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Friedhof 06 09 2020 klein

2011 Kontoverse - Leserbriefe

 

O  Warum sollen ausgerechnet in Kuppenheim keine Stolpersteine liegen?

O  Nachdenkliche Rede des Bundespräsidenten

O  Argumente pro Stolpersteine

O  Das Verdrängen verdrängen

O   Interview Dr. Salomon Korn (Zentralrat der Juden)

O   Briefwechsel Paul Sachse - Stephan J. Kramer (Generalsekretär)

O   Moralische Instanz vermisst (Leserbrief Paul Sachse, BT 22.10.2011)

O   "Gehwege sind kein Privatvesitz" (Leserbrief Ulrich Behne, BT 25.10.2011)

O   Stolpersteine auch für Rastatt, BT-Presseartikel 27.10.2011)

O   Knüppel zwischen die Beine, Leserbrief Joachim Peters, BT 09.11.2011)

O   Wie viele Stolpersteine für Gefallene? (Leserbrief Alois Hasel, BT 19.11.2011)

O   Bizarre Aufrechnung (Leserbrief Peter F. Drtina, BT 22.11.2011)

O   Eklatante wissenslücke (Leserbrief Joachim Peters, BT Nov. 2011)

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Warum sollen ausgerechnet in Kuppenheim                                            keine Stolpersteine verlegt werden?

 

Feb. 2011                                                                                                                 Die Mitglieder des Arbeitskreises werden über den aktuellen Stand informiert. Gleichzeitig bittet Arbeitskreisvorsitzender Wolf Bürgermeister Mußler, die Aktion „Stolpersteine Kuppenheim“ nicht scheitern zu lassen, zumal mittlerweile in mehr als 570 Orten in Deutschland und in anderen Ländern über 25.000 Stolpersteine verlegt wurden.

 

Ein Ausscheren Kuppenheims, aus nicht stichhaltigen Gründen:                                                  

-  Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden lehnt angeblich Stolpersteine ab, 

-  Gunter Demnig würde sich finanziell bereichern,                                 

-  die Grundstücksbesitzer wären brüskiert und hätten einen Wertverlust ihrer Immobilien 

    hinzunehmen usw.

 

würde Kuppenheim in die Ein-Prozent-Riege der Stolperstein-Gegner einreihen.                      

Die Argumente gegen die Stolpersteine sind nicht haltbar. Am fragwürdigsten ist die angebliche Ablehnung der Kuppenheimer Solpersteine durch die Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden. Deren Vorsitzende (Frau Pöschke) war bei  der Verlegung der Stolpersteine in Baden-Baden höchstpersönlich anwesend. Im Übrigen wird in Baden-Baden dieses Jahr die vierte Verlegung stattfinden, mit nachhaltiger Zustimmung der dortigen Stadtverwaltung.

 

Der neue Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, begrüßt ausdrücklich das Gedenken durch Stolpersteine.       

 

Auch der offizielle Führer auf unserem jüdischen Friedhof, Dr. Gil Hüttinger (Verfasser der Dokumentation „Gewidmet vom unvergesslichen Gatten - Die Grabinschriften des jüdischen Friedhofs in Kuppenheim“) äußert sich positiv. Lediglich Kuppenheims Stadtarchivar Gerhard Linder (Verfasser des Buches „Die Jüdische Gemeinde in Kuppenheim“ ist persönlich gegen das Verlegen von Stolpersteinen.

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Nachdenklige Rede des Bundespräsidenten

 

Zum Nachdenken für alle Kritiker, ein Auszug aus der Rede des      Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) bei der offiziellen Gedenkveranstaltung in Auschwitz am 27. Januar 2011:

 

... „Es ist unmöglich, sich das Grauen in seiner Gesamtheit vorzustellen. Erst wenn die Leidenden einen Namen, ein Gesicht, ein Zuhause bekommen, können wir uns ihrem Schicksal annähern und versuchen nachzuempfinden, was sie durchgemacht haben... Lassen Sie uns alle nach unseren Möglichkeiten einen Beitrag dazu leisten... Aber auch Hinweise an Häusern auf die entrechteten, vertriebene, ermordeten, früheren Bewohner können uns dabei helfen. Oder die sogenannten Stolpersteine“, kleine Gedenktafeln aus Messing, die, am letzen selbst gewählten Wohnort in den Bürgersteig eingelassen, an die Opfer erinnern.“...

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Stolpersteine – Interesse bei Jugend und Neubürgern wecken

                       – Ergänzung für historischen Rundgan

 

Die Aktion „Stolperstein Kuppenheim“ richtet sich an alle interessierten Bürger, an Zeitzeugen, die über ihr Zusammenleben mit den Juden in Kuppenheim berichten können.                        

 

Sie bietet z.B. der Werner-von-Siemens-Realschule und der Werkrealschule Kuppenheim/ Muggensturm eine Plattform für anschauliche Tätigkeiten (z.B. jährliches Säubern der Stolpersteine) im Rahmen des Geschichtsunterrichts.

 

Der „historische Rundgang Kuppenheim“ ließe sich vortrefflich ergänzen mit einem Hinweis (mittels Stolpersteine) auf die  ehemaligen Wohnstätten der jüdischen Mitbürger: „Hier haben sie gewohnt, unsere Nachbarn, Spiel- und Schulkameraden. Hier haben wir mit ihnen ein Bier getrunken und dort Feste gefeiert. In diesem Geschäft haben wir eingekauft...

 

Wer sich die Internetseite www.stolperstein-baden-baden.de anschaut, kann erahnen, welche Chance Kuppenheim beim Ablehnen der Stolpersteine vergeben würde.

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Argumente für Stolpersteine

 

Der Künstler gibt den Menschen ihren Namen wieder und damit ein Stück Würde und Individualität. (Anlass: Josef-Neuberger-Medaille 2009 der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf)

 

„Wer die Inschrift liest, der blickt nach unten und verbeugt sich so vor den Opfern des Holocaust“. (Bürgermeister Michael Stickeln, CDU, Warburg)

 

Die Steine sind Denkmäler, die den Toten ein Gesicht geben, die Gräueltaten des Dritten Reiches nicht in Vergessenheit geraten lassen und zusätzlich noch eine Anlaufstelle für Angehörige. (s. Stolpersteine Köln)                  

                                                                                                                                                    

Stolpersteine bringen die Opfer des NS-Regimes symbolisch an den Ort zurück, wo sie zuletzt freiwillig gelebt haben, zu ihren ehemaligen Wohnungen und Häusern. Sie bedeuten konkrete Schicksalsforschung und darüber hinaus für viele Angehörigen und Nachfahren der Opfer auch ein persönlicher Schlussstein. (s. Stolpersteine Köln)                            

 

Gedenkveranstaltungen werden meist nur von Leuten besucht, die sich dafür interessieren. Die Stolpersteine sind ein Projekt, das jeden erreicht, der in der Stadt unterwegs ist. Stolpersteine wollen Einzelschicksale näherbringen. Das ist besonders für Generationen wichtig, die keine direkte Berührung mit dieser Vergangenheit haben.  (s. Stolpersteine Kitzingen)

 

Sehr erfreulich ist die Tatsache, dass die Aktion Stolpersteine bei Kindern und Jugendlichen auf große Resonanz stößt. Das abstrakte Wissen der jüngeren Generation über das Dritte Reich wird anhand der Steine zu einer exemplarischen Veranschaulichung der Vergangenheit. Die Steine sind etwas Handfestes, sie illustrieren ein konkretes Schicksal. Dadurch beginnt bei Kindern und Jugendlichen eine ganz andere Art des Nachdenkens. Sie führen ihnen zum Beispiel vor Augen: Da war ein Mensch, der gerade einmal so alt war wie sie selbst, als seinem Leben ein grausames Ende gemacht wurde. Diese Realisation löst direkte Betroffenheit aus und verstärkt den Wunsch, mehr über die Opfer erfahren zu wollen und ihre Schicksale nicht einfach unter den Teppich zu kehren. (s. Stolpersteine Köln)

 

Schüler werten in Unterrichtsprojekten historische Akten aus, besuchen die ehemaligen Wohnorte der Opfer und nicht nur den Synagogenplatz. Sie sprechen mit Nachbarn und Bekannten der ehemaligen jüdischen Mitbürger und machen (falls möglich) Interviews, um somit mündliche Dokumente von Zeitzeugen für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.

 

Stolpersteine verleiht den Opfern ein einheitliches Gesicht – Erinnerung verbindet, auch äußerlich.

 

Es ist das Anliegen des Kölner Künstlers Gunter Demnig, die Namen der Opfer des Nationalsozialismus ins Gedächtnis zurückzurufen, sie aus der Anonymität einer nicht zu fassenden Dimension herauszuholen und vor allem den jüngeren Generationen die tragischen Einzelschicksale der Opfer vor Augen zu führen.  (s. Stolpersteine Schöneberg)

 

Stolpersteine stellen ein dezentrales Gedenkkonzept dar. Bei großen (zentralen) Mahnmalen kann sich die Politik selbst feiern und darauf verweisen, wie viel sie tut. An Stolpersteinen laufen die Leute häufiger vorbei, und das „Sich Erinnern“ kann häufiger stattfinden als bei zentralen (oft abseits gelegenen) Gedenkplätzen. (s. Stolpersteine Stade)

 

Es ist gut, wenn Menschen Zeichen setzen, an die Opfer erinnern und den lokalen Bezug offensichtlich machen. Eine pro-und-contra-Diskussion ist geradezu skandalös. Die guten Argumente liegen auf der Hand. Es ist beschämend, wenn Initiatoren darum betteln müssen, dass Stolpersteine im öffentlichen Raum gesetzt werden dürfen. (s. Stolpersteine Stade)

 

Die Stolpersteine in unserer Stadt sind Steine des Erinnerns im Alltag, nicht nur an Gedenktagen. Wir brauchen das Erinnern täglich: Erinnern lehrt vorbeugen.

 

Alle, die versucht haben. sich zu erinnern, die nachgefragt, geforscht und aufgeschrieben haben, wissen, wie schwer es ist, diese Erinnerungsarbeit zu leisten. Aber es ist uns aufgegeben, diese Arbeit zu tun. Mit den eindringlichen Worten des Schriftstellers und Nobelpreisträger Elie Wiesel ist uns gesagt: „Wer die Opfer vergisst, tötet sie ein zweites Mal". (s. Stolpersteine Erkner)                                                                                                           

Zur Aktion Stolpersteine: Alle vereint der Wille, den Vergessenen, Geschundenen und Ermordeten wieder einen Namen, eine Biografie zu ge­ben. Damit soll das Ziel der Mörder, die Existenz der Opfer völlig auszulöschen, durchkreuzt werden. Es ist ein beeindruckender Einsatz gegen das Vergessen. (s. Stolpersteine Ludwigsburg)                                               

Stolpersteine, ein künstlerisches Erinnerungsprojekt, in seiner Intensität, seiner Dauer und seiner sozialen Nachhaltigkeit einzigartig in Deutschland und Europa (Steine verlegt in: Italien, Niederlande, Österreich, Ungarn, Niederlanden, Tschechien und Polen). Im November  2010 waren es 570 Orte, wo mehr als 25.000 Erinnerungssteine Stolpersteine im öffentlichen Raum verlegt wurden, um auf das Schicksal von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Euthanasie-Opfern oder im Dritten Reich politisch Verfolgten aufmerksam zu machen und das Gedenken an sein Schicksal zu ermöglichen. (s. Preisverleihung, Stuttgart)

 

Diese „Stolpersteine" sollen erinnern an Namen und auch an Gesichter von Menschen, die „älteren" Bewohnern unseres Ortes noch vertraut sind. Uns „Jüngeren" sollen sie Erinnerung und Verpflichtung sein, uns Strömungen rechtzeitig entgegen zustellen, die wieder in die „ewig gestrige“ Richtung weisen. (Stolpersteine  in Marktbreit, Bayern)

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Das Verdrängen verdrängen

 

Sie begegnen uns auf Schritt und Tritt - ob wir nun wollen oder nicht. Das unterscheidet die Stolpersteine von großen Gedenkstätten:

 

Dort lassen wir uns konfrontieren mit der Dimension nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Die Steine auf dem Gehsteig liefern die Namen dazu, durchbrechen die Anonymität, machen Schicksale fassbar. Sie bringen Spuren zurück, die ausradiert schienen. Sie zeigen, wo der systematische Nazi-Terror stattfand: im Alltag, im Nachbarhaus.

 

Erschütternd, wie rechte Hasstiraden gegen den Künstler verbreitet und die "Opfer der Zeitumstände" verunglimpft werden. Umso wichtiger ist es, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit als Gemeinschaftsaufgabe verstanden und neonationalistischen Zündlern keine Chance gegeben wird. (Stolpersteine in Würzburg, Andreas Jungbauer)

 

„Diese Steine machen das Schicksal des Einzelnen sichtbar und holen die Namen von Menschen zurück, die auf keinem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben", so Dr. Josef Schuster vom Zentralrat der Juden bei der Erstverlegung. Sie wurde vom Kitzinger Stadtrat unterstützt. Befürchtungen von Bürgern, sie würden durch die Mahnmale auf dem Gehsteig vor ihren Häusern mit Deportation und Holocaust in Verbindung gebracht, wurden ausgeräumt. (Stolpersteine in Gerolzhofen und Kitzingen, Bayern)

 

Gunter Demnig wurde von den Ministern Brigitte Zypries (SPD) und Dr. Wolfgang Schäuble (CDU) als „Botschafter der Demokratie“ ausgezeichnet.  An diesem Glanz kann sich auch unsere Stadt ein bisschen erwärmen. (Stolpersteine in Kitzingen)

 

„Du fährst nicht zu einer Gedenkstätte, sondern du triffst die Erinnerungen auf deinem täglichen Weg und du blickst nach unten, bückst dich, um alle Informationen zu lesen. Mit einer Verbeugung ehrst du das Andenken der Ermordeten.“ (Stolpersteine in Kitzingen, Ruth Oppenländer)

 

Die schlichten, zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader mit Messingtafeln, in die mit Hammer und Schlagbuchstaben Name, Geburtsjahr, Todesjahr und Ort der Ermordung eingestanzt sind, werden in Bürgersteigen vor den Häusern verlegt, in denen Opfer des NS-Regimes einst lebten. Der Betonstein wird versenkt, nur die Tafel bleibt sichtbar. Stolpern kann man allein im übertragenen Sinn.

 

Die Opfer des Nationalsozialismus nicht der Anonymität preisgeben, sondern ihnen ihre Namen zurückverleihen - das ist das Ziel, das Gunter Demnig mit seinen "Stolpersteinen" verfolgt. (Stolpersteine in Bremerhaven)                                                                              

„Meine Familie hat hier über mehrere Generationen gelebt, die waren integriert in die Gesellschaft. Und man hat denen das Leben genommen, man hat das Eigentum genommen, man hat die Würde genommen“, so Sammy Golde, München

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Briefwechsel Sachse – Zentralrat der Juden Deutschlands   3. März  2011

Sehr geehrter Herr Sachse,

vielen Dank für Ihre an Herrn Dr. Graumann gerichtete E-Mail. Herr Dr. Graumann bat mich, Ihnen zu antworten, wozu ich aufgrund des hohen Postaufkommens leider erst heute komme. Mit großem Interesse habe ich von Ihrem Engagement bezüglich einer angemessenen Erinnerung an die ermordeten Jüdinnen und Juden in Kuppenheim gelesen.

Aus Ihrem Schreiben geht hervor, dass Ihnen bekannt ist, dass innerhalb des Zentralrats unterschiedliche Positionen bezüglich der von Klaus Demnig durchgeführten Aktion „Stolpersteine“ bestehen.

Es ist in der Tat so, dass die ehemalige Präsidentin des Zentralrats Frau Dr. h.c. Knobloch, die Aktion ablehnt. Auch gibt es Überlebende der Shoa, die diese Aktion vor allem deshalb kritisieren, weil die in den Boden eingelassenen Steine es ermöglichen, auf ihnen „herum zu trampeln“, und damit – so die Argumentation – die Würde der Opfer erneut verletzt würde. Man muss diese Auffassung respektieren, ich teile sie ebenso wenig wie der Vizepräsident des Zentralrats Professor Dr. Salomon Korn.

Meine vielen Besuche, die ich im Zusammenhang mit Stolpersteinverlegungen quer durch die ganze Bundesrepublik gemacht habe, haben mir gezeigt, dass die Aktion zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führt und Geschichte so für die Menschen erfahrbar und nachvollziehbar wird. Zudem stoßen die Schicksale der ermordeten jüdischen Menschen auf reges Interesse und ebensolche Anteilnahme.

Oftmals ergeben sich durch die Stolpersteinverlegungen Begegnungen zwischen Verwandten von Ermordeten und engagierten Bürgern, die damit gemeinsam Brücken bauen können für ein Erinnern, ein Erinnern an jüdische Familien, das zunehmend ohne Zeitzeugen auskommen muss. Ich befürworte die Aktion von Herrn Demnig daher als einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen.

 

Sehr geehrter Herr Sachse, ich hoffe, Ihnen hiermit geholfen zu haben und wünsche Ihnen bei Ihrem weiteren Engagement viel Erfolg.

Gern können Sie mich über den weiteren Verlauf der Angelegenheit unterrichtet halten.

Mit freundlichen Grüßen       Stephan J. Kramer              Generalsekretär

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„Stolpersteine“ Steine in den Weg:  

z. B.: Kuppenheim oder Karpen:     

 

Interview mit dem  Dr. Salomon Korn


Der Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Professor Dr. Salomon Korn, im Gespräch mit HanauOnline 


Frankfurt - In eine Gespräch mit dem Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Professor Dr. Salomon Korn, wollte Hanauonline klären ob aus jüdischer Sicht das Andenken der jüdischen Toten durch Einlassen der Stolpersteine des Künstlers Gunter Deming in Bürgersteige das Andenken an die Toten verletze. Die Antwort war selbst für einen Befürworter des Stolperstein-Projekts überraschend. Professor Dr. Korn hält die Stolpersteine für ein ganz ausgezeichnetes Projekt für das Andenken an die von den Nationalsozialisten verfolgten und getöteten jüdischen Mitbürger. Er hält Geschichte, die von Denkmälern ausgeht, für unsensibel und schwer verständlich. Er sähe auch keine Diskriminierung jüdischer Opfer durch die Begehung.

Erinnerung wird hier nicht mit Füßen getreten! Im Gegenteil, sie wird begehbar gemacht. Es seien ja keine tatsächlichen Gräber, es seien symbolische Grabsteine. Professor Dr. Korn erinnerte an den "Walk of Fame" in Hollywood. Täglich liefen tausende über die Ehrensteine der Filmkünstler. Niemand käme auf die Idee, dies als Diskriminierung zu bezeichnen, es ist einer der höchsten Auszeichnungen der amerikanischen Filmindustrie.

Ein Denkmal oder eine Stehle, eine zentrale Stelle der Nachdenklichkeit werde vom Bürger kaum wahrgenommen. Die sei bei den Stolpersteinen eben anders. Gerade die Einlassung in den Bürgersteig, die Schlüpfrigkeit bei Regen, die Möglichkeit auszurutschen mache ein unmittelbares sinnliches Erleben von Geschichte möglich. Hier ist ein Ort wo verfolgte Juden lebten, aus diesem Haus verschwanden Menschen. Gerade die Möglichkeit an verschiedenen Stellen in einer Stadt der Geschichte immer wieder zu begegnen schaffe ein außerordentlich hohe Erfahrung. Für Professor Dr. Salomon Korn ist das Projekt eine hervorragende Leistung des Künstlers Gunter Demnig und er wünschte ihm noch zahlreiche Städte und Gemeinden, die sich dem überregionalen Projekt anschlössen. Dr. Korn bedauerte die Hanauer Entscheidung gegen das Projekt "Stolpersteine" und sieht in einer zentralen Gedenkstätte keinen adäquaten Ersatz.

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Moralische Instanz vermisst

 

Paul Sachse, Wilhelmstraße 25 in Kuppenheim, schreibt zum Bericht „Jedes Opfer soll Gedenkstein erhalten" in der gestrigen Ausgabe:

 

Gebt den ermordeten jüdi­schen Mitbürgern ihre Namen und damit ihre Würde zurück! Diese Forderung steht seit 1995 im Raum. Seit 16 Jahren taktieren und lavieren sich die „Entscheider", zum Teil in wechselnder Besetzung, um die Verantwortung gegenüber der Kuppenheimer Geschichte herum. Bei wenigen ist spärlich getarnter Antisemitismus der Grund für die bizarre Weige­rung. Überwiegend scheint es schlicht dumpfe Kumpanei zu sein. Umso tragischer der Um­stand, dass provinzielle Einfäl­tigkeit das Werk der Täter voll­enden soll.

 

Der Kuppenheimer Verzicht auf das Wegerecht wird im günstigsten Falle dazu führen, dass nur jene Mordopfer einen Stolperstein erhalten, an deren letztem Wohnort die heutigen Grundeigentümer ein entspre­chendes Geschichtsbewusstsein besitzen. Wo der ver­meintliche Schutz der Pfründe überwiegt, bleibt das Opfer, ganz so wie die Nazis es sich gewünscht haben, für immer ausgelöscht. Ein Kompromiss ist meist besser als gar nichts. Im Falle der Opfernamen wäre eine Teillösung aber unerträg­lich und nicht hinnehmbar.

 

Solange Kuppenheim über keine moralische Instanz ver­fügt, die wirkungsvoll mit heili­gem Zorn endlich auf den Tisch haut („Denn Gottes Zorn wird offenbart den Men­schen, die die Wahrheit in Un­gerechtigkeit aufhalten" / Rö­mer 1.18), wäre eine Namens­tafel an der Stirnseite des Ge­denksteines am Synagogen­platz eine sinnvolle Variante, denn sie garantiert die Erwäh­nung aller Opfer, und ent­schärft den drohenden Kon­flikt mit den Grundeigentü­mern. Die fast einjährige Stille hat wohl mancher große Vor­sitzende als Resignation miss­verstanden; das soll sich als Irr­tum erweisen, und zur Not werde ich hundert Jahre alt.                 Paul Sachse, BT 22.10.2011

 

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"Gehwege sind kein Privatbesitz"

 

Zum BT-Artikel „Jedes Opfer soll Gedenkstein erhalten" vom 21. Oktober äußert sich Ulrich Behne, Daimler- Benz-Straße 13 in Gaggenau. Der ehemalige Geschichts­lehrer und Mitinitiator der Aktion Stolpersteine in Gag­genau schreibt folgenden Le­serbrief: 

 

Mit großer Enttäuschung ha­ben wir Mitglieder des Arbeits­kreises Gedenken in Gaggenau seinerzeit das Scheitern der Stolperstein-Aktion in Kup­penheim wahrgenommen. Vor allem war uns der eingeschla­gene Weg, die Verlegung vom Einverständnis der betreffen­den Hauseigentümer abhängig zu machen, vollkommen un­verständlich. Man stelle sich vor, dass ein junger Geschäfts­mann, der sich bisher wenig mit Geschichte befasst hat, ge­fragt wird, ob vor seinem Haus ein Stein zum Gedenken des jüdischen Vorbesitzers verlegt werden kann. Er wird viel­leicht betonen, dass er mit der Ermordung der ehemaligen Mitbürger nichts zu tun habe, und seine Zustimmung verwei­gern - vielleicht auch, weil er in völliger Verkennung der Sachlage eine Geschäftsschädi­gung befürchtet.

 

Man stelle sich auch die Möglichkeit vor, dass eine Fa­milie, die nach dem 22. Oktober 1940 für wenig Geld Ge­schäft und Wohnhaus eines deportierten Juden erwarb, jetzt darüber zu befinden hat, ob der Opfer gedacht werden soll oder nicht. Nach Auskunft des Künstlers Gunter Demnig, der die Aktion „Stolpersteine" ins Leben gerufen hat, scheiter­ten sämtliche Initiativen in den Gemeinden, die sich für ein Vorgehen wie in Kuppenheim entschieden hatten. Die Tatsa­che, dass die Gehwege kein Privatbesitz sind, sondern ei­nen öffentlichen Raum darstel­len, sollte allen Aktionen zu­grunde liegen. Gewiss ist es vorteilhaft, wenn man die betroffenen, Hausbesitzer nach Möglichkeit mit ins Boot holt. 

 

So ist es in Malsch geschehen, wo eine Koordinierungsgruppe „Stolpersteine", in der auch die Pfarrer und die Schulrektoren sowie der Bürgermeister als Schirmherr vertreten waren, auf keine Schwierigkeiten stieß und eine einstimmige Zustimmung des Gemeinderats er­hielt. Ähnlich verhielt es sich in Gaggenau, wo der Gemeinde­rat einer Initiative von Lehrern und Schülern der Realschule zustimmte, wonach sich der Arbeitskreis Gedenken bildete, der dann die Aktion Weiter­führte. Wir hoffen, dass die neue Kuppenheimer Initiative ebenfalls erfolgreich sein wird, und wünschen ihr dafür viel Glück.

 

Ulrich Behne, BT 22.10.2011

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Stolpersteine auch für Rastatt

 

Rastatt (dm) - Die Rastatter SPD will das Gedenk-Projekt „Stolpersteine" auch in der Großen Kreisstadt ins Rollen bringen. Wie bei der Jahres­hauptversammlung bekannt winde, will man eine entspre­chende Initiative starten und bei der Verwaltung wegen ei­ner möglichen Realisierung an­fragen. Stolpersteine erinnern an das Schicksal jüdischer Mit­menschen im Nationalsozialis­mus. In vielen Gemeinden Deutschlands - wie etwa Gag­genau, Malsch und Baden-Ba­den - sind bereits solche Stol­persteine gegen das Vergessen verlegt worden, während man sich in Kuppenheim derzeit schwer tut mit der Umsetzung.                          BT 27.10.2011

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Knüppel zwischen die Beine geworfen

 

Auf den Artikel „Jedes Opfer soll Gedenkstein erhalten" im Badischen Tagblatt vom 21. Oktober und den sich darauf beziehenden Leserbriefen von Paul Sachse und Ulrich Behne reagiert Joachim Peters, Dorfstraße 48 in Gaggenau. Der Leiter des Arbeitskreises Gedenken, der die Verlegung der Stolpersteine in Gagge­nau organisiert hat, schreibt folgenden Leserbrief:

 

Uber die Gehwege einer Stadt - und das, was auf diesen geschehen darf - bestimmt nach deutschem Recht ganz al­lein die jeweilige Stadtverwal­tung. Und wenn ein Bürger­meister so tut, als sei er auf die­sen Gehwegen für die Verle­gung sogenannter „Stolperstei­ne", die an von den National­sozialisten ermordete ehemali­ge jüdische Mitbürger „seiner" Stadt erinnern sollen, aber zu­gleich auf das Wegerecht der Stadt verzichtet und damit de facto den jeweiligen Anwoh­nern die Entscheidung darüber überlässt, ob der Opfer einer menschenverachtenden Diktatur gedacht werden darf oder (besser?) nicht, wirft er den Menschen, die an die Ermor­deten erinnern wollen, den größtmöglichen Knüppel zwi­schen die Beine.

 

Und wie nennt man diese augenscheinliche Diskrepanz zwischen Lippenbekenntnis und tatsächlichem Tun? Scheinheiligkeit. Dass sich Herr Mußler mit seiner fragwürdigen Taktik zweifellos des Beifalls all derer sicher sein darf, die jede Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis ver­hindern möchten, müsste ihn doch eigentlich beschämen, oder?

 

Angesichts dieses unwürdi­gen Theaters bleibt nur ein di­ckes Lob für alle Verantwortli­chen bei uns in Gaggenau, die unsere Stolperstein-Initiative von Anfang an uneinge­schränkt unterstützt haben - Gemeinderat, Oberbürgermeis­ter und die gesamte Stadtver­waltung. Da möchte man doch fast schon sagen: Ich bin stolz, Gaggenauer zu sein!

 

BT 09.11.2011 ..................................................................................................................................................................
 

Wie viele Stolpersteine für Gefallene

 

Alois Hasel aus Kuppenheim, Goethestraße 10, äußert sich zum Leserbrief von Joachim Peters aus Gaggenau („Knüp­pel zwischen die Beine ge­worfen", BT vom 9. Novem­ber):

Ihren Eifer für Stolpersteine der vielen ermordeten Juden in Ehren - aber: Als Leiter des Arbeitskreises „Gedenken" und Organisator der Stolper­steine in Gaggenau haben Sie eine ebenso wichtige Aufgabe nicht wahrgenommen, nämlich der vielen Toten bei den Bom­benangriffen im September und Oktober 1944 auf Gagge­nau und dann auch der vielen gefallenen Soldaten im Krieg zu gedenken.

Wie viele Stolpersteine müsste man dann setzen? Sie sollen sich Ihrer Aufga­ben im Kreis „Stolpersteine und Gedenken" widmen und nicht als stolzer Gaggenauer, wie Sie sich ja nennen, mit dem Wort „Scheinheiligkeit" Bürgermeister und Stadträte anderer Städte beleidigen. Wer ist da scheinheilig??      BT 19.11.2011

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Bizarre Aufrechnung

 

Auf den Leserbrief von Alois Hasel zum Streit um die „Stolpersteine" in Kuppenheim (19. November) reagiert Peter F. Drtina, Amand-Goegg-Straße 4, Rastatt:

 

Es ist nicht nur ärgerlich, sondern peinlich bis beschä­mend, wenn heute noch Ewiggestrige ihre kraden Ansichten veröffentlichen können. Kann oder will der Leserbriefschrei­ber nicht akzeptieren, dass es ein großer Unterschied ist, ob Menschen ohne die geringste persönliche Schuld, nur auf­grund gesellschaftlich tolerier­ter, nein geförderter Hetze und Diffamierung dahin ermordet wurden, oder ob die eigene physische Vernichtung Konse­quenz eigenen, kriminellen Tuns war? Dass Aggressoren - und Kriegserklärungen sind Aggressionen - letztendlich mit der eigenen Vernichtung rech­nen müssen, kann wohl nicht bedauert werden. Eine revan­chistische, rein numerische Aufrechnung von Opferzahlen, ohne Reflexion der den Opfern zugrundeliegenden Umstände, ist an sich schon bizarr. Mit ihr die Verunglimpfung engagier­ter Personen rechtfertigen zu wollen, ist schlichtweg eine Unverschämtheit. Auch das BT sollte solche Versuche nicht unterstützen.

 

BT 22.11.2011

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Eklatante Wissenslücken

 

Anlässlich desselben Leser­briefe äußert sich Joachim Peters, Dorfstraße 48 in Gag­genau. Er war darin wegen Äußerungen in einem frühe­ren Leserbrief (9. November) zum Thema „Stolpersteine" kritisiert worden:

Der Leserbrief offenbart lei­der eklatante Wissenslücken. Die erste hätte der Leserbrief­schreiber leicht durch einen kurzen Blick auf die Website des Künstlers Gunter Demnig auffüllen können, wo klar wird, dass Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen - und zu diesen zählen Bombenopfer oder Gefallene allenfalls in einem sehr indirekten Sinne. Des Weiteren scheint der Leserbriefschreiber nicht zu wissen, dass der von ihm zitierten Kriegsopfer be­reits auf Grabsteinen und Na­menstafeln der Gefallenen auf allen Gaggenauer Friedhöfen gedacht wird und somit in die­sem Punkt - im Gegensatz zu den ermordeten Kuppenheimer Juden, die bis heute im öffentlichen Raum nicht na­mentlich genannt werden - kein. Handlungsbedarf besteht. Im Übrigen befassen wir uns in unserem Arbeitskreis keines­wegs „nur" mit Juden, sondern sehr wohl auch mit Soldaten - mit denen nämlich, die sich dem Wahnsinn des Krieges zu entziehen versuchten und da­für von den Nazis umgebracht wurden. So sind wir bereits auf einen Rotenfelser gestoßen, der als Fahnenflüchtiger (oder wahlweise „Wehrkraftzersetzer" oder „Kriegsverräter") in Buchenwald ermordet wurde, dessen Name aber auf der Kriegsopfer-Tafel an der Rot­enfelser Friedhofskapelle bis­lang fehlt - was wir selbstver­ständlich ändern wollen.

Und drittens verwechselt Herr Hasel, wenn er mir Belei­digung unterstellt, das subjekti­ve Gefühl des Beleidigtseins Einzelner mit dem objektiven Straftatbestand der Beleidi­gung. Wer letzteren als gegeben sieht, darf mich gerne verkla­gen. Zum Glück leben wir im Gegensatz zu den NS-Opfern in einer Zeit, in der für eine unabhängige Justiz das grundge­setzlich verbriefte Recht auf freie Meinungsäußerung ein höheres Gut darstellt als ver­letzte Eitelkeit - auch wenn das nicht immer allen gefällt.

 

BT, November 2011

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