb fünf Wochen nach der Geburt am 12.02.1902. Sein Kindergrab liegt etwas abseits (wie bei Juden üblich) auf dem süd-östlichen Randbereich des jüdischen Friedhofs Kuppenheim und hat die Grabnummer K 33.

 

Die Grabinschrift in Deutsch und Hebräisch:
„Hier ruht Max Lehmann, geb. 3. Nov. 1902, gest. 12. Dez. 1902 – Hier liegt begraben ein zarter Knabe, Mosche, Sohn des Bezalet, Kuppenheim. Er starb am 13. Kislew 663 nach der kleinen Zählung.“

 

Erna Mina (4), verh. Forsch, geboren am 23.06.1912 in Kuppenheim.

 

Erna Mina heiratete am 23.10.1935 den Kaufmann Alfred Forsch aus Ettenheim. Bis zur Auswanderung lebte die Familie in Ettenheim. Alfred emigrierte am 23.01.1939 in die USA. Seine Ehefrau Erna Mina folgt ihm mit dem gemeinsamen Sohn zwei Monate später (am 28.03.1939), um zunächst über Havanna (Kuba) in die USA einreisen zu können. Stolperstein Nr. 6                                                                      

 

Karl Lehmann (3), geboren am  04.06.1907 in Kuppenheim,

 

Metzgermeister in der vierten Generation der Familie Lehmann. Er emigrierte am 03.05.1937 (im Alter von 30 Jahren) in die USA  (Kew Gardens). Stolperstein Nr. 7

 

Während des 2. Weltkrieges diente Karl in der US-Armee und setzte sich nach Kriegsende für deutsche Kriegsgefangene ein. Karl und seine Familie hatten nach 1945 regen Kontakt zum Metzgermeister Otto Becker(der Salomons Geschäft 1938 in der Friedrichstraße 1938 übernahm) und zu dessen Sohn Paul Becker (Metzgerei Paul Becker).

 

Karl Lehmann heiratete Erna Mina Frank aus Würzburg (Minas Onkel war Samuel Schlorch).Die Eltern von Erna Mina waren Ida Frank, geb. Schlorch und Willy Frank, Teilnehmer des Ersten Weltkrieges. Am 25.04.1942 wurde dieser nach Osten deportiert und verstarb dort. Karl und Erna Mina Lehmann haben einen Sohn Prof. Bill William Lehmann (Biologie-Chemiker). Aus der Ehe von Bill William Lehmann stammen ein Sohn und eine Tochter

(Liesel?). Bill hat zwei Enkel (Jungs, geb. 1983,  1989). Es wird noch geklärt, wann Karl Lehmann und Erna Mina Frank heirateten.

 

Vielleicht kann auch für Erna Mina Lehmann, geb, Frank, ein Stolperstein gelegt werden.

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Das Schiff der Verdammten

 

Am 30.01.1933 wurde Adolf Hitler von dem damaligen Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Es war also keine „Machtergreifung“, wie es die NS-Propaganda immer wieder darstellte.

 

Seit 1935 ff. galten die „Arier-Paragraphen“, die die jüdische Bevölkerung in Deutschland unter Sonderrecht stellten. Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens wurden dadurch zu Staatsbürgern 2. Klasse. Spätestens mit dem 09./10. November 1938, der Reichspogromnacht, begann die gezielte Vernichtung der Juden in Deutschland und später in fast ganz Europa.

 

Wie war das Verhalten der Juden in Deutschland? Viele betrachteten Hitler und die Nazi-Herrschaft als vorübergehendes Phänomen und wartete (leider vergeblich) auf eine Veränderung der Lage. Ein anderer Teil versuchte durch illegalen Grenzübertritt andere europäische Staaten zu erreichen. Nur wenigen gelang die Einreise nach Großbritannien und den USA. Ein Weg, aus Deutschland auszureisen war der, an Bord eines Dampfers mit einem Touristenvisum zu versuchen, in Übersee an Land gehen zu können.

 

Auf diese Art wurde mit dem Segen der NS-Führung veranlasst, dass mehr als 900 Juden an Bord des deutschen Luxusschiffs „St. Louis“ im Frühjahr 1939 das Reich verlassen konnten. Am 13. Mai 1939 stach der Luxusdampfer von Hamburg aus in See. An Bord befanden sich 899 Passagiere. In Cherbourg stiegen 38 weitere Reisende (hauptsächlich Juden) zu, so dass insgesamt 937 Passagiere die Reise mit dem Zielhafen Havanna auf Kuba

mitmachten. Nach welchen Kriterien die Reisenden die Erlaubnis der deutschen Behörden zur Fahrt bekamen, ist weiterhin unbekannt.

 

Mit an Bord war noch die Besatzung von 373 Mann mit ihrem Kapitän Gustav Schröder an der Spitze. Die „St. Louis“ war eines der modernsten Schiffe der HAPAG-Reederei, fast 18000 BRT groß und ausgerüstet mit dem zeitgemäßen Luxus für Vergnügungsreisen, Kreuzfahrten und KdF-Fahrten. Da das Schiff Platz für 973 Passagiere bot, kann man feststellen, dass es nicht ausgebucht war. Die Passage selbst kostete 800 RM in der 1. Klasse und 600 RM in der Touristenklasse. 230 RM mussten für eine eventuelle Rückreise deponiert werden, sofern eine Landung in Kuba nicht möglich sein sollte.

 

Die NS-Führung benutzte die Fahrt der „St. Louis“ für ihre Propaganda. Der Weltöffentlichkeit wurde suggeriert, dass jeder Jude aus freien Stücken Deutschland verlassen konnte. Der eigenen Bevölkerung konnte man berichten, dass sich dadurch über 900 Juden weniger in Deutschland befinden. Beim Auslaufen des Dampfers spielte dann auch eine Musikkapelle zynischerweise: “Muss i denn, muss i denn...“. Der „Stürmer“, das

hervorstechende Hetzblatt der NS-Propaganda untertitelte Fotos des auslaufenden Schiffes. „Grinsende jüdische Emigranten an Bord eines Schiffes, das sie über den Ozean bringt. Es geht ihnen ausgezeichnet. Im Ausland aber markieren sie die armen, unschuldig verfolgten Juden“. Oder: „Das Gesicht dieses Juden verrät die teuflischen Hassgefühle, die er gegen Deutschland empfindet“. Auf vier Seiten wurde über das Auslaufen des Schiffes berichtet. Der Artikel gipfelte in einer Prophezeiung: „Eines Tages werden sich alle Völker gegen den Volksfeind erheben. Dann aber kann sich der Jude keine Schiffskarte mehr lösen und in ein anderes Land ziehen. Dann ist der Tag der Abrechnung da! Dann wird das jüdische Verbrechervolk ausgelöscht für immer“.

 

Mit an Bord waren auch vier Bürger aus Kuppenheim. Minna und Salomon Lehmann, die eine beliebte und gutgehende Metzgerei in der Friedrichstr. 75 besaßen. Sie verließen Kuppenheim in Richtung Malsch zu Verwandten, nachdem die „Entjudung“ der Metzgerei durchgeführt worden war. Das heißt, sie mussten ihren Beruf und ihren Besitz in Kuppenheim aufgeben. Die Tochter Maria Loeb, geb. Lehmann und die Haushälterin der Familie Lehmann, Amalie Herz waren ebenfalls auf der Passagierliste zu finden. 16 weitere Passagiere aus Malsch waren dort verzeichnet. Das Leben an Bord der „St. Louis“ gestaltete sich sehr angenehm. Die Küche konnte die Speisen nach jüdischen Vorschriften zubereiten, der Festsaal wurde zur Synagoge umfunktioniert, nachdem das Hitler-Bild entfernt worden war. Sprachkurse in Englisch und Spanisch wurden angeboten, die Kinder konnten im Pool toben. Unter diesen Vorzeichen stieg die Spannung und die Erwartung, wie es in der Neuen Welt weitergehen sollte. Kuba betrachtete man eigentlich nur als Zwischenstation vor allem auf dem Weg in die USA. Dort allerdings galt eine strenge Quotierung für die Einwanderung. Außerdem war damals in den USA eine starke antisemitische Strömung zu spüren und vor den neuen Wahlen 1940 wollte Präsident Roosevelt an der Einwanderungspolitik nichts ändern.

 

So waren die Passagiere sehr erstaunt, dass ihnen die Anlandung am 27. Mai 1939 in Havanna durch die kubanische Regierung verweigert wurde. Die Passagiere erfuhren durch die Polizei, die an Bord gekommen war, dass sämtliche Touristenvisa , die nach dem 04.05.1939 ausgestellt worden waren, für ungültig erklärt worden sind. Weiterhin hätten das Schiff und die Passagiere sofort kubanisches Staatsgebiet zu verlassen. Auch die Bemühungen der jüdischen Hilfsorganisation JOINT, die in Washington und in Havanna zu vermitteln versuchte, hatten geringen Erfolg. Lediglich 23 Passagieren wurde erlaubt, in Havanna an Land zu gehen, Am 02.06.1939 verließ die „St. Louis“ Havanna und kreuzte vor der kubanischen Küste.

 

An Bord war die Stimmung erregt bis verzweifelt. Auf der einen Seite versuchte der Sprecher des Bordkomitees weiter mit Kuba und den USA zu verhandeln, auf der anderen Seite kamen Gedanken an Selbstmord auf. Am 09.06. kreuzte die „St. Louis“ zwischen Kuba und Florida. Kapitän Schröder versuchte einige Passagiere über Rettungsboote an die US-Küste abzusetzen, scheiterte aber an der amerikanischen Küstenwache. Auch Bittbriefe an Präsident Roosevelt hatten keinen Erfolg.

 

Die „St. Louis“ drehte wieder auf Südkurs, wo sie dann den Befehl aus Deutschland zur sofortigen Rückkehr empfing. Angst und Panik beherrschte nun die Passagiere, denn sie konnten ahnen, was sie in Deutschland erwarten würde. Kapitän Schröder und JOINT hatten indessen Verhandlungen mit westeuropäischen Staaten geführt mit dem Ziel, dass die Passagiere dort Aufenthaltsgenehmigungen bekommen konnten.

 

Großbritannien war bereit,          280 Personen,
Frankreich                                 224 Personen,
Belgien                                     214 Personen und
Niederlande                               181 Personen aufzunehmen.

 

Am 17. Juni 1939 legte die „St. Louis“ in Antwerpen an und die Passagiere konnten von Bord gehen. Die Horrorfahrt war zu Ende.

 

Was war nun das Schicksal der 16 Malscher und vier Kuppenheimer Juden (Salomon und Mina Lehmann, Amalie Herz und Maria Löb, geb. Lehmann), die im Juni 1939 in

Antwerpen von Bord der St. Louis gingen? Acht von ihnen wurden dem Flüchtlingskontingent von Großbritannien zugeordnet, später konnten sie in die USA emigrieren. Fünf Juden (Balla Löb mit ihren Kindern Armin und Ruth) sowie Maria Löb, geb. Lehmann, und Tochter Anneliese Löb) konnten noch während des Krieges 1940 eine Passage in die USA erhalten.

 

Familie Kaufherr, das Ehepaar Isidor und Karolina Löb (Schwiegereltern von Maria Löb,geb. Lehmann) sowie Salomon Lehmann verblieben in Belgien. 

 

Wie sah nun das weitere Schicksal der so Geretteten aus? Durch den Beginn des Zweiten Weltkrieges und die spätere Besetzung Belgiens schlug die Rettung in neue Bedrohung um. Zwei Drittel gerieten wieder in die Gewalt der Nazi-Herrschaft und wurden zu Hunderten ermordet. Von den 13 Personen, die in Belgien Aufnahme fanden, verstarben dort 2, einschließlich Mina Lehmann, geb. Löb, aus Kuppenheim. Der Kuppenheimer Salomon

Lehmann wurde am 21.09.1942 nach Auschwitz deportiert und ist dort verschollen. Ihm wird ein Stolperstein gewidmet sein. Seine Frau  Mina Lehmann, geb. Loeb verstarb in Belgien. Auch für sie wird ein Stolperstein verlegt wie auch für ihre Haushälterin Amalie Herz, die ebenfalls in Belgien verstorben ist.

 

Ein Leerstein wird für Maria Loeb, geb. Lehmann, bereitgehalten, der es gelungen war, in die USA zu gehen. Ihr wird nun, im Jahr 2017, ein Stolperstein gelegt.

 

Von den 937 Passagieren auf der St. Louis starb 1 Person auf der Fahrt nach Havanna. 254 starben in Auschwitz oder Sobibor, in Internierungslagern, Verstecken oder auf der Flucht. Ungefähr die Hälfte der St. Louis Passagiere emigrierte nach und nach in die USA, andere fanden Zuflucht in vielen anderen Ländern der Welt,

nachdem es ihnen gelungen war, sich vor den Nationalsozialisten zu verstecken oder zu fliehen.

 

Es bleibt zum Abschluss noch zu erwähnen, dass der HAPAG-Kapitän Gusatv Schröder das Schiff nach New York überführte, wo es für schon geplante Vergnügungsreisen zur Verfügung stand. Zurück in Hamburg quittierte er den Dienst. Er verstarb 1959 in Hamburg. Auf Betreiben der ehemaligen Passagiere der „St. Louis“ wurde er vom Staat Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. 1957 wird er in der Bundesrepublik mit dem

Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Hansestadt Hamburg benannte eine Straße nach ihm. Bei den Landungsbrücken erinnert eine ausführliche Gedenktafel an das „Schiff der Verdammten“.

 

Vortrag von Winfried Futter (Mitglied des Arbeitskreises Stolpersteine Kuppenheim) anlässlich der Gedenkfeier zur 1. Stolpersteinlegung am 5. September 2017 in Foyer des neuen Rathauses Kuppenheim.

 

 

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Die Odyssee der Familien Löb

 

Marie Löb, ihre Tochter Anneliese und weitere fünf Malscher Verwandten (die Schwiegereltern Isidor und Karolina Löb (geb. Lehmann), sowie die Schwägerin Bella Löb mit den Kindern Armin und Ruth) fuhren am 13.05.1939 mit dem Hapag-Dampfer „St. Louis“ von Hamburg in Richtung Kuba.

 

Von Havanna aus wollten sie dann mit den entsprechenden Einreisevisa in die USA gelangen. Vor der Abfahrt mussten die drei Familien Löb zwei Tage und zwei Nächte in der Ballinstadt Hamburg (Ausreisezentrum) zubringen. Im Vorfeld wurde von der Spedition Stemmer aus Karlsruhe ein großer Teil des

Hausinventars (Wohnzimmer, Schlafzimmer, Eisschrank, Schränke und Kommoden sowie eine Vielzahl Geschirr) mit zwei Holz-Containern nach Hamburg gefahren und auf das Schiff gebracht. Dafür waren 3.000 Reichsmark zu zahlen, und für die Schiffspassage der Güter waren weitere 1.800 Reichsmark

fällig.

 

Nach der Irrfahrt der St. Louis gingen auch die Familien Löb am 17. Juni 1939 in Antwerpen von Bord. Sie blieben zunächst in Belgien und wohnten in beengten Verhältnissen in Brüssel. Am 1. September 1939 begann der zweite Weltkrieg. Mit großem Nachdruck versuchten die Löbs Ende 1939/Anfang 1940 in die USA zu ihren Männern zu gelangen, nachdem es  diesen (auch Arthur Löb, Marias Ehemann, und Leopold Löb, Bellas Ehemann)

gelungen war, im Dezember 1939 von Kuba in die USA weiter zu kommen.

 

Im April/Mai 1940 durften Maria Löb mit ihrer Tochter Anneliese sowie Bella Löb mit den beiden Kindern im Rahmen der Familienzusammenführung zu ihren Männern in die USA ausreisen. Ein separates Visum war dafür nicht erforderlich. Das Geld für die Reise in die USA bekamen die Löbs von ihren Verwandten Lippmann Maier, einem der reichsten Malscher Juden. Dessen Ehe blieb kinderlos, und es gelang ihm, bei seiner Ausreise mit dem Hapag-Dampfschiff „Orinoco“ am 25.01.1939 einen Teil seines Vermögens mitzunehmen und über Kuba in die USA zu gelangen.

 

Die Ausreise der beiden Löb-Familien geschah einige Tage vor der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen mit dem Dampfer „Pennland“ ab Antwerpen. Es war die letzte Möglichkeit, Belgien zu verlassen.

 

Die Schwiegereltern Isidor und Karolina Löb wurden von Brüssel ins Sammellager Mechelen eingeliefert. Von dort gelangten sie am 26.09.1942 mit dem Transport XI/2155 und XI/2156  in das Konzentrationslager Auschwitz. Mit ihnen kamen 1.745 Juden in Auschwitz an. 286 Männer wurden zur „Vernichtung durch Arbeit“ selektiert. Isidor, Karolina und deren Schwiegersohn Salomon Lehmann (Maria Löbs Bruder) wurden sofort vergast.

 

Quelle: Jüdischesd Leben in Malsch, Malscher Historischer Bote, Heimatfreunde Malsch 21009

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