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Friedhof 06 09 2020 klein

Murgtalstraße 37

 

O Berthold Herz - Schutzhaft

O Die jüdische Eisenwarenhandlung Schlorch (Herz & Schlorch) in Kuppenheim

O Ingelorer Herz

O Cora Hamburger

O Ingelore - Lebensgeschichte (deutsche Übersetzung)

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Stolpersteine für Familie Herz in der Murgtalstraße 37, Kuppenheim:

 

Berthold Herz

Amalie Herz, geb. Hamburger

Ingelore Herz, verh. Honigstein

Cora Hamburger

 

Berthold HERZ

 

wurde am 12.04.1897 in Kuppenheim geboren. Er war von Beruf Kaufmann. Mit seinen Eltern Samuel Herz, geb. 08.08.1861, (Eisenwarenhandlung Herz & Schlorch) und Sara Maier aus Malsch, verheiratete Herz, lebte er und später und mit seiner Familie in der Friedrichstraße 86 in Kuppenheim.

 

Berthold Herz musste seit dem 28.12.1938 den zusätzlichen Vornamen Israel tragen. Mit dem verbliebenen Erlös aus dem Zwangsverkauf seines Geschäfts  in der Friedrichstraße 86 besorgte sich Berthold in der Murgtalstraße 37 ein Einfami-lien-Wohnhaus. Auch dieses Anwesen wurde jedoch kurz darauf von den National- sozialisten „entjudet“ 1939/1940.

 

In Schutzhaft

 

Obwohl Berthold Herz im Ersten Weltkrieg patriotisch (mit Aus- zeichnung) für das deutsche Vaterland kämpfte, wurde er am 11. November 1938 nach dem von Nazi-Schergen angezettelten Synagogenbrand ins KZ Dachau in Schutzhaft gesteckt. Am 06.12.1938 kehrte er aus Dachau zurück. Er und die anderen fünf Kuppenheimer Schutzhäftlinge ließen nie ein Wort über ihrer Haft im KZ Dachau verlauten. Die Nazis drohten den frei gelassenen Häftlingen und deren Familienangehörigen wohl drakonische Strafen an, falls sie über die Haftbedingun- gen berichtet hätten.

 

Endlich der nationalsozialistischen Vernichtung entkommen. Berthold wanderte mit seiner Familie am 05./06.02.1940 über Rotterdam (Holland) in die USA aus Sie kamen dort am 22.02.1940, dem Geburtstag des George Washington, an. 1947/1950 lebte Berthold mit seiner Familie in New York.

 

Aufnahme von Juden in Not

 

Im Wohnhaus der Familie Berthold Herz in der Murgtalstraße 37 lebten Ende der 30er Jahre immer wieder verfolgte und entrech- tete Juden wie Amalies Schwester Cora Hamburger und die Rastatter Familie Samuel (Hermann, Helene und Herbert).

 

Aufnahme von Ludwig Schlorch

 

Berthold holte 1946 seinen Neffen Ludwig (Louis) Schlorch zu sich nach New York, nachdem dieser in eine Internatsschule in Beaulieux (Dordogne) den Holocaust überlebt hatte. Am 22.10.1940 wurde Ludwig mit seinen Eltern (Semi und Rosa, geb. Herz, Schwester von Bertholds Ehefrau Amalie Herz) sowie den Geschwistern (Ilse und Günter) von Kuppenheim ins Lager in Gurs in den Pyrenäen deportiert. Von dort kam Ludwig ins Nebenlager Rivesaltes und schließlich in das O.S.E.-Kinderheim Chateau de Montintin.

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Schutzhaft in Dachau für sechs Kuppenheimer Juden Heinrich Dreyfuß erschossen

 

Die Juden aus dem Rastatter Bezirk wurden nach Josef Werner dem Karlsruher Transport nach Dachau angeschlossen. Was die 400 bis 500 Juden dieses Karlsruher Transportes erlitten, die sich in der Nacht vom 10. zum 11. November 1938 auf dem Weg nach dem Konzentrationslager Dachau befanden, wo sie gegen neun Uhr vormittags eintrafen, schilderte der Jude Prof. Dr. Ludwig Marx:

 

Diese Nacht fuhren wir, ohne dass jemand ein Auge schloss. Unsere Gedanken weilten bei unseren Lieben, beim Abschied von ihnen, von unserer Arbeit, vielleicht sogar vom Leben. Sowie der Zug (in Dachau) hielt, sahen wir sofort, was los war. An den Gleisen standen SS-Posten mit aufgepflanzten Bajonetten.

 

...Wir mussten in den Abteilen bleiben, und dann kamen diese Henkersknechte herein, um uns zu begrüßen mit ihren Gewehrkolben, ihren Helmen und ihren Fäusten ", so schilderte Ludwig Marx, der beim Aufstellen vor dem Zug sofort eine heftige Ohrfeige erhielt, die Ankunft.

 

Auf die Frage: »Wo ist der Rabbiner?« trat Dr. Schiff, der Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft in : Karlsruhe, bedenkenlos nach vorn. »Also, Du bist das Schwein!« war die Antwort. Dann wurde Dr. Schiff zu Boden geschlagen. »Bleich und mit Schreck«, so berichtet Sigmund Roiss, hätten die den Transport begleitenden badischen Polizisten beobachtet, wie die SS-Leute den Häftlingen Faustschläge versetzten, auf die Füße traten und in die Kniekehlen »kickten«. »Sie« (die badischen Polizisten) »machten ganz lange Gesichter, als sie sahen, wie ihre deutschen Genossen auf die Gefangenen loshauten«.

 

Dachau war eines der drei Konzentrationslager, nach denen die während des Novemberpogroms 1938 festgenommenen über 26 000 deutschen Juden verbracht wurden. In Dachau wurden vornehmlich Juden aus Süddeutschland, dem Rheinland und Österreich sistiert, 10911 an der Zahl....

 

Die Karlsruher Juden wurden nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhof Dachau zu 50 bis 60 Mann in Viehwagen hineingetrieben und dann ins Lager geschafft. Dort warteten in einer riesigen Schlange schon tausende von Schicksalsgenossen aus anderen Städten auf ihre Registrierung und »Einkleidung«, eine unendliche, düstere Reihe armer Menschen, die den ganzen Tag ohne Essen und Trinken stehen mussten. Dabei bewegte sich die Schlange alle Viertelstunde um etwa zehn Meter weiter.

 

Als das Ziel am Abend noch lange nicht erreicht war, wurden die noch immer in der Menschenschlange Wartenden in die Baracken hinein-, wieder heraus- und wieder hineingetrieben, jeweils ca. 300 Mann in Unterkünfte, die etwa 40 Menschen beherbergen sollten. »In dieser leeren Baracke mussten wir auf dem Boden sitzen, jeder den Vordermann zwischen den Beinen, so dass man sich nicht hinlegen konnte. ... Die Luft wurde schlecht, man konnte kaum atmen oder sich bewegen«, berichtet Prof. Marx und fügt hinzu:

 

»Unglücklicherweise saß ich in der letzten Reihe gegen die Wand, die Tür war gegenüber. Schließlich konnte ich es nicht mehr aushalten; mein Gesicht war schweißüberströmt; ich musste hinaus, sonst wäre ich ohnmächtig geworden. Es war schwierig über meine armen Kameraden zu klettern, aber am Ende erreichte ich die Tür und den Gang. Ich hatte schrecklichen Durst, aber während der Nacht durften wir die Baracke nicht verlassen, sonst wären wir erschossen worden ".

In Dachau mussten die Juden Wochen und zum Teil Monate unter menschen- unwürdigen Bedingungen verbringen. Es wurde ihnen der Kopf kahlgeschoren, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt und in viel zu kleine Baracken gepfercht, sie mussten bei Kälte stundenlang auf dem Exerzierplatz stehen und waren der Willkür der SS-Wachmannschaften ausgeliefert. Mindestens 40 der etwa 2.000 Häftlinge aus Baden und Württemberg fanden den Tod. Einige starben an Entbehrungen und Misshandlungen, andere wurden aus ungeklärten Gründen erschossen.

 

Mit Erschießen wurde den Schutzhäftlingen bei jeder Gelegenheit gedroht. Erschießungen fanden auf dem nahegelegenen SS-Schießplatz Prittlbach statt.

 

Der Kuppenheimer Heinrich Dreyfuß starb am 24. November 1938 an eben diesem Ort Prittlbach, auf dessen Gemarkung das KZ Dachau zum Teil lag. Josef Werner berichtet von zwei ähnlich gelagerten Karlsruher Fällen, bei denen am gleichen Tag, dem 24. November, der Karlsruher Hautarzt Dr. Leopold Liebmann in Dachau starb, und am 30. November drei Juden auf dem SS-Schießplatz Prittlbach erschossen wurden. Wie Oskar Stiefvater schilderte, fand die SA am 10. November 1938 in der Wohnung des Heinrich Dreyfuß einen alten Kavalleriesäbel. Möglicherweise war dieser Waffenfund für Heinrich Dreyfuß das Todesurteil.

 

Noch im November 1938 wurden die ersten Häftlinge aus Dachau entlassen. Frei kamen zunächst Gefangene, bei denen zu erwarten stand, dass sie in kurzer Zeit auswandern würden. Fast einen vollen Tag dauerte das Entlassungsverfahren. Jeder musste eine Erklärung unterschreiben, dass er das Lager bei voller Gesundheit verlasse und keine Ansprüche an das Deutsche Reich stelle. Den Häftlingen wurden die eigenen Kleider und Habseligkeiten ausgehändigt, dann mussten die vor ihrer Entlassung stehenden Gefangenen zum letzten Mal in Reih und Glied antreten.

 

Dabei belehrte ein SS-Offizier die Männer so: Oskar Stiefvater berichtet, die verhafteten Juden seien drei Wochen nach der Reichskristallnacht schweigend zurückgekehrt. Die Angst schloss ihnen den Mund.

 

Nach einer Mitteilung des Bürgermeisteramts Kuppenheim an die Gestapo in Baden-Baden kamen Berthold Herz, Hermann Kahn und Semi Schlorch am 6. Dezember 1938 nach Kuppenheim zurück.

 

Nach anderen Unterlagen gelangten Max Dreyfuß und Hermann Heinrich Valfer ebenfalls wieder nach Kuppenheim zurück. Zusammen mit seiner Frau wurde Max Dreyfuß am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich deportiert.

 

Das weitere Schicksal Hermann Heinrich Yalfers ist nicht bekannt.

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Amalie HERZ, geb. Hamburger,

 

wurde am 05.03.1899 in Rimbach bei Fürth/Bayern geboren. Sie heiratete Berthold Herz

und zog zunächst in die Friedrichstraße 86 nach Kuppenheim.

 

Amalies  Vater Rudolf Hamburger (geb. in Rimbach bei Fürth) verstarb 1942 in Worms an Krebs. Ihre Mutter Johanna Fürth aus Osterpai bei Boppard am Rhein verstarb ebenfalls im Jahr 1942 in Worms.

 

Amalie meldete sich am 31.01.1940, von Walldorf kommend, polizeilich in Kuppenheim an. Vorher verloren sie und die Familie zum zweiten Mal (nach der Freidrichstraße 86 und Murgtalstraße 37) das Zuhause in Kuppenheim.

 

Am 05./06.02.1940 gelangen ihr und der Familie sowie der Schwester Cora Hamburger die verzweifelt betriebene Emigration in die USA. 1947/1950 lebte Amalie mit Ehemann Berthold und der Tochter Ingelore in New York.

 

Ingelore HERZ,

 

geboren am 27.10.1924 in Kuppenheim, war von Geburt an gehörlos. Ihre Tante Cora

Hamburger entdeckte die Behinderung und sorgte dafür, dass Ingelore auf die

Gehörlosenschule in Heidelberg kam, wo sie das Sprechen erlernte. Ein weiterer

Aufenthalt im jugendlichen Alter war in der Gehörlosenschule in Wannsee.

 

Am 05./06.02.1940 emigrierte Ingelore mit ihren Eltern und ihrer Tante Cora Hamburger

in die USA. Sie heiratete und bekam von ihrem ersten Ehemann Herbert Stiefel zwei

Söhne. Nach der dritten Heirat mit Paul Honigstein, lebte sie seit etwa 1984 in Margate,

Florida.

 

Ingelore kam wiederholt zu Besuch nach Kuppenheim, so im Oktober 2009, mit ihren beiden Söhnen Frank Stiefel (Filmemacher) und Lester Stiefel. Bei diesem Besuch und bei einem Aufenthalt in Berlin drehte Frank den Film „Ingelore“ über seine Mutter, Ingelore Honigstein (siehe www.FLIFF.com), der 2010 auf der Berlinale gezeigt wurde.

 

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Die jüdische Eisenwarenhandlung in Kuppenheim

 

Berthold Herz betrieb mit seinem Schwager Semi Schlorch die Eisenwarenhandlung in Kuppenheim in fünfter Generation, dann folgten christliche Eigentümer.

 

1. Generation: Den Anfang dieser erfolgreichen Geschäftsgeschichte machte Samuel Herz  (geboren um das Jahr 1739 in Bühl. Samuel war Judenvorsteher in Kuppenheim(ab 1799), Judenanwalt sowie Handelsmann (Eisen- und Spezerei-Krämer). Samuel musste noch Pflastergeld für das Pflaster in der Rastatter Innen- stadt bezahlen.

 

2. Generation: Salomon Samuel Herz übergibt die Eisenwarenhandlung an seinen Sohn Salomon (Samuel) Herz (geboren um das Jahr 1776 in Kuppenheim). Wie sein Vater war auch Salomon Herz von Beruf Handelsmann sowie Eisen- und Spezereikrämer. Er besaß die Bürgerrechte des Stadt Kuppenheim. Die Ehefrau von Salomon Herz (Barbara Lobheimer) starb im Jahr 1861. Der Witwer Salomon Herz lebte nun bei seinem Sohn Baruch Herz und übergab ihm das Eisenwarengeschäft.

 

3. Generation: Der Kuppenheimer Bürger, Handels- und Kaufmann Baruch Herz (geboren am 16.05.1820 in Kuppenheim) heiratete am 22.05.1850 in Muggensturm

 

die Jüdin Jette Vogel aus Muggensturm. Die sehr wohlhabende Familie lebte in ihrem Haus direkt am Stadtgraben (in süd-östlicher Richtung, Hauptstraße 41, alte Zählung).

 

4. Generation: Baruch Sohn Samuel Herz (geboren am 08.08.1861 in Kuppen- heim) übernahm als Kaufmann das Eisenwarengeschäft und führte es in der Fried- richstraße 86 weiter. Samuel Herz war am 30.04.1940 noch Eigentümer des Grundstücks an der Friedrichstraße 86. Am 22.10.1940 wurde er als 79-Jähriger mit seiner Ehefrau Sara (geb. Maier,) und seiner Familie (Tochter Rosa Schlorch, Schwiegersohn Semi Schlorch, Enkelkinder Günter, Ilse und Ludwig) ins Internie- rungslager Gurs in den französischen Pyrenäen deportiert. Er erhielt die Depor- tieren-Nummer 5362. Am 29.06.1942 starb er in Perpignan im 80sten Lebensjahr, seine Ehefrau Sara am 30.12.1942 mit 76 Jahren.

 

5. Generation: Ab 1919 betrieben Samuels Sohn Berthold Herz (geboren am 12.04.1897 in Kuppenheim) zusammen mit dessen Schwager Semi Schlorch (geboren am 13.03.1889 in Obbach bei Schweinfurt) die regional bekannte Eisen- warenhandlung unter dem Namen „Herz & Schlorch“ weiter. Am 12. Dezember 1938 meldeten die Juden (von den Nationalsozialistischen erzwungen) ihr Geschäft „Herz & Schlorch Eisen und Metalle“) beim Bürgermeisteramt Kuppenheim ab.

 

6. Generation (jetzt in arischer Hand): Am 15. Dezember 1938 wurde die Eiswaren- handlung unter „Franke & Röder“ in Kuppenheim weiter geführt.

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Cora Hamburger,

 

geboren am 23. Februar 1904 in Rimbach bei Fürth. Durch die verwandtschaftlichen Beziehungen zu  ihre Schwester Amalia Hamburger, geb. am 5. März 1899 ebenfalls in Rimbach, und ihrem Schwager  Berthold Herz, Kaufmann und Eisenwarenhändler, sowie deren Tochter Ingelore kam sie häufig nach Kuppenheim. Ingelore war taubstum, was die Eltern über viele Jahre nicht erkannten und sich ihrer angeblich behinderten Tochter schämten. Erst nachdem Cora die Eltern  aufklärte, konnte Ingelore in Heidelberg eine Schule für Scherhörige und Taubstumme besuchen, so dass sie endlich mit sechs Jahren das erste Wort und mit acht Jahren den ersten Satz sprechen konnte.

 

Als Diplomhandelslehrerin lehrte Cora Hamburger im "Jüdisches Landschulheim“ in Herrlingen  bei Ulm an der Donau. Von der Landschulheimbewegung in den 30er Jahren waren auch die Juden begeistert, zumal seit der Machtergreifung Hitlers, jüdische Kinder in staatlichen Schulen im stärker Repressionen ausgesetzt waren. Auch wurde es wegen des politischen und gesellschaftlichen Drucks für die jüdischen Familien immer schwieriger, pädagogische Aufgaben zu erfüllen und in eine entsprechende Erziehungsarbeit zu leisten. Im Landschulheim konnte insbesondere der Gro0ßstadtjugendsd die Natur, Einfachheit und Beschaulichkeit bei eine individuellen Pädagogik und einfühlendem Verständnis wieder näher gebracht werden.

 

Das Landschulheim entsprach dem Typ des Reform-Gymnasium und war durch ministeriellen Erlass der Regierung von Württemberg staatlich anerkannt.

Der Lehrplan gliederte sich in drei Bereiche. 1. Einführung der jüdischen Kinder aller sozialen Schichten im deutschen und jüdischen Kulturkreis und sie zu Persönlichkeiten zu erziehen; 2. Sprachliche Vorbereitung auf die Auswanderung; 3. Vorbereitung auf handwerkliche, gärtnerische und hauswirtschaftliche Ausbildung im Rahmen der beruflichen Umschichtung der Juden. 

 

Da die Stimmung im deutschen Reich ab 1933 immer unerträgliche wurde, entschlossen sich viele Juden zur Auswanderung.  Dies hatte zur Folge, dass die Anzahl der jüdischen Schüler in der Einrichtung von zeitweise von bis zu 150 stark zurück ging und die Schließung drohte.

 

Im März 1939 wurde die Schule geschlossen und ein  Zwangs-Altersheim eingerichtet, in dem jüdische  Bewohner verschiedener württembergischer Orte eingewiesen wurden. Von 1943 bis 1945 wurden die Gebäude schließlich Generalfeldmarschall Erwin Rommel und seiner Familie zur Verfügung gestellt. Mindestens 15 ehemalige Schüler und Lehrer wurden Opfer der Verfolgungszeit 1933 bis 1945.

 

Cora Hamburger verlor ihre Arbeit an der Schule, wohnte deshalb in der Zeit vom 22. November 1938 und Februar 1940 immer wieder bei ihrem Schwager in Kuppenheim. Am 14. September 1939 zog sie wiederum nach Kuppenheim, nachdem sie einige Zeit in ihrem Geburtsort Rimbach lebte. Seit dem 31.10.1939 muss Cora (wie auch  ihre Schwester Amalie) den zusätzlichen Vornamen Sara tragen. An diesem Tag melden sich beide polizeilich von Kuppenheim ab. Vorher war Cora in Baden-Baden (Fremersberstraße 48) aus Hausangestellte tätig.

Es ist davon auszugehen, dass Cora Hamburg am 5./6. Februar 1940 mit der Familie Berthold Herz nach USA auswanderte und am 22. Februar 11940, dem Geburtstag Georg Washingtons) New York erreichte.  

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Gehörlose Überlebende: Ingelore Herz Honigstein

Geboren in Kuppenheim, Eltern: Berthold und Amalie Herz,   Friedrichstraße 86

 

Ich heiße Ingelore, aber viele Amerikaner können sich meinen Vornamen nicht merken, also bin ich als Lore bekannt. Mein Mädchenname war Herz, was auf Deutsch „das Herz“ bedeutet. Ich bin 1924 geboren und in Kuppenheim bei Baden-Baden im Schwarzwald in Deutschland aufgewachsen. Meine Eltern hießen Berthold und Amalie Herz. Ich habe mich nicht viel mit meiner Familie unterhalten können.

 

Tante Cora Hamburger entdeckt Ingelores Schwerhörigkeit

 

Alle meine deutschen Familienmitglieder konnten hören. Meine Tante Cora, die Schwester meiner Mutter, sagte mir, ihr fiel auf, als ich ein Jahr alt war, dass ich vielleicht taub sein könnte. Als der Arzt dies bestätigte, wollte meine Mutter das nicht akzeptieren. Ich habe keine Geschwister, weil meine Mutter Angst hatte, ein weiteres taubes Kind zu bekommen. Ich wurde zu Pflegeeltern geschickt. Mein Pflegevater war Sprachtherapeut. Er wollte, dass ich meine Stimme benutze, aber sie war wie gelähmt. Er hat mich eines Tages auf den Rücken geschlagen, und ich schrie. Auf diese Weise hat er meine Stimme zum Leben gebracht. Danach übten wir den Ton von JEDEM Buchstaben. Es war ein langwieriger Prozess, so wie wenn man wieder laufen lernen muss, nachdem man gelähmt war.

 

Kindheit in Kuppenheim

 

Ich wurde in eine Schule für Schwerhörige geschickt als ich sechs Jahre alt war. Später ging ich in eine Schule für Gehörlose. Ich war ein richtiger Wildfang, wollte immer draußen spielen und Abenteuer erleben. Meine Familie war eine rein jüdische Familie. Meine Kinder haben inzwischen katholische Frauen geheiratet. Sie sind sehr nett, und ich mag sie sehr. Als ich Kind war, gingen meine Eltern jeden Freitag in die Synagoge, aber ich konnte nicht verstehen, was dort gesagt wurde. Wir waren sehr wohlhabend, aber als die Nazis zur Macht kamen, haben sie all unser Silber, die Pelze und Wertgegenstände genommen. Ich kann mich erinnern, wir mussten für Chanukka eine Menora aus einem Stück Holz machen. Als ich in Deutschland während der Nazizeit aufwuchs, habe ich Hitler, Himmler und Goebbels (der sehr klein war) in einer Autokolonne vorbeifahren sehen, Hunderte von Deutschen haben den Hitlergruß gezeigt. Ich habe es auch getan, aus Angst Schwierigkeiten zu bekommen. Das war 1932.

 

Auf der Schule für Schwerhörige in Heidelberg

 

Ich ging zu einer Schule für Gehörlose in Heidelberg. Ich war das einzige jüdische Kind und habe arg unter Spott und Schikanen meiner Klassenkameraden gelitten. Als ich mich über diese ungerechtfertigte Behandlung beim Schulleiter, Dr. Singer*, der auch wie die meisten Lehrer ein Nazi war, beschwerte, hat er mir keine Erklärung gegeben, sondern sagte, es wäre das Beste, wenn ich nach Hause geschickt würde.

 

Zurück in Kuppenheim – Familie von den Nazis beraubt

 

Also wurde ich im November 1938 nach der Reichskristallnacht mit dem Zug nach Hause geschickt. Vom Zug aus sah ich viele abgebrannte Synagogen und mit Nazischildern und Hakenkreuzen verunstaltete jüdische Geschäfte. Meiner Familie wurde schon vorher Silber, Pelzmäntel, Schmuck weggenommen, sie mussten einen Davidstern als Abzeichen tragen und unsere Ausweispapiere, die mit einem „J“ für Jude abgestempelt waren, immer bei sich haben. Als ich am Bahnhof in meinem Heimatort ankam, war niemand da, um mich zu empfangen. Ich musste mein Gepäck über eine lange Strecke nach Hause tragen. Als ich

bei unserer sehr großen und schönen Villa ankam, war die Eingangstür mit zwei Holzstücken in X-Form verbarrikadiert. Ich rannte hinter das Haus und schlug gegen die Hintertür und rief nach meiner Mutter. Sie empfing mich und ließ mich ins Haus.

 

Vater (Eisenwarenhändler) nach Reichspogromnacht in Dachau

 

Sie sagte, mein Vater wurde nach Dachau, in ein Gefangenenlager, gebracht. Ich bin mir nicht sicher, wie die Freilassung meines Vaters „gekauft“ wurde, aber ich vermute die Person, die das Geschäft meines Vaters übernehmen wollte (wegen der Arisierung der deutschen Geschäfte) brauchte meinen Vater, um zu erfahren, wie der Großhandel funktioniert. Er kam nach Hause zurück in einer schwarz-weiß gestreiften Gefangenenuniform mit Mütze. Die Leute in unserem Ort begrüßten ihn, indem sie Steine nach ihm warfen. Meinem Vater gehörte das einzige Eisenwarengeschäft in der Umgebung und die Leute wollten es wegen der Waren.

 

In der Gehörlosenschule in Wannsee bei Berlin

 

In der Zwischenzeit hatte meine Tante Cora, die Lehrerin war, eine jüdische Schule für Gehörlose am Wannsee in Ostberlin für mich gefunden. Das war die „Israelitische Schule für Gehörlose“. Dr. Reich war der Schulleiter, aber er hatte die Schule verlassen, um einige gehörlose, jüdische Kinder nach London, England zu begleiten. Er wollte zurückkommen, um weitere Kinder zu holen, wurde aber durch den Kriegsausbruch an seiner Rückkehr aus  England gehindert. Ich ging dann 1939 in diese Schule, lernte Hebräisch, Hauswirtschaft und Schneiderin. Dr. Kahn war in Dr. Reichs Abwesenheit Schulleiter, es gab nur noch wenige Lehrer zu dieser Zeit.

 

Oktober 1939: Auf dem Schulweg von Nazi-Kadetten vergewaltigt

 

Ich war ungefähr 15 Jahre alt und wurde tagsüber zu einer reichen, jüdischen Familie als

Kindermädchen geschickt. Das war eine Art Berufsausbildung. Ich kochte und machte sauber, das Haus war in Brandenburg. Jeden Tag musste ich vor der Ausgangssperre ab 20 Uhr zurück in der jüdischen Schule für Gehörlose sein. Das war manchmal sehr gefährlich, wenn die Straßenbahn Verspätung hatte.

 

Eines Abends war ich nach der Sperrstunde auf dem Weg zurück zur Schule. Ich war sehr beunruhigt, besonders weil es eine Kaserne in direkter Schulnähe gab. Als ich mit gesenktem Kopf schnell die Straße hinunter lief, haben mich zwei junge Soldaten gepackt und in ihr Zimmer gezerrt. Diese zwei Nazis haben mich gezwungen, alle sexuellen Handlungen zu erdulden. Zu dieser Zeit wusste ich überhaupt nichts über Sex. Ich war mit meinem eigenen Blut beschmiert. Als sie fertig waren, haben sie mich aus der Tür geschubst, und ich rannte zur Schule. Ich klopfte und wollte hinein, aber als sie zur Tür kamen, haben sie mich abgewiesen, weil es nach der Sperrstunde war. Ich flehte sie an,

mich anzuschauen, voll mit Blut und verletzt. Sie hatten Mitleid mit mir und machten das Licht aus damit keiner mitbekommt, wie sie mich hineinließen. Einer der Erzieher half mir beim Waschen. Ich konnte kaum laufen vor lauter Schmerzen. Das war im Oktober 1939.

 

VISA beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart

 

Im Dezember ging ich nach Hause in die Ferien. Vom amerikanischen Konsulat konnten wir Visa bekommen, weil mein Großonkel in Alabama lebte. Jeder hatte ein Visum, außer mir, weil ich taub war. Wir mussten zum amerikanischen Konsulat für Süddeutschland in Stuttgart gehen. Als sie mich aufriefen, durfte meine Mutter mich nicht begleiten. Ich hatte sehr Angst, alleine mit dem Mann zu sprechen. Ich musste mich umdrehen, sodass er prüfen konnte, ob ich ihn verstehe, ohne von den Lippen abzulesen. Gott hat mich in diesem Moment behütet. In einem Bild mit der amerikanischen Flagge konnte ich das Spiegelbild des Mannes sehen und ihn dadurch etwas verstehen. Ich erklärte ihm, ich wollte nach Amerika, um zur Schule zu gehen und Englisch zu studieren. Ich musste meinen Namen niederschreiben. Als er mich entlassen hatte, waren meine Eltern total verzweifelt aus Sorge um mich. Sie gingen auf und ab und waren ganz nervös. Ich erzählte ihnen, dass der Konsul mir ein Papier zum unterschreiben gegeben hatte. Mein Vater sagte, „Du hast das Papier unterschrieben!“ Hurra! Hurra! Ich hatte die Bedeutung dieser Handlung nicht begriffen, bis ich die Freude in meines Vaters Gesicht sah.

 

Mit dem Zug nach Holland – gefilzt von den Nazis

 

Innerhalb von 24 Stunden mussten wir die notwendigsten Sachen und Wertgegenstände packen und in Rucksäcken und Koffern tragen. Wir mussten so viele wichtige, liebe und wertvolle Sachen zurücklassen. Wir nahmen einen Zug nach Holland und die Nazis haben uns durchsucht. Ich hatte ein Goldarmband versteckt und in meine Schulterpolsterung eingenäht. Obwohl sie einen Metalldetektor benutzten, waren sie nicht in der Nähe meiner Schultern, und so wurden unsere Wertsachen nicht entdeckt. Danach haben sie unser ganzes Gepäck GRÜNDLICH durchsucht. Wir durften eine Nachricht an unseren Onkel und

unsere Tante in Deutschland schreiben, in der wir darum baten, dass das von den Deutschen konfiszierte Geld und die Wertgegenstände zurück an sie geschickt werden sollte. Aber wir wussten die Nazis würden alles selber einstecken und nicht an unsere Verwandten zurückschicken.

 

Im Hotel in Rotterdam

 

Mein Großonkel arbeitete für ein Hotel in Rotterdam, Holland als Import- Exporthändler und brachte uns in das Hotel-Restaurant. Ich war so schockiert. Die Tische waren VOLLER Essen: es gab besonders frisches Obst, das in Deutschland wegen der Essensrationierung nicht mehr erhältlich war. Wir waren dann so erschöpft und schliefen sofort ein.

 

Atlantik-Überfahrt auf dem Schiff „Volledam 1“

 

Wir gingen auf das Schiff Volledam 1 und schliefen in den unteren Schiffsräumen. Vier Frauen in einem Zimmer und auf der anderen Seite waren vier Männer pro Zimmer. Es gab nur einen Ventilator an der Wand. Während wir durch den Ärmelkanal fuhren, waren wir sehr verängstigt, als wir die großen Wasserminen in Schiffsnähe sahen. Ich betete fortwährend, dass unser Schiff nicht in Kontakt mit den Minen käme. Ich stellte mir vor, sie von uns wegzublasen, wie der Wind. Wir wurden angewiesen, unsere Rettungswesten zu tragen. Als das Signal gegeben wurde, sie wieder abzulegen, weigerte ich mich sie auszuziehen. Da ich die einzige Gehörlose an Bord war, wollte ich etwas mehr Schutz. Als

ich zum Essen hoch ging, stellte ich fest, dass die anderen Passagiere nicht mit hoch gingen. Sie waren alle seekrank und gestresst von den Ereignissen. Die Matrosen baten mich mit ihnen zu essen, und ich hatte viel Spaß, während es den anderen elendig ging. Als wir an der amerikanischen Küste ankamen, rief ich meine Mutter, sie solle hoch kommen. Sie war sehr seekrank gewesen.

 

Die Rettung: endlich in New York

 

Als die Freiheitsstatue in Sicht kam, haben ALLE zu weinen angefangen. Unsere Tränen waren bittersüß. Auf der einen Seite waren wir überglücklich in FREIHEIT zu sein, aber wir waren auch sehr besorgt. Wie sollten wir Arbeit und Wohnung finden?

 

Wir kamen am 22. Februar 1940 an, dem Geburtstag von George Washington.

 

Als unser Schiff in New Jersey andockte, wurde ich von meiner Familie getrennt, weil ich taub war. Ich fing an zu weinen, und mein Gesicht bekam rote Flecken. Sie dachten, ich hätte Windpocken und wollten mich nach Ellis Island in Quarantäne bringen. Zum Glück wurde mein Gesicht wieder normal, als ich mich beruhigt hatte, und sie ließen mich gegen 18.00 Uhr gehen.

 

Abtreibung durch deutschen Arzt

 

Sie erinnern sich, was mir passiert war mit den Nazisoldaten. Danach hatte ich monatelang keine Periode mehr. In Amerika war ein deutscher Arzt namens Dr. Vogel, der seine Praxis uns gegenüber hatte. Ich bat um ein Privatgespräch. Er willigte ein, und wir unterhielten uns über meine Erfahrungen in Deutschland. Er bat mich eine Urinprobe abzugeben, um den Schwangerschaftstest durchführen zu können. Er sagte mir dann, ich sei schwanger. Ich war ganz verblüfft, ich hatte zu dieser Zeit keine Ahnung, wie man schwanger wird. Als ich mit zehn Jahren meine Periode bekam, war die Antwort meiner Mutter ein Schlag ins Gesicht. Ich dachte, sie hätte dies getan, weil ich meine Kleidung verschmutzt hatte, aber später erfuhr ich, es war eine jüdische Tradition. Keiner hat mir erklärt, was die Menstruation bedeutet. Ich wusste nie wie man schwanger wird und als 15 Jähriger wurde mir gesagt, ich trüge ein Baby im Bauch, gezeugt von diesen Soldaten. Ich hatte nie

Schwangerschaftssymptome, wie Übelkeit und ähnliches. Ich hatte etwas zugenommen und mein Busen wurde größer, aber das war alles.

 

Dr. Vogel erklärte, dass ich das Kind abtreiben oder behalten könnte. Ich sagte ihm, ich wollte nichts mit einem Kind zu tun haben, das aus dieser Nacht mit den Nazis entstanden war.  Ein Problem war, dass ich die Erlaubnis meiner Eltern brauchte, um eine Abtreibung zu bekommen. Ich erzählte dem Arzt, ich hätte Angst meine Eltern zu fragen, weil sie nicht wussten, was mir passiert war, als ich in der Schule war. Ich hatte ihnen nichts über diese Nacht erzählt. Ich erzählte, dass mein Vater mich gewöhnlich schlug. Ich hatte Angst wie die Eltern reagieren würden. Der Arzt sagte, er würde mich schützen und mit meinen Eltern reden. Natürlich waren sie geschockt und aufgeregt. Die Abtreibung wurde im Haus des Arztes in einem Hinterzimmer durchgeführt, seine Frau fingierte als Krankenschwester. Ich musste zwei Wochen im Bett bleiben. Eine Krankenschwester kam einmal täglich, um nach mir zu schauen. Zu dieser Zeit habe ich die Männer gehasst.

 

25-jährige Ehe mit Herbert Stiefel

 

Später traf ich meinen ersten Ehemann. Er war ein gehörloser Jude aus Deutschland, der im Oktober 1939 über London, England in die USA ging. Er war ein Maßschneider namens Herbert Stiefel. Wir waren 25 Jahre verheiratet bis er an Knochenmarkkrebs starb. Zuvor ging er mit meiner Kusine, die nicht taub war, aus, da sie beide aus Weinheim, Deutschland stammten. Ich fragte ihn, was er mit meiner Kusine unternähme, wenn sie ausgingen. Wohlgemerkt, der Altersunterschied zwischen mir und Herbert war ziemlich groß, ca. 10-15 Jahre. Auf meine Frage antwortete er, sie würden ins Theater oder zu

Konzerte etc. gehen. Ich sagte: „Das ist gut für sie, aber was ist mit dir? Du bist taub. Du

solltest mit jemandem sein, der wie du bist. Du solltest mit mir sein.“ Also fingen wir an, mittags zusammen auszugehen und verliebten uns Hals über Kopf. Wir waren 25 Jahre verheiratet bis er an Knochenmarkkrebs starb.

 

Dritte Ehe mit Paul Honigstein dauerte 28 Jahre

 

Ich heiratete ein zweites Mal, und dieser Mann starb plötzlich im Schlaf. Wir waren nur vier Jahre verheiratet.

 

Mein dritter Mann, Paul Honigstein, war 95 Jahre alt, als er starb, wir waren 28 Jahre verheiratet. Bevor ich Paul heiratete war ich einige Jahre Witwe.

 

Besuch in der Heimatstadt Kuppenheim

 

Ich habe Deutschland wieder besucht, aber es war eine schmerzliche Erfahrung zu sehen, wie der Friedhof meiner Urgroßeltern heruntergekommen war, trotz der Bemühungen meiner Tante Cora beim Bürgermeister der Stadt, der versicherte, dass alles gut gepflegt sein würde.

 

Ich ging auch zum Wohnhaus meiner Kindheit, das vom Bürgermeister übernommen worden war. Ich fragte, ob ich ins Haus kommen dürfte, und sie luden mich ein. Als ich sah, dass das Esszimmer immer noch mit den Möbeln meiner Familie ausgestattet war, wurde ich von meinen Erinnerungen überwältigt. Sie hatten viele unserer Familienerbstücke behalten, als ob es ihre eigenen gewesen wären. Es hat mich sehr erschüttert, so habe ich mich schnell verabschiedet, ohne mich zu bedanken.

 

Ich habe meine Geschichte meinen Kindern am Passahfest erzählt, wie schön unsere Sederabende vor dem Krieg zu Hause in Deutschland waren. Wir hatten ein üppiges Mahl mit leckerer Matzeknödelsuppe und allen Beilagen. Die Matze wurde speziell von einer Firma bestellt und wurde in Kisten geliefert.

 

Nach der Kristallnacht kam die Matze nicht mehr. Wir vermuteten, dass die Firmen, die die Matze produzierten, ihre Betriebe aufgeben mussten. Wir konnten das Passahfest nicht traditionsgemäß feiern. Als wir in die USA kamen, trafen wir uns in unserer kleinen Wohnung mit dem wenigen was wir hatten, und wir waren froh, dass wir wieder Matze

kaufen konnten.

 

Lebensgeschichte erstmals erzählt

 

Ich hatte meine Geschichte nie öffentlich erzählt, bis ich an einer Konferenz für gehörlose Juden teilnahm. Nach einer Podiumsdiskussion über den Holocaust und auf Bitte von Ruth Stern bin ich im Publikum aufgestanden und erzählte meine Geschichte. Ich hatte ziemlich Angst und starrte nur die Wand an, als alles aus mir heraus kam. Danach blieb kein Auge im Raum trocken.

 

*Viele nichtjüdische Kinder wurden zwangssterilisiert, als sie die Heidelberger Schule für Gehörlose unter Leitung von Dr. Singer besuchten. Siehe „Crying Hands“ (weinende Hände) von Horst Biesold für weitere Informationen.

http://idea3.rit.edu/paddhd/deafww2/main/VIDEOS/NTID/IngeloreNTIDSummary.htm Images by www.rit.edu/deafww2 site und Photo von Ingelores Sohn, Frank Stiefel

 

Übersetzt ins Deutsche von Angelika Decker, Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim, März 2017

 

Unterüberschriften vom AK eingefügt

 

Quelle.

http://www.jdcc.org/index.php?option=com_content&view=article&id=242:deaf-holocaust-survivor-

ingelore-herz-honigstein&catid=121&Itemid=283 Ausgabe März/April 2007, Kategorie: Leitartikel

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