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Friedhof 06 09 2020 klein

Friedrichstraße 86

 

Sieben Stolpersteine in der Friedrichstraße 86

für die Familien Herz und Schlorch


(Stolperstein 1) Semi Schlorch wurde am 13.03.1889 in Obbach bei Schweinfurt geboren.

 

Am 14.07.1919 heiratete Semi Schlorch die in Kuppenheim, geb. Rosa Herz, Tochter des Samuel Herz und der Sara Maier aus Malsch. Die Eheleute hatten 3 Kinder: Günter, Ilse und Ludwig.                      

 

Im 1. Weltkrieg diente Semi Schlorch seinem Vaterland als Frontkämpfer. Für seinen tapferen Einsatz erhielt er das Frontkämpferabzeichen. 1935 stiftete er mit Schwager Berthold Herz das Rundeisen für den Bau des Schlageter-Kreuzes. Schlageter war ein Freikorpskämpfer und wurde von politisch unterschiedlichen Gruppen verehrt. Im kulturellen Bereich war Semi Schlorch engagiert. So betätigte er sich von 1932 bis zu seinem von den Nazis erzwungenen Rücktritt als Zweiter Vorstand des Musikvereins Kuppenheim.                                                                                                    

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Von Beruf war Semi Schlorch Kaufmann und führte mit seinem Schwager Berthold Herz die über die Grenzen von Kuppenheim hinaus bekannte Eisenwarenhandlung „Herz & Schlorch“. Die Eisenwarenhandlung HERZ übernahm Semi Schlorch vom Schwiegervater Samuel HERZ. 1936/1937 verboten ihm die Nazis die Tätigkeit als selbständiger Einzelhandelskaufmann.

 

Nach dem Synagogenbrand vom 11.11.1938 kam Semi Schlorch in nationalsozialistische Schutzhaft ins KZ Dachau. Am 06.12.1938 kehrte er gebrochen, und zum absoluten Schweigen verpflichtet, nach Kuppenheim zurück. Im Zuge der Nazi-Kampagnen wie „Arisierung“ und „Judenbuße“ wurde das „Herz’sche Haus“ am 22. Oktober 1940 „entjudet“.                                                                    

                                        

An 22. Oktober 1940 wurde schließlich die ganze Familie Schlorch (Semi, Rosa, Günter, Ilse, Ludwig) nach Gurs deportiert. Über das Sammellager Drancy bei Paris gelangte Semi schließlich am 11.09.1942 mit Transport Nr. 31 ins KZ Auschwitz. Dort ermordeten die Nazi-Schergen Semi Schlorch  wohl gleich nach der Ankunft. Von 1.000 Juden des Transportes Nr. 31 überleben lediglich drei KZ-Häftlinge. 

                                         

(2) Rosa Schlorch, geb. Herz, geboren, wurde am 10.08.1893 in Kuppenheim geboren.   

Mit ihrem Ehemann Semi Schlorch kam sie über Gurs und Drancy ebenfalls mit Transport Nr. 31 nach Auschwitz, wo auch sie ermordet wurde.                                            

 

Ähnlich erging es (3) Günter Schlorch, geb. am 26.05.1920 in Kuppenheim.

 

Günter war von Beruf Mechaniker. Am 16.01.1937 verzog er von Kuppenheim nach Pforzheim, kehrte jedoch am 27.01.1940 zu den Eltern zurück. Die Nazis verschleppten auch ihn nach Gurs. Dort erkrankte er Lungentuberkulose. Die Vichy-Behörden schoben ihn daraufhin ins Lager  Drancy ab. Mit Transport Nr. 24 deportierten ihn die Nazis schließlich am 26. 08.1942 nach Auschwitz, wo er wohl wegen seiner Erkrankung sofort vergast wurde.

 

Die Eltern Schlorch verstanden es, ihren jüngsten (4) Sohn Ludwig (Louis),

 

geb. am 15.01.1929 in Kuppenheim, im Lager Rivesaltes bei Gurs bei einem Kindertransport unterzubringen, und so kam er im März 1942 für kurze Zeit in das O.S.E.-Kinderheim Chäteau de Montintin. Obwohl er sich auf dem Speicher des Schlosses versteckte, gelang es den Behörden, Ludwig in das Lager Rivesaltes zurückzubringen, indem sie vorgaben, ihn zu seinen Eltern zu bringen.     

                                                 

Louis berichtete anlässlich eines Besuchs in Kuppenheim, dass er die Lüge der Behörden nicht glaubte und das Ge­fühl hatte, dem Tode nahe zu sein. Als er seine Eltern (Semi und Rosa Schlorch) wiedersah, glichen lebenden Skeletten.                                                                                                                                                                                                                                          

Ludwig befand sich von September 1942 bis zur Befreiung durch die alliierten Truppen in einer Pension in der Nähe der spanischen Grenze, dann in einem staatlichen Internat und in der technischen Hochschule in Beaulieux sur Dordogne, die nach außen hin als faschistische Schule galt, in der Lehrer und Schüler aber für die französische Resistance tätig waren.

 

Ludwig wurde im Oktober 1946 im Alter von 17 Jahren von seinem 1940 nach USA ausgewanderten Onkel Berthold Herz  von Frankreich nach New York geholt.                                                                     

(5) Ilse Schlorch, geb. 29.12.1921 in Kuppenheim,                                                                     

kam als 18-Jährige nach Gurs. Durch die Bemühungen einer Französin, Madame Pertrizier, welche für die YMCA (Young Men’s Christian) arbeitete. wurde sie aus dem Lager Rivesaltes befreit. 

                                            

Ilse Schlorch arbeitete zu­nächst legal bei einer französischen Familie in Le Chambon sur Lignon als Hauhalts- ­und Geschäftshilfe. Als die Deutsche Wehrmacht das unbesetzte Frankreich besetzte, rettete diese Familie Ilses Leben. Sie verbargen Ilse bei einer Verwandten in Marseille, wo sie sogar ihre Ausbildung zur Schneiderinbeenden konnte.                                                       

 

Nach dem Krieg ging Ilse zu dieser (mittlerweile „ihrer“ Familie) nach Chambon zurück, wo sie ihren Mann Ernest Blau­stein kennenlernte und heiratete. llse lebte zunächst in Villeurbanne bei Lyon unter dem Namen Blaustein und später an einem anderen Ort, wo sie 1993 starb.

 

Die Eltern von Semi Schlorch und Großeltern von Günter, Ludwig und Ilse, (6) Samuel Herz, geb. 08.08.1861 in Kuppenheim, und (7) Sara Herz, geb. Meier aus Malsch, geb. 11.04.1866, erlagen bald den Lagertorturen. Sie starben an Altersschwäche, Hunger und Verdruss, Samuel Herz am 29. Juni 1942 im Hospital von Perpignan und Sara Herz am 31. Dezember 1942 im Lager Nexon bei Limoges. 

 

Ein  Delegierter vom Roten Kreuz berichtete über die erbärmlichen Zustände im Lager Gurs:

 

„Die Baracken hatten zumeist keine Fenster, so dass die Bewohner sich den ganzen Tag in völliger Dunkelheit befinden. Nur abends während weniger Stunden werden die spärlich vorhandenen elek­trischen Lampen unter Strom gesetzt.                                                                                                                      

Die wenigen Waschgelegenheiten sind außerhalb der Baracken und sehr oft defekt, während der Kälte eingefroren. Auch die WC befinden sich draußen, als halb offene Verschlüge mit Kübeln, wie sie auf Bauplätzen zu sehen sind.                                                                           

Das Allerschlimmste ist der Lehmboden, der durch die vielen Regenfälle dieser Gegend und durch das viele Begehen in ein Schlammmeer verwandelt wurde, das vielfach ganz unpassierbar ist, so dass für die Alten und die Schwachen das Hinausgehen zur Unmöglich­keit wird. Die sich daraus ergebenden gesundheitlichen und hygienischen Zustände sind unbeschreiblich.“ Kälte und Unterernährung bei 600 Kalorien am Tag gaben vor allem den älteren Deportierten den Rest.“

 

Siehe Stolpersteinlegung 2015

Siehe Presseberichte 2015

Siehe Zeitzeugenberichte: MarieLuise Schumann

Siehe swr2 Stolpersteine zum Hören - Bericht zu Ludwig Schlorch 

http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/stolperstein-ludwig-schlorch/-/id=12117596/did=15270610/nid=12117596/it8lnm/index.html

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Die jüdische Eisenwarenhandlung in Kuppenheim

 

Berthold Herz betrieb mit seinem Schwager Semi Schlorch die Eisenwarenhandlung in Kuppenheim in fünfter Generation,                                 dann folgten christliche Eigentümer.

 

1. Generation: Den Anfang dieser erfolgreichen Geschäftsgeschichte machte Samuel Herz (geboren um das Jahr 1739 in Bühl. Samuel war Judenvorsteher in Kuppenheim(ab 1799), Judenanwalt sowie Handelsmann (Eisen- und Spezerei-Krämer). Samuel musste noch Pflastergeld für das Pflaster in der Rastatter Innenstadt bezahlen.

2. Generation: Salomon Samuel Herz übergibt die Eisenwarenhandlung an seinen Sohn Salomon (Samuel) Herz (geboren um das Jahr 1776 in Kuppenheim). Wie sein Vater war auch Salomon Herz von Beruf Handelsmann sowie Eisen- und Spezereikrämer. Er besaß die Bürgerrechte des Stadt Kuppenheim. Die Ehefrau von Salomon Herz (Barbara Lobheimer) starb im Jahr 1861. Der Witwer Salomon Herz lebte nun bei seinem Sohn Baruch Herz und übergab ihm das Eisenwarengeschäft.

3. Generation: Der Kuppenheimer Bürger, Handels- und Kaufmann Baruch Herz (geboren am 16.05.1820 in Kuppenheim) heiratete am 22.05.1850 in Muggensturm die Jüdin Jette Vogel aus Muggensturm. Die sehr wohlhabende Familie lebte in ihrem Haus direkt am Stadtgraben (in süd-östlicher Richtung, Hauptstraße 41, alte Zählung).

4. Generation: Baruch Sohn Samuel Herz (geboren am 08.08.1861 in Kuppen- heim) übernahm als Kaufmann das Eisenwarengeschäft und führte es in der Friedrichstraße 86 weiter. Samuel Herz war am 30.04.1940 noch Eigentümer des Grundstücks an der Friedrichstraße 86. Am 22.10.1940 wurde er als 79-Jähriger mit seiner Ehefrau Sara (geb. Maier,) und seiner Familie (Tochter Rosa Schlorch, Schwiegersohn Semi Schlorch, Enkelkinder Günter, Ilse und Ludwig) ins Internierungslager Gurs in den französischen Pyrenäen deportiert. Er erhielt die Deportieren-Nummer 5362. Am 29.06.1942 starb er in Perpignan im 80sten Lebensjahr, seine Ehefrau Sara am 30.12.1942 mit 76 Jahren.

5. Generation: Ab 1919 betrieben Samuels Sohn Berthold Herz (geboren am 12.04.1897 in Kuppenheim) zusammen mit dessen Schwager Semi Schlorch (geboren am 13.03.1889 in Obbach bei Schweinfurt) die regional bekannte Eisenwarenhandlung unter dem Namen „Herz & Schlorch“ weiter. Am 12. Dezember 1938 meldeten die Juden (von den Nationalsozialistischen erzwungen) ihr Geschäft „Herz & Schlorch Eisen und Metalle“) beim Bürgermeisteramt Kuppenheim ab.

 

6. Generation (jetzt in arischer Hand): Am 15. Dezember 1938 wurde die Eiswarenhandlung unter „Franke & Röder“ in Kuppenheim weiter geführt.

Berthold Herz, 2. Reihe links hinten, Soldat im 1. Weltkrieg mit Auszeichnung

Eisenwarenhandlung Herz & Schlorch in der Friedrichstraße 86, Kuppenheim Geschäftsaufagbe 1938

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Schutzhaft in Dachau für sechs Kuppenheimer Juden -              Heinrich Dreyfuß erschossen

 

Die Juden aus dem Rastatter Bezirk wurden nach Josef Werner dem Karlsruher Transport nach Dachau angeschlossen. Was die 400 bis 500 Juden dieses Karlsruher Transportes erlitten, die sich in der Nacht vom 10. zum 11. November 1938 auf dem Weg nach dem Konzentrationslager Dachau befanden, wo sie gegen neun Uhr vormittags eintrafen, schilderte der Jude Prof. Dr. Ludwig Marx:

 

Diese Nacht fuhren wir, ohne dass jemand ein Auge schloss. Unsere Gedanken weilten bei unseren Lieben, beim Abschied von ihnen, von unserer Arbeit, vielleicht sogar vom Leben. Sowie der Zug (in Dachau) hielt, sahen wir sofort, was los war. An den Gleisen standen SS-Posten mit aufgepflanzten Bajonetten.

 

...Wir mussten in den Abteilen bleiben, und dann kamen diese Henkersknechte herein, um uns zu begrüßen mit ihren Gewehrkolben, ihren Helmen und ihren Fäusten ", so schilderte Ludwig Marx, der beim Aufstellen vor dem Zug sofort eine heftige Ohrfeige erhielt, die Ankunft.

 

Auf die Frage: »Wo ist der Rabbiner?« trat Dr. Schiff, der Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft in : Karlsruhe, bedenkenlos nach vorn. »Also, Du bist das Schwein!« war die Antwort. Dann wurde Dr. Schiff zu Boden geschlagen. »Bleich und mit Schreck«, so berichtet Sigmund Roiss, hätten die den Transport begleitenden badischen Polizisten beobachtet, wie die SS-Leute den Häftlingen Faustschläge versetzten, auf die Füße traten und in die Kniekehlen »kickten«. »Sie« (die badischen Polizisten) »machten ganz lange Gesichter, als sie sahen, wie ihre deutschen Genossen auf die Gefangenen loshauten«.

Dachau war eines der drei Konzentrationslager, nach denen die während des Novemberpogroms 1938 festgenommenen über 26 000 deutschen Juden verbracht wurden. In Dachau wurden vornehmlich Juden aus Süddeutschland, dem Rheinland und Österreich sistiert, 10911 an der Zahl....

 

Die Karlsruher Juden wurden nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhof Dachau zu 50 bis 60 Mann in Viehwagen hineingetrieben und dann ins Lager geschafft. Dort warteten in einer riesigen Schlange schon tausende von Schicksalsgenossen aus anderen Städten auf ihre Registrierung und »Einkleidung«, eine unendliche, düstere Reihe armer Menschen, die den ganzen Tag ohne Essen und Trinken stehen mussten. Dabei bewegte sich die Schlange alle Viertelstunde um etwa zehn Meter weiter.

 

Als das Ziel am Abend noch lange nicht erreicht war, wurden die noch immer in der Menschenschlange Wartenden in die Baracken hinein-, wieder heraus- und wieder hineingetrieben, jeweils ca. 300 Mann in Unterkünfte, die etwa 40 Menschen beherbergen sollten. »In dieser leeren Baracke mussten wir auf dem Boden sitzen, jeder den Vordermann zwischen den Beinen, so dass man sich nicht hinlegen konnte. ... Die Luft wurde schlecht, man konnte kaum atmen oder sich bewegen«, berichtet Prof. Marx und fügt hinzu:

 

»Unglücklicherweise saß ich in der letzten Reihe gegen die Wand, die Tür war gegenüber. Schließlich konnte ich es nicht mehr aushalten; mein Gesicht war schweißüberströmt; ich musste hinaus, sonst wäre ich ohnmächtig geworden. Es war schwierig über meine armen Kameraden zu klettern, aber am Ende erreichte ich die Tür und den Gang. Ich hatte schrecklichen Durst, aber während der Nacht durften wir die Baracke nicht verlassen, sonst wären wir erschossen worden ".

In Dachau mussten die Juden Wochen und zum Teil Monate unter menschen- unwürdigen Bedingungen verbringen. Es wurde ihnen der Kopf kahlgeschoren, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt und in viel zu kleine Baracken gepfercht, sie mussten bei Kälte stundenlang auf dem Exerzierplatz stehen und waren der Willkür der SS-Wachmannschaften ausgeliefert. Mindestens 40 der etwa 2.000 Häftlinge aus Baden und Württemberg fanden den Tod. Einige starben an Entbehrungen und Misshandlungen, andere wurden aus ungeklärten Gründen erschossen.

 

Mit Erschießen wurde den Schutzhäftlingen bei jeder Gelegenheit gedroht. Erschießungen fanden auf dem nahegelegenen SS-Schießplatz Prittlbach statt.

 

 

Der Kuppenheimer Heinrich Dreyfuß starb am 24. November 1938 an eben diesem Ort Prittlbach, auf dessen Gemarkung das KZ Dachau zum Teil lag. Josef Werner berichtet von zwei ähnlich gelagerten Karlsruher Fällen, bei denen am gleichen Tag, dem 24. November, der Karlsruher Hautarzt Dr. Leopold Liebmann in Dachau starb, und am 30. November drei Juden auf dem SS-Schießplatz Prittlbach erschossen wurden. Wie Oskar Stiefvater schilderte, fand die SA am 10. November 1938 in der Wohnung des Heinrich Dreyfuß einen alten Kavalleriesäbel. Möglicherweise war dieser Waffenfund für Heinrich Dreyfuß das Todesurteil.

 

Noch im November 1938 wurden die ersten Häftlinge aus Dachau entlassen. Frei kamen zunächst Gefangene, bei denen zu erwarten stand, dass sie in kurzer Zeit auswandern würden. Fast einen vollen Tag dauerte das Entlassungsverfahren. Jeder musste eine Erklärung unterschreiben, dass er das Lager bei voller Gesundheit verlasse und keine Ansprüche an das Deutsche Reich stelle. Den Häftlingen wurden die eigenen Kleider und Habseligkeiten ausgehändigt, dann mussten die vor ihrer Entlassung stehenden Gefangenen zum letzten Mal in Reih und Glied antreten.

 

Dabei belehrte ein SS-Offizier die Männer so:

Ich würde Euch raten, Deutschland so schnell als möglich zu verlassen. Ihr wisst, wir können Euch nicht ausstehen, also hinaus mit Euch, so schnell ihr könnt! Aber eines will ich Euch sagen: Was Ihr hier gesehen habt, müsst ihr verschweigen, sonst holen wir Euch wieder, und dann kommt Ihr nie mehr aus Dachau heraus.

 

Oskar Stiefvater berichtet, die verhafteten Juden seien drei Wochen nach der Reichskristallnacht schweigend zurückgekehrt. Die Angst schloss ihnen den Mund.

Nach einer Mitteilung des Bürgermeisteramts Kuppenheim an die Gestapo in Baden-Baden kamen Berthold Herz, Hermann Kahn und Semi Schlorch am 6. Dezember 1938 nach Kuppenheim zurück.

 

Nach anderen Unterlagen gelangten Max Dreyfuß und Hermann Heinrich Valfer ebenfalls wieder nach Kuppenheim zurück. Zusammen mit seiner Frau wurde Max Dreyfuß am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich deportiert.

 

Das weitere Schicksal Hermann Heinrich Yalfers ist nicht bekannt.

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GEHÖRLOSE HOLOCAUST-ÜBERLEBENDE: Ingelore Herz Honigstein

 

geboren in Kuppenheim, Eltern: Berthold und Amalie Herz, Friedrichstraße 86

 

Ich heiße Ingelore, aber viele Amerikaner können sich meinen Vornamen nicht merken, also bin ich als Lore bekannt. Mein Mädchenname war Herz, was auf Deutsch „das Herz“ bedeutet. Ich bin 1924 geboren und in Kuppenheim bei Baden-Baden im Schwarzwald in Deutschland aufgewachsen. Meine Eltern hießen Berthold und Amalie Herz. Ich habe mich nicht viel mit meiner Familie unterhalten können.

 

Tante Cora Hamburger entdeckt Ingelores Schwerhörigkeit

 

Alle meine deutschen Familienmitglieder konnten hören. Meine Tante Cora, die Schwester meiner Mutter, sagte mir, ihr fiel auf, als ich ein Jahr alt war, dass ich vielleicht taub sein könnte. Als der Arzt dies bestätigte, wollte meine Mutter das nicht akzeptieren. Ich habe keine Geschwister, weil meine Mutter Angst hatte, ein weiteres taubes Kind zu bekommen. Ich wurde zu Pflegeeltern geschickt. Mein Pflegevater war Sprachtherapeut. Er wollte, dass ich meine Stimme benutze, aber sie war wie gelähmt. Er hat mich eines Tages auf den Rücken geschlagen, und ich schrie. Auf diese Weise hat er meine Stimme zum Leben gebracht. Danach übten wir den Ton von JEDEM Buchstaben. Es war ein langwieriger Prozess, so wie wenn man wieder laufen lernen muss, nachdem man gelähmt war.

 

Kindheit in Kuppenheim

 

Ich wurde in eine Schule für Schwerhörige geschickt als ich sechs Jahre alt war. Später ging ich in eine Schule für Gehörlose. Ich war ein richtiger Wildfang, wollte immer draußen spielen und Abenteuer erleben. Meine Familie war eine rein jüdische Familie. Meine Kinder haben inzwischen katholische Frauen geheiratet. Sie sind sehr nett, und ich mag sie sehr. Als ich Kind war, gingen meine Eltern jeden Freitag in die Synagoge, aber ich konnte nicht verstehen, was dort gesagt wurde. Wir waren sehr wohlhabend, aber als die Nazis zur Macht kamen, haben sie all unser Silber, die Pelze und Wertgegenstände genommen. Ich kann mich erinnern, wir mussten für Chanukka eine Menora aus einem Stück Holz machen. Als ich in Deutschland während der Nazizeit aufwuchs, habe ich Hitler, Himmler und Goebbels (der sehr klein war) in einer Autokolonne vorbeifahren sehen, Hunderte von Deutschen haben den Hitlergruß gezeigt. Ich habe es auch getan, aus Angst Schwierigkeiten zu bekommen. Das war 1932.

 

Auf der Schule für Schwerhörige in Heidelberg

 

Ich ging zu einer Schule für Gehörlose in Heidelberg. Ich war das einzige jüdische Kind und habe arg unter Spott und Schikanen meiner Klassenkameraden gelitten. Als ich mich über diese ungerechtfertigte Behandlung beim Schulleiter, Dr. Singer*, der auch wie die meisten Lehrer ein Nazi war, beschwerte, hat er mir keine Erklärung gegeben, sondern sagte, es wäre das Beste, wenn ich nach Hause geschickt würde.

 

Zurück in Kuppenheim – Familie von den Nazis beraubt

 

Also wurde ich im November 1938 nach der Reichskristallnacht mit dem Zug nach Hause geschickt. Vom Zug aus sah ich viele abgebrannte Synagogen und mit Nazischildern und Hakenkreuzen verunstaltete jüdische Geschäfte. Meiner Familie wurde schon vorher Silber, Pelzmäntel, Schmuck weggenommen, sie mussten einen Davidstern als Abzeichen tragen und unsere Ausweispapiere, die mit einem „J“ für Jude abgestempelt waren, immer bei sich haben. Als ich am Bahnhof in meinem Heimatort ankam, war niemand da, um mich zu empfangen. Ich musste mein Gepäck über eine lange Strecke nach Hause tragen. Als ich bei unserer sehr großen und schönen Villa ankam, war die Eingangstür mit zwei Holzstücken in X-Form verbarrikadiert. Ich rannte hinter das Haus und schlug gegen die Hintertür und rief nach meiner Mutter. Sie empfing mich und ließ mich ins Haus.

 

Vater (Eisenwarenhändler)nach Reichspogromnacht in Dachau

 

Sie sagte, mein Vater wurde nach Dachau, in ein Gefangenenlager, gebracht. Ich bin mir nicht sicher, wie die Freilassung meines Vaters „gekauft“ wurde, aber ich vermute die Person, die das Geschäft meines Vaters übernehmen wollte (wegen der Arisierung der deutschen Geschäfte) brauchte meinen Vater, um zu erfahren, wie der Großhandel funktioniert. Er kam nach Hause zurück in einer schwarz-weiß gestreiften Gefangenenuniform mit Mütze. Die Leute in unserem Ort begrüßten ihn, indem sie Steine nach ihm warfen. Meinem Vater gehörte das einzige Eisenwarengeschäft in der Umgebung und die Leute wollten es wegen der Waren.

 

In der Gehörlosenschule in Wannsee bei Berlin

 

In der Zwischenzeit hatte meine Tante Cora, die Lehrerin war, eine jüdische Schule für Gehörlose am Wannsee in Ostberlin für mich gefunden. Das war die „Israelitische Schule für Gehörlose“. Dr. Reich war der Schulleiter, aber er hatte die Schule verlassen, um einige gehörlose, jüdische Kinder nach London, England zu begleiten. Er wollte zurückkommen, um weitere Kinder zu holen, wurde aber durch den Kriegsausbruch an seiner Rückkehr aus  England gehindert. Ich ging dann 1939 in diese Schule, lernte Hebräisch, Hauswirtschaft und Schneiderin. Dr. Kahn war in Dr. Reichs Abwesenheit Schulleiter, es gab nur noch wenige Lehrer zu dieser Zeit.

 

Oktober 1939: Auf dem Schulweg von Nazi-Kadetten vergewaltigt

 

Ich war ungefähr 15 Jahre alt und wurde tagsüber zu einer reichen, jüdischen Familie als Kindermädchen geschickt. Das war eine Art Berufsausbildung. Ich kochte und machte sauber, das Haus war in Brandenburg. Jeden Tag musste ich vor der Ausgangssperre ab 20 Uhr zurück in der jüdischen Schule für Gehörlose sein. Das war manchmal sehr gefährlich, wenn die Straßenbahn Verspätung hatte. Eines Abends war ich nach der Sperrstunde auf dem Weg zurück zur Schule. Ich war sehr beunruhigt, besonders weil es eine Kaserne in direkter Schulnähe gab. Als ich mit gesenktem Kopf schnell die Straße hinunter lief, haben mich zwei junge Soldaten gepackt und in ihr Zimmer gezerrt. Diese zwei Nazis haben mich gezwungen, alle sexuellen Handlungen zu erdulden. Zu dieser Zeit wusste ich überhaupt nichts über Sex. Ich war mit meinem eigenen Blut beschmiert. Als sie fertig waren, haben sie mich aus der Tür geschubst, und ich rannte zur Schule. Ich klopfte und wollte hinein, aber als sie zur Tür kamen, haben sie mich abgewiesen, weil es nach der Sperrstunde war. Ich flehte sie an, mich anzuschauen, voll mit Blut und verletzt. Sie hatten Mitleid mit mir und machten das Licht aus damit keiner mitbekommt, wie sie mich hineinließen. Einer der Erzieher half mir beim Waschen. Ich konnte kaum laufen vor lauter Schmerzen. Das war im Oktober 1939.

 

VISA beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart

 

Im Dezember ging ich nach Hause in die Ferien. Vom amerikanischen Konsulat konnten wir Visa bekommen, weil mein Großonkel in Alabama lebte. Jeder hatte ein Visum, außer mir, weil ich taub war. Wir mussten zum amerikanischen Konsulat für Süddeutschland in Stuttgart gehen. Als sie mich aufriefen, durfte meine Mutter mich nicht begleiten. Ich hatte sehr Angst, alleine mit dem Mann zu sprechen. Ich musste mich umdrehen, sodass er prüfen konnte, ob ich ihn verstehe, ohne von den Lippen abzulesen. Gott hat mich in diesem Moment behütet. In einem Bild mit der amerikanischen Flagge konnte ich das Spiegelbild des Mannes sehen und ihn dadurch etwas verstehen. Ich erklärte ihm, ich wollte nach Amerika, um zur Schule zu gehen und Englisch zu studieren. Ich musste meinen Namen niederschreiben. Als er mich entlassen hatte, waren meine Eltern total verzweifelt aus Sorge um mich. Sie gingen auf und ab und waren ganz nervös.

 

Ich erzählte ihnen, dass der Konsul mir ein Papier zum unterschreiben gegeben hatte. Mein Vater sagte, „Du hast das Papier unterschrieben!“ Hurra! Hurra! Ich hatte die Bedeutung dieser Handlung nicht begriffen, bis ich die Freude in meines Vaters Gesicht sah.

 

Mit dem Zug nach Holland – gefilzt von den Nazis

 

Innerhalb von 24 Stunden mussten wir die notwendigsten Sachen und Wertgegenstände packen und in Rucksäcken und Koffern tragen. Wir mussten so viele wichtige, liebe und wertvolle Sachen zurücklassen.

 

Wir nahmen einen Zug nach Holland und die Nazis haben uns durchsucht. Ich hatte ein Goldarmband versteckt und in meine Schulterpolsterung eingenäht. Obwohl sie einen Metalldetektor benutzten, waren sie nicht in der Nähe meiner Schultern, und so wurden unsere Wertsachen nicht entdeckt. Danach haben sie unser ganzes Gepäck GRÜNDLICH durchsucht. Wir durften eine Nachricht an unseren Onkel und unsere Tante in Deutschland schreiben, in der wir darum baten, dass das von den Deutschen konfiszierte Geld und die Wertgegenstände zurück an sie geschickt werden sollte. Aber wir wussten die Nazis würden alles selber einstecken und nicht an unsere Verwandten zurückschicken.

 

Im Hotel in Rotterdam

 

Mein Großonkel arbeitete für ein Hotel in Rotterdam, Holland als Import- Exporthändler und brachte uns in das Hotel-Restaurant. Ich war so schockiert. Die Tische waren VOLLER Essen: es gab besonders frisches Obst, das in Deutschland wegen der Essensrationierung nicht mehr erhältlich war. Wir waren dann so erschöpft und schliefen sofort ein.

 

Atlantik-Überfahrt auf dem Schiff „Volledam 1“

 

Wir gingen auf das Schiff Volledam 1 und schliefen in den unteren Schiffsräumen. Vier Frauen in einem Zimmer und auf der anderen Seite waren vier Männer pro Zimmer. Es gab nur einen Ventilator an der Wand. Während wir durch den Ärmelkanal fuhren, waren wir sehr verängstigt, als wir die großen Wasserminen in Schiffsnähe sahen. Ich betete fortwährend, dass unser Schiff nicht in Kontakt mit den Minen käme. Ich stellte mir vor, sie von uns wegzublasen, wie der Wind. Wir wurden angewiesen, unsere Rettungswesten zu tragen. Als das Signal gegeben wurde, sie wieder abzulegen, weigerte ich mich sie auszuziehen. Da ich die einzige Gehörlose an Bord war, wollte ich etwas mehr Schutz. Als ich zum Essen hoch ging, stellte ich fest, dass die anderen Passagiere nicht mit hoch gingen. Sie waren alle seekrank und gestresst von den Ereignissen. Die Matrosen baten mich mit ihnen zu essen, und ich hatte viel Spaß, während es den anderen elendig ging. Als wir an der amerikanischen Küste ankamen, rief ich meine Mutter, sie solle hoch kommen. Sie war sehr seekrank gewesen.

 

Die Rettung: endlich in New York

 

Als die Freiheitsstatue in Sicht kam, haben ALLE zu weinen angefangen. Unsere Tränen waren bittersüß. Auf der einen Seite waren wir überglücklich in FREIHEIT zu sein, aber wir waren auch sehr besorgt. Wie sollten wir Arbeit und Wohnung finden?

 

Wir kamen am 22. Februar 1940 an, dem Geburtstag von George Washington. Als unser Schiff in New Jersey andockte, wurde ich von meiner Familie getrennt, weil ich taub war. Ich fing an zu weinen, und mein Gesicht bekam rote Flecken. Sie dachten, ich hätte Windpocken und wollten mich nach Ellis Island in Quarantäne bringen. Zum Glück wurde mein Gesicht wieder normal, als ich mich beruhigt hatte, und sie ließen mich gegen 18.00 Uhr gehen.

 

Abtreibung durch deutschen Arzt

 

Sie erinnern sich, was mir passiert war mit den Nazisoldaten. Danach hatte ich monatelang keine Periode mehr. In Amerika war ein deutscher Arzt namens Dr. Vogel, der seine Praxis uns gegenüber hatte. Ich bat um ein Privatgespräch. Er willigte ein, und wir unterhielten uns über meine Erfahrungen in Deutschland. Er bat mich eine Urinprobe abzugeben, um den Schwangerschaftstest durchführen zu können. Er sagte mir dann, ich sei schwanger. Ich war ganz verblüfft, ich hatte zu dieser Zeit keine Ahnung, wie man schwanger wird. Als ich mit zehn Jahren meine Periode bekam, war die Antwort meiner Mutter ein Schlag ins Gesicht. Ich dachte, sie hätte dies getan, weil ich meine Kleidung verschmutzt hatte, aber später erfuhr ich, es war eine jüdische Tradition. Keiner hat mir erklärt, was die Menstruation bedeutet. Ich wusste nie wie man schwanger wird und als 15 Jähriger wurde mir gesagt, ich trüge ein Baby im Bauch, gezeugt von diesen Soldaten. Ich hatte nie Schwangerschaftssymptome, wie Übelkeit und ähnliches. Ich hatte etwas zugenommen und mein Busen wurde größer, aber das war alles.

 

Dr. Vogel erklärte, dass ich das Kind abtreiben oder behalten könnte. Ich sagte ihm, ich wollte nichts mit einem Kind zu tun haben, das aus dieser Nacht mit den Nazis entstanden war.  Ein Problem war, dass ich die Erlaubnis meiner Eltern brauchte, um eine Abtreibung zu bekommen. Ich erzählte dem Arzt, ich hätte Angst meine Eltern zu fragen, weil sie nicht wussten, was mir passiert war, als ich in der Schule war. Ich hatte ihnen nichts über diese Nacht erzählt. Ich erzählte, dass mein Vater mich gewöhnlich schlug. Ich hatte Angst wie die Eltern reagieren würden. Der Arzt sagte, er würde mich schützen und mit meinen Eltern reden. Natürlich waren sie geschockt und aufgeregt. Die Abtreibung wurde im Haus des Arztes in einem Hinterzimmer durchgeführt, seine Frau fingierte als Krankenschwester. Ich musste zwei Wochen im Bett bleiben. Eine Krankenschwester kam einmal täglich, um nach mir zu schauen. Zu dieser Zeit habe ich die Männer gehasst.

 

25-jährige Ehe mit Herbert Stiefel

 

Später traf ich meinen ersten Ehemann. Er war ein gehörloser Jude aus Deutschland, der im Oktober 1939 über London, England in die USA ging. Er war ein Maßschneider namens Herbert Stiefel. Wir waren 25 Jahre verheiratet bis er an Knochenmarkkrebs starb. Zuvor ging er mit meiner Kusine, die nicht taub war, aus, da sie beide aus Weinheim, Deutschland stammten. Ich fragte ihn, was er mit meiner Kusine unternähme, wenn sie ausgingen. Wohlgemerkt, der Altersunterschied zwischen mir und Herbert war ziemlich groß, ca. 10-15 Jahre. Auf meine Frage antwortete er, sie würden ins Theater oder zu Konzerte etc. gehen. Ich sagte: „Das ist gut für sie, aber was ist mit dir? Du bist taub. Du solltest mit jemandem sein, der wie du bist. Du solltest mit mir sein.“ Also fingen wir an, mittags zusammen auszugehen und verliebten uns Hals über Kopf. Wir waren 25 Jahre verheiratet bis er an Knochenmarkkrebs starb.

 

Dritte Ehe mit Paul Honigstein dauerte 28 Jahre

 

Ich heiratete ein zweites Mal, und dieser Mann starb plötzlich im Schlaf. Wir waren nur vier Jahre verheiratet.

Mein dritter Mann, Paul Honigstein, war 95 Jahre alt, als er starb, wir waren 28 Jahre verheiratet. Bevor ich Paul heiratete war ich einige Jahre Witwe.

 

Besuch in der Heimatstadt Kuppenheim

 

Ich habe Deutschland wieder besucht, aber es war eine schmerzliche Erfahrung zu sehen, wie der Friedhof meiner Urgroßeltern heruntergekommen war, trotz der Bemühungen meiner Tante Cora beim Bürgermeister der Stadt, der versicherte, dass alles gut gepflegt sein würde. Ich ging auch zum Wohnhaus meiner Kindheit, das vom Bürgermeister übernommen worden war. Ich fragte, ob ich ins Haus kommen dürfte, und sie luden mich ein. Als ich sah, dass das Esszimmer immer noch mit den Möbeln meiner Familie ausgestattet war, wurde ich von meinen Erinnerungen überwältigt. Sie hatten viele unserer Familienerbstücke behalten, als ob es ihre eigenen gewesen wären. Es hat mich sehr erschüttert, so habe ich mich schnell verabschiedet, ohne mich zu bedanken.

 

Ich habe meine Geschichte meinen Kindern am Passahfest erzählt, wie schön unsere Sederabende vor dem Krieg zu Hause in Deutschland waren. Wir hatten ein üppiges Mahl mit leckerer Matzeknödelsuppe und allen Beilagen. Die Matze wurde speziell von einer Firma bestellt und wurde in Kisten geliefert. Nach der Kristallnacht kam die Matze nicht mehr. Wir vermuteten, dass die Firmen, die die Matze produzierten, ihre Betriebe aufgeben mussten.

 

Wir konnten das Passahfest nicht traditionsgemäß feiern. Als wir in die USA kamen, trafen wir uns in unserer kleinen Wohnung mit dem wenigen was wir hatten, und wir waren froh, dass wir wieder Matze kaufen konnten.

 

Lebensgeschichte erstmals erzählt

 

Ich hatte meine Geschichte nie öffentlich erzählt, bis ich an einer Konferenz für gehörlose Juden teilnahm. Nach einer Podiumsdiskussion über den Holocaust und auf Bitte von Ruth Stern bin ich im Publikum aufgestanden und erzählte meine Geschichte. Ich hatte ziemlich Angst und starrte nur die Wand an, als alles aus mir heraus kam. Danach blieb kein Auge im Raum trocken.

*Viele nichtjüdische Kinder wurden zwangssterilisiert, als sie die Heidelberger Schule für Gehörlose unter Leitung von Dr. Singer besuchten. Siehe „Crying Hands“ (weinende Hände) von Horst Biesold für weitere Informationen.

 http://idea3.rit.edu/paddhd/deafww2/main/VIDEOS/NTID/IngeloreNTIDSummary.htm
Images by www.rit.edu/deafww2 site und Photo von Ingelores Sohn, Frank Stiefel

Übersetzt ins Deutsche von Angelika Decker, Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim, März 2017, Unterüberschriften vom AK eingefügt

Quelle.

http://www.jdcc.org/index.php?option=com_content&view=article&id=242:deaf-holocaust-survivor-ingelore-herz-honigstein&catid=121&Itemid=283

Ausgabe März/April 2007, Kategorie: Leitartikel

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Bewegende Rückkehr an den Ort der Kindheit

Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine im Gespräch mit Zeitzeugen /

Annäherungen an Ingelore Herz

 

Kuppenheim (mak) - „Sie saß da und weinte, sie war emoti­onal total gerührt", erinnert sich Marlies Kickert an ihre Begegnung mit Ingelore Herz Honigstein im April 2008 im Kuppenheimer Friseurge­schäft „Figaro's". Im Februar 1940 war Ingelore Herz mit ihren Eltern in die USA emig­riert, nun war sie mit ihren beiden Söhnen an den Ort der Kindheit zurückgekehrt. Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine unterhielt sich mit Marlies Kickert über diese Begegnung. Am 29. April wird für Ingelore Herz ein Stolperstein verlegt.

 

Ingelore Herz wurde am 27. Oktober 1924 in Kuppenheim geboren, ihre Eltern waren Berthold und Amalie Herz, ge­borene Hamburger. Als sie sechs Jahre alt war, fiel ihrer Tante Cora auf, dass das Mäd­chen nicht hören konnte. Dar­aufhin wurde sie von einem Therapeuten behandelt, der ihr Wort für Wort beibrachte: „Mit zwölf Jahren hat sie den ersten Satz gesprochen", berichtet Heinz Wolf über Herz. Deren Sohn Frank Stiefel hat seinen Debütfilm als Regisseur über ihr Leben gedreht. Die Doku­mentation wurde auf zahlrei­chen Filmfestivals weltweit gezeigt, unter anderem im Jahr 2010 auf der Ber­linale.

 

Nach der Reichspogrom­nacht 1938 nahmen die Diskri­minierungen gegenüber Juden immer mehr zu, auch im länd­lichen Raum, wie Heinz Wolf bei zahlreichen Gesprächen er­fahren hat. In den vergangenen Jahren hat sich der Sprecher des Arbeitskreises Stolperstei­ne mit Kuppenheimer Zeitzeugen unterhalten, die meisten Gespräche wurden im Rahmen einer losen Serie im Badischen Tagblatt festgehalten. Die zu­nehmende Unterdrückung der jüdischen Mitbürger habe da­mals auch vor den Kindern nicht haltgemacht: „Teilweise wurden die Schüler sogar von den Lehrern angehalten, ihre jüdischen Mitschüler zu ver­prügeln, was auch vom Eltern­haus nicht gestoppt wurde", er­zählt Wolf. Ingelore Herz sei damals gehänselt worden, weil sie eine Jüdin und behindert war, dies sei auch im Film zur Sprache gekommen.

 

Doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Im Alter von 15 Jahren besuchte sie die Jüdische Schule für Taube am Wannsee und arbeitete zudem als Hausmädchen bei einer rei­chen Familie in Brandenburg. In der Nähe der Schule war ei­ne Militärakademie, und als sie eines Abends zurück zur Schu­le wollte, wurde sie von zwei jungen Soldaten geschnappt und vergewaltigt.

 

Sogar von ihren Lehrern angehalten, ihre jüdischen Mit­schüler zu verprügeln, was auch vom Elternhaus nicht ge­stoppt wurde", hat Wolf erfah­ren. Herz sei damals gehänselt worden, weil sie Jüdin und be­hindert war, dies sei auch im Film zur Sprache gekommen. Doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Im Alter von 15 Jahren besuchte sie die Jüdische Schule für Taube am Wannsee und arbeitete zudem als Hausmädchen bei einer rei­chen Familie in Brandenburg, In der Nähe der Schule war eine Militärakademie, und als sie eines Abends zurück zur Schule wollte, wurde sie von zwei jungen Soldaten vergewaltigt.

 

Ingelore Herz wollte ihre Kindheit und Jugend in Deutschland vergessen und re­dete mit ihren Kindern nicht über diese Zeit. Doch als sie ein Seminar besuchte, das sich den Erfahrungen von Tauben während des Holocausts wid­mete, erzählte sie vor rund 500 Zuhörern, was ihr alles wider­fahren war. Am Ende habe nicht nur sie geweint, sondern der ganze Saal, wie im Florida Jewish Journal zu lesen ist. An­lässlich des Fort Lauderdale International Film Festivals, auf dem im November 2009 erstmals ihr Film gezeigt wur­de, berichtete die Zeitung über die einstige Kuppenheimerin.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt wussten auch ihre beiden Söhne Frank und Lester nichts über die schlimmen Erlebnisse ihrer Mutter während der nati­onalsozialistischen Diktatur. Und so machte sie sich mit ih­nen in die alte Heimat auf. Ihr Vater hätte die Eisenwa­renhandlung Herz & Schlorch in der Friedrichstraße betrie­ben, in dem Gebäude befindet sich heute das „Figaro's" von Thomas Krieg, dem Ehemann von Marlies Kickert. Sie war 1996 von Düsseldorf zu ihm nach Kuppenheim gezogen. Da sie früher bei der Lufthansa arbeitete und über ein gutes Englisch verfügt, habe ihr Mann sie zu der unerwarteten Besucherin gerufen: „Sie warzuvor auch im früheren Wohnhaus ihrer Eltern in der Murg­talstraße", berichtet Kickert. Auch durch diesen Besuch sei sie innerlich aufgewühlt gewe­sen. Im Friseurgeschäft traf In­gelore Herz zufällig eine frühe­re Klassenkameradin, die sich gefreut habe, sie nach all den Jahren wieder zu sehen, „Die beiden hatten danach Briefkontakt, und auch ich habe im November Weihnachtsgrüße von ihr bekommen, das fand ich großartig", führt die 68-Jäh­rige weiter aus. Es entwickelte sich ebenfalls ein Briefkontakt.

 

Ingelore Herz, die mehrmals verheiratet war und zuletzt den Nachnamen Herz Honigstein trug, starb am 1. Juli 2012. Was bleibt ist die 40-minütige Dokumentation mit dem Titel „In­gelore": „The Film changed both of our Lives" (der Film änderte unser beider Leben), schreibt Frank Stiefel auf eine Anfrage des Badischen Tag­blatts. Der 69-Jährige erinnert sich in seiner E-Mail noch an eine Anekdote, die ihm seine Mutter über die Zeit in Kuppenheim erzählte: Ein Nachbar der Familie Herz habe sich nachts heimlich aus dem Haus geschlichen, um frische Eier vorbeizubringen, obwohl dies streng verboten gewesen sei.

 

Zur Verlegung des Stolper­steins für seine Mutter am 29. April kann Frank Stiefel nicht kommen, er habe davon bislang nichts gewusst, schreibt er.

 

Badisches Tagblatt BT, 02.03.2017, Markus Koch


Foto: Ingelore Herz mit ihrem Sohn Frank Stiefel auf einer Auf­nahme vom November 2009. Heinz Wolf und Marlies Kickert tauschen sich über das Leben von Ingelore Herz aus, die im Frühjahr 2008 Kuppenheim besuchte.

 

Die Verlegung der vier Stolpersteine für die Familie Herz/Hamburger in der Murgtalstraße 37 musste auf Juli 2018 verschoben werden, da die vom Gemeinderat der Stadt Kuppenheim verpflichtenden Zustimmungserklärung der anliegenden Grundstücksbesitzer noch nicht erfolgte. Die Besitzer der Murgtalstraße 37 beteiligten sich dann erfreulicherweise an der Legung im Jahr 2018. Und es ergaben sich auch ausführliche Gespräche zum Thema "Juden in Kuppenheim" und zum "Jüdischen Friedhof Kuppenheim".

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Zeitzeugenbericht der Schulkameraden Maria Walz, Heinrich Westermann und Regula Burckhard und MarieLuise Schumann

 

Kuppenheim Ludwig Schlorch: Rettung in letzter Sekunde

                                                                                                                                 

Stolperstein in der Friedrichstraße 86

 

(Sendung 23. März 2015, www.swr.de/swr2/stolpersteine)

Als er erfährt, dass die Synagoge brennt, sitzt er in der Schulbank. Und bricht in Tränen aus. Es soll sein letzter Schultag sein, denn als Jude darf Ludwig Schlorch die Volksschule nicht mehr besuchen

 

Kurzbiografie Ludwig Schlorch:

 

Zu fünft waren sie in der Familie Schlorch. Vater Semi, Mutter Rosa und die drei Kinder Günther, Ilse, und Ludwig, der Jüngste.

 

Ausflug Kuppenheimer Geschäftsleute an den Rhein, mit den Eltern von Ludwig, Semi und Rosa Schlorch (5. und 6. von links).

 

Der Vater hatte einen Eisenwarenhandel. Als die Nazis kamen, musste er das Geschäft verkaufen. Max Franke übernahm den Laden. Seine Tochter Marie Luise Schumann erzählt, ihr Vater habe dieses Geschäft zwar übernommen. "Er hat aber einen Brief an die damalige Verwaltung geschrieben, er müsse sich da erst einarbeiten und bitte, den Semi Schlorch als Angestellten behalten zu dürfen."

 

Im eigenen Laden nur geduldet

 

Zunächst wurde das auch genehmigt. Semi Schlorch durfte in seinem ehemaligen Geschäft weiterarbeiten, wurde dafür von Max Franke auch bezahlt. Doch dann wurde die Genehmigung wieder zurückgenommen.

 

Die Schlorchs hatten versäumt, ihrer Heimat rechtzeitig den Rücken zu kehren. Die meisten der Kuppenheimer Juden waren nach dem Machtantritt der Nazis ins Ausland gegangen. Die Situation der Familie Schlorch, die geblieben war, wurde immer aussichtsloser. Was das für die Kinder bedeutete, zeigt das Schicksal des jüngsten Sohnes Ludwig.

 

Schulverbot

 

Bis zum November 1938 konnte er wenigstens noch in die Volksschule gehen. Aber dann kam der Tag nach der Pogromnacht. Drei der damaligen Klassenkameraden leben noch heute in Kuppenheim: Regula Burkhard, Maria Walz und Heinrich Westermann. Zehn Jahre alt waren sie damals, als plötzlich einer der Lehrer kam und rief: Die Synagoge brennt!

 

Die drei erinnern sich, dass Ludwig Schlorch in diesem Moment angefangen habe zu weinen. Die meisten Schüler rennen zur brennenden Synagoge. Es gibt ein Foto davon. Währenddessen sitzt Ludwig Schlorch schluchzend im Klassenzimmer – und wird von seinem Lehrer getröstet. Er schickt den Jungen nach Hause. Und Heinrich Westermann sagt heute: "Ich habe mich schon oft gefragt, warum wir den Ludwig nicht begleitet haben. Aber wir waren Kinder von zehn Jahren."

 

Ludwig darf fortan nicht mehr in die Schule. Das verstehen die Mitschüler nicht. Einer von ihnen geht heimlich zu Ludwig und bringt ihm die Hausaufgaben. Bis das schließlich einer der örtlichen NS-Funktionäre spitzkriegt und dem Schüler verbietet, den Judenjungen künftig zu besuchen.

 

Deportation nach Gurs

 

Dann kam der 22. Oktober 1940. Damals lebten in Kuppenheim nur noch 16 Juden, darunter die fünfköpfige Familie Schlorch. Man gab ihr eine Stunde Zeit zum Packen. Was sollte man auf solch eine Reise ins Ungewisse mitnehmen? Das Meiste musste ohnehin zu Hause bleiben. Sie wurden gezwungen, zum Platz vor der Turnhalle zu gehen. Dann mussten alle auf einen Lastwagen klettern, der sie zur nächsten Bahnstation brachte. Von dort ging es nach Gurs, in das berüchtigte Lager am Fuße der Pyrenäen. Mehr als 6.000 pfälzische und badische Juden wurden an diesem Tag abtransportiert.

 

Viele starben in den ersten Wochen an den schrecklichen Entbehrungen, viele wurden später nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

 

"Kind, bleib' lieber da"

 

Als die Familie Schlorch in Kuppenheim auf den Lastwagen klettern musste, war die kleine Nachbarstochter Marie Luise dabei. Das hatte ihr jedenfalls ihre Mutter später erzählt. Marie Luise, die später lange Jahre Lehrerin in Kuppenheim war, hatte die Familie Schlorch offenbar gemeinsam mit ihrer Mutter zum Sammelplatz begleitet. Rosa Schlorch hatte ihr eine Puppe geschenkt, das Kind mochte sie. Deshalb stand sie vor dem Lastwagen und rief: "Ich will mit, ich will mit!" Und Rosa Schlorch habe geantwortet: "Kind, bleib' lieber da."

 

Schnäppchenjagd

 

Nachdem alle Juden weg waren, sammelte man ihr Hab und Gut und brachte es in die Turnhalle. Die Kuppenheimer waren aufgefordert, die Sachen zu ersteigern. Ein Angebot, das mancher nur allzu bereitwillig annahm. Es kam zu haarsträubenden Szenen. Kurz nach dem Abtransport der Juden sah man eine junge Frau in einem Kleid von Ilse Schlorch durch die Stadt spazieren. "Man sah das genau", sagt Maria Walz, "denn man kannte ja das Kleid und wusste, wem es vorher gehört hatte."

 

Ein Mann mit einer Rot-Kreuz-Armbinde breitete die Arme aus

 

Die Eltern Schlorch, Semi und Rosa, wurden später in Auschwitz ermordet. Ebenso ihr Sohn Günther. Nur Ilse und Ludwig Schlorch überlebten. Ilse Schlorch gelang es in Frankreich, von einem Lastwagen zu springen und sich in Sicherheit zu bringen. "Das hat sie später bei Besuchen in Kuppenheim selbst erzählt", berichtet Marie Luise Schumann, gebo- rene Franke.

 

Dass auch Ludwig Schlorch überlebte, war einer wundersamen Begebenheit zu verdanken. Längere Zeit war er in der Obhut des jüdischen Kinderhilfswerks OSE gewesen und wurde in einem von der Organisation unterhaltenem Kinderheim, im Château de Montintin, südlich von Limoges, untergebracht. Dann sollte er doch, zusammen mit seinen Eltern, nach Auschwitz deportiert werden. Bei seiner Rückkehr ins Lager Rivesaltes im August 1942 erkannte er sie kaum wieder, so elend und abgemagert sahen sie aus.

 

Als er vor dem langen Zug in der Schlange wartete, sah er plötzlich einen Mann mit einer Rot-Kreuz-Armbinde. Der Mann breitete die Arme aus und bedeutete ihm, zu ihm zu kommen. Ludwig lief los. Das war seine Rettung. Die französische Miliz wollte ihn noch aufhalten. Doch der Rot-Kreuz-Mitarbeiter machte ganz klar: Das Kind gehört zu mir.

 

Jahrelange Prozess

 

Ludwig Schlorch ging später in die USA, wo er erst im Rentenalter starb. Er und seine Schwester Ilse zogen nach dem Krieg vor Gericht und erstritten in jahrelangen Prozessen finanzielle Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht. Ilse klapperte die Häuser in Kuppenheim ab, um die Räume nach Gegenständen zu durchsuchen, die einst ihrer Familie gestohlen worden waren.

 

Ludwig hatte allerdings noch einen anderen Grund, nach Kuppenheim zurück zu kehren. Heinrich Westermann erzählt: "Er ist gekommen, um sich bei dem Schulkameraden zu bedanken, der ihm damals heimlich die Schularbeiten gebracht hat."

 

swr2, 23.3.2015, Johannes Weiß, http://www.swr.de/swr2/stolpersteine

Mediathek:                                                                                               http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/stolperstein-ludwig-schlorch/-/id=12117596/did=15270610/nid=12117596/it8lnm/index.html

Text vorgelesen:                                                                                       http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/ludwig-schlorch-kuppenheim/-/id=12117596/did=15270798/gp2=15278276/nid=12117596/i5tcbh/index.html

  

http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/bildergalerie/-/id=12117596/did=13831192/gp1=15270610/gp2=15278276/nid=12117596/vv=gallery/1nh2e3a/index.html

Anmerkung: Der AK Stolpersteine Kuppenheim lieferte Dr. Johannes Weiss (swr2) die wesentlichen Materialien und Adressen zur Sendung über Ludwig Schlorch. Der AK Stolpersteine dankt dem swr2 für den gelungenen Beitrag am 23. März 2015.

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Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine bei                                      Zeitzeugin Marieluise Schumann 

 

Jahrelanger Rechtsstreit mit jüdischen Nachkommen 

 

Kuppenheim - Die Ge­schäftsleute Max Franke und Rudolf Röder erwarben im Oktober 1938 die Kuppen- heimer Eisenwarenhandlung von den jüdischen Inhabern Bertold Herz und Semi Schlorch in der Friedrichstra­ße 86. Zwei Jahre später wur­de Schlorch mit seiner Fami­lie nach Gurs abtransportiert. Seine Tochter Ilse überlebte und kam 1946 nach Kuppen­heim, weil sie das elterliche Haus zurück haben wollte. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgte, wie sich Marieluise Schumann, geborene Franke, im Gespräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolperstei­ne erinnert.

 

„Die Eltern von Semi Schlorch waren zu alt zum Auswandern, die Kinder noch zu klein. Deswegen ist er mit seiner Familie in Kuppenheim geblieben", erläutert Heinz Wolf im Gespräch mit der Zeitzeugin. Der im März 1889 geborene Kaufmann Semi Schlorch hatte die Eisenwaren­handlung „Herz & Schlorch" von seinem Schwiegervater Sa­muel Herz übernommen. 1936 oder 1937 wurden ihm und Bertold Herz vonseiten des NS-Regimes die Tätigkeit als selbstständiger Einzelhandelskaufmann verboten. Im Okto­ber 1938 verkauften er und Herz das Geschäft dann an Max Franke und Rudolf Rö­der. Als im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht am 10. November jüdische Ge­schäfte und Wohnungen zer­stört wurden, stellte sich Fran­ke schützend vor seine frische erworbene Eisenwarenhand­lung und bewahrte damit auch die darüber liegende Wohnung von Familie Herz vor Übergrif­fen, wie dessen Tochter berich­tet. Hierfür sei er von der NSDAP-Kreisleitung verwarnt worden.

 

Nach dem Synagogenbrand am 10. November in Kuppen­heim kam Semi Schlorch in sogenannte „Schutzhaft" ins Konzentrationslager Dachau, ebenso Bertold Herz. Franke wandte sich daraufhin am 22. November an die Geheime Staatspolizei in Karlsruhe und an deren Außenstelle in Baden-Baden, und machte gel­tend, dass es „dringend erfor­derlich" sei, dass ihm die bishe­rigen Inhaber „noch einige Zeit hier zur Verfügung stehen". Das Schreiben hat Marieluise Schumann in einer der beiden alten Aktenmappen ihrer El­tern entdeckt, die voll mit Schriftstücken und Dokumen­ten sind. In der Knöpflestadt ist sie keine Unbekannte, schließ­lich unterrichtete die Grund- und Hauptschullehrerin nach Stationen in Michelbach und Weitenung ab 1962 im Ort.

 

Franke hatte mit seinem Bitt­brief Erfolg. Doch die Kreisge­schäftsstelle der NSDAP-Gauleitung Baden machte in einem Schreiben vom 12. Dezember 1938 klar, dass man „unter gar keinen Umständen" dulde, dass Franke zusammen mit Herz und Schlorch Kundschaft besuche.

 

Im Februar 1940 wanderte Bertold Herz mit seiner Fami­lie in die USA aus. Dann kam der 22. Oktober 1940, an dem die letzten 16 Kuppenheimer Juden in Lastwagen nach Gurs abtransportiert wurden. Die damals zweijährige Marieluise Schumann hat von ihrer Mut­ter erzählt bekommen, was sich damals in der Friedrich­straße 86 abspielte. Rosa Schlorch habe vor ihrer Abho­lung der Mutter noch eine Brieftasche zum Aufbewahren gegeben. Kurz bevor Rosa Schlorch das Haus verlassen musste, sei sie ohnmächtig ge­worden. Ihr Vater Max Franke habe der Bewusstlosen etwas Wein eingeflößt. Ein SA-Mann habe unwirsch reagiert und ihm gedroht, dass er auch mit­genommen werde. Sie habe zu Rosa Schlorch gesagt, dass sie auch mitkommen wolle. „Bleib' lieber da, Mädel", habe diese gemeint. Ilse Schlorch schenkte ihr beim Abschied ih­re Puppe.

 

Die Wohnung von Familie Schlorch stand noch ein paar Monate leer, im Juni 1941 zog Familie Franke dort ein. Ein Jahr später erlitt Max Franke im Alter von 59 Jahren einen Herzinfarkt und starb. Die Mutter übernahm daraufhin das Geschäft.

 

Im Jahr 1946 kehrte Ilse Schlorch mit ihrem Mann nach Kuppenheim zurück und beanspruchte das elterliche Haus. „Sie wollten allerdings nicht darin wohnen, weil sie nicht mehr in Deutschland le­ben wollten. Doch meine Mut­ter verwies auf den Kaufvertrag und sagte, dass das Geschäft ihre Existenzgrundlage sei", be­richtet Marieluise Schumann.

Da sich beide Seiten nicht ei­nigen konnten, wurden Rechtsanwälte eingeschaltet, die Streitsache ging schließlich im Jahr 1951 vor die Restituti­onskammer in Offenburg. Franke ließ sich von dem Ba­den-Badener Rechtsanwalt Camill Würz vertreten, der von 1968 bis 1976 Präsident des Landtags von Baden-Württem­berg war. Schließlich erging 1964 das Urteil, dass Franke noch knapp 11 000 D-Mark an Ilse Schlorch zahlen musste. Das Gericht hatte die Kosten berücksichtigt, die bei der Re­novierung des Hauses Ende der 1940er Jahre angefallen waren. Ihre Mutter habe das Geschäft bis 1969 weiterge­führt, bevor sie es abgab.

 

Marieluise Schumann zog 1965 aus der Friedrichstraße 86 aus, als sie heiratete. Anfang 1973 ging es ins neue Haus im Siegenweg, wo sie bis heute wohnt.

 

Badisches Tagblatt, 28. Juli 2015, Markus Koch


Marieluise Schumann (links) und Bertha Müller vor dem Geschäft. Marieluise Schumann blickt im Gespräch mit Heinz Wolf auf die Ereignisse in Kuppenheim während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach zurück. Foto: Koch

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